{"id":337,"date":"2004-11-01T20:12:51","date_gmt":"2004-11-01T19:12:51","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=337"},"modified":"2025-08-24T20:13:10","modified_gmt":"2025-08-24T18:13:10","slug":"das-ritual-die-handlung-als-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/das-ritual-die-handlung-als-weg\/","title":{"rendered":"Das Ritual \u2013 Die Handlung als Weg"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine pers\u00f6nliche Betrachtung des Kultes im modernen Asatru<\/h3>\n<p>von Christian Bartel<\/p>\n<p>Das Ritual ist sich wiederholende Handlung und damit Sicherheit. Von ihrer Intention unterscheiden sich die Rituale des Asatru nicht so sehr von denen anderer Religionen. Sie sollen neben dem Kontakt mit den G\u00f6ttern und Ahnen durch das Gemeinschaftserlebnis und den Wiedererkennungswert Sicherheit und Halt bieten. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf Rekonstruktionen historischer Riten, sondern auf dem Funktionieren eines Prinzips. Es w\u00e4re ein Missverst\u00e4ndnis, zu glauben, dass nur solche Handlungen \u201eecht\u201c sind, die sich auf historische \u00dcberlieferungen st\u00fctzen lassen und damit \u201eauthentisch\u201c sind.<\/p>\n<p>Im ersten Kontakt k\u00f6nnten Menschen sich an Riten der Kirche erinnert f\u00fchlen. Daraus resultiert manchmal der Vorwurf, ein Bl\u00f3t sei ja gar nicht so anders als ein christlicher Gottesdienst. Dem kann man entgegenhalten, dass dem eine sehr \u00e4hnliche Intention zugrunde liegt: eine Opferung an die G\u00f6tter und damit eine Kontaktaufnahme zu h\u00f6heren M\u00e4chten. N\u00e4her betrachtet ist ein Bl\u00f3t aber doch in wesentlichen Punkten anders als eine christliche Liturgie (abgesehen davon, dass es sich um andere M\u00e4chte handelt, die im jeweiligen Mittelpunkt stehen). Zum einen findet ein Bl\u00f3t in der Regel in kleineren, intimeren Gruppen statt und bietet daher viel mehr Raum f\u00fcr pers\u00f6nliche Entfaltung als eine Messe. Zum anderen ist es das erkl\u00e4rte Ziel von Kultgemeinschaften des Eldarings, m\u00f6glichst viele der Mitglieder an Kulthandlungen zu beteiligen. Es gibt keinen Priesterstatus, der das alleinige Recht f\u00fcr Kulthandlungen einschlie\u00dfen w\u00fcrde, und jeder einzelne Mensch hat das Recht, sich direkt an die G\u00f6tter zu wenden. \u00dcbrigens ebenso, wie jeder Mensch das Recht hat, f\u00fcr diesen Kontakt Mittler zu konsultieren, wenn er sich selbst nicht in der Lage sieht, den Kontakt herzustellen. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, werden so viele der Bl\u00f3tteilnehmer wie m\u00f6glich in die aktiven Handlungen eingebunden. Jeder muss die M\u00f6glichkeit haben, den Kontakt zu f\u00fchlen und das Ritual bewusst mit zu gestalten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben sich hier einige Formen herausgebildet, die gerne immer wieder verwendet werden. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das Hammerritual, das in der Vergangenheit nicht unumstritten war, sich aber dennoch einen festen Platz im modernen Kult erworben hat. Und das nicht, weil es historisch belegbar w\u00e4re (was es nicht ist), sondern weil es einen Zweck erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat es eine gewisse Anmut, Rituale von den Menschen zu rekonstruieren, die noch in einem heidnischen Umfeld lebten, namentlich von unseren Vorfahren. Es gibt in den Quellen aber sehr wenig \u00fcber den Kult zu finden, und das ergibt nicht ann\u00e4hernd ein geschlossenes Bild. Daher ist es legitim und notwendig, sich Rituale zu schaffen. Das Ziel ist eben nicht die historische Korrektheit, sondern der Zweck, den sie f\u00fcr die Gemeinschaft und den Einzelnen erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich handelt es sich hier um eine Gratwanderung. Einerseits m\u00fcssen Rituale neu geschaffen werden, um L\u00fccken der unterbrochenen \u00dcberlieferung zu f\u00fcllen, andererseits aber darf dieses Vorgehen nicht zu allzu spekulativen Konstrukten f\u00fchren, die den Bodenkontakt zu verlieren drohen und in denen der Geist der Religion unserer Vorfahren nicht mehr zu erkennen ist. Eine beliebte Praxis der sogenannten \u201efreifliegenden\u201c Heiden scheint es zu sein, Traditionen zu mischen und sich bunte Rituale zusammenzustellen, die alle m\u00f6glichen Einfl\u00fcsse aufweisen. Das kann in meinen Augen (!) nicht der Weg des Asatru sein. Die \u00dcberlieferungen sind zwar auf den ersten Blick nicht so \u00fcppig an Kultbeschreibungen, aber sie bieten vielleicht gerade deshalb sehr viel Raum und auch Spielraum f\u00fcr Rituale, die an historischen Kontext angelehnt sind und trotzdem ihren heutigen Zweck erf\u00fcllen. Es muss nicht immer das ritualmagisch verwurzelte Hammerritual sein. Warum nicht mal eine Thingeinfriedung nach Vorbild der<span>\u00a0<\/span><em>Grettis saga<\/em>? Hier sind der Phantasie in meinen Augen zwar Grenzen gesetzt (n\u00e4mlich die unserer eigenen Auffassung von Asatru), aber das Feld ist so \u00fcberw\u00e4ltigend weit, dass es ein Menschenleben und l\u00e4nger dauern mag, es zu erforschen.