{"id":73,"date":"2023-11-19T13:57:41","date_gmt":"2023-11-19T12:57:41","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=73"},"modified":"2025-08-23T16:25:35","modified_gmt":"2025-08-23T14:25:35","slug":"von-der-hagedize-zur-hexe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/von-der-hagedize-zur-hexe\/","title":{"rendered":"Von der Hagedize zur Hexe"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem durfte ich im Rahmen der Ostara-Sommerakademie einen Vortrag mit Lesung halten. Das Thema war: Von der Hagedize zur Hexe. Das hat sehr viel Spa\u00df gemacht, und als ich im Anschluss gefragt wurde, ob ich diesen nicht auch dem Herdfeuer anbieten wollen w\u00fcrde, wollte ich gerne. Zun\u00e4chst einmal kurz zu mir. Ich bin weder eine Hagedize noch eine Hexe, obwohl mich zu bestimmten Zeiten manche Menschen bestimmt f\u00fcr eine Hexe gehalten h\u00e4tten und ganz vielleicht h\u00e4tte ich es in noch fr\u00fcheren Zeiten zu einer Heilkundigen geschafft, vielleicht zu einer Frau, die zumindest schamanische Aspekte in ihre Arbeit einflechten konnte. Hier und jetzt in der Neuzeit befinde mich einmal mehr im allerbesten Alter meines Lebens, bin Welt- und Zeitreisende, will sagen, begebe mich immer wieder in die Tiefen der Geschichte und suche Verbindungen zu und Verkn\u00fcpfungen mit der Jetztzeit. Und wie gesagt, schamanisches Arbeiten ist mir nicht fremd. Wie aber kam ich auf die Idee, den Bogen einmal mehr von der Hagedize zur Hexe zu spannen? Es war das Frauenbild, das neue alte, das derzeit wieder zum Vorschein kommt. Das hat mir einen Ansto\u00df gegeben, mich genau mit diesem wieder einmalauseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Vor einigen Monaten, in den Zeiten von Homeschooling, arbeitete ich mit meinem kleinen Enkel am Thema M\u00e4rchen. Logisch und folgerichtig hatte die Lehrerin uns beide so weit gef\u00fchrt, dass wir alle Stilmittel, die ein M\u00e4rchen ben\u00f6tigt, beieinander hatten und somit beginnen konnten, selbst eines zu schreiben. Soweit so gut\u2026. das Problem, das mir jedoch auffiel und das ich dem kleinen Mann irgendwie nahebringen musste und wollte, war: Manche Stilmittel, die ein M\u00e4rchen ausmachen, sind diskriminierend, sexistisch, rassistisch. \u00dcberhaupt ist auch im Jahr 2021 die Sprachvariet\u00e4t bez\u00fcglich der gemeinten und \u201emitgemeinten\u201c Menschen am Gymnasium sehr eingeschr\u00e4nkt. Da wird \u201eder Held\u201c erw\u00e4hnt, der kluge Junge besteht die schwersten Pr\u00fcfungen, setzt sich durch gegen alles B\u00f6se und am Ende bekommt er die sch\u00f6ne Prinzessin, die er oft genug zuvor irgendwie gerettet hat und die er nun mit seiner Heldentat f\u00fcr sich gewonnen hat. Nat\u00fcrlich gibt es in M\u00e4rchen und so sie heute besprochen werden, auch Heldinnen. Aber sie sind und bleiben, und dies auch in der Bearbeitung in der Schule, in der absoluten Minderheit und sie gl\u00e4nzen durch Anmut, Sittsamkeit, Sch\u00fcchternheit und Reinheit, selbst Rotk\u00e4ppchen, das ja bekanntlich vom Wege abkam, was sofort sanktioniert wurde \u2013 im Gegensatz zum Dunklen, B\u00f6sen. Der B\u00f6se\/der Gegenspieler: Zwar wird die m\u00e4nnliche Form genannt, wie beim Helden: Aber \u00fcberproportional oft genug gibt es die \u201eb\u00f6se Stiefmutter\u201c oder sehr h\u00e4ufig \u201edie b\u00f6se Hexe\u201c. Der Vater, egal ob K\u00f6nig oder Bauer, hingegen ist meist zwar etwas schwach und hilflos, aber im Herzen gut und von der b\u00f6sen Stiefmutter nur verhext oder betrogen worden. Ihr werdet vielleicht einwenden: Aber was ist mit der guten Fee? Ja, die gibt es nat\u00fcrlich \u2013 ebenso wie die b\u00f6se Fee \u2013 und sie hilft. Aber sie tut dieses auf eine Weise, die dem Klischee von reiner Weiblichkeit entspricht, was immer das sein soll. Und die Schule von heute arbeitet nicht wirklich an diesen anachronistischen Geschlechtszuordnungen, spricht diese weder an, noch achtet in ihrem Schreibstil darauf, dass Wertstellungen und Wahrnehmungen \u00fcberarbeitet und neu sortiert werden k\u00f6nnen, und ignoriert, dass Sprache ein wirkm\u00e4chtiges Mittel ist. W\u00f6rter allein \u00e4ndern zwar nichts, Festlegungen haben jedoch unmittelbaren Einfluss auf unsere Wahrnehmung, zementieren durch ihre Stetigkeit und Regelm\u00e4\u00dfigkeit, mit denen sie uns begegnen, alte Festlegungen und hindern uns daran, zu einem anderen, einem neuen Verst\u00e4ndnis von weiblich und m\u00e4nnlich zu kommen oder allen andern m\u00f6glichen Geschlechteridentit\u00e4ten. Insofern sind in meinen Augen nicht die M\u00e4rchen an sich das Problem, sondern es ist der Umgang der heutigen P\u00e4dagogik mit dem Weltbild von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, es ist auch der Umgang mit der Sprache. Nein, und nein, es geht nicht prim\u00e4r ums Gendern. Es geht um die Wahrnehmung der Frau, auch in unserer Zeit. Wie kam es, dass aus der Hagedize eine Hexe wurde, und zwar eine b\u00f6se Hexe? Wie kam es, dass aus der Frau mit besonderen F\u00e4higkeiten die b\u00f6se Frau wurde, eben weil sie diese F\u00e4higkeiten hatte? Und warum wirkt diese Wahrnehmung und Einsch\u00e4tzung bis heute so stark nach?<\/p>\n<p>Was ist eine Hagedize? Was ist eine Tunrida? Was ist eine Hagezussa? Was waren das f\u00fcr Frauen?