{"id":330,"date":"2005-12-21T20:05:19","date_gmt":"2005-12-21T19:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=330"},"modified":"2025-08-24T20:05:40","modified_gmt":"2025-08-24T18:05:40","slug":"die-angeln-und-der-ursprung-der-englaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/die-angeln-und-der-ursprung-der-englaender\/","title":{"rendered":"Die Angeln und der Ursprung der Engl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p>von Kurt Oertel<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Heimat der Angeln liegt im S\u00fcden der j\u00fctischen Halbinsel in einem Gebiet, das Teile des heutigen Schleswig-Holsteins und s\u00fcdlichen D\u00e4nemarks umfasst. Das eigentliche Kernland dieser Gegend, die Ostsee-Region zwischen der Flensburger F\u00f6rde und der Schlei, tr\u00e4gt auch heute noch den Namen Angeln, wobei aber sicher scheint, dass nicht die Gegend nach dem Volk, sondern umgekehrt das Volk nach diesem wohl \u00e4lteren Landschaftsnamen benannt ist, der einfach nur \u201eEnge\u201c oder \u201eWinkel\u201c bedeutete. Die Angeln lebten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Sachsen im S\u00fcdwesten, den Langobarden im S\u00fcdosten und den J\u00fcten im Norden (die noch nichts mit den D\u00e4nen zu tun hatten, die erst sp\u00e4ter aus S\u00fcdschweden zuwanderten). Der alte Machtbereich der Angeln muss allerdings weit gr\u00f6\u00dfer gewesen sein als die heutige gleichnamige Gegend, denn andernfalls h\u00e4tten sich ihre sp\u00e4teren Wanderungsbewegungen nicht so eindeutig in das Nordseegebiet gerichtet. Sprachwissenschaftlich bezeichnet \u201eanglisch\u201c zwei altenglische Dialekte, die uns aus den englischen Gegenden Northumbria und Mercia des 8. Jahrhunderts belegt sind. Ob die sich direkt auf das Anglische der Schleswig-Holsteiner zur\u00fcckleiten lassen, ist dabei eine m\u00fc\u00dfige Frage. F\u00fcr Letzteres haben wir au\u00dfer ein paar Personennamen und fr\u00fchen Runeninschriften n\u00e4mlich keine Zeugnisse, und die zeigen, dass sich das Germanische damals noch kaum in die sp\u00e4teren Zweige auseinanderentwickelt hatte. Erstmals erw\u00e4hnt werden die Angeln von Tacitus in seiner<span>\u00a0<\/span><em>Germania,<\/em><span>\u00a0<\/span>der sie unter den Nerthus-Verehrern aufz\u00e4hlt. Ob er sie den Sueben zurechnet, die am Angang des n\u00e4chsten Kapitels erw\u00e4hnt werden, ist wegen der schwierigen Bez\u00fcge im lateinischen Original unklar. Das aber tut 50 Jahre sp\u00e4ter Ptolemaios, lokalisiert den Stamm aber v\u00f6llig falsch, wenn sein Begriff Sueben Angeilen (Suhbwu tou Aggeilwu) sich denn \u00fcberhaupt auf die Angeln bezieht. Arch\u00e4ologische Funde scheinen zu best\u00e4tigen, dass sie nicht schon immer in Schleswig-Holstein lebten, sondern im Lauf des 1. Jahrhunderts v.d.Z. langsam aus den suebischen Gebieten an der oberen Elbe zuwanderten.<\/p>\n<p>Schleswig-Holstein war damals sehr viel bewaldeter als heute, allerdings nicht mit den f\u00fcr heute so typischen Buchen, sondern mit Eichen, Ulmen, Linden und Birken. Der Boden in den Marschen des Westens ist hervorragendes Ackerland, der Osten des Landes trotz lehmigerer Bodenbeschaffenheit ebenfalls, lediglich durch die Mitte des Landes zieht sich von Norden nach S\u00fcden ein sandiger Bodenr\u00fccken, die Geest, der ackerbaulich weniger ergiebig ist. Auch heute noch ist Angeln rein landwirtschaftlich gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Man kennt zahlreiche Siedlungen, wenn auch bisher nur wenige von ihnen arch\u00e4ologisch genau dokumentiert sind. Die Menschen lebten in inselartig verstreut liegenden kleinen Siedlungen und Einzelgeh\u00f6ften, die wirtschaftlich v\u00f6llig unabh\u00e4ngig waren. Der Boden gab auch Raseneisenerze her, die im Tauschhandel verbreitet wurden. Die vorherrschende Hausform war das aus Holz errichtete Langhaus, das in Norddeutschland seit der Bronzezeit belegt ist und bis zu 30 Meter lang und 7 Meter breit sein konnte. Der Wohnbereich bildete dabei den kleineren Teil, den gr\u00f6\u00dften Teil des Hauses nahm der Stall ein, der bis zu 30 K\u00fchen Platz bot und bereits dasselbe System von Viehboxen aufwies, wie bis in neueste Zeit hinein, denn \u00fcber den Winter musste das Vieh im Stall gehalten werden, was einer entsprechenden Vorratshaltung bedurfte. Um das Haus herum waren Backofen, Brunnen, Vorratsgeb\u00e4ude (die auf Pf\u00e4hlen errichtet wurden, um die Ernte vor der Bodenfeuchtigkeit und der ewigen Gier der Nager zu sch\u00fctzen) sowie Arbeitsst\u00e4tten zum Schmieden und Weben. Letztere waren meistens sogenannte Grubenh\u00e4user, die \u00e4u\u00dferlich zwar nicht viel hermachten, die aber eine Menge Vorteile hatten. Sie bestanden aus einer ausgeschachteten Grube, \u00fcber der lediglich ein Dach errichtet wurde, w\u00e4hrend Boden und W\u00e4nde der Grube mit Brettern verkleidet werden konnten. Diese Konstruktionen waren im w\u00f6rtlichsten Sinne unaufw\u00e4ndig zu errichten, da sie keiner tragenden W\u00e4nde bedurften. Bereits Plinius berichtet im 1. Jahrhundert, dass germanische Frauen ihre Webarbeiten in \u201eErdh\u00e4usern\u201c verrichteten. Die Luftfeuchtigkeit darin verhinderte, dass der empfindliche Flachs bei der Leinenherstellung zu schnell spr\u00f6de wurde und brach.<\/p>\n<p>Das wichtigste Haustier war eine kurzhornige Rinderart, die lediglich ein H\u00f6chstgewicht von 250 kg erreichte. Es gibt keine Hinweise auf die Schlachtung von K\u00e4lbern, was zeigt, dass K\u00fche in erster Linie dem Gewinn von Milchprodukten dienten, nat\u00fcrlich auch als Zugtiere f\u00fcr Pflug, Egge und Wagen. Auch Ochsen kannte man. Sie waren starke, aber umg\u00e4ngliche Zugtiere und gaben sehr viel mehr Fleisch, wenn sie geschlachtet wurden.<\/p>\n<p>Pferde (die ebenfalls wesentlich kleiner als heute waren) benutzte man nat\u00fcrlich zum Reiten, aber in vielen F\u00e4llen wurden sie bereits im ersten Lebensjahr geschlachtet und verzehrt. Zwar ist die Pferdet\u00f6tung als religi\u00f6ses Opfer nicht nur bei den Germanen, sondern bei etlichen indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lkern gut belegt, die meisten Pferdeknochen aber wurden nicht als Reste eines Opfers, sondern im normalen Hausm\u00fcll entdeckt. Somit scheint der Genuss von Pferdefleisch auch als t\u00e4gliche Nahrung sehr viel \u00fcblicher als der von Rindfleisch gewesen zu sein, was die Vorstellung widerlegt, Pferd sei eine dem Opferschmaus vorbehaltene Speise gewesen. Schafzucht war eher in den offenen R\u00e4umen der Westk\u00fcste verbreitet, der Ostteil des Landes mit seinen W\u00e4ldern bot sich mehr zur Schweinehaltung an, was durch die Arch\u00e4ologie auch best\u00e4tigt wird. Die Haltung von Ziegen, H\u00fchnern, G\u00e4nsen und Enten ist ebenfalls belegt, aber wir wissen nicht genau, welche Rolle sie als Nahrung spielten. Im Gegensatz zu weitverbreiteten Klischees spielte die Jagd als Nahrungsgrundlage so gut wie gar keine Rolle, wohingegen Fischfang nat\u00fcrlich \u00fcberall dort betrieben wurde, wo er m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Die wichtigste Getreidesorte war Gerste, gefolgt von Roggen, Hafer und Hirse. Weizen war praktisch noch unbekannt. Saubohnen waren ebenfalls ein wichtiger Nahrungsanteil, genauso wie Wildpflanzen, Beeren und Fr\u00fcchte. Alle hier erw\u00e4hnten Lebensumst\u00e4nde waren aber nat\u00fcrlich nicht nur f\u00fcr die Angeln kennzeichnend. Alle norddeutschen V\u00f6lker lebten so, und in der Hinsicht d\u00fcrfte es keinerlei Unterschiede zwischen Angeln und anderen germanischen Gruppen gegeben haben. Dennoch darf man sich die Zust\u00e4nde nicht als harmonische, l\u00e4ndliche Idylle vorstellen. Seit 500 v.u.Z. war es im Norden zu einer zunehmenden klimatischen Abk\u00fchlung gekommen (die sich erst ab dem Fr\u00fchmittelalter 1000 Jahre sp\u00e4ter wieder umkehren sollte). Die Sommer waren oft verregnet, und die dadurch bedingten Missernten hatten bitterste Hungersn\u00f6te im Gefolge. Die Winter waren lang, kalt und ern\u00e4hrungstechnisch stets eine Sache auf Leben und Tod. Die Skelette der Zeit zeigen durchweg Wachstumssch\u00e4den aufgrund von Mangel- und Unterern\u00e4hrung und die Z\u00e4hne aufgrund des beim Mahlen zwangsl\u00e4ufig in das Getreide geratenden Steinmehls einen erschreckenden Abrieb. Die durchschnittliche Lebenserwartung war gering, und wer ausnahmsweise das Alter von 40 wirklich erreichte, muss als Greis gegolten haben.