{"id":343,"date":"2008-08-01T20:32:10","date_gmt":"2008-08-01T18:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=343"},"modified":"2025-08-24T20:32:37","modified_gmt":"2025-08-24T18:32:37","slug":"ueber-den-abgrund-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Abgrund der Zeit"},"content":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter<\/p>\n<p>Stellen wir uns Folgendes vor: Wir halten in entsprechendem Rahmen (am besten das Kaminzimmer eines alten Schlosses) im Jahre 2009 eine Seance ab, um mit einem Magier Kontakt aufzunehmen, der im Jahr 1909 aktiv war.<\/p>\n<p>Wir suchen aber niemanden, der mit Karten trickst oder Goldm\u00fcnzen aus Kinderohren ziehen kann. Wir wollen Kontakt zum Geist eines verstorbenen echten Magiers, eines Menschen, der die Kr\u00e4fte des \u00c4thers lenken kann und um die Geheimnisse der Welt wei\u00df. Wir suchen jemand aus dem damals m\u00e4chtigsten Reich der Welt \u2013 aus dem britischen Imperium, \u00fcber dem die Sonne niemals untergeht.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Diesem Menschen wollen wir soviel, wie f\u00fcr ihn verst\u00e4ndlich ist, \u00fcber unsere Gegenwart erz\u00e4hlen. Und wir wollen ihn fragen, worin sich seine Welt von unserer unterscheidet \u2013 denn wir wollen lernen und verstehen lernen, nach welchen Regeln sich die Welt ver\u00e4ndert, damit wir diese Regeln verwenden k\u00f6nnen, um uns auszumalen, was in unserer Zukunft auf uns zukommt. Denn nat\u00fcrlich w\u00e4ren wir im Jetzt von 2009 gerne besser \u00fcber die Zukunft informiert als unsere Kollegen und Mitbewerber \u2026<\/p>\n<p>Ganz fremd d\u00fcrfte unseren fernen Freund die Idee nat\u00fcrlich nicht sein. Aber seit Bellamys \u201eEin R\u00fcckblick aus dem Jahr 2000\u201c (1888) d\u00fcrfte die Idee bekannt sein, aus dem Blickwinkel einer fernen \u00c4ra die Vergangenheit zu betrachten. Und so rufen wir \u00fcber den Abgrund der Zeit hinweg eine kooperative Seele aus der Zeit der \u201eVictoria Regina\u201c, des Zeitalters der englischen K\u00f6nigin Viktoria.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Lassen wir uns auf dieses Gedankenexperiment einmal ein, stellen wir uns jenen \u201evirtuellen Geist\u201c vor, der mit uns \u00fcber dieses Thema korrespondiert. Einige Themengebiete wollen wir mit ihm bereden. Erstens geht es uns darum, wie er die Unterschiede in Kunst, Literatur, Musik etc. von seiner \u00c4ra in unserer \u00c4ra interpretiert. Das zweite Thema ist dann das weite Feld von Esoterik und Magie. Abschlie\u00dfend wollen wir ihm die Chance geben, seine Eindr\u00fccke zu schildern \u2013 er soll uns Punkte sagen, an denen sich seiner Meinung nach unsere Welt von seiner signifikant unterscheidet.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Kunst, Literatur und Musik<\/h4>\n<p>Unsere moderne Musik wird ihm wenig sagen \u2013 schon gar, weil man von der zeitgen\u00f6ssischen Musik \u00fcberhaupt nicht sprechen kann. In den letzten 100 Jahren sind so viele neue Musikstile entstanden, dass man ihn wahrscheinlich am ehesten mit neuen Einspielungen von klassischer Musik erfreuen kann. Oder vielleicht gefallen ihm auch unsere neuen Operetten wie \u201eCats\u201c und \u201eChess\u201c \u2013 immerhin ist er durch Gilbert &amp; Sullivan schon abgeh\u00e4rtet!