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach bewege ich mich innerhalb von Asatru in einem geschlossenen mythologischen System. Ich kenne zwar z.B. die griechische Mythologie aus B\u00fcchern, aber sie hat in meinen ganz pers\u00f6nlichen Ritualen keinen Platz. Ebensowenig wie die \u00e4gyptische oder indianische. Ich selbst habe kein Bed\u00fcrfnis nach synonymen g\u00f6ttlichen Prinzipien, die f\u00fcr mich wie die \u00dcbersetzungen meiner mythologischen Sprache in eine andere sind. Dennoch sind Anleihen bei der Handlung selbst kein Tabu, wenn man sie sozusagen in den eigenen mythologischen Kontext \u201e\u00fcbersetzt\u201c und sich dieser Handlung sehr bewusst ist. Als Beispiel daf\u00fcr sei z.B. die M\u00f6glichkeit erw\u00e4hnt, eine Art Tarotset in den nordischen Kontext zu stellen, wie es Voenix mit seinem Kartendeck in einer k\u00fcnstlerisch sehr ansprechenden Form getan hat. Das Konzept ist sicherlich nicht historisch, aber das wird dort auch nicht behauptet. Ein solches Set geh\u00f6rt nicht zu meinen Utensilien f\u00fcr ein Ritual, aber es hat in meinen Augen, mehr als jedes \u201eGolden Dawn\u201c-Deck, seinen Platz im Asatru verdient. Die Grenzen dessen, was noch zu Asatru geh\u00f6rt und was nicht, werden heutzutage sehr unterschiedlich und individuell definiert. Dennoch gibt es in Ermangelung eines besseren Begriffes ein \u201eGrundrauschen\u201c, welches das diffuse Gruppengef\u00fchl widerspiegelt, was zu weit hergeholt erscheint und was nicht. Dieses Grundrauschen mag einer gewissen Mode gegen\u00fcber nicht ganz unempf\u00e4nglich sein und es mag sich von einer Gruppe zur anderen unterscheiden, es spiegelt aber die Bed\u00fcrfnisse der Gl\u00e4ubigen wider und das ist es schlie\u00dflich, was letztlich z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt dieser konstruierten Rituale ist der sehr wichtige Bereich der Improvisation. Sehr viele Elemente moderner Rituale des Asatru entstammen einem pl\u00f6tzlichen Einfall eines Bl\u00f3t-Teilnehmers, den dieser sofort bei der Kulthandlung spontan in die Tat umsetzte. Solche spontanen Handlungen werden wiederholt, wenn sie bei den Anwesenden eine Saite zum klingen bringen und das Bl\u00f3t insgesamt bereichern. So entwickeln sich neue Traditionen, in meinen Augen ein Zeichen einer lebendigen, sich entwickelnden Religion. Auf jeden Fall aber muss der Anschein vermieden werden, es handele sich bei in Wirklichkeit rekonstruierten, konstruierten oder spontan improvisierten Handlungen um altehrw\u00fcrdige, Jahrtausende alte Traditionen. Es gibt F\u00e4lle genug, wo genau dieser Eindruck bei Menschen bewusst erzeugt und gen\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p>Kritik am Ritual sei jedem gestattet, wenn auch mit dem n\u00f6tigen Respekt. Da es den Teilnehmern eine wichtige, ja heilige Handlung ist, ist eigene Kritik am ehesten dadurch zu verwirklichen, dass man sich beim n\u00e4chsten Mal meldet und eigene Vorstellungen in die Gestaltung einbringt. Der Ablauf der Handlungen wird in der Regel vorher durchgesprochen, und solche Gespr\u00e4che bieten Raum f\u00fcr Ver\u00e4nderungsvorschl\u00e4ge auch bei vermeintlich festen Bestandteilen des Bl\u00f3t. Auf diese Weise wird sich schnell herausstellen, ob die eigene Idee praktikabel und gruppentauglich ist. Asatru ist eine Religion der Macher, nicht der Sch\u00e4fchen, die sich f\u00fchren lassen m\u00fcssen und sich dann wundern, wenn das an der Schlachtbank endet \u2026<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2004 in Herdfeuer 6\u00a0<\/strong><em><strong><\/strong><\/em><strong><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine pers\u00f6nliche Betrachtung des Kultes im modernen Asatru von Christian Bartel Das Ritual ist sich wiederholende Handlung und damit Sicherheit. Von ihrer Intention unterscheiden sich die Rituale des Asatru nicht so sehr von denen anderer Religionen. 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