<\/p>\n<p>Eine altenglische Quelle berichtet uns die Geschichte von Offa, dem Sohn K\u00f6nig Warmunds. Offa ist ein kr\u00e4ftiger junger Mann, strebt im Gegensatz zu seinen Altersgenossen aber nicht nach Heldenruhm. Als sein altersblinder Vater von dem Suebenherrscher zum Kampf um das K\u00f6nigreich herausgefordert wird, ist es zum Erstaunen aller jedoch der waffenunkundige Offa, der das Duell annimmt und seinem Volk die Freiheit bewahrt, indem er die beiden S\u00f6hne des Suebenherrschers in einem tapferen Einzelkampf t\u00f6tet. Sogar in der altenglischen Version spielt die Geschichte noch in Schleswig-Holstein, und der Kampf findet auf einer Eider-Insel statt, die so genau beschrieben wird, dass Heimatforscher immer wieder versuchen, den Ort endg\u00fcltig in gro\u00dfr\u00e4umiger N\u00e4he Rendsburgs zu lokalisieren.<\/p>\n<p>Die Forschung billigt der Geschichte durchaus einen wahren Kern zu, n\u00e4mlich insofern, als sich hier die historischen Vorg\u00e4nge widerspiegeln k\u00f6nnten, durch die die Angeln durch Abspaltung von den Sueben zu einem eigenen Volk wurden. Wenn der Stammbaum des sp\u00e4teren ostenglischen K\u00f6nigs Offa (757-796), der seine Abstammung in der 12. Generation von seinem schleswig-holsteinischen Namensvetter herleitete, \u00fcberhaupt irgendeinen historischen Wert hat, k\u00f6nnte man diese Vorg\u00e4nge ganz grob in die Zeit um 350 ansetzen. Andererseits bieten diese sp\u00e4teren englischen Stammb\u00e4ume aber die einzig m\u00f6gliche Quelle \u00fcberhaupt f\u00fcr solche Datierungen, die deshalb sehr unsicher sind. Und da Tacitus sie schon um das Jahr 98 erw\u00e4hnt, muss die Abspaltung der Angeln auch nach arch\u00e4ologischem Befund zu einem eigenen Volk sehr viel fr\u00fcher passiert sein, was die \u201e12. Generation\u201c zu einer rein poetischen Formel werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Geschichte bietet aber einen weiteren interessanten Hinweis: Im Gegensatz z.B. zu den Sachsen h\u00e4tten die Angeln demnach bereits in ihren alten Tagen die Institution des K\u00f6nigtums gekannt. Die Sachsen kannten dergleichen scheinbar noch nicht einmal im 9. Jahrhundert in ihren Kriegen gegen Karl den Gro\u00dfen (sondern hatten erst seit dem 7. Jahrhundert ausschlie\u00dflich f\u00fcr den Kriegsfall gew\u00e4hlte Herz\u00f6ge) und scheinen diese Institution in England lediglich deshalb \u00fcbernommen zu haben, weil sie dort mit g\u00e4nzlich anderen politischen Gegebenheiten konfrontiert waren. Somit d\u00fcrfte wohl auch das angeblich alte K\u00f6nigtum der Angeln eine geschichtliche R\u00fcckprojektion altenglischer Zust\u00e4nde auf die Vergangenheit sein.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmte altenglische Vers-Epos<span>\u00a0<\/span><em>Beowulf<\/em><span>\u00a0<\/span>ist eine urspr\u00fcngliche Dichtung der Angeln, die in ihrer heute bekannten Form allerdings erst um das Jahr 700 in England entstand. Obwohl es in einem wests\u00e4chsischen Dialekt gehalten ist, deuten sprachliche Kriterien darauf hin, dass es urspr\u00fcnglich in dem anglischen Dialekt von Mercia verfasst wurde. Der Sagenstoff selbst wurde aber sicherlich schon durch sie mit nach England gebracht. Sie m\u00fcssen also bereits in \u00e4ltester Zeit ein reiches Verm\u00e4chtnis an Dichtung und \u00dcberlieferungen besessen haben, was keine \u00dcberraschung darstellt. Gleichzeitig zeigt die Kenntnis des Beowulf-Stoffes, dass sie enge Kontakte zu jenen s\u00fcdschwedischen Gegenden besa\u00dfen, in der man den historischen Ursprung der Beowulf-Geschichte ansiedelt, eine Verbindung, die auch von der Arch\u00e4ologie best\u00e4tigt wird.<\/p>\n<p>Man hat in Schleswig-Holstein noch keine einzige Bestattung finden k\u00f6nnen, die sich als \u201eK\u00f6nigsgrab\u201c deuten lie\u00dfe, der Hinweis auf ein anglisches K\u00f6nigtum in der Offa-Sage d\u00fcrfte also durchaus Legende sein. Aber aus den ersten Jahrhunderten n.d.Z. gibt es zumindest eindeutige Belege f\u00fcr gesellschaftliche Unterschiede und f\u00fcr die zunehmende Herausbildung einer Ober- und Kriegerschicht. Die gebr\u00e4uchlichste Ausr\u00fcstung bestand aus Schild und Speer. Schwerter \u2013 vor allem gute \u2013 waren dagegen ausgesprochene Luxusgegenst\u00e4nde, wie auch noch sp\u00e4ter in der Wikingerzeit. Man hat zahlreiche r\u00f6mische M\u00fcnzen wie auch andere Gegenst\u00e4nde r\u00f6mischer Herkunft gefunden, aber wir wissen nicht, ob diese als Handelsg\u00fcter, Kriegsbeute oder als Mitbringsel anglischer S\u00f6ldner in r\u00f6mischen Diensten ins Land kamen \u2013 wahrscheinlich als Kombination aus all diesen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns aber gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, zumindest zwei religi\u00f6se Zentralheiligt\u00fcmer der Angeln zu kennen. Das erste ist das Thorsberger Moor in der heutigen Kleinstadt S\u00fcderbrarup. Dieses ehemalige Opfermoor ist heute ein friedlicher kleiner See, umgeben von einem kleinen Baumbestand, an den die H\u00e4user aber immer n\u00e4her heranr\u00fccken. Es f\u00e4llt schwer, den alten Zauber des Ortes zu sp\u00fcren, da er sich so ver\u00e4ndert hat. Der Reichtum an Opferfunden aus diesem Moor ist beachtlich. Die bedeutendsten dieser Funde sind heute im Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig zu bewundern und belegen, dass das Moor vom 1. bis zum 5. Jahrhundert als Kultst\u00e4tte diente, \u00e4lteste Funde aber bis in die Bronzezeit zur\u00fcckreichen. Als Opfer wurden die verschiedensten Gegenst\u00e4nde dargebracht: Schmuck, Waffen, Kleidung, Keramik usw. (wobei in letzterem Fall nat\u00fcrlich nicht die Gef\u00e4\u00dfe, sondern ihr Inhalt \u2013 Nahrungsprodukte \u2013 das Opfer waren). Auch einige der fr\u00fchesten Runeninschriften wurden hier gefunden. Einen kurzen Fu\u00dfweg entfernt liegt die \u201eHeilige Quelle\u201c, noch heute so bezeichnet, deren Verehrung ebenfalls auf vorchristliche Zeit zur\u00fcckgehen d\u00fcrfte. In s\u00fcdlicher Angrenzung an die Quelle (unter dem heutigen Sportplatz) wurden zahlreiche Siedlungsspuren nachgewiesen. Die Attraktivit\u00e4t des Ortes hat hier wohl eine Siedlung entstehen lassen, die die Ausma\u00dfe der sonstigen Kleinstsiedlungen \u00fcbertraf und schon in alter Zeit ein regionales Handelszentrum war. So viel die Moorfunde auch \u00fcber die rein materielle Kultur aussagen, so wenig enth\u00fcllen sie nat\u00fcrlich \u00fcber die religi\u00f6sen Zeremonien selbst wie auch dar\u00fcber, welche Gottheiten hier verehrt wurden. Der Name Thorsberg entstand n\u00e4mlich erst sp\u00e4ter, als in der fr\u00fchen Wikingerzeit von Norden her d\u00e4nische Siedler in das Land einsickerten, an die heute noch all die mit -by endenden Ortsnamen der Gegend erinnern. Da religi\u00f6se Ortsnamen aber \u00e4u\u00dferst z\u00e4hlebig sind und oft auch einen Bev\u00f6lkerungs- oder Religionswechsel \u00fcberdauern, ist es durchaus m\u00f6glich, dass dieses Moor auch bei den Angeln bereits dem Thunaraz (Thor) geweiht war.<\/p>\n<p>Das zweite gro\u00dfe Heiligtum befand sich bei Nydam (kurz hinter der heutigen d\u00e4nischen Grenze). Dort fand sich im Boden eine ungeheure Menge an Kriegsausr\u00fcstung. Der spektakul\u00e4rste Fund dort aber war das ber\u00fchmte Nydam-Boot, das zusammen mit den anderen Funden aus Nydam und Thorsberg heute ebenfalls in Schleswig zu sehen ist. Dieses hervorragend erhaltene Schiff mit einer L\u00e4nge von knapp 23 m L\u00e4nge (aber nur 80 cm Tiefgang!) erinnert bereits sehr an die sp\u00e4teren Langschiffe der Wikingerzeit. Es ist das erste Schiff im Klinkerbau aus Nordeuropa, das wir kennen, und seine mit den Planken \u201evern\u00e4hten\u201c und nicht vernagelten Spanten gaben ihm die n\u00f6tige Elastizit\u00e4t als hochseet\u00fcchtiges Gef\u00e4hrt. Es hatte allerdings noch keinen Mast, sondern wurde von einer Rudermannschaft angetrieben.<\/p>\n<p>Auch der Fundort bei Nydam war urspr\u00fcnglich ein Moor. Heute erstrecken sich dort Wiesen in l\u00e4ndlicher Umgebung mit ein paar H\u00e4usern in Sichtweite, und die fr\u00fchere Heiligkeit des Ortes l\u00e4sst sich hier noch weniger erahnen als in S\u00fcderbrarup. Der gewaltige Waffenfund wird dahingehend gedeutet, dass hier eine gro\u00dfe Zahl Angreifer von den ihre Heimat verteidigenden Angeln besiegt wurde. Die Waffen, Pferde und ein Schiff der Besiegten wurden daraufhin als Dankesopfer an die G\u00f6tter in dem Moor versenkt, wobei Letzteres 3 km \u00fcber Land geschleppt werden musste (wir wissen von zwei kleineren weiteren Schiffen, die aber in den Kriegshandlungen 1864 verloren gingen, denn zur Zeit der Ausgrabungen wurde der Ort zum Schlachtfeld im preu\u00dfisch-d\u00e4nischen Krieg).