<\/p>\n<p>In der Malerei wird er mit der modernen Kunst gro\u00dfe Schwierigkeiten haben. Vielleicht gef\u00e4llt ihm Warhol wegen seiner Farbenfreude \u2013 doch wird er Schwierigkeiten haben, jene Personen der Zeitgeschichte zu identifizieren, die Warhol auf Leinwand gebannt hat. Fehlen werden ihm K\u00fcnstler wie die Pr\u00e4raffaeliten des 19. Jahrhunderts. Diese Bilder wurden u.a. als \u201eIdeenfluchten in mittelalterliche, literarisch vermittelte Sagenwelten oder kultische Inbilder von erotischer Nervosit\u00e4t\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>beschrieben. W\u00fcrde unser Gast aus der Vergangenheit diese Kraft in der modernen Malerei finden? H\u00f6chstens bei den besseren Fantasy-K\u00fcnstlern \u2013 und selbst bei diesen w\u00fcrde er lange suchen m\u00fcssen. Und f\u00e4nde er in der Gegenwart eine Entsprechung zu William Blake? \u201eWas die Pr\u00e4raffaeliten und Lyriker (\u2026) an Blake bis zur Obsession fesselte, das war der Manierismus seiner explosiven Farbgebung und der Okkultismus seiner privaten Mythologie.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Und wer konnte schon wie er malen und dichten? \u201eTyger Tyger, burning bright \/ In the forests of the night.\u201c<\/p>\n<p>Wo wir gerade bei Gedichten sind \u2013 um eine zeitgen\u00f6ssische Entsprechung zu Kipling finden zu k\u00f6nnen, wird er lange suchen m\u00fcssen.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>\u00dcber Kiplings Gedichte sagt man, sie seien geschrieben, um gesungen zu werden. Sie lesen sich als Gedicht gut und h\u00f6ren sich als Lied gut an \u2013 von wie vielen modernen Dichtern kann man das sagen?<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Esoterik und Magie<\/h4>\n<p>Kein Zeitalter in der Menschheitsgeschichte war f\u00fcr neue esoterische Theorien so fruchtbar wie das viktorianische Zeitalter. Ach, mit welcher Energie sprang man auf jede neue Entdeckung und gab ihr einen mystischen \u201eTouch\u201c.<\/p>\n<p>Die Fortentwicklung in der Astronomie f\u00fchrte dazu, dass die Beobachtungen des Sonnensystems immer akkurater wurden. Zum ersten Mal kam die These vom \u201eschrumpfenden Lebensraum\u201c im Sonnensystem auf: Die Sonne wird im Laufe der Jahrtausende k\u00e4lter und der Lebensraum wandert immer auf engere Umlaufbahnen. So ist der Mars sozusagen eine \u201eErde vor uns\u201c \u2013 voll mit Ruinen, unverst\u00e4ndlichen technischen Ger\u00e4ten und einer aussterbenden Hochzivilisation.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Die Venus ist dann sozusagen die \u201eErde der Zukunft\u201c, noch besiedelt von Dinosauriern und unter einer riesigen Wolkendecke verborgen. Und Phaeton oder wie er auch immer hei\u00dfen mag, der Ursprung des Meteoriteng\u00fcrtels jenseits der Marsbahn, war nat\u00fcrlich fr\u00fcher ein Planet, der bei Kampfhandlungen zerst\u00f6rt worden ist!<\/p>\n<p>Alles sehr glaubhaft \u2026<\/p>\n<p>Erst 1877 wurden die beiden Marsmonde entdeckt, im selben Jahr erscheint Flammarions \u201eDie Erden des Himmels\u201c samt einer Beschreibung von Flora und Fauna des Mars. Schiaparelli \u201eentdeckte\u201c 1878 die Kan\u00e4le. Die Umsetzung des Glaubens an marsianisches Leben in Romanform lie\u00df nicht lange auf sich warten \u2013 1879 erscheint \u201eAuf zwei Planeten\u201c von La\u00dfwitz und 1897\/\u201998 \u201eThe War of the Worlds\u201c von Wells.<\/p>\n<p>Dieses Erstarken der Astronomie f\u00fchrte \u2013 wie immer in ihren Fu\u00dfstapfen \u2013 auch zu einem Erstarken der Astrologie, besonders in Frankreich, Deutschland und Gro\u00dfbritannien.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Ein weiteres neues altes Thema waren Atlantis und das dazugekommene Lemuria. 