<\/p>\n<p>Wenn man sich diese W\u00f6rter einmal sprachlich auf der Zunge zergehen l\u00e4sst, h\u00f6rt man vielleicht Erkl\u00e4rungsversuche heraus. Da ist der Hag, ein altgermanisches Wort. Es bezieht sich auf Umz\u00e4unung, Gehege, und wir erkennen das Wort bis heute in Begriffen wie \u201ehegen\u201c oder \u201ebehaglich\u201c. Der Begriff Dize wird gerne mit dem altnordischen Begriff der Dise verkn\u00fcpft. Hierbei hat es sich um \u201eg\u00f6ttliche Frauen\u201c oder einfach weise Frauen, Schutzgeister und Totenf\u00fchrerinnen gehandelt. Noch heute kommt der Begriff in skandinavischen Ortsnamen vor, w\u00e4hrend er im deutschen Sprachraum nicht einmal mehr in Nachschlagewerken zu finden ist, und wir hier nur spekulieren k\u00f6nnen. Der Begriff Zussa l\u00e4sst sich ebenfalls nicht mehr konkret herleiten. Es gibt Erkl\u00e4rungsversuche, nach denen (Grimms Deutsches W\u00f6rterbuch) der Begriff aus dem Wort \u201eteosu\u201c abgeleitet wurde = Verderben oder simpel Weib hei\u00dft. Wenn man Weib = Verderben setzt, hat man eine schon sehr christlich gef\u00e4rbte Beschreibung der Hagazussa, aus der dann sp\u00e4ter\u2026. aber dazu kommen wir noch.<\/p>\n<p>Tunrida nun wieder ist ein Wort aus dem Altnordischen, besonders dem Altisl\u00e4ndischen, \u00e4lter als Hagazussa. Bekannt noch im Mittelhochdeutschen des 14. Jahrhunderts als Zunrite, was so viel bedeutet wie Zaunreiterin. Die Zunrite beschreibt die Frau, oder den Mann, die oder der auf dem Zaun sitzt, mit dem einen Bein in dieser, mit dem anderen in einer anderen Wirklichkeit. In diesem Begriff sind also durchaus schamanische Aspekte eingewoben, die auf sehr alte Zeiten hinweisen und die f\u00fcr sich genommen weder gut noch b\u00f6se waren. Der Begriff Hexe hingegen entstand in den Jahren des \u00dcbergangs vom sp\u00e4ten Mittelalter zur fr\u00fchen Neuzeit, greift die alten Begriffe inhaltlich auf, schreibt ihnen neue Wertungen zu \u2013 und beruht sehr wahrscheinlich auf einem Irrtum. Der mit der Hagazussa begann? Wie das? Und was bedeutet dieser Begriff nun wirklich? Um die Entwicklung von diesen Frauen hin zur \u201eb\u00f6sen\u201c Hexe, zur d\u00e4monisierten Person, zu verstehen, muss man die gesellschaftliche Entwicklung des Mittelalters bis hin zur Hexenverfolgung verstehen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Zitatanfang *)<\/strong><br \/>\n\u201e<em>Alle heidnischen Kulturen des alten Europas \u2013 die der Kelten, Germanen, Slawen usw., aber auch die der antiken Griechen und R\u00f6mer \u2013 waren von der Kraft der Magie \u00fcberzeugt. Zauberei war f\u00fcr unsere Vorfahren nichts \u00dcbernat\u00fcrliches, sondern eine ganz normale F\u00e4higkeit, wie etwa die F\u00e4higkeit, Musik zu machen: Im Prinzip kann jeder sie erlernen, aber einige Menschen sind begabter als andere und begieriger, die Fertigkeiten zu erwerben und zu perfektionieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer zaubern kann, also magische Praktiken beherrscht, kann seine F\u00e4higkeit zum Schadenzauber missbrauchen. Der Schadenzauber galt deshalb, gem\u00e4\u00df dem magischen Weltbild dieser Kulturen, als normale Straftat. Selbst im alten Rom wurde Schadenzauber gesetzlich unter Strafe gestellt. Ob man jemanden mit der Waffe verletzte oder magisch angriff, ob man ein Getreidefeld abbrannte oder die Ernte auf magische Weise vernichtete, war im Rechtsempfinden des heidnischen Europa eins.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gab Menschen, die sozusagen beruflich mit Magie umgingen \u2013 Priester und Priesterinnen, Seherinnen und Seher, Heiler und Heilerinnen, aber auch Hirten und Handwerker wie Schmiede. Es gab auch in Europa Schamanen und Schamaninnen, vor allem im finno-ugrischen Kulturraum. Bei fast allen europ\u00e4ischen V\u00f6lkern lassen sich schamanische Praktiken wie Trancereisen in die Anderswelt nachweisen. Wir w\u00fcrden heute sicherlich viele dieser Alltagsmagierinnen und -magier Hexen nennen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber selbst wenn eine Kr\u00e4uterfrau gleichzeitig Hebamme, Heilerin, Zauberin und \u201eZaunreiterin\u201c mit schamanischer F\u00e4higkeit war und auch noch im Verdacht stand, diese F\u00e4higkeiten zum Schadenzauber zu missbrauchen, mithin also dem \u201emodernen\u201c, ethnologischen Hexenbegriff voll und ganz entsprach, dann war sie im Verst\u00e4ndnis ihrer Zeit eben Kr\u00e4uterfrau, Hebamme, Heilerin, Zauberin, Zaunreiterin \u2013 und leider auch Schadenstifterin, nicht etwa Hexe!<\/em><\/p>\n<p><em>Noch in der fr\u00fchen Neuzeit bezeichnete der Volksmund magiebegabte Menschen als Zauberer oder Zaubersche, weise Frauen, Drudner oder Drude (vielleicht abgeleitet von Druide), in Norddeutschland auch als Wicker oder Wickersche, aber nicht als Hexen. Im Volk wurde nach wie vor zwischen wohlt\u00e4tiger \u201ewei\u00dfer Magie\u201d und Schaden bringender \u201eschwarzer\u201d Magie unterschieden. Auch bei Geistern, Feen und D\u00e4monen unterschied man zwischen \u201eHolden\u201c und \u201eUnholden\u201c. Die fr\u00fchesten Verfahren wegen Hexerei\/Zauberei in der Schweiz Ende des 13. Jahrhunderts \u2013 die Prozesse hier sind bis heute relativ gut belegt \u2013 besch\u00e4ftigten sich mit dem Vorwurf der Zauberei im Zusammenhang mit Verleumdungsklagen, sind also noch nicht eigentliche Hexenprozesse. Der Begriff Hexe bzw. Hexerei taucht ab 1419 u. Z. auf; dabei soll es sich um den ersten Beleg f\u00fcr \u201eHexerey\u201c im \u201ejuristischen\u201c Sinne im deutschen Sprachraum handeln.