<\/p>\n<p>Die Angreifer m\u00fcssen nicht zwangsl\u00e4ufig Fremde von einer fernen K\u00fcste gewesen sein. Ihre rein germanische Ausr\u00fcstung legt eher nahe, dass es Nachbarn waren, m\u00f6glicherweise von der d\u00e4nischen Inselwelt her kommend, vielleicht aber sogar selbst Angeln aus dem S\u00fcden. Eine Analyse des Eichenholzes bewies, dass das Schiff im Jahr 320 im westlichen Ostseebereich gebaut worden sein muss, also irgendwo an der K\u00fcste zwischen dem heuten D\u00e4nemark und Mecklenburg-Vorpommern. Da die Waffenmenge aber die einer einzigen Schiffsbesatzung weit \u00fcbersteigt, ist davon auszugehen, dass es m\u00f6glicherweise eine Flotte von Angreifern war und nicht nur ein Schiff. Die Funde belegen jedenfalls nicht nur eine ausgepr\u00e4gte innergermanische Kriegskultur fernab der r\u00f6mischen Grenzen lange vor der Wikingerzeit, sondern machen auch klar, dass hier bereits nach Waffengattungen professionell eingeteilte Gefechtsverb\u00e4nde operierten, die wahrscheinlich nicht mehr dem Stammesf\u00fchrer, sondern Offizieren und Gener\u00e4len unterstanden. Die Germanen haben schnell von den R\u00f6mern gelernt, ob sie wollten oder nicht: Durchorganisiertes Milit\u00e4rwesen und Kriege im gro\u00dfen Stil waren Ausdruck einer neuen Zeit, in der die alten Stammeskulturen verblassten und sich gr\u00f6\u00dfere politische Strukturen entwickelten.<\/p>\n<p>Wer immer ein solches Unternehmen leitete, war mit gro\u00dfen logistischen Herausforderungen konfrontiert: Kapital musste angesammelt werden, um die Schiffe zu bauen und die M\u00e4nner mit Waffen auszustatten. Vor allem die gefundenen zweischneidigen Hiebschwerter konnten nur mit guten Beziehungen aus dem R\u00f6mischen Reich beschafft werden, denn in der Qualit\u00e4t waren sie vor Ort nicht herstellbar. Und vor allem: Er musste erfolgreich sein. Der Anf\u00fchrer dieser Streitmacht war das zumindest nicht, und welches Schicksal die besiegten \u00dcberlebenden selbst erwartete, ist der Phantasie eines jeden Einzelnen \u00fcberlassen (menschliche \u00dcberreste waren zumindest nicht Teil dieses Mooropfers). Der Ur- und Fr\u00fchgeschichtler Michael Geb\u00fchr hat sich zu diesem Thema seine ganz eigenen und sehr menschlichen Gedanken gemacht:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWer trauert denn eigentlich um diese Leute, deren Waffen wir dort im Moor finden, diese Verlierer, die m\u00f6glicherweise nicht nach Hause zur\u00fcckgekehrt sind? Man ist ja von heute zu denken gewohnt, das sind die Witwen, Waisen und M\u00fctter, die da trauern. Wenn man sich aber in die damalige Zeit versetzt und bedenkt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen kaum \u00fcber 35 gelegen haben d\u00fcrfte, die S\u00f6hne aber erst im Alter von 18 bis 20 zum Heer stie\u00dfen, dann d\u00fcrften die meisten M\u00fctter gar nicht mehr am Leben gewesen sein, wenn die in den Krieg zogen. Und da Tacitus uns sagt, dass sie eigentlich erst heiraten und sich auf den Hof zur\u00fcckziehen, nachdem sie ihre kriegerische Zeit hinter sich haben, werden sie auch keine Witwen oder Waisen hinterlassen haben.\u201c<\/p>\n<p><cite>(Zitat aus der TV-Dokumentation<span>\u00a0<\/span><em>Ein Schiff f\u00fcr die G\u00f6tter<\/em><span>\u00a0<\/span>von Wilfried Hauke, NDR 2003)<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber die Deutung des Fundes als Opferung einer feindlichen Heeresausr\u00fcstung herrscht zwar weitgehend Einigkeit. Dem ist aber entgegengehalten worden, dass es keineswegs sicher ist, ob all diese Gegenst\u00e4nde zur selben Zeit in das Moor kamen. Und nach dem wenigen, was wir von dem verlorengegangenen zweiten Schiff wissen, scheint es sich dabei um eine weitaus \u00e4ltere Bauart gehandelt zu haben. Und in der Tat haben sorgf\u00e4ltige Nachgrabungen d\u00e4nischer Arch\u00e4ologen von 1989-1999 ergeben (die noch einmal fast ebenso viele Neufunde zu Tage brachten, wie die Grabungen von 1864), dass in dem Moor zwischen den Jahren 200 und 500 zumindest sechs Gro\u00dfopfer erfolgt sind. Dennoch werden die Interpretationen des Bootsopfers und seiner Beigaben dadurch kaum relativiert, wenn auch die alternative M\u00f6glichkeit eines Opfers als Dank f\u00fcr erfolgreiche eigene Raubz\u00fcge und Auspl\u00fcnderung der Nachbarn erwogen werden muss. Eine fr\u00fchere Hypothese war die, hier habe es sich um das Heiligtum einer \u201eSchiffsgottheit\u201c gehandelt. Eine solche w\u00e4re in sp\u00e4terer Zeit sofort mit Nj\u00f6rd zu verbinden, f\u00fcr \u00e4ltere Zeit bietet sich also die namensgleiche und f\u00fcr die Angeln bezeugte Nerthus an.<\/p>\n<p>Tacitus\u2019 ber\u00fchmte Mitteilungen \u00fcber diese G\u00f6ttin d\u00fcrften bekannt sein und brauchen deshalb hier nicht im Detail wiederholt zu werden. Er bezeichnet sie als<span>\u00a0<\/span><em>terra mater<\/em><span>\u00a0<\/span>(Erdmutter) und an seinem Bericht gibt es wenig Zweifelhaftes. Von allen vergleichbaren F\u00e4llen aber wissen wir, dass einer verehrten Erdg\u00f6ttin nat\u00fcrlich immer auch ein m\u00e4nnlicher Himmelsgott als Gemahl zugeordnet war. Wer k\u00f6nnte das bei den Angeln gewesen sein? Die n\u00e4chstliegende Wahl w\u00e4re nat\u00fcrlich Teiwaz (Tyr), der alte gemein-indoeurop\u00e4ische Himmelsgott, dessen Bedeutung in der sp\u00e4ten Wikingerzeit zwar sehr verblasst ist, der bei den kontinentalen Germanen aber noch einer der h\u00f6chsten G\u00f6tter gewesen sein muss. Wodan war damals zwar sicherlich schon bekannt, die Stellung sp\u00e4terer Zeit hatte er aber sicher noch nicht, und erst recht war er nicht \u201eG\u00f6tterk\u00f6nig\u201c, eine W\u00fcrde, die ihm erst die Neuzeit andichtete. Wir haben aber einen interessanten Hinweis auf einen anderen Namen.<\/p>\n<p>Unter den Thorsberg-Funden findet sich ein Ortband (der metallene untere Abschluss einer Schwertscheide) mit einer Runeninschrift aus dem 3. Jahrhundert, die man als Hinweis auf den Tr\u00e4ger deutet: o wl\u00feu\u00feewaz niwajemariz. Das erste isolierte -o- wird als \u201eEigentum von\u201c gedeutet (othala), das n\u00e4chste Wort bedeutet \u201edes Wulthuz Diener\u201c und das letzte Wort \u201eder nicht schlecht Ber\u00fchmte\u201c. Nun ist \u201eWulthuz\u201c (Herrlichkeit) aber nichts anderes, als die altgermanische Form des Namens Ullr, was belegt, dass auch Ullr in alter Zeit eine weit prominentere Stellung gehabt haben muss. Verstreute Hinweise deuten sogar darauf hin, dass er ein hoher Himmelsgott gewesen sein d\u00fcrfte. Deshalb muss man zumindest mit der M\u00f6glichkeit rechnen, dass Ullr der m\u00e4nnliche Partner der Nerthus gewesen sein k\u00f6nnte. Wenn es aber stimmen sollte, dass Ullr urspr\u00fcnglich lediglich ein anderer Name f\u00fcr Teiwaz war, w\u00fcrde sich der Kreis wieder schlie\u00dfen. Da f\u00fcr den Namen Nj\u00f6rd im Altnordischen aber nicht nur eine m\u00e4nnliche und weibliche, sondern auch eine Pluralform belegt ist, seine Kinder Freyr und Freyia ebenfalls als namensgleiches Zwillingspaar dargestellt sind und auch die Namensformen f\u00fcr Nerthus in den verschiedenen Handschriften der<span>\u00a0<\/span><em>Germania<\/em><span>\u00a0<\/span>nicht identisch sind, sondern in teilweise problematisch voneinander abweichender Form auftauchen, spricht einiges f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, auch im Fall Nerthus eine m\u00e4nnlich-weibliche Zwillingsgottheit annehmen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>\u00dcber das Land verteilt wurden zahlreiche weitere Opferfunde ausgegraben. Bei einem fanden sich zahlreiche Kuhh\u00f6rner, bei einem anderen mehr als 500 Glasperlen, ein ungew\u00f6hnlicher Fund f\u00fcr den Norden. Zusammen mit zahlreichen anderen Schmuckopfern haben wir hier sicherlich Hinweise auf einen sehr weiblichen Kult. Leider k\u00f6nnen wir kaum mehr dar\u00fcber sagen. Aber die religi\u00f6se Bedeutung hinter all diesen Opfern k\u00f6nnte genauso unterschiedlich sein wie die Opfergaben selbst. Im Gegensatz zu den Zentralheiligt\u00fcmern von Thorsberg und Nydam haben wir es hier eindeutig mit individuellen Opfern von Bauern und kleinen Gruppen aus entlegenen Ansiedlungen zu tun, deren archaische und bodenst\u00e4ndige religi\u00f6se Vorstellungen kaum Niederschlag in der sp\u00e4teren Hoch-Mythologie der Edda gefunden haben d\u00fcrften.