1871 entdeckte Schliemann Troja \u2013 und auf einmal waren viele angebliche Mythen in den Rang von historischen Darstellungen ver\u00e4ndert worden. Nur so l\u00e4sst sich \u201eAtlantis. The Antediluvian World\u201c von Donnelly (1882) erkl\u00e4ren. Hier findet sich alles, was man f\u00fcr einen guten esoterischen Historienmix braucht: Atlantis, Ph\u00f6nizier und Pyramiden.<\/p>\n<p>Donellys zu Beginn seines Buches aufgestellte Behauptungen \u00fcber Atlantis enthalten so vertraute Ideen wie:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Atlantis lag im Atlantik<\/li>\n<li>Platos Beschreibung ist keine Fabel, sondern ein historischer Bericht<\/li>\n<li>Von Atlantis aus wurden u.a. S\u00fcdamerika, Afrika und Europa mit Zivilisationen \u201ebeliefert\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>1896 ver\u00f6ffentlichte Le Plongeon sein \u201eK\u00f6nigin Moo und die \u00e4gyptische Sphinx\u201c. Hier findet sich Mu, das auch unter dem Namen Lemuria bekannt ist. Jetzt ist der Pazifik nicht mehr ohne seinen eigenen untergegangenen Kontinent und die Kultur der Osterinsel wird mit ihren Steinfiguren zum gro\u00dfen Mythos dieses Ozeans.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen in der Welt der Magier haben nat\u00fcrlich viel mit den Ver\u00e4nderungen in der esoterischen Welt zu tun. Doch es gab auch einen Einfluss, der sich weniger in der Esoterik abspielte, sondern sich sozusagen in die Geschichte der Magie \u201eergoss\u201c, weil er alle Traditionen nach sich beeinflusst hat. 1875 wurde in New York die theosophische Gesellschaft gegr\u00fcndet, 1883 ihre Londoner Abteilung.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p>1888 ver\u00f6ffentlichte Blavatsky ihr einflussreiches Buch \u201eThe Secret Doctrine\u201c. Nun darf man Blavatsky gerne als Schwindlerin titulieren, die mit Taschenspielereien und schlecht geschriebenen esoterischen Verlautbarungen die Menschen an sich zu binden wusste \u2013 aber nicht nur damit, sondern sie war auch erstaunlich belesen und schien \u00fcber eine starke Ausstrahlung verf\u00fcgt zu haben, die Menschen an sie band. Ihr Einfluss ist nicht zu untersch\u00e4tzen: \u201eBlavatsky inspired numerous direct spiritual descendants, of whom the most prominent have been Annie Besant, C. W. Leadbeater, Krishnamurti, Rudolf Steiner, Katherine Tingley, Manly P. Hall, Alice Bailey, Max Heindel, and Elizabeth Clare Prophet.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Im selben Jahr (1888) wurde der Isis-Urania-Tempel des \u201eGolden Dawn\u201c gegr\u00fcndet.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Der \u201eGolden Dawn\u201c wiederum verdankte \u2013 \u00fcber seinen Gr\u00fcnder William Wynn Westcott \u2013 Blavatskys Theosophie eine Menge Ideen und diese gingen \u00fcber sie weiter an Aleister Crowley \u2013 \u201eCrowley\u2019s fusion of Eastern mysticism with Western occultism was a methodological inheritance from Blavatsky.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n<p>King geht sogar so weit, die ganze moderne Magie auf den \u201eGolden Dawn\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren: \u201eThe revival of magic (\u2026) is, at the very least, an odd phenomenon; at the best it is an encouraging indication that mankind will never cease its search for spiritual reality (..). In this revival it is clear that the Golden Dawn and its derivatives were all-important; the inferiority of the organisations that evolved independently of the Golden Dawn, such as the Gardnerian witch-cult, is made apparant by simply reading their literature.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Obwohl ich mich der Sch\u00e4rfe dieser Aussage nicht anschlie\u00dfen m\u00f6chte, kann ich sie inhaltlich doch nachvollziehen. Die Erbfolge Blavatsky \u2013 \u201eGolden Dawn\u201c \u2013 Crowley und von dort aus zu allen Crowley-Nacheiferern, -Kopisten und -J\u00fcngern zieht sich bis in unsere Gegenwart. Und Crowley wird nat\u00fcrlich in seinem Einfluss \u00fcberm\u00e4chtig, wenn auch jene Magier, die nicht in seiner Tradition stehen, sich in Bezug auf ihn selbst definieren m\u00fcssen, also Crowley als Richtschnur benutzt wird, um unterschiedliche magische Richtungen einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Damals wie heute bestimmte der die Themen in der Magie, der Thesen vorgab, an denen entlang sich alle anderen definieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Einen letzten Punkt \u00fcber das Fortleben der \u201eviktorianischen Magie\u201c m\u00f6chte ich noch erw\u00e4hnen: die Archetypen. Das viktorianische Zeitalter war reich in der Schaffung von literarischen Figuren, die bis heute zum \u201eSagenschatz\u201c von Krimi und phantastischer Literatur geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zuerst nennen wir nat\u00fcrlich Sherlock Holmes und Professor Challenger von Arthur Conan Doyle. Dazu kommen dann die Holmes-Epigonen, z.B. Hornungs Raffles und Leblancs Lupin. Doyle interessierte sich Zeit seines Lebens f\u00fcr den Okkultismus \u2026 Platz 2 der bekannten Figuren ist eindeutig Bram Stokers \u201eDracula\u201c (1897). Auch hier l\u00e4sst sich ein okkultischer Bezug herstellen: \u201eNennenswerte \u00c4u\u00dferungen Stokers zu seinem \u201aDracula\u2018, wie etwa Angaben zu ma\u00dfgeblichen Quellen oder sogar m\u00f6gliche Interpretationsans\u00e4tze, sind nicht \u00fcberliefert. Ein fr\u00fches Interesse f\u00fcr den Okkultismus ist allerdings belegbar, so war Stoker Mitglied der Geheimloge \u201aGolden Dawn in the Outer\u2018 (\u2026).\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Neben diesen zweien \u2013 Holmes und Dracula \u2013 sind alle anderen nur noch Schatten. Einige nur haben es geschafft, \u00fcber hundert Jahre hinweg ihr Profil zu behalten. Da w\u00e4ren \u201eDr. Jekyll und Mr. Hyde\u201c von Stevenson (1886) und Figuren wie Captain Nemo und Robur von Jules Verne.<\/p>\n<p>Und wenn es so etwas wie Archetypen bei L\u00e4ndern gibt \u2013 dann sind Graustark und Ruritania aus \u201eDer Gefangene von Zenda\u201c von Anthony Hope auch Archetypen. Der Engl\u00e4nder Rassendyll, der als Tourist durch das Balkan-Land Ruritanien reist, ist sicherlich ein klassischer Engl\u00e4nder in einem klassischen Abenteuer in einem Balkan-Land, wie es es nie gegeben hat, aber sicherlich in unserer mythischen Welt weiterhin gibt.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Eindr\u00fccke aus der Vergangenheit<\/h4>\n<p>Was w\u00fcrde dem Mann aus der Vergangenheit bei der Schilderung unserer Welt auffallen?<\/p>\n<p>Sicherlich w\u00fcrde er von unserem Verh\u00e4ltnis zur Sexualit\u00e4t schockiert sein. Nicht nur die Darstellung von Nacktheit und Sex in unseren Medien w\u00fcrde ihn irritieren, auch unser offener Umgang mit Homosexualit\u00e4t w\u00e4re f\u00fcr ihn unverst\u00e4ndlich. Immerhin kam es noch 1895 zu einem Prozess wegen Homosexualit\u00e4t gegen Oscar Wilde \u2013 der danach gesellschaftlich vernichtet war.