<\/em><\/p>\n<p><em>Die volkst\u00fcmlichen Magievorstellungen blieben also im Volk erstaunlich lange lebendig, auch zur Zeit der gro\u00dfen Hexenverfolgung. Je weiter allerdings das vorchristliche magische Weltbild in Vergessenheit geriet, desto mehr degenerierten die alten Br\u00e4uche zum unverstandenen Wunder- und Aberglauben. Magie wurde den einfachen Menschen immer unheimlicher.<\/em><\/p>\n<p><em>Bis ins 12. Jahrhundert galt Magie kirchenoffiziell als \u201eheidnischer Aberglaube\u201d. Man berief sich auf den Kirchenlehrer Augustinus (354 \u2013 430 u. Z.), der Zauberei f\u00fcr unm\u00f6glich hielt: Magie war nur als \u00fcbernat\u00fcrliches Wunder vorstellbar, und nur Gott allein kann Wunder bewirken.<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzdem ist es falsch anzunehmen, das christliche Mittelalter vor der Zeit der Hexenverfolgung h\u00e4tte Magie nicht gekannt, der \u201eHexenwahn\u201d sei mithin ein \u201eR\u00fcckfall\u201d in eine heidnisch-abergl\u00e4ubische Vorstellungswelt gewesen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Missionare des fr\u00fchen Mittelalters wollten nicht nur Anh\u00e4nger gewinnen, sondern sie mussten auch alle anderen Kulte und Religionen ersetzen und ausl\u00f6schen, wollten sie nicht gegen das Erste Gebot \u201eDu sollst keine anderen G\u00f6ttern neben mir haben\u201d versto\u00dfen. Das geschah nicht selten mit robuster Gewalt. Die Folge: Das in der Regel unfreiwillig christlich gewordene Volk \u00fcbte seine alten Br\u00e4uche heimlich weiter aus, manchmal in christlicher Verkleidung. Geschickte Missionare wussten jedoch, dass man eine neue Religion nicht allein mit Zwang einf\u00fchren konnte, sondern sie geschmeidig an die alte Vorstellungswelt der neuen Sch\u00e4fchen anpassen musste. Gewisse Formen von Magie wurden deshalb von der fr\u00fchmittelalterlichen Kirche \u00fcbernommen, trotz aller Bek\u00e4mpfung des \u201eheidnischen Aberglaubens\u201d. Das Weltbild der Kirche war sp\u00e4testens seit der Zeit Karls \u201edes Gro\u00dfen\u201c mit magischen Vorstellungen und Wunderglauben regelrecht durchtr\u00e4nkt. Der damals einsetzende Reliquienkult ist beispielsweise eine Form des \u201ePars Pro Toto\u201d-Zaubers, wie man ihn auch aus dem Voodoo kennt: Ein Teil steht f\u00fcr das Ganze; der Zahn oder das Gewand eines Heiligen bringt Heil, in dem Ma\u00dfe, in dem es der lebendige Heilige dargestellt hatte. F\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung d\u00fcrfte das \u201echristliche Mittelalter\u201d ohnedies weit weniger christlich gewesen sein, als man dies aufgrund der Literatur dieser Zeit vermuten k\u00f6nnte. Der sp\u00e4tantike Rationalismus der Kirchenv\u00e4ter war theologische Theorie und au\u00dferhalb von sch\u00fctzenden Klostermauern kaum zu finden.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Im christianisierten Volk waren die alten heidnischen Magiepraktiken erstaunlich z\u00e4hlebig. Damit blieb auch der Glauben an sch\u00e4dlichen Zauber lebendig, weshalb es nach wie vor Anklagen gegen Schadenzauberer gab. Manchmal wurden die vermeintlichen Schadenzauberer sogar hingerichtet, erheblich h\u00e4ufiger von sich gesch\u00e4digt f\u00fchlenden Mitmenschen gelyncht. So wurden im Jahr 1090 bei Freising drei Wettermacherinnen verbrannt. Manches an diesem Vorgang erinnert an die sp\u00e4teren Hexenprozesse, allerdings akzeptierte die Kirche diese Hinrichtungen damals noch nicht, sondern bezeichnete die Frauen gar als \u201eM\u00e4rtyrerinnen\u201d.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDenn die Autorit\u00e4t der heiligen Schrift besagt, dass die D\u00e4monen Macht \u00fcber die k\u00f6rperlichen Dinge und die Einbildungskraft der Menschen haben, wenn es von Gott zugelassen wird, wie aus vielen Stellen der heiligen Schrift ersichtlich ist.\u201c\u00a0<\/em><em>(aus: \u201eDer Hexenhammer\u201c von Heinrich Kramer, genannt Institoris)<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Das Hexenproblem ergab sich aus der christlichen Apologetik: Einerseits musste sich die christliche Theologie eindeutig vom Judentum abgrenzen, anderseits auch vom noch lange nach Konstantin im Volke vorherrschenden Heidentum, zu dem magische Praktiken nun einmal geh\u00f6rten. Einfl\u00fcsse der systematisierenden antiken Philosophie und ihres Rationalismus kamen hinzu. Entscheidend war allerdings der aus dem Manich\u00e4ismus \u00fcbernommene Dualismus. Danach ist das Weltgeschehen ein ewiger Kampf zwischen den guten M\u00e4chten des Lichts und den b\u00f6sen der Finsternis, flankiert von einer (Neu-) Interpretation der aristotelischen Logik, die in dem Lehrsatz gipfelte, dass es nur eine Wahrheit, viele L\u00fcgen und nichts anderes und nichts dazwischen geben kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Der von Augustinus, einem ehemaligen Manich\u00e4er, gew\u00e4hlte Ausweg aus dem \u201eWunderdilemna\u201c war folgenschwer. Seiner Ansicht nach k\u00f6nnen Wunder nur von Gott bewirkt werden; sie sind f\u00fcr den Menschen nicht verf\u00fcgbar, der nur auf die g\u00f6ttliche Gnade hoffen kann. Aber der gefallene Engel, der Teufel und seine D\u00e4monen haben mit Billigung Gottes ihre von Gott verliehenen magischen F\u00e4higkeiten behalten. Zauberische Rituale und magische Gegenst\u00e4nde (z. B. Amulette) sind nach Augustinus an sich wirkungslos. Sie dienen aber als eine Art Kommunikationsmittel mit den D\u00e4monen und bewirken den Abschluss eines D\u00e4monenpaktes, erwirkt durch den Willen des Zaubernden und die vom D\u00e4mon gegebenen Zeichen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Aber aus der Vorstellung vom D\u00e4monenpakt allein folgt noch keine Hexenverfolgung. Schon um 900 u. Z. kamen erste Aussagen \u00fcber Frauen auf, die auf Tieren reitend vom Satan verf\u00fchrt \u00fcber weite Strecken des Landes dahingeflogen seien. Damals ging die Kirche noch davon aus, dass man die Zauberinnen selbst nicht bestrafen k\u00f6nne, da sie die ihnen nachgesagten F\u00e4higkeiten ja gar nicht aus\u00fcben k\u00f6nnten. Also galt es, nicht die Zauberinnen, sondern den Aberglauben zu bek\u00e4mpfen. Im Kampf gegen den Aberglauben musste man sich damit begn\u00fcgen, jene Personen, die solch heidnische Vorstellungen als real ansahen, zu bestrafen. Dies war die Auffassung der r\u00f6mischen Kirche bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Im 13. Jahrhundert, zur Hochbl\u00fcte der Scholastik, und unter dem Eindruck der sich gegen die r\u00f6mische Kurie wendenden \u201eKetzer\u201c-Bewegungen, \u00e4nderte sich diese Auffassung. Der einflussreichste scholastische Theologe, Thomas von Aquin (1225 \u2013 1274 u. Z.), baute die Pakttheorie des Augustinus aus und wendete sie auch auf den bislang meist tolerierten magischen Volksglauben an. Neben dem ausdr\u00fccklichen D\u00e4monenpakt (pacta expressa) gibt es nach Thomas v. Aquin auch einen stillschweigenden Pakt (pacta tacita). Jede noch so kleine magische Handlung sah er auf einem Teufelspakt begr\u00fcndet, auch wenn der oder die Aus\u00fcbende sich dessen gar nicht bewusst ist. Jede Art von Zauberei ist Teufelswerk. So etwas wie wohlt\u00e4tige \u201ewei\u00dfe\u201d Magie gibt es nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Eine weitere Folge dieser Sichtweise war die bis heute nachwirkende Vorstellung vom \u201e\u00dcbernat\u00fcrlichen\u201d. Es gab das mit dem Alltagsverstand und der \u201erechten\u201d christlichen Doktrin erkl\u00e4rliche nat\u00fcrliche Geschehen, und Geschehnisse, bei denen es nicht mit \u201erechten Dingen\u201c \u2013 eben \u00fcbernat\u00fcrlich \u2013 zugehen musste. Jede au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeit, selbst wenn es die F\u00e4higkeit war, Kranke heilen zu k\u00f6nnen, konnte demzufolge \u00fcbernat\u00fcrlichen Ursprungs sein und war damit nach der D\u00e4monenpaktlehre immer verd\u00e4chtig, Teufelswerk zu sein. Aus diesem Denken resultierte dann auch das theologische Misstrauen gegen\u00fcber jeglichen Heilwissens und heilenden F\u00e4higkeiten anma\u00dften, mussten folgerichtig des Paktes mit dem Teufel zumindest verd\u00e4chtig sein. Eine der negativen Folgen aus diesem Denkmuster war dann auch, dass altes Heilwissen verloren ging und neues \u00fcber lange Perioden nicht hinzukommen konnte.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Bis weit ins hohe Mittelalter wurde Zauberei nur mit einfachen Kirchenbu\u00dfen geahndet. Dass sich das sp\u00e4ter \u00e4nderte, lag unter anderem daran, dass die katholische Kirche begann, die H\u00e4resie \u2013 \u201eKetzerei\u201c \u2013 anders zu bewerten (weil sie diese f\u00fcrchtete). Die katholische Kirche hielt bis ins 11. Jahrhundert Kirchenbu\u00dfen als Strafe auch f\u00fcr Abweichung in Glaubensdingen f\u00fcr v\u00f6llig ausreichend \u2013 christianisierungseifrige Herrscher sahen das mitunter allerdings anders. Die christliche Kirche verurteilte Zauberei deshalb lange als \u201eAberglauben\u201c, als Relikt des Heidentums. In der katholischen Welt des fr\u00fchen Mittelalters gab es folglich, zumindest offiziell, keine Hexen \u2013 und keine Hexenverfolgung.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAls Ende des achten Jahrhunderts katholische Missionare nach Sachsen kamen, f\u00fchrten sie den\u00a0<\/em><strong><em>Indiculus superstitionum et paganiarum<\/em><\/strong><em>\u00a0mit sich, ein Verzeichnis magisch-heidnischer Praktiken. Diese galten als Aberglaube und wurden von der Kirche untersagt. Gleichzeitig war es verboten, angebliche \u201eHexen\u201c und Zauberer zu verfolgen oder gar zu t\u00f6ten: \u201e Wenn jemand, vom Teufel get\u00e4uscht, nach Sitte der Heiden glaubt, irgendein Mann oder eine Frau sei eine Hexe und esse Menschen, und wenn er sie deshalb verbrennt oder ihr Fleisch anderen zum Essen gibt oder selbst isst, so werde er mit dem Tode bestraft.\u201c Um 785 erlie\u00df der fr\u00e4nkische K\u00f6nig Karl der Gro\u00dfe \u2013 vermutlich auf einem Reichstag in Paderborn \u2013 dieses Gesetz.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(aus Der Krieg gegen die Hexen, von Michael Drewniniok, Historisches Museum des Hochstifts Paderborn, 1998)<\/em><\/p>\n<p><em>Erst ab der Zeit der Kreuzz\u00fcge gab es eine systematische H\u00e4retikerverfolgung und Ketzerhinrichtungen. Ursache waren blutige Kreuzz\u00fcge, nicht im \u201eHeiligen Land\u201c, sondern in Europa. Der Kirche und mit ihr verbundene F\u00fcrsten f\u00fchrten Krieg gegen Glaubensabweichler, die oft auch politische Dissidenten waren, wie die Hussiten in B\u00f6hmen oder die Albigenser in S\u00fcdfrankreich. Manchmal wurden die religi\u00f6sen Praktiken der \u201eKetzer\u201d von der katholischen Kirche als Gottesl\u00e4sterung gesehen, teilweise sagte man den Rebellen aus propagandistischen Gr\u00fcnden brutale Ritualmorde und teufelsb\u00fcndlerische Praktiken nach \u2013 parallel zur ebenfalls in der Kreuzzugszeit einsetzenden Judenverfolgung.