<\/p>\n<p>In dem kleinen Ort Gallehus kurz hinter der heutigen d\u00e4nischen Grenze wurden nacheinander (1639 und 1734) von Einheimischen zwei gro\u00dfe Goldh\u00f6rner gefunden, die allein schon vom Goldgewicht her einen immensen Schatz darstellten und bei denen es sich zweifellos um Kultger\u00e4te gehandelt hat. Wie sie in den Boden gelangten, ob als Opfer oder Sicherungsma\u00dfnahme in Kriegszeiten, wissen wir nicht. Weitere Gegenst\u00e4nde wurden dort jedenfalls nicht entdeckt. Bereits damals erkannte man den wissenschaftlichen Wert des Fundes, und so gelangten die H\u00f6rner in die K\u00f6nigliche Sammlung in Kopenhagen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie gestohlen und von den Dieben sofort eingeschmolzen. Die T\u00e4ter wurden zwar schnell gefasst und hart bestraft, die H\u00f6rner selbst aber sind uns verloren. Gl\u00fccklicherweise existieren sehr gute und detaillierte Zeichnungen der bildlichen Darstellungen auf den H\u00f6rnern, die ihrer Art nach eigentlich nur mythologischen Inhalts sein k\u00f6nnen. Dennoch ist es bis heute nicht einmal ansatzweise gelungen, sie befriedigend zu deuten oder mit uns bekannten Inhalten der germanischen Religion zur Deckung zu bringen, auch wenn das immer wieder in phantasievollen und hochspekulativen Ans\u00e4tzen versucht wird. Deshalb wurde auch die Vermutung ge\u00e4u\u00dfert, die H\u00f6rner m\u00fcssten in einem ganz anderen Kulturraum entstanden sein (wie das z.B. f\u00fcr den in J\u00fctland gefundenen ber\u00fchmten Silberkessel von Gundestrup aufgrund metallurgischer Analysen erwiesen ist, der danach eindeutig thrakisch-keltischer Herkunft ist und somit als Geschenk, Handelsgut oder Beute in den Norden gelangt sein muss). Die Runeninschrift auf einem der H\u00f6rner aber beweist das Gegenteil, wenn denn der Runenmeister kein schamloser L\u00fcgner war. Hier finden wir das \u00e4lteste schriftlich belegte Beispiel f\u00fcr den germanischen Stabreim: \u201eEk hlewagastiz holtijaz horna tawido\u201c (Ich, Hlewagastiz aus Holt, machte [dieses] Horn). Das Wort \u201eholtijaz\u201c k\u00f6nnte man zwar auch als \u201eSohn des Holt\u201c deuten, sehr viel wahrscheinlicher aber liegt hier eine Ortsbezeichnung vor, von der eine direkte Linie zu dem mittelalterlichen Volksnamen der Holsten bis hin zum heutigen Landesnamen Holstein zu ziehen ist, der nichts mit \u201eStein\u201c zu tun hat, sondern eben mit \u201eHolst\u201c (Geh\u00f6lz, Wald) und lediglich \u201eWaldland\u201c bedeutet. Bis ins sp\u00e4te 18. Jahrhundert hinein waren gro\u00dfe Teile Ost-Holsteins noch von einem riesigen und als undurchdringlich geltenden Waldgebiet bedeckt, das deshalb den Namen Isarnho bzw. d\u00e4nisch Jarnvi\u00f0 trug. Beide Begriffe bedeuten \u201eEisenwald\u201c, und selbst der gro\u00dfe isl\u00e4ndische Gelehrte Sigur\u00f0ur Nordal konnte nicht umhin, hier einen m\u00f6glichen Zusammenhang mit dem \u201eEisenwald\u201c aus Str. 40 der<span>\u00a0<\/span><em>V\u00f6lusp\u00e1<\/em><span>\u00a0<\/span>zu sehen.<\/p>\n<p>Die spektakul\u00e4rsten Funde aus den Zeiten der Angeln aber sind wohl die Moorleichen. Die chemische Zusammensetzung der Moore hat eine Verwesung der Toten verhindert, sodass einige dieser K\u00f6rper gut erhalten sind. Nat\u00fcrlich geben diese Leichen eine Vielzahl anthropologischer Erkenntnisse her. Da es uns hier aber vordringlich um Aspekte der Religion geht, steht nat\u00fcrlich sofort das Stichwort \u201eMenschenopfer\u201c bzw. \u201eTodesstrafe\u201c im Raum, wie es durch Tacitus gerade in Verbindung mit Mooren auch schriftlich belegt ist. Nun scheinen aber nicht all diese Toten auf dieselbe Weise ins Moor gelangt zu sein. Einige k\u00f6nnen schlicht verirrte Wanderer gewesen sein, die dort ungl\u00fccklich ertranken. Im Fall einer Moorleiche aus Niedersachsen wurde mit modernsten kriminaltechnischen Methoden glaubhaft gemacht, dass hier lediglich ein Mord vertuscht werden sollte. Andere K\u00f6rper aber zeigen Symptome ritueller T\u00f6tung und Ma\u00dfnahmen, die die Wiederkehr des Toten verhindern sollten. Einer der umstrittensten F\u00e4lle war lange der des \u201eM\u00e4dchens von Windeby\u201c, das in der N\u00e4he von Eckernf\u00f6rde entdeckt wurde. Lange Zeit galt es als sicher, dass sie als Strafe f\u00fcr Ehebruch get\u00f6tet und im Moor versenkt wurde. Einige Details schienen auch daf\u00fcr zu sprechen. Neueste genetische Untersuchungen aber haben erwiesen, dass es sich gar nicht um ein M\u00e4dchen handelt, sondern um einen ca. 14-j\u00e4hrigen Jungen, der vermutlich an einer Krankheit starb und von einer Familie liebevoll an einer Stelle beerdigt wurde, die erst kurz danach vermoorte.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden empfindsamen Menschen ist die Konfrontation mit diesen Toten ein bewegendes Erlebnis. Man schaut in ihre Gesichter und fragt sich, was sie wohl gef\u00fchlt haben. Und man ahnt pl\u00f6tzlich, dass sie im Grunde mit denselben Bed\u00fcrfnissen, W\u00fcnschen, Tr\u00e4umen und \u00c4ngsten wie man selbst gelebt haben. Aber auch wenn einen in diesem Moment \u00e4u\u00dferlich nur Zentimeter von ihnen trennen, wird einem gleichzeitig bewusst, dass man geistig diesen ungeheuren Abgrund der Zeit von fast 2000 Jahren, der uns von ihnen trennt, nicht \u00fcberbr\u00fccken kann, weil die Welt und ihre Wahrnehmung damals so grundverschieden von der unseren war. Diese auf viele Menschen verst\u00f6rend wirkende Erfahrung hat zu Protesten dar\u00fcber gef\u00fchrt, dass Moorleichen \u00fcberhaupt in Museen gezeigt werden. Hinter dieser Haltung d\u00fcrfte in den meisten F\u00e4llen aber ein generelles Unbehagen stehen, wie es f\u00fcr unsere den Tod verdr\u00e4ngende Gesellschaft bei Konfrontation mit dem Thema typisch ist. Wenn man sich auf diese Begegnung aber innerlich bereitwillig einl\u00e4sst, kann sie einem sehr viel geben. Wenn man sich ihnen mit offenem Geist n\u00e4hert und ihre W\u00fcrde respektiert, verwandeln sie sich zu wahren Botschaftern aus einer anderen Welt. Und wenn man danach aus dem verdunkelten Raum wieder ins Sonnenlicht hinaustritt, kann man vielleicht sp\u00fcren, dass sie einem ihre Geschichte erz\u00e4hlt haben \u2026<\/p>\n<p>Gegen Mitte des 5. Jahrhunderts muss die durch die klimatischen Verh\u00e4ltnisse bedingte landwirtschaftliche Notsituation ein solches Ausma\u00df angenommen haben, dass die Menschen aufgaben und ihre Wohnsitze verlie\u00dfen. Es ist schwer zu glauben, aber es gibt kaum Anzeichen daf\u00fcr, dass in den nachfolgenden 300 Jahren \u00fcberhaupt Menschen in dem an sich sehr fruchtbaren Land gelebt haben. Erst in dem nun wieder w\u00e4rmer werdenen Klima danach sickerten von Norden d\u00e4nische Siedler in das Gebiet ein, w\u00e4hrend sich von S\u00fcdosten her \u00fcber weite Teile Holsteins slawische Siedler ausbreiteten. Das Wikingerzeitalter war angebrochen und als Folge dessen entwickelte sich eine kleine Siedlung an der Schlei zu einem der wichtigsten Handelszentren Nordeuropas und schuf schnell ein ganz neues kulturelles und wirtschaftliches Umfeld: das weithin ber\u00fchmte Haithabu.<\/p>\n<p>Was aber war aus den Angeln und ihren Nachbarn, den J\u00fcten im Norden und den Sachsen im S\u00fcdwesten, geworden? Die arch\u00e4ologischen Befunde sind mit immer verfeinerteren Techniken wieder und wieder untersucht worden, und die Ergebnisse unterliegen heute keinem Zweifel mehr: Der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung hat das Land verlassen. Siedlungen wurden aufgegeben, die Belegung der Begr\u00e4bnisst\u00e4tten bricht ab und \u2013 eine der beweiskr\u00e4ftigsten Aussagen \u2013 Pollenanalysen der entsprechenden Erdschichten beweisen, dass keinerlei landwirtschaftliche Nutzpflanzen mehr angebaut wurden. Diese Tatbest\u00e4nde gelten als so gesichert, dass alle Fachleute eine m\u00f6gliche Fehlinterpretation der Befunde ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es sind altenglische Schriftquellen, aus denen wir nun pl\u00f6tzlich erfahren, dass genau zu dieser Zeit \u2013 n\u00e4mlich ab Mitte des 5. Jahrhunderts \u2013 V\u00f6lkerschaften aus Norddeutschland in Britannien auftauchten und das Land schon bald einen neuen Namen tragen sollte: England \u2013 Land der Angeln. Die Angelsachsen und sp\u00e4teren Engl\u00e4nder waren sich immer bewusst, dass der Ursprung ihres Volkes nicht in Britannien selbst lag. Die Schriftquellen \u00fcber die Ereignisse sind aber \u00e4u\u00dferst d\u00fcrftig und zudem sehr viel j\u00fcnger. Es handelt sich dabei vor allem um zwei Werke:<span>\u00a0<\/span><em>De Excidio et Conquestu Britanniae<\/em><span>\u00a0<\/span>des walisischen Geistlichen Gildas, das etwa 100 Jahre nach den darin beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben wurde, sowie die<span>\u00a0<\/span><em>Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum<\/em><span>\u00a0<\/span>des Beda von Jarrow, die erst 300 Jahre sp\u00e4ter entstand. Noch sp\u00e4tere Quellen, wie die Schriften des Simon von Durham oder die unter dem Namen<span>\u00a0<\/span><em>Anglo Saxon Chronicle<\/em><span>\u00a0<\/span>bekannte Auflistung historischer Daten, bieten zwar viel Interessantes \u00fcber die sp\u00e4teren angels\u00e4chsischen K\u00f6nigreiche, die uns hier interessierenden Vorg\u00e4nge aber verschwimmen in einem undurchdringlichen Nebel aus Mythen und Legenden. Vor allem der Versuch, das weitere Schicksal der Angeln selbst und das ihrer Religion dingfest zu machen, ist ein eher m\u00fchsames Unterfangen. Das konventionelle Bild der Geschehnisse, so wie es bis heute vor allem in popul\u00e4rwissenschaftlichen Darstellungen vermittelt wird, liest sich in etwa so:<\/p>\n<p>Nachdem die letzten r\u00f6mischen Truppen Britannien im Jahr 407 verlassen hatten, litt das Land schwer unter r\u00e4uberischen Einf\u00e4llen irischer Piraten und der als v\u00f6llig unzivilisert geltenden Pikten, die