<\/p>\n<p>\u00dcberrascht w\u00e4re er von der Menge der zur Verf\u00fcgung stehenden Energie, \u00fcberrascht auch von unserem leichtfertigen Umgang damit. Zwar kannte er aus eigener Anschauung die Zunahme des Energieverbrauchs: \u201e1820 hatte der Verbrauch mechanischer Energie auf der Welt 778 Tonnen (Brennstoffe und Wasserkraft in Kohleeinheiten ausgedr\u00fcckt) betragen; 1898 hingegen war er auf 15 Millionen gestiegen.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Aber unser leichtfertiger Umgang mit Energie \u2013 die Beleuchtung aller Orte bei Nacht, dadurch das Verschwinden des Sternenhimmels aus den n\u00e4chtlichen St\u00e4dten, aber auch Energieverschwender wie offene K\u00fchltruhen und die klimatisierten Eingangsbereiche von Warenh\u00e4usern w\u00e4ren f\u00fcr ihn unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Die Computer w\u00e4ren f\u00fcr ihn etwas v\u00f6llig Neues. Zwar lebte er in der \u00c4ra von Charles Babbage, den wir heute als \u201eAhnvater\u201c der Computerbauer ehren k\u00f6nnen, aber die Informationsverarbeitung steckte noch in den Kinderschuhen.<\/p>\n<p>Und was h\u00e4tte er als Tipp mitgeben k\u00f6nnen, sozusagen als private Anmerkung zum Thema \u201eDinge, die ich euch in der Magie empfehlen kann\u201c? Ich vermute, er h\u00e4tte sich \u00fcber unsere St\u00e4dte ge\u00e4u\u00dfert, \u00fcber den Wandel vom \u201eMagier im Wald\u201c zum \u201eMagier in der Stadt\u201c. Schon zu seiner Zeit war die Magie in die St\u00e4dte gewandert \u2013 eine Entwicklung, welche die letzten 100 Jahre verst\u00e4rkt worden ist. Und ist nicht Sherlock Holmes der Archetyp des St\u00e4dters, der erste urbane Detektiv schlechthin?<\/p>\n<p>Beenden wir diese kleine Exkursion, entlassen wir unseren Gast zur\u00fcck in seine Zeit und betrachten wir unsere Welt jetzt mit einem neuen Blickwinkel. Ein wenig viktorianisch ist sie schon, unsere magische Tradition. Und wir sollten vielleicht kurz innehalten und jener gedenken, die vor uns waren und denen wir soviel verdanken. Nicht nur Gutes, aber auch nicht nur Schlechtes.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h4>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Abret, Helga &amp; Lucian Boia \u201eDas Jahrhundert der Marsianer\u201c, M\u00fcnchen 1984<\/li>\n<li>Baring-Gould, W. S. \u201eSherlock Holmes\u201c, Bungay 1962<\/li>\n<li>Berlitz, Charles \u201eDas Atlantis-R\u00e4tsel\u201c, Wien Hamburg 1976<\/li>\n<li>Bohrer, Karl Heinz \u201eEin bi\u00dfchen Lust am Untergang\u201c, M\u00fcnchen Wien 1979<\/li>\n<li>Borrmann, Norbert \u201eVampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit\u201c, M\u00fcnchen 1998<\/li>\n<li>Compart, Martin (Hrsg.) \u201eDas Sherlock Holmes-Buch\u201c, Frankfurt\/Main 1987<\/li>\n<li>de Camp, L. S. \u201eVersunkene Kontinente\u201c, M\u00fcnchen 1975<\/li>\n<li>Hope, Anthony \u201eDer Gefangene von Zenda\u201c, Frankfurt\/Main Berlin 1987<\/li>\n<li>Howe, Ellic \u201eUranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich\u201c, Weinheim 1995<\/li>\n<li>King, Francis \u201eModern Ritual Magic\u201c, Bridport New York und Lindfield 1989<\/li>\n<li>Maroney, Tim (Hrsg.) \u201eThe Book of Dzyan\u201c, Oakland 2000<\/li>\n<li>Tuchman, Barbara \u201eDer stolze Turm. Ein Portrait der Welt vor dem Ersten Weltkrieg 1890-1914\u201c, M\u00fcnchen Z\u00fcrich 1981<\/li>\n<\/ul>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Endnoten<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote1anc\">1<\/a><span>\u00a0<\/span>Nur als Anmerkung: noch 1897 geh\u00f6rte \u00bc der Erde zum britischen Imperium.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote2anc\">2<\/a><span>\u00a0<\/span>Nat\u00fcrlich ist mir klar, dass K\u00f6nigin Viktoria 1901 starb. Aber jemand, der 1887 schon sein goldenes (!) Thronjubil\u00e4um gefeiert, der hat eine \u00c4ra gepr\u00e4gt \u2013 auch noch \u00fcber seinen Tod hinaus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote3anc\">3<\/a><span>\u00a0<\/span>Bohrer 83<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote4anc\">4<\/a><span>\u00a0<\/span>Bohrer 214<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote5anc\">5<\/a><span>\u00a0<\/span>Nebenbei: Mit \u201ePuck vom Buchsberg\u201c erscheint 1906 Kiplings eigene Version von einer mystischen Reise durch die Jahrhunderte. Ob ihm unser zur\u00fcckgereister Besucher einen Tipp gegeben hat \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote6anc\">6<\/a><span>\u00a0<\/span>Eine sehr gute Darstellung der sich ver\u00e4ndernden Sicht des Mars findet sich in \u201eDas Jahrhundert der Marsianer\u201c von Abret und Boia.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote7anc\">7<\/a><span>\u00a0<\/span>Nach Howe 34<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote8anc\">8<\/a><span>\u00a0<\/span>Die Zusammenfassung nach Berlitz 18 ff., dito de Camp 49 ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote9anc\">9<\/a><span>\u00a0<\/span>nach Howe 79 bzw. nach King 40<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote10anc\">10<\/a><sup><span>\u00a0<\/span><\/sup>Maroney 46<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote11anc\">11<\/a><sup><span>\u00a0<\/span><\/sup>nach King 43<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote12anc\">12<\/a><sup><span>\u00a0<\/span><\/sup>Maroney 47<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote13anc\">13<\/a><sup><span>\u00a0<\/span><\/sup>King 191<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote14anc\">14<\/a><sup><span>\u00a0<\/span><\/sup>Borrmann 71 f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/08\/01\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/#sdfootnote15anc\">15<\/a><span>\u00a0<\/span>Tuchman 282<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2008 in Herdfeuer\u00a0 20<\/strong><em><strong><\/strong><\/em><strong><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter Stellen wir uns Folgendes vor: Wir halten in entsprechendem Rahmen (am besten das Kaminzimmer eines alten Schlosses) im Jahre 2009 eine Seance ab, um mit einem Magier Kontakt aufzunehmen, der im Jahr 1909 aktiv war. Wir suchen aber niemanden, der mit Karten trickst oder Goldm\u00fcnzen aus Kinderohren ziehen kann. Wir wollen Kontakt&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/ueber-den-abgrund-der-zeit\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[79,26,80],"class_list":["post-343","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-runen-magie","tag-esoterik","tag-magie","tag-okkultismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=343"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":344,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343\/revisions\/344"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=343"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=343"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=343"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}