<\/em><\/p>\n<p><em>Die f\u00fcr die Aufdeckung von Ketzereien geschaffene Institution, die Inquisition, wurde ab dem 13. Jahrhundert auch zur \u201eHauptwaffe\u201c der Kirche gegen die Zauberei. In mancher Hinsicht war das bald darauf von weltlichen Gerichten \u00fcbernommene Inquisitionsverfahren ein juristischer Fortschritt gegen\u00fcber dem sehr willk\u00fcrlichen und oft auf Praktiken wie Gottesurteile und Zweik\u00e4mpfe zur\u00fcckgreifenden mittelalterlichen Recht: Glaubw\u00fcrdige Indizien, Zeugenaussagen und vor allem das Verh\u00f6r des Angeklagten sollten der \u201eWahrheitsfindung\u201d dienen. Gem\u00e4\u00df der Mentalit\u00e4t einer Zeit, in der die Ohrenbeichte zur Pflicht eines Christenmenschen erhoben wurde, galten Indizien wenig und Zeugenaussagen nicht viel. Es kam auf das Gest\u00e4ndnis an. Ohne das Gest\u00e4ndnis des Angeklagten durfte bei Kapitalverbrechen kein Urteil gef\u00e4llt werden. Damit geriet ein zuvor wenig benutztes Prozessmittel in den Vordergrund: die Folter. Vor allem bei Majest\u00e4ts- und Ketzereiprozessen, bei denen es keine Freispr\u00fcche \u201emangels Beweisen\u201d geben sollte, wurde fortan von der Folter reger Gebrauch gemacht. Ein Gest\u00e4ndnis um jeden Preis war in solchen F\u00e4llen das Ziel des Prozesses, nicht mehr der Nachweis des Verbrechens, das bei Ketzereidelikten stillschweigend vorausgesetzt wurde. Bei einem Ketzer stand de facto bereits bei Anklage der Schuldspruch fest. Das hei\u00dft nicht, dass mit der Einf\u00fchrung der Inquisition sogleich eine allgemeine Hexenverfolgung einsetzte. In Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum gab es bis ins 15. Jahrhundert hinein fast nur traditionelle Zaubereiprozesse, bei denen es meist um Liebeszauber, aber auch um Schadenzauber gehen konnte. Zauberei ohne b\u00f6se Absicht war im Sachsenspiegel (um 1225 u. Z.) noch nicht strafw\u00fcrdig. Noch Anfang des 14. Jahrhunderts wurden Ketzerei, Zauberei und Strigenvorstellungen, zu denen auch der Glaube an Vampirismus, Wiederg\u00e4nger und Werw\u00f6lfe geh\u00f6ren, gemeinhin getrennt gesehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Das \u00e4nderte sich mit der systematischen Verfolgung der \u201eKetzer\u201d im Sp\u00e4tmittelalter. Nach der theologischen Doktrin gab es zwischen heidnischen G\u00f6tzendienern, ketzerischen Teufelsanbetern und Zauberern keinen Unterschied mehr. In der p\u00e4pstlichen Bulle \u201eSuper illus specula\u201d von 1326 wurden dann Ketzerei und Teufelspakt gleich gesetzt. Sowohl der religi\u00f6se als auch der politische Gegner wurden damit im Wortsinn verteufelt.<\/em><\/p>\n<p><em>Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts ist in Oberdeutschland das deutsche Wort \u201eHexe\u201d nachweisbar. Hugo von Langenstein nannte in seinem Gedicht \u201eMartina\u201d eine \u00fcbelwollende heidnische Zauberin so. Hexe leitet sich vermutlich von der germanischen Hagazussa, der Zaunreiterin, her. Die Hagazussa war aber urspr\u00fcnglich keine Hexe in der Definition des Mittelalters; sie war eher eine Art Schamanin. Als Zaunreiterin sa\u00df sie auf dem Zaun quasi \u201ezwischen den Welten\u201c, mit einem Bein Zugang zu der einen (der realen) Welt, mit dem anderen Bein den Kontakt zur \u201eAnderswelt\u201c haltend. Erst mit der Verteufelung alles Magischen konnte aus der Hagazussa eine Teufelsb\u00fcndlerin, eine \u00dcbelt\u00e4terin (\u201eMalifica\u201d), die Hexe, werden. Wahrscheinlich wurde \u201eHagazussa\u201d zur \u201eHexe\u201d, weil die Gelehrten des hohen Mittelalters keine Runeninschriften lesen konnten. Im \u00e4lteren Futhark sehen die ersten vier Runen von \u201eHagazussa\u201d \u2013 Haglaz, Ansuz, Gebo, Ansuz \u2013 in etwa wie die lateinischen Buchstaben H, E, X und E aus.<\/em><\/p>\n<p><em>Ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Entstehung des Hexereideliktes war die Verfolgung der \u201eketzerischen\u201d Waldenser in der heutigen Schweiz, S\u00fcdwest-Deutschland, S\u00fcdost-Frankreich und Norditalien im 14. Jahrhundert. Im Unterschied zu anderen \u201eKetzersekten\u201d waren die Waldenser tief im Volk verankert; deshalb konnte jeder \u2013 der Nachbar, der Arbeitskollege, der Freund, selbst der eigene Sohn \u2013 insgeheim \u201eKetzer\u201d sein. Die Folgen waren allgemeine Unterwanderungshysterie und von der Obrigkeit gesch\u00fcrte paranoide Verschw\u00f6rungstheorien.<\/em><\/p>\n<p><em>Zum ersten Mal tauchte der Begriff \u201eHexerey\u201d im Jahre 1419 in einem Strafprozess vor dem Luzerner Stadtgericht auf. Der voll ausgepr\u00e4gte Hexenbegriff wurde nach neueren Untersuchungen erst w\u00e4hrend des Konzils von Basel (1431 \u2013 1437) erfunden und in vergangene Zeiten zur\u00fcckprojiziert. So entstand die Legende von Hexen im \u201efinsteren Mittelalter\u201d.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>In einem magisch-mythologischen Weltbild ist alles, was geschieht, v\u00f6llig nat\u00fcrlich, w\u00e4hrend das christlich-realistische Weltbild voller \u00fcbernat\u00fcrlicher Wunder steckt. Das beeinflusste die Vorstellungen vom Hexenflug. Alle naturreligi\u00f6sen \u201ealten\u201c Heiden wussten, dass bei den Reisen eines Schamanen der K\u00f6rper in der \u201enormalen\u201d Welt an Ort und Stelle bleibt. Sie oder er reisten eben in eine bzw. in einer anderen Wirklichkeit. Besonders auch den antiken griechischen Quellen k\u00f6nnen wir sicherlich schon sehr fr\u00fch entwickelte Vorstellungen der M\u00f6glichkeit von Tierreisen und Tierverwandlungen entnehmen. Besonders der Glaube an Gestaltwandel, die Verwandlung eines Menschen in ein Tier, ist aus diesen Zeiten bekannt. Der Gestaltwandel sowie die bekannte Annahme von im Gefolge der Diana, der r\u00f6mischen G\u00f6ttin des Mondes, auf Tieren reitenden Frauen verband sich sp\u00e4ter mit der aus antiken und regionalen heidnischen Quellen gespeisten Vorstellung von der Tierverwandlung und dem Flug der Hexe. Die sp\u00e4tere Hexenlehre ging davon aus, dass sich Frauen in gewissen N\u00e4chten salbten, in Tiere verwandelten und durch die Nacht zum Tanz oder zum Sabbat flogen. Im Zeitalter der Hexenverfolgung wurde dann auch die Wolfsverwandlung ein sehr gef\u00fcrchteter Verwandlungstypus. Menschenfressende W\u00f6lfe terrorisierten, so das Gemeinbild, die D\u00f6rfer und verst\u00e4rkten die Verbindung zwischen dem Werwolfs- und Hexenglauben.<\/em><\/p>\n<p><em>Im christlich-realistischen Denken hatte eine Anderswelt ebenso wenig Platz wie eine subjektive Wahrnehmung \u2013 es gab nur die Wahrheit und die L\u00fcge bzw. das Trugbild. Selbst die bisher gesch\u00e4tzte christliche Mystik geriet ab etwa 1500 u. Z. in Verruf. Das f\u00fchrte dazu, dass rational eingestellte Theologen die M\u00f6glichkeit des schamanischen Reisens, des \u201eHexenfluges\u201d, generell in Abrede stellten (\u201eDu willst in der Anderen Welt gewesen sein? Du l\u00fcgst, Du hast die ganze Zeit hier auf dem Fu\u00dfboden gelegen, ich habe es gesehen!\u201d). Andere, dogmatisch denkende Theologen, hielten den Hexenflug f\u00fcr einen realen Vorgang im dreidimensionalen Raum \u2013 der Hexenbesen wurde als eine Art Flugzeug gesehen. Solch ein Versto\u00df gegen die Naturgesetze war allerdings nur mit d\u00e4monischer Hilfe vorstellbar!<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDenn das g\u00f6ttliche Recht schreibt an nicht wenigen Stellen vor, dass Hexen<br \/>\nnicht allein zu meiden, sondern auch zu t\u00f6ten seien. Solche Strafen w\u00fcrde es nicht verh\u00e4ngt haben, wenn sie sich nicht wirklich und zu realen Wirkungen und Sch\u00e4den mit den D\u00e4monen zusammengetan h\u00e4tten. K\u00f6rperlicher Tod wird n\u00e4mlich nicht zugef\u00fcgt ohne eine leibliche schwere S\u00fcnde, im Unterschied zum Tod der Seele, der von einer wahnhaften Illusion oder auch von einer Versuchung seinen Ausgang nehmen kann.\u201c\u00a0<\/em><em>(aus: \u201eDer Hexenhammer\u201c von Heinrich Kramer, genannt Institoris, um 1430 \u2013 1505 u. Z., Dominikanerpater)<\/em><\/p>\n<p><em>Obwohl es in den alten \u201eKetzerhochburgen\u201c am westlichen Alpenrand schon erste \u201eHexereiprozesse\u201c gegeben hatte, bedurfte es \u00e4u\u00dferer Anst\u00f6\u00dfe, bis daraus eine breite \u201eHexenhysterie\u201c werden konnte. Die Hexenjagden begannen folglich, nachdem sich ein Klima der allgemeinen Bedrohung etabliert hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht zuf\u00e4llig f\u00e4llt der Beginn der systematischen Hexenverfolgung mit der Zeit der gro\u00dfen Pest Mitte des 14. Jahrhunderts zusammen. In Deutschland brach die gr\u00f6\u00dfte Verfolgungswelle gar erst um 1580 aus, als Missernten und Misswirtschaft das Wirtschaftssystem der Renaissance zusammenbrechen lie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Der Impuls zur Hexenverfolgung ging also durchaus vom Volke aus. Dennoch lag der Historiker Joseph Hansen, der heute \u00fcbrigens unter modernen Historikern als widerlegt gilt, nicht v\u00f6llig falsch, als er um 1900 schrieb: \u201eDie Gei\u00dfel der Hexenverfolgung ist von der Theologie der christlichen Kirche geflochten worden.\u201d Ohne die Theologie Thomas von Aquins kein fr\u00fchneuzeitliches Hexenbild, ohne Ketzerverfolgung kein Inquisitionsprozess und keine systematische Folter. Die Hexenverfolgung war eine Volksbewegung, aber die Theologie lieferte die Rechtfertigung und gab ihr die Form. Der Glaube an Schadenzauber ist beinahe weltweit verbreitet, die systematische, ausgedehnte Verfolgung von Zauberern und Hexen war jedoch geographisch auf jenes Gebiet beschr\u00e4nkt, das vor der Reformationszeit der Autorit\u00e4t der r\u00f6misch-katholischen Kirche unterstand. Weder im Gebiet der griechisch-orthodoxen Kirche, noch im koptischen und kleinasiatischen Christentum gab es Hexenjagden. Es spricht auch f\u00fcr eine Mitschuld der Kirche, dass die ersten gro\u00dfen Hexen-Verfolgungswellen dort ausbrachen, wo \u201eKetzer\u201d verfolgt wurden. Es waren auch Theologen, die die diffusen \u00c4ngste der Bev\u00f6lkerung, ihren projizierenden Hass, auf einen bestimmten \u201eT\u00e4terkreis\u201d kanalisierten. Mit der von Papst Innozenz VIII. unterzeichneten \u201eHexenbulle\u201d (-&gt; Erlass des Papstes!) gab es ab 1486 einen kirchenoffiziellen Katalog der den Hexen vorgeworfenen Verbrechen: Ausgestattet mit Teufelsmacht und abscheulichen Hexenk\u00fcnsten t\u00f6ten Hexen Kinder und junge Tiere, vernichten die Ernte, verbreiten Krankheiten, st\u00f6ren das eheliche Zusammensein von M\u00e4nnern und Frauen und verhindern die Empf\u00e4ngnis.<\/em><\/p>\n<p><em>Damit r\u00fcckten erstmals auch die bisher im Volk sehr gesch\u00e4tzten \u201eweisen Frauen\u201c, Heilerinnen, Hebammen und Kr\u00e4uterkundige, in den Verdacht des Teufelspaktes. Von einer systematischen Vernichtung des volkst\u00fcmlichen Verh\u00fctungswissens oder gar der Volksmedizin kann jedoch keine Rede sein. Das war allenfalls ein willkommener Nebeneffekt.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Bulle wurde in ihrer Wirkung erg\u00e4nzt durch den ber\u00fcchtigten Malleus Maleficarum, den \u201eHexenhammer\u201d des Dominikanerpaters Heinrich Kramer, genannt Institoris. Sein \u201eCo-Autor\u201d Jacob Sprenger kann mit keinem Textteil des \u201eHexenhammers\u201d in Verbindung gebracht werden, Kramer machte sich lediglich den guten Namen seines Ordensbruders zu Nutze. Was nicht hei\u00dft, dass der prominente Inquisitor Sprenger an der Hexenhysterie v\u00f6llig unschuldig gewesen w\u00e4re. Kramer gab eine konkrete Gebrauchsanweisung dazu, wie ein guter Christenmensch Hexen unfehlbar aufsp\u00fcren und \u00fcberf\u00fchren kann. Nicht unwichtig ist dabei, dass der \u201eHexenhammer\u201d Kramers pathologischen Frauenhass zum ma\u00dfgeblichen sittlichen Gebot erhob.<\/em><\/p>\n<p><em>Erst jetzt, auf der Schwelle zur Neuzeit, war das \u201eFeindbild Hexe\u201d komplett. Der Hexenbegriff war ein Angebot an die Bev\u00f6lkerung, Mitmenschen, die ihnen aus irgendeinem Grunde nicht passten, mit Hilfe der Obrigkeit per Denunziation auf den Scheiterhaufen zu bringen. Immer einen Schuldigen bei der Hand zu haben, war verlockend f\u00fcr das geplagte Volk \u2013 es f\u00e4llt auf, dass die Scheiterhaufen in der Regel dort am heftigsten brannten, wo die staatliche Autorit\u00e4t am schw\u00e4chsten war. Es war ausgerechnet die Inquisition, die in Spanien um 1500 eine von Teilen des Volkes gew\u00fcnschte allgemeine Hexenverfolgung verhinderte.\u201c<br \/>\n<strong>Zitatende<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt Menschen, die sagen, \u201efr\u00fcher\u201c, in den guten alten heidnischen Tagen waren Frauen alle frei und geachtet. Erst das Christentum habe sie unterdr\u00fcckt oder, in anderen Regionen, der Islam, um ein weiteres Beispiel zu geben. Nein, so einfach ist das nicht. Um in unserer Region zu bleiben und in einer Zeit kurz vor oder w\u00e4hrend der Christianisierung: Die durchschnittliche Frau war B\u00e4uerin, Handwerkerin, Mutter, Ehefrau. Sie hatte in der Gesellschaft durchaus nicht die Rechte und M\u00f6glichkeiten, die sie heute hat. Und sie zog auch nicht st\u00e4ndig als Kriegerin durch die Welt. Obwohl es sie gab, die Kriegerin. Von Gleichberechtigung im heutigen Sinne war nicht zu sprechen. Und je nach Zeit und Region, das darf man nie au\u00dfer Acht lassen, stand sie sogar unter (mhd.) Foremuntschaft (Vormundschaft). Sie war aber auch nicht rechtlos, nicht in den Zeiten der Zeitenwende, nicht in der Zeit der \u201eWikinger\u201c, schon gar nicht in nordgermanischen Regionen. Und, was in meinen Augen noch wichtiger ist: Wie immer die rechtliche Stellung der Frau war \u2013 sie war nicht als Frau, nur weil sie Frau war, minder geachtet. Das, was sie tat, hatte ihren eigenen Wert und ihre Stellung konnte aus sich selbst heraus sehr geachtet sein. (Ich verweise hier auch auf neuere Untersuchungen an menschlichen \u00dcberresten, die einen gleichen Zugang zu Ressourcen bei beiden Geschlechtern nachweist). Es gab zudem regionale Gesetze, die sie sch\u00fctzten. Der alte Begriff, heute beinah vergessen, der Schl\u00fcsselgewalt, hatte in alten heidnischen Zeiten eine sehr starke Bedeutung. Die Frau hatte den Schl\u00fcssel zum Haus, sie war die Herrin des Hauses, sie verf\u00fcgte \u00fcber die Gesch\u00e4fte des t\u00e4glichen Lebens und es gab Zeiten und Regionen, in denen es sich so mancher Mann gut \u00fcberlegte, ob ihm Pferd und Schwert im Falle einer Scheidung reichten. Wenn auch nur er auf dem Thing sprach (in Friesland gab es lange Zeit auch andere Br\u00e4uche), so galt die Meinung der Herrin des Hauses viel. Frauen wurden zudem seit altgermanischen Zeiten bestimmte F\u00e4higkeiten zugesprochen. In eben diesen \u00e4lteren Zeiten, besonders bei den alten Germanen der Zeitenwende, galten Frauen als Seherinnen (z. B. Veleda), als Heilerinnen, als Magierinnen besonders bei ihrem Stamm, ihrer Familie, viel. Sie hatten einen Platz aus sich selbst heraus, einen durchaus eigenen Ma\u00dfstab. Im Laufe der Christianisierung \u00e4nderte sich das. Viele Frauen sahen durchaus je nach Region und Herkunft im Christentum zun\u00e4chst einen Fortschritt. Es waren ja auch zun\u00e4chst die \u201ebesseren\u201c Familien, die M\u00e4chtigen, die sich der neuen Religion angeschlossen hatten. Das Christentum bot diesen Frauen oft genug, und dies seit Anbeginn, M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine bessere gesellschaftliche Position und mehr Schutz und Sicherheit \u2013 zun\u00e4chst zumindest und \u00fcberall dort, wo die vorchristliche Position der Frau sehr schwach war. Es ist also nicht so, dass Frauen von S\u00fcd nach Nord und zu jeder Zeit simpel Opfer der Christianisierung waren. Es ist aber auch so, dass aus vielen Gr\u00fcnden Frauenrechte im Laufe der Jahrhunderte immer weiter schwanden, und ihre beruflichen und gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten immer weiter eingeschr\u00e4nkt wurden. Die Brauereikunst, das Weben, die Kr\u00e4uterkunde lagen im fr\u00fcheren Mittelalter durchweg in Frauenhand. Das alles schwand im Zuge einer Maria zwar emporhebenden, die gemeine Frau aber eher f\u00fcrchtenden und verachtenden gesellschaftlichen Entwicklung. Es blieb das Bild von der s\u00fcndigen Eva, die nur durch Unterordnung unter Mann und Religion einen akzeptablen Platz in der Gemeinde erreichen konnte, die aber stets aufgrund ihrer angenommenen Schw\u00e4che und Neigung zum S\u00fcndhaften mit Misstrauen zu beobachten war. Die Frauenverachtung der Verfolgungszeit gipfelte letztlich im viktorianischen oder wilhelminischen Bild von der guten Mutter und Ehefrau \u2013 der Heiligen und der Hure. Und bis heute haben wir dieses Bild nicht wirklich \u00fcberwunden und bis heute m\u00fcssen wir sehr aufpassen, ob wir nun das Gendern m\u00f6gen oder nicht, dass wir nicht in alte Praktiken und Denkmuster zur\u00fcckfallen. Gerade auch wieder jetzt. Wenn wir uns fragen, warum gerade auch in deutschen Landen vielerorts alte Einstellungen zu Frauen so lange nachwirken konnten, und bestimmte Begrifflichkeiten wieder ans Tageslicht gebracht werden k\u00f6nnen, liegt das, nicht nur aber auch, an den unterschiedlichen Besiedlungsstrukturen und zeitlich versetzter Christianisierung. S\u00fcdlich des Rheines wirkten viele Jahrhunderte r\u00f6mischer Einfluss und die Christianisierung begann fr\u00fch. Karl der Gro\u00dfe, oder vielleicht besser, Grobe, missionierte mit dem Schwert und die Sachsen wurden \u00fcberwiegend im 9. Jahrhundert christlich. In Norddeutschland und Skandinavien hielten sich alte Traditionen und Religionen hingegen sehr viel l\u00e4nger. Das letzte Slawenreich im heutigen Mecklenburg-Vorpommern wurde am 15. und 16. Juni 1168 mit der Eroberung der Tempelburg auf dem Kap Arkona vernichtet. Und zumindest im 10. Jahrhundert war die Region um das heutige Schleswig, besonders Haithabu, noch \u00fcberwiegend heidnisch unterwegs. Mit der Eroberung und im Zuge der Christianisierung gab es im norddeutschen Raum eine ausgepr\u00e4gte Kolonialisierung, manche nennen sie sogar Rekolonialisierung. Bereits seit langem christianisierte Siedler aus Westfalen, Niedersachen, den Niederlanden und dem s\u00fcdlichen Holstein, die vielleicht zuvor im Zuge der V\u00f6lkerwanderung den Norden verlassen hatten, wurden insbesondere in die n\u00f6rdlichen Gebiete geschickt. Diese Kolonialisierung gab es im geografischen skandinavischen Gebiet nicht, ebenfalls nicht in Friesland. Das ist in meinen Augen mit Grund daf\u00fcr, dass alte Traditionen dort l\u00e4nger erhalten blieben und auch emanzipatorische Bestrebungen schneller und umfassender gelangen als in anderen Regionen.<\/p>\n<p>Die Hagazussa oder Zusse \u00fcbrigens, um auch diesen Begriff aus dem Althochdeutschen noch n\u00e4her zu erl\u00e4utern, war eine Frau, die \u201ehinter den Hecken hervorschaut\u201d oder schlicht \u201epflanzenkundige Frau\u201c. Vielleicht war sie auch eine Zaunreiterin mit schamanischen F\u00e4higkeiten. Sie war auf jeden Fall eine Frau mit F\u00e4higkeiten, die f\u00fcr sich genommen ihren eigenen Wert hatte, F\u00e4higkeiten, die sie zum Guten wie eben auch zum B\u00f6sen einsetzen konnte. Erst im Laufe der Zeit wurde aus ihr die Verderben bringende D\u00e4monin. Es waren, nicht nur aber \u00fcberwiegend, M\u00e4nner, die vor diesen Frauen Angst hatten. Die Inquisition zerst\u00f6rte dieses Wissen zwar nicht systematisch, das ist ein Mythos, aber mit dem Verschwinden all dieser Frauen (die sich Nischen nur noch in Kl\u00f6stern erhalten konnten) verschwanden eben auch diese als d\u00e4monisch betrachteten Praktiken und die Frauen wurden buchst\u00e4blich gebunden an Haus und Hof. Und wenn man sich heute einmal die Haltung der Medizin (und vieler Menschen) zu Hebammen und Naturmedizin und allen Praktiken, die von der als wissenschaftlich anerkannten Methoden abweichen, ansieht, erkennt man schnell, dass vieles nachwirkt und wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern weiter unser Schicksal selber in die Hand nehmen sollten, ob nun als Hagedize, Tunrida oder Hagezussa\u00a0<a id=\"post-1814-__DdeLink__13655_2178228314\"><\/a>\u2013 oder einfach als ganz normale Frau \u2013 oder auch Mann \u2013 , mit dem Bewusstsein, dass das, was wir sind und was wir tun und wie wir es tun, aus sich selbst heraus Ma\u00dfstab ist und seine eigene Wertigkeit hat. Und wir sollten uns das, was wir \u00fcber die Jahrhunderte nun entwickelt haben, mit Grundlagen im alten Heidnischen, im Christlichen und durch die Zeit der Aufkl\u00e4rung hindurch, erhalten und weiterentwickeln. Das ist eine gro\u00dfe Chance, vielleicht unsere einzige.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1829\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/hagedize-c-seeler.png\" alt=\"Buchtitel &quot;Hexen, Schamanen und Priesterinnen im Wandel der Zeit&quot; von Carola Seeler\" width=\"126\" height=\"180\" \/><\/p>\n<p>* Zitiert aus<br \/>\n\u201eHexen, Schamanen und Priesterinnen im Wandel der Zeit\u201c,<br \/>\nAutorin Carola Seeler, erschienen im Verlag Bohmeier 2009,<br \/>\nISBN 978-3-89094-642-9<br \/>\nAusz\u00fcge\/Abschnitte aus den Seiten 13-26<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem durfte ich im Rahmen der Ostara-Sommerakademie einen Vortrag mit Lesung halten. Das Thema war: Von der Hagedize zur Hexe. Das hat sehr viel Spa\u00df gemacht, und als ich im Anschluss gefragt wurde, ob ich diesen nicht auch dem Herdfeuer anbieten wollen w\u00fcrde, wollte ich gerne. Zun\u00e4chst einmal kurz zu mir. 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