damals das heutige Schottland bev\u00f6lkerten und \u00fcber die wir kaum etwas wissen. Es ist bis heute nicht ganz klar, ob die Pikten selbst Kelten waren oder einer vor-indoeurop\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung angeh\u00f6rten. Als wahrscheinlicher gilt Letzteres, wenn auch bereits mit vereinzelten keltischen Einsprengseln und Einfl\u00fcssen gerechnet werden muss. Eine Keltisierung Schottlands aber erfolgte erst sehr viel sp\u00e4ter durch die aus Irland einwandernden und dem Land seinen Namen gebenden Skoten (eine Tatsache, die in Schottland allerdings ungern zur Kenntnis genommen wird und die man einem Schotten gegen\u00fcber im Gespr\u00e4ch lieber nicht erw\u00e4hnen sollte). Diese Raubz\u00fcge der Pikten m\u00fcssen wohl schnell eine solche Form angenommen haben, dass Vortigern (keltisch: Guorthigirn, lateinisch: Vertigernus, angels\u00e4chsisch: Wyrtgeorn), einer der britischen Kleink\u00f6nige, sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als germanische S\u00f6ldner anzuwerben, um des Problems Herr werden zu k\u00f6nnen. Diese Truppen unter ihren Anf\u00fchrern Hengist und Horsa aber meuterten nach einiger Zeit und erpressten so Siedlungsland f\u00fcr sich selbst, ein Erfolg, der weitere germanische Kriegertruppen ins Land lockte. Zudem verbreitete sich dadurch in Norddeutschland die Kunde, dass in Britannien reiche und fruchtbare Landschaften nur auf den warteten, der beherzt genug war, sie zu erobern. Also entschlossen sich die Angeln, J\u00fcten und gro\u00dfe Teile der Altsachsen zur Auswanderung, die man sich als V\u00f6lkerwanderung riesigen Ausma\u00dfes vorstellte, bei der die genannten V\u00f6lker unabh\u00e4ngig voneinander und als in sich geschlossene ethnische Einheiten wie eine gigantische Flutwelle das Land \u00fcberschwemmten. Trotz kriegerischen Widerstandes der Einheimischen wurden diese von den Einwanderern vor sich her in ihre k\u00fcnftigen R\u00fcckzugsbiete in Wales und Cornwall getrieben, wie welkes Laub in einem Herbssturm, bis durch die Schlacht am Mons Badonius (Badon Hill) die endg\u00fcltigen Siedlungsgrenzen zwischen Germanen und Kelten geschaffen wurden (die noch heute den Grenzen Englands zu Cornwall, Wales und Schottland entsprechen). Mehr als einmal wurden Parallelen zu der Besiedlung Nordamerikas gezogen, die ebenfalls ohne R\u00fccksicht auf die Existenz bereits dort lebender V\u00f6lker vonstatten ging. Keltische Briten, die nicht schnell genug flohen, seien entweder umgebracht oder versklavt worden.<\/p>\n<p>Dieses herk\u00f6mmliche Bild, wie es immer noch verbreitet wird, ist jedoch nicht nur viel zu vereinfacht, sondern scheint in wesentlichen Aspekten auch ganz klar falsch zu sein. Der Beginn dieser Geschichte klingt allerdings noch sehr glaubhaft: Es ist offensichtlich, dass Britannien im sp\u00e4ten 4. und fr\u00fchen 5. Jh. unter Angriffen und Beutez\u00fcgen benachbarter V\u00f6lkerschaften litt, und zwar nicht nur durch Pikten und Iren, sondern auch durch die an den Nordseek\u00fcsten lebenden Germanen, denn die milit\u00e4rische und politische Situation in Britannien nach Abzug der r\u00f6mischen Truppen lud geradezu dazu ein. Zudem besa\u00dfen die Germanen, die im Fall der s\u00e4chsischen Nordseepiraten ihre befestigten St\u00fctzpunkte an der s\u00fcdlichen Kanalk\u00fcste geographisch gezielt f\u00fcr \u00dcberf\u00e4lle auf Britannien angelegt hatten, eine Religion und Ideologie, die milit\u00e4risches Abenteuertum auch noch guthie\u00df \u2013 sowie einen \u00dcberschuss an Kriegern, die teilweise auch in r\u00f6mischem Dienst noch eine hervorragende Ausbildung genossen hatten.<\/p>\n<p>Die Briten reagierten durchaus, um dieser Herausforderung begegnen zu k\u00f6nnen: Regionale F\u00fchrerpers\u00f6nlichkeiten \u2013 man mag sie H\u00e4uptlinge, F\u00fcrsten oder Kleink\u00f6nige nennen \u2013 umgaben sich mit Kriegergefolgschaften, was zu einer rapiden Gesellschafts\u00e4nderung mit so manchen Merkmalen der keltischen Zust\u00e4nde aus vorr\u00f6mischer Zeit f\u00fchrte. Dass sich das offenbar recht schnell vollzog, spricht f\u00fcr ein geringes Ausma\u00df an Romanisierung und Verst\u00e4dterung. Und wenn es \u00fcberhaupt ein historisches Vorbild f\u00fcr den legend\u00e4ren K\u00f6nig Artus gegeben hat, dann muss das einer der Kleink\u00f6nige aus dieser Zeit gewesen sein (oder wahrscheinlicher: einer der Heerf\u00fchrer, denn in den \u00e4ltesten Quellen wird Artus nicht als K\u00f6nig sondern als<span>\u00a0<\/span><em>dux<\/em><span>\u00a0<\/span>bezeichnet). Anders als der Gro\u00dfteil der Landbev\u00f6lkerung hatten diese F\u00fcrsten offenbar alle schon das Christentum angenommen. Aber tats\u00e4chlich wissen wir sehr wenig \u00fcber sie.<\/p>\n<p>In der Wahl der germanischen Krieger als Verteidiger Britanniens hatte Vortigern auf den ersten Blick einen wahren Gl\u00fccksgriff getan. Sie kamen als geschlossene Kriegerverb\u00e4nde mit ihren eigenen Anf\u00fchrern, ihrer eigenen Ausr\u00fcstung und gr\u00f6\u00dfter Erfahrung im Einsatz ihrer Waffen. Das aber war nichts grunds\u00e4tzlich Neues, denn arch\u00e4ologische Funde belegen, dass sich diese Praxis der Rekrutierung von kontinentalen S\u00f6ldnern nahtlos an den r\u00f6mischen Abzug anschloss und wohl auch schon vorher g\u00e4ngige Praxis war. Zudem waren auch die \u201er\u00f6mischen\u201c Truppen in England keine italischen Legionen gewesen, wie man sie sich historischen Filmen nach vorzustellen neigt, sondern gallische<span>\u00a0<\/span><em>Comitatenses<\/em><span>\u00a0<\/span>mit hohem germanischen Anteil, sodass sich in den Augen der Briten die neuen germanischen S\u00f6ldner kaum von den \u201er\u00f6mischen\u201c Truppen unterschieden haben d\u00fcrften. Gerade die Sachsen waren bereits lange vorher als Krieger weithin ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt. Auch die R\u00f6mer setzten sie mit Vorliebe f\u00fcr \u00e4hnliche Aufgaben ein. Regul\u00e4re milit\u00e4rische Truppen sind n\u00e4mlich erfahrungsgem\u00e4\u00df gegen\u00fcber partisanenartiger Guerilla-Taktik, wie sie f\u00fcr kriegerische Beutez\u00fcge typisch ist, wenig effektiv. Ganz anders aber die germanischen Krieger, die diese Taktik ebenfalls bis zur Perfektion beherrschten \u2013 waren doch (wie schon erw\u00e4hnt) gerade die Sachsen selbst schon Jahrzehnte vorher durch solche Raubz\u00fcge zur See auf beiden Seiten des \u00c4rmelkanals unangenehm aufgefallen. In der Tat scheinen die S\u00f6ldner das Problem mit Leichtigkeit in den Griff bekommen zu haben, was f\u00fcr die erfolgsgewohnten Pl\u00fcnderer aus dem Norden eine \u00e4u\u00dferst \u00fcberraschende und schmerzhafte Erfahrung gewesen sein d\u00fcrfte, denn praktisch \u00fcber Nacht h\u00f6rt man nichts mehr von irgendwelchen Pikten oder Iren. Nun ist die Revolte einer solchen Truppe aber eine st\u00e4ndige Gefahr. Als bezahlte S\u00f6ldner standen sie in konstanter wirtschaftlicher Konkurrenz mit Adel und Kirche um das Sozialprodukt, ihr Anteil daran aber wurde von ihren Konkurrenten bestimmt und kontrolliert. So gesehen war es nur folgerichtig, dass sie deren Schw\u00e4che ausnutzten und sich selbst die Position verschafften, \u00fcber Steuern und andere Eink\u00fcnfte bestimmen zu k\u00f6nnen. Weit verstreute Landg\u00fcter, wie sie f\u00fcr die r\u00f6misch gepr\u00e4gte Landwirtschaft typisch waren, sind solchen Umw\u00e4lzungen gegen\u00fcber besonders verwundbar.<\/p>\n<p>Wann genau holte Vortigern diese S\u00f6ldner ins Land? Wenn die Quellen insofern stimmen, dass deren Revolte 441 stattfand, muss der Zeitpunkt ihrer Ankunft nat\u00fcrlich vorher gelegen haben. Wie lange vorher, wissen wir nicht, sie muss aber dann irgendwann zwischen 420 und 435 erfolgt sein. Zunehmend angezweifelt wird heute aber vor allem die Vorstellung einer einmaligen Masseneinwanderung, und das mit plausiblen Argumenten. Es spricht viel mehr daf\u00fcr, dass es sich um vergleichsweise kleine Gruppen abenteuerlustiger Kriegsgefolgschaften handelte, die sich an die Macht putschten und als Folge dessen ihre Sprache, Kultur und Religion der britischen Landbev\u00f6lkerung aufdiktierten. Aber auch wenn man annimmt, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen beiden Extremen liegt, bleiben zahlreiche ungel\u00f6ste Fragen, die sich ohne zuk\u00fcnftige Forschungen nicht beantworten lassen, da die bisherigen Erkenntnisse, auch wo es sich um harte Fakten handelt, teilweise v\u00f6llig widerspr\u00fcchlich wirken. Die Probleme sind insgesamt zu komplex, um sie hier ausf\u00fchrlich zu er\u00f6rtern, dennoch ist es zum besseren Verst\u00e4ndnis n\u00f6tig, hier kurz und allgemeinverst\u00e4ndlich auf die wichtigsten Argumente einzugehen:<\/p>\n<p>Als etwa 400 Jahre sp\u00e4ter Norweger in ihren hochspezialisierten Wikinger-Langschiffen die offene Nordsee \u00fcberquerten, um das nordenglische Kloster Lindisfarne zu \u00fcberfallen, erregte das zwar gro\u00dfen Schrecken, wurde aber gleichzeitig als seefahrtstechnische Pioniertat und navigatorische Meisterleistung bestaunt. Es erschien den Zeitgenossen unglaublich, dass die Norweger diese \u00dcberfahrt nicht nur \u00fcberlebt hatten, sondern mehr noch, dass sie imstande waren, ihr Ziel \u00fcber diese Entfernung auch noch so punktgenau zu treffen (wenn das denn wirklich so geplant und Lindisfarne nicht nur ein Zufallsopfer war). Deshalb grenzt die immer noch verbreitete Vorstellung, dass die Angeln Jahrhunderte vorher eine riesige Flotte ihrer Boote \u2013 zus\u00e4tzlich mit ihren Familien und ihrem Vieh an Bord \u2013 von J\u00fctland aus \u00fcber die Nordsee nach Britannien gerudert (!) haben sollen, eher ans L\u00e4cherliche. Alle Angeln und J\u00fcten, die nach England gelangten, mussten zwangsl\u00e4ufig \u00fcber eine sehr lange Strecke der K\u00fcste folgen, sei es zu Wasser oder zu Land, bis sie einen Punkt an der Kanalk\u00fcste erreichten, von dem aus die \u00dcberfahrt problemlos m\u00f6glich war. Das hei\u00dft, dass sie vorher mindestens bis ins heutige Belgien \u2013 idealerweise bis nach Frankreich \u2013 h\u00e4tten ziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das nicht unm\u00f6glich. Gerade das Zeitalter der V\u00f6lkerwanderung, vor dessen Hintergrund sich auch das Schicksal der Angeln abspielt, kennt zahlreiche gut belegte Parallelen, bei denen ganze V\u00f6lkerschaften sehr viel gr\u00f6\u00dfere Entfernungen innerhalb Europas durchwanderten. Dennoch lauert hier bereits das n\u00e4chste Problem: Durch die neue Technik der Luftbild-Arch\u00e4ologie (alte Siedlungsspuren lassen sich vom Flugzeug aus sehr viel deutlicher als vom Boden aus erkennen) und ihrer konsequenten, fl\u00e4chendeckenden Anwendung in England wurde schnell klar, dass das eisenzeitliche und r\u00f6mische Britannien sehr viel dichter besiedelt war als zuvor angenommen. Dadurch mussten die Bev\u00f6lkerungssch\u00e4tzungen drastisch nach oben korrigiert werden. War man zuvor von einer ungef\u00e4hren Einwohnerzahl von 300.000 ausgegangen, legen neuere Erkenntnisse eher eine Zahl von 4 bis 5 Millionen nahe. F\u00fcr einen v\u00f6lligen Bev\u00f6lkerungsaustausch in England, so wie er stets als historische Tatsache hingestellt wird, h\u00e4tte es also mindestens 1 Million Germanen bedurft, die \u00fcber die Nordsee hereinstr\u00f6mten. Eine solche Zahl aber ist v\u00f6llig unrealistisch, auch wenn man das 24 m lange Nydam-Boot mit seinem Fassungsverm\u00f6gen von maximal 45 Personen als typisches Gef\u00e4hrt f\u00fcr das Unternehmen annimmt.<\/p>\n<p>Auch Gildas zufolge war die Zahl der germanischen S\u00f6ldner gering und kann anfangs nicht mehr als insgesamt 100 bis 150 betragen haben, je nach Gr\u00f6\u00dfe ihrer Schiffe \u2013 wenn man Gildas glaubt, dass es drei gewesen sind. Aber auch, wenn man seine Angaben als zu unzuverl\u00e4ssig ablehnt, k\u00f6nnen es allein schon deshalb kaum viel mehr gewesen sein, weil keiner der einheimischen F\u00fcrsten freiwillig riesige Scharen fremder Krieger in seinem Gebiet riskiert h\u00e4tte. Durch Verst\u00e4rkungstruppen stieg die Zahl zwar, muss sich aber immer noch in einem Rahmen bewegt haben, dass ihr Auftraggeber sie bezahlen, unterbringen und verk\u00f6stigen konnte. Ob sie ihre Familien bereits mitbrachten, wissen wir nicht, die wenigen arch\u00e4ologischen Belege deuten aber darauf hin. Sp\u00e4tere Nachrichten des<span>\u00a0<\/span><em>Anglo Saxon Chronicle<\/em><span>\u00a0<\/span>erw\u00e4hnen weitere Namen und Zahlen: \u00c6lle und seinen S\u00f6hnen werden drei Schiffe zugeschrieben, Cerdic und Cynric kamen mit f\u00fcnf Schiffen, Port und seine S\u00f6hne mit zweien und eine weitere wests\u00e4chsische Truppe ebenfalls mit dreien. Die erw\u00e4hnten Schiffszahlen k\u00f6nnen aber sehr viel mehr den stilistischen Erfordernissen der Heldendichtung als den historischen Tatsachen entsprochen haben und somit lediglich eine literarische Abh\u00e4ngigkeit voneinander nahelegen. Dennoch deuten alle Angaben auf eine sehr kleine Zahl von Ank\u00f6mmlingen hin, und weder arch\u00e4ologische Befunde noch literarische Quellen sind mit der Vorstellung einer Masseneinwanderung vereinbar oder st\u00fctzen sie gar. Es ist bezeichnend, dass man eine Kriegergefolgschaft dieser Zeit mit der Zahl einer Schiffsbesatzung gleichsetzte, und es findet sich sogar die juristische Definition, dass eine Kriegertruppe von mehr als 38 Mann als \u201eHeer\u201c zu bezeichnen war \u2013 dies vor allem als Hinweis darauf, mit welchen realistischen Zahlen man zu rechnen hat, wenn von damaligen \u201eHeeren\u201c gesprochen wird. Aber gleichzeitig, und das d\u00fcrfte kaum Zufall sein, stimmt die Zahl 38 auff\u00e4llig genau mit dem Fassungsverm\u00f6gen des Nydam-Bootes \u00fcberein, wenn man die ebenfalls n\u00f6tige Ausr\u00fcstung miteinbezieht.<\/p>\n<p>Wie aber kann es m\u00f6glich gewesen sein, dass eine solch vergleichsweise winzige Zahl von Kriegern die Herrschaft \u00fcber ein ganzes Land an sich gerissen haben soll? Die Antwort liegt in der britannischen Gesellschaftsstruktur jener Zeit: In der sozialen Hierarchie folgte auf die Kleink\u00f6nige die Klasse der Gro\u00dfgrundbesitzer, die auf ihren weit verstreuten Landsitzen residierten, gr\u00fcndlich romanisiert und christianisiert, Zivilisten ohne jede milit\u00e4rische Erfahrung, aus deren Schicht sich auch die Verwaltungsbeamten, Anw\u00e4lte und der Klerus rekrutierte. In ihren H\u00e4nden h\u00e4tte eigentlich die gesellschaftliche F\u00fchrungsrolle liegen sollen, aber sie waren an Zahl zu gering, zu r\u00f6misch weltoffen in ihren Ansichten, und den harten Realit\u00e4ten des Alltagslebens der einfachen Menschen zu sehr entfremdet. Gildas fungiert in seinen Schriften als Sprachrohr dieser Klasse. In der kritischen Zeit zwischen dem Abzug der R\u00f6mer und der angels\u00e4chsischen Machtergreifung war diese Klasse unf\u00e4hig, die Notwendigkeit sozialer Umgestaltung zu erkennen und erst recht, sie auch umzusetzen. Sie lebten weiter wie zuvor und nutzten ihre Ressourcen vor allem zum eigenen Machterhalt und zur Unterst\u00fctzung der Kirche, wo es doch sehr viel n\u00f6tiger gewesen w\u00e4re, ihre aristokratischen Landsitze in milit\u00e4rische Ausbildungslager umzuwandeln, um eine neue Kriegerschicht heranzuziehen, die dem alten Gefolgschaftswesen entsprochen h\u00e4tte. Wie erw\u00e4hnt \u2013 es gab durchaus entsprechende Ans\u00e4tze, aber die spielten sich an den wenigen F\u00fcrstensitzen ab und h\u00e4tten mehr Zeit gebraucht, um wirksam werden zu k\u00f6nnen. Und eine Art Mittelschicht, aus der sich der milit\u00e4rische Nachwuchs h\u00e4tte rekrutieren lassen, gab es nicht mehr, sondern der Rest der Bev\u00f6lkerung bestand aus einfachen Bauern, die in diesem politischen System zunehmend so verarmt waren, dass sie praktisch den Status von Unfreien hatten. Eine gemeinsame Ideologie, Religion, Kultur \u2013 ja, sogar Sprache \u2013 gab es auch nicht mehr, und deshalb war diese Gesellschaft Angriffen entschlossener Bewaffneter von au\u00dferhalb wehrlos ausgesetzt, und genau aus diesem Grund waren F\u00fcrsten wie Vortigern ja auch gen\u00f6tigt gewesen, fremde S\u00f6ldner anzuheuern, um den irischen und piktischen Raubz\u00fcgen begegnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine der wenigen und r\u00fchmlichen Ausnahmen unter den Gro\u00dfgrundbesitzern war Ambrosius Aurelianus, der bei Beginn der germanischen Bedrohung seine Bediensteten bewaffnete und sie einfache milit\u00e4rische Grundtechniken lehren lie\u00df. Auch von Ambrosius Aurelianus wurde vermutet, er k\u00f6nne ein historisches Vorbild f\u00fcr Artus gewesen sein. Trotz der offensichtlichen Amateurhaftigkeit ihres Widerstandes erreichten sie aber einen l\u00e4nger anhaltenden Waffenstillstand mit den Neuank\u00f6mmlingen. Auch wenn der regional und zeitlich begrenzt gewesen sein d\u00fcrfte, macht gerade das aber deutlich, dass sie eben keinen landhungrigen Einwanderungsmassen oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig eroberungsw\u00fctigen germanischen Heerscharen gegen\u00fcberstanden, gegen die sie sicherlch wenig Chancen gehabt h\u00e4tten. Der Gro\u00dfteil dieser Aristokraten aber floh und \u00fcberlie\u00df die Bauern ihrem Schicksal, die nun selbst sehen mochten, wie sie sich mit den neuen Machthabern arrangierten.<\/p>\n<p>Das beliebte Klischee, alle Briten seien aus England vertrieben oder gar get\u00f6tet worden, kann so also nicht stimmen. Von einzelnen und \u00f6rtlich begrenzten Schreckens-Szenarios einmal abgesehen, die auf die unmittelbar Betroffenen durchaus nach Weltuntergang geschmeckt haben k\u00f6nnten, wird der Gro\u00dfteil der britischen Landbev\u00f6lkerung unter den neuen Herren aber genauso weitergelebt haben, wie vorher auch, was ihre Lebensumst\u00e4nde kaum verschlechtert haben d\u00fcrfte. Im Gegenteil: Die germanischen Vorstellungen von Herrschaft und Beherrschten waren nachweislich im gesamten Europa der V\u00f6lkerwanderungszeit \u2013 auch nach heutigem Ma\u00dfstab \u2013 eher human. Die britische Landbev\u00f6lkerung d\u00fcrfte danach jedenfalls eher als zuvor in der Lage gewesen sein, ihren wirtschaftlichen und sozialen Status zu verbessern. Im Grunde tauschten sie nur eine Fremdherrschaft gegen eine andere \u2013 und hatten auch keine Wahl. Die neuen germanischen Herren aber boten ihnen zumindest eine Annehmlichkeit, die sie lange nicht mehr gekannt hatten: Sicherheit.<\/p>\n<p>Die Arch\u00e4ologie unterst\u00fctzt diese Sichtweise: Die wenigen nachgewiesenen angels\u00e4chsischen Siedlungsspuren zeigen vom Grundtyp her gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit den Langh\u00e4usern, wie wir sie aus Norddeutschland kennen. Im Detail aber haben sie auch britische Elemente, und vor allem fehlt ein entscheidendes Merkmal ihrer deutschen Gegenst\u00fccke: die Boxen f\u00fcr das Vieh. Die beste Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist nun einmal, dass die Angelsachsen beim Bau der H\u00e4user auf die Arbeitskraft Einheimischer zur\u00fcckgreifen konnten und dass sie eben keine Bauernh\u00f6fe, sondern Herrensitze bewohnten.<\/p>\n<p>Es gibt aber ein Argument, das die herk\u00f6mmliche Sichtweise einer pl\u00f6tzlichen Masseneinwanderung zu st\u00fctzen scheint, und das ist sehr schwerwiegend: Die englische Sprache enth\u00e4lt so gut wie keine Einsprengsel und Elemente des Keltischen, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass beide Sprachen nicht \u00fcber l\u00e4ngere Zeit nebeneinander existiert haben k\u00f6nnen. Selbst die eifrigsten Untersuchungen haben nicht einmal zwanzig keltische Lehnw\u00f6rter im Englischen nachweisen k\u00f6nnen. Noch \u00fcberzeugender ist, dass auch alle Orts- und Landschaftsnamen, die erfahrungsgem\u00e4\u00df Sprachwechsel \u00fcberdauern, germanischen Ursprungs sind. Die meisten Sprachwissenschaftler beharren deshalb darauf, dass die Zahl der germanisch sprechenden Ank\u00f6mmlinge so gro\u00df gewesen sein muss, dass die einheimischen Sprachen dadurch schlagartig erloschen oder zur Bedeutungslosigkeit verkamen.<\/p>\n<p>Dieser sprachwissenschaftliche Befund kann aber auch anders erkl\u00e4rt werden. Aus allen antiken Quellen wissen wir, dass Kelten und Germanen ihrer \u00e4u\u00dferen Erscheinung nach kaum auseinanderzuhalten waren. Eine entsprechende Gruppenzugeh\u00f6rigkeit kann sich damals also nur durch Sprache, materielle Kultur und dem Wissen der unmittelbar Beteiligten darum ausgedr\u00fcckt haben. Die germanische Gesellschaft war zwar hierarchisch gegliedert und die st\u00e4ndische Zugeh\u00f6rigkeit war durchaus von juristischer und sozialer Bedeutung, sie bildete aber kein undurchl\u00e4ssiges Kastensystem. Wenn es also eine Art von \u201eApartheid-Politik\u201c in dem Sinne gegeben haben sollte, dass \u201ebritisch\u201c gleichbedeutend mit niedrigem sozialen Status war, dann muss es einen hohen Anreiz gegeben haben, sich der angels\u00e4chsischen Sprache und Kultur m\u00f6glichst schnell anzupassen, da dies die Vorbedingung f\u00fcr jede gesellschaftliche Verbesserung der eigenen Situation darstellte. Wenn sich Sprache und Kultur der herrschenden Klasse auf diese Weise von oben nach unten durch die Gesellschaft verbreitete, wodurch ein stetig wachsender Anteil der Bev\u00f6lkerung rechtlich gleichgestellt wurde, ist es absolut m\u00f6glich, dass die ehemals keltischen Einheimischen innerhalb von zwei bis drei Generationen nicht mehr von Angeln und Sachsen zu unterscheiden waren. Das w\u00fcrde z.B. auch bedeuten, dass gerade aus Bestattungen, die eine wichtige arch\u00e4ologische Quelle darstellen, ethnische Zugeh\u00f6rigkeiten in keiner Weise abzulesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dazu kommt ein weiteres Argument: Gerade die keltische Landbev\u00f6lkerung abseits der wenigen st\u00e4dtischen Zentren d\u00fcrfte \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur sehr ansatzweise romanisiert und christianisiert gewesen sein. Dem \u00fcberwiegenden Teil dieser Landbev\u00f6lkerung m\u00fcssen alle Aspekte der germanischen Gesellschaft mit ihrem Gefolgschaftssystem und vor allem auch ihrer Religion sehr viel bekannter und vertrauter vorgekommen sein, als alles, was sie von ihrer vorherigen Herrschaft kannte, die aus der christlich-r\u00f6mischen Oberklasse des Landes bestanden hatte. Die keltische Kriegergesellschaft, so wie sie uns in den irischen Quellen und den Legenden um Artus dargestellt wird, zeigt n\u00e4mlich eine verbl\u00fcffende \u00dcbereinstimmung mit all dem, was wir auch aus der germanischen Gesellschaft mit ihren Krieger-Eliten kennen.<\/p>\n<p>Ein anderes Argument f\u00fcr die herk\u00f6mmliche Sichtweise ist, dass im 5. Jahrhundert die meisten Siedlungen in Schleswig-Holstein aufgegeben wurden und die Bev\u00f6lkerung verschwand. Aber was wurde aus ihnen, wenn sie nicht nach England auswanderten? Tats\u00e4chlich wissen wir, dass ein Teil der Angeln nicht nach Britannien ging, sondern gemeinsam mit den Warnen nach S\u00fcden in das Gebiet der oberen Elbe wanderte, wo sie noch zu Zeiten Karls des Gro\u00dfen die Oberschicht des K\u00f6nigreiches Th\u00fcringen bildeten (das geographisch aber eher im Nordteil des heutigen Sachsen-Anhalt lag). Auch das in karolingischer Zeit aufgezeichnete Th\u00fcringische Gesetz \u2013 das<span>\u00a0<\/span><em>Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 belegt schon durch seine Benennung die dortige anglische Pr\u00e4senz oder sogar Vorherrschaft. Der Landschaftsname Engilin an der Unstrut leitet sich ebenfalls von ihnen ab, und alle dortigen Siedlungen mit den Endungen \u201e-leben\u201c und \u201e-legen\u201c gelten als anglische Gr\u00fcndungen. Zudem ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass weitere Teile von ihnen nach S\u00fcden zogen und in den Wirren der V\u00f6lkerwanderung aufgingen, ohne schriftliche oder arch\u00e4ologische Spuren zu hinterlassen. Dennoch muss ein betr\u00e4chtlicher Teil auch nach England ausgewandert sein, das will niemand bestreiten. Das aber war kein einmaliger Masseneinfall, sondern ein langsamer Prozess, eine eher stille Infiltration, die sich \u00fcber mehrere Generationen hingezogen haben mag und die in ihren Anf\u00e4ngen schon lange vor dem Ende der r\u00f6mischen Herrschaft nachweisbar ist. Einen solch urs\u00e4chlichen und einmaligen Zusammenhang, wie ihn Beda Jahrhunderte sp\u00e4ter zwischen der Anwerbung der S\u00f6ldner und der Germanisierung Englands zieht, hat es in der Form also wahrscheinlich gar nicht gegeben. Bezeichnend ist auch, dass die Germanen das westliche englische Tiefland ja erst im 6. und 7. Jahrhundert milit\u00e4risch aufrollten, wobei auch der \u201egro\u00dfe Kriegszug\u201c mit der endg\u00fcltigen Schlacht am Mons Badonius lediglich einige hundert Krieger, vielleicht sogar 1000, aber bestimmt nicht \u201eviele Tausende\u201c umfasst haben kann. Dabei muss man \u00fcberhaupt die m\u00f6glichen Bev\u00f6lkerungszahlen der Zeit im Auge behalten. Nach eingehender Abw\u00e4gung aller Daten geht man f\u00fcr die gesamten kontinentalgermanischen Gebiete von einer Einwohnerzahl von 2 bis 5 Millionen Menschen aus. Wenn man bei dem vergleichsweise kleinen anglischen Gebiet also z.B. 30.000 Stammesangeh\u00f6rige annehmen w\u00fcrde, w\u00e4re das eine bereits sehr hochgegriffene Sch\u00e4tzung. Wenn man nun weiter annimmt, dass ein Drittel davon in Th\u00fcringen endete, ein weiteres Drittel in dem Mahlstrom der V\u00f6lkerwanderung aufging und das letzte Drittel in England ans\u00e4ssig wurde, d\u00fcrfte das einigerma\u00dfen realistisch sein. Und von den Sachsen wissen wir sowieso, dass ein Gro\u00dfteil nach S\u00fcden in ihre sp\u00e4teren nieders\u00e4chsischen Wohnsitze zog.<\/p>\n<p>Das konventionelle Bild der Geschehnisse beruht haupts\u00e4chlich auf den Schriften von Gildas und Beda. Gildas ist dabei alles andere als verl\u00e4sslich. In der Tat ist es sogar so, dass sein Werk als eines der tendenzi\u00f6sesten des gesamten Fr\u00fchmittelalters gilt. Seine Kindheit k\u00f6nnte zwar noch mit den letzten K\u00e4mpfen gegen Angeln und Sachsen zusammengefallen sein, da er sich sein ganzes Leben lang aber nie weit von seinem Geburtsort entfernt hat, d\u00fcrfte er einige Einzelf\u00e4lle aus seiner Nachbarschaft verallgemeinert haben. Alles, was er berichtet, wei\u00df er sowieso nur vom H\u00f6rensagen. Ausschlie\u00dflich auf ihn geht das verzerrte Bild der \u201es\u00e4chsischen Horden\u201c zur\u00fcck (wie \u00fcberhaupt die bevorzugte Bezeichnung \u201eSachsen\u201c), der \u201eschrecklichen heidnischen W\u00f6lfe, die das ganze Land in einem Meer von Blut ertr\u00e4nkten\u201c, ein Bild, das sich bis heute durch triviale B\u00fccher und Filme zieht und selbst in Zimmer-Bradleys<span>\u00a0<\/span><em>Nebel von Avalon<\/em><span>\u00a0<\/span>noch verbreitet wird, wo den doch selbst zutiefst heidnischen Einwanderern auch noch dreist unterstellt wird, ausgerechnet sie h\u00e4tten die \u201ealte Religion vernichten\u201c wollen. Gildas zieht alle Register alttestamentarischer Wortgewalt und macht die Briten in flammender Rede selbst f\u00fcr das Unheil verantwortlich, indem sie durch ihre S\u00fcnden den Zorn Gottes auf sich gezogen h\u00e4tten und die Angelsachsen nur eine der kommenden Strafen seien \u2013 vergleichbar den \u00e4gyptischen Plagen. Sein Blickwinkel repr\u00e4sentiert den des christlichen Klerus und der einflussreichen Gro\u00dfgrundbesitzer, zwei Gruppen, die klar die gro\u00dfen Verlierer dieser Umw\u00e4lzungen waren. Dass die Sichtweise des Gro\u00dfteils der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung \u2013 vor allem auf dem Lande \u2013 aber ganz anders gewesen sein d\u00fcrfte, wurde bereits erl\u00e4utert.<\/p>\n<p>Beda versuchte das, was er zu wissen glaubte, vorurteilsloser zu berichten, aber seine Quellen waren selbst ein nebul\u00f6ses Gemisch aus Mythen und Legenden \u2013 und eben die Schriften des unseligen Gildas. Beda selbst wusste praktisch gar nichts \u00fcber diese zeitlich lange zur\u00fcckliegenden Vorg\u00e4nge. Aber er gab den Engl\u00e4ndern Antworten auf die Grundfragen nach ihren Urspr\u00fcngen, und er war es auch, der Hengist und Horsa zu den Anf\u00fchrern der \u201eV\u00f6lkerwanderung\u201c machte. Er nahm sich die Gr\u00fcndungsmythen vor, verpasste ihnen willk\u00fcrlich Jahreszahlen und umgab sie so mit einer Aura von Historizit\u00e4t, und viele Gelehrte nach ihm verfuhren genauso. Beda war aber z.B. nicht bewusst, dass die Anwerbung der ersten S\u00f6ldner und das, was er als Masseneinwanderung deutete, zwei v\u00f6llig unterschiedliche Ereignisse waren, die auch zeitlich auseinander lagen. F\u00fcr ihn war das ein und dasselbe. Beda berichtet:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eVon den J\u00fcten stammen die V\u00f6lker in Kent und die Victuarier, das sind die Leute auf der Insel Wight, und die in der Prvinz Wessex, die der Insel Wight gegen\u00fcber liegt und die bis heute J\u00fcten genannt werden. Von den Sachsen aus dem heute als Alt-Sachsen [d.i. Niedersachsen] bekannten Land stammen die Ost-, S\u00fcd- und Westsachsen. Und von den Angeln, die aus dem Land Angelus [d.i. Angeln] stammen, das bis heute unbewohnt geblieben ist, leiten sich die V\u00f6lker in Ost- und Mittel-Anglia, Mercia und Northumbria [\u2026] sowie alle anderen englischen V\u00f6lker ab.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus anderen Quellen wissen wir zwar, dass auch andere Elemente (Franken und Friesen) an den Vorg\u00e4ngen Anteil hatten, es gibt aber eine sehr \u00fcberzeugende Erkl\u00e4rung f\u00fcr Bedas literarische Beschr\u00e4nkung auf gerade die Angeln, J\u00fcten und Alt-Sachsen: Wenn wir Bedas Latein n\u00e4mlich zur\u00fcck ins Altenglische \u00fcbersetzen, wird daraus, dass die Engl\u00e4nder die Abk\u00f6mmlinge<span>\u00a0<\/span><em>of Englum ond of Eotum ond of Ealdsaxum<\/em><span>\u00a0<\/span>sind. Und pl\u00f6tzlich haben wir hier die alte poetische und stabreimende Dreifachformel, die uns aus anderen germanischen \u00dcberlieferungen so gel\u00e4ufig ist und uns sofort z.B. an \u201eIngvaeonen, Istvaeonen und Irminonen\u201c erinnert. Das l\u00e4sst es als ziemlich sicher erscheinen, dass Beda hier alte Dichtung aus m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung zitiert, die deshalb nat\u00fcrlich nicht falsch sein muss. Es ist aber sehr bezeichnend, dass Beda \u2013 von der oben zitierten Stelle abgesehen \u2013 die Einwanderer in ihrer Gesamtheit sonst immer pauschal \u201eAngeln oder Sachsen\u201c nennt, als seien diese Namen lediglich unterschiedliche Begriffe f\u00fcr ein und dasselbe Volk. Einerseits haben Bedas Abstammungsangaben also alle Anzeichen einer R\u00fcckprojektion und m\u00fcssen deshalb mit Vorsicht genossen werden, andererseits aber m\u00fcssen sie auch einen wahren Kern haben, und es kann keinen Zweifel daran geben, dass Angeln und Sachsen die Hauptrollen in den Ereignissen gespielt haben m\u00fcssen, w\u00e4hrend die J\u00fcten, Franken und Friesen eine vergleichsweise vernachl\u00e4ssigenswerte Gr\u00f6\u00dfe gewesen zu sein scheinen.<\/p>\n<p>Das wirft die Frage auf, welcher Art denn \u00fcberhaupt die alten Beziehungen zwischen Angeln und Sachsen in ihrer urspr\u00fcnglichen Heimat Schleswig-Holstein gewesen sind. Die Sachsen werden erstmals von Ptolemaios um 150 n.u.Z erw\u00e4hnt, also etwa 50 Jahre nach Tacitus\u2019 Erw\u00e4hnung der Angeln. Ptolemaios beschreibt diese ersten Sachsen als im s\u00fcdwestlichen Schleswig-Holstein lebend (was als ihr Ursprung von der Arch\u00e4ologie best\u00e4tigt wird) und ihr Gebiet als sich teilweise mit dem der Angeln \u00fcberschneidend. Etliche Wissenschaftler haben daraus geschlossen, dass die Sachsen eine Abspaltung der Angeln gewesen sein k\u00f6nnten oder dass die Sachsen urspr\u00fcnglich der Kriegerbund der Angeln waren, die schlie\u00dflich zu einem eigenen Volk wurden. Genau ein solcher Prozess wird heute n\u00e4mlich f\u00fcr viele ethnische Entwicklungen innerhalb der germanischen Welt verantwortlich gemacht. Die Existenz und soziale Bedeutung dieser Kriegerb\u00fcnde ist ein hochkomplexes Thema, das deshalb hier nicht weiter vertieft werden kann. In jedem Fall aber muss es bereits in alter Zeit eine enge Verflechtung zwischen Angeln und Sachsen gegeben haben, egal ob sie aus jahrhundertelanger enger Nachbarschaft oder gemeinsamem Ursprung herr\u00fchrt. F\u00fcr Au\u00dfenstehende d\u00fcrften die beiden Gruppen durch nichts unterscheidbar gewesen sein.<\/p>\n<p>Ethnizit\u00e4t war in der germanischen Welt keineswegs so festgelegt, wie \u00e4ltere Modelle und auch noch gewisse Zeitgenossen das gerne h\u00e4tten. Teilweise scheint immer noch die Vorstellung verbreitet, man m\u00fcsse sich das germanische Stammessystem \u00e4hnlich vorstellen, wie die Beziehung der indianischen V\u00f6lker in Nordamerika untereinander (die v\u00f6llig unterschiedliche Sprachen und Kulturen hatten). Interkulturelle Vermischung war aber eine zwangsl\u00e4ufige Folge des gesamten germanischen Sozialsystems, da es sich um eine kriegerische Gesellschaft handelte. Und in einer solchen Gesellschaft war soziale Mobilit\u00e4t \u2013 sowohl bei Einzelnen wie auch bei Gruppen \u2013 eher Norm und Notwendigkeit. Das Schicksal politisch miteinander Verbundener war stets sehr unsicher, und jeder Krieger hatte v\u00f6llige Freiheit, seinen Ruhm und sein Gl\u00fcck bei jedem beliebigen Gefolgschaftsherrn zu suchen, egal ob es sich dabei um einen germanischen oder keltischen F\u00fcrsten, den r\u00f6mischen Kaiser oder den K\u00f6nig der Hunnen handelte. Dieses Sozialsystem bildete eine Art von kulturellem Klebstoff, der damals ganz Europa \u00fcber alle Sprach- und V\u00f6lkergrenzen hinweg zusammenhielt. Die damaligen europ\u00e4ischen V\u00f6lker waren schon deshalb keine \u201egeborenen Erzfeinde\u201c, weil sie nie so etwas wie eine erst im 19. Jahrhundert erfundene \u201enationale Identit\u00e4t\u201c besa\u00dfen. Der Dienst in der r\u00f6mischen Armee muss extrem beliebt gewesen sein \u2013 kein Wunder bei der dort auch nach heutigem Ma\u00dfstab musterg\u00fcltigen Sozialversorgung. In allen europ\u00e4ischen Schlachten dieser Jahrhunderte k\u00e4mpften regelm\u00e4\u00dfig auf beiden Seiten keltische und germanische Truppen.<\/p>\n<p>Viele jener germanischen \u201eSt\u00e4mme\u201c und \u201eV\u00f6lker\u201c, die in den r\u00f6mischen Quellen auftauchen, die f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter aber niemand mehr kennt, k\u00f6nnen einfach keine \u201eV\u00f6lker\u201c im heutigen Sinne des Wortes gewesen sein, sondern m\u00fcssen urspr\u00fcnglich Kriegerverb\u00e4nde gewesen sein, die um so mehr Zulauf aus allen Richtungen erhielten, je erfolgreicher sie waren. Nat\u00fcrlich konnten aus solchen Zusammenschl\u00fcssen neue \u201eV\u00f6lker\u201c entstehen. Die Alemannen sind ein typisches Beispiel daf\u00fcr, wobei bereits ihr Name beweist, dass es sich dabei um ein v\u00f6llig multikulturelles Projekt gehandelt haben muss, was durch alle Quellen best\u00e4tigt wird. Im Fall der Goten und der Geschichte ihrer Wanderungen wird zus\u00e4tzlich deutlich, wie wahllos sich v\u00f6llig unterschiedliche (auch nichtgermanische) V\u00f6lkerschaften als \u201eGoten\u201c identifizierten, und zwar einfach dadurch, indem sie sich nach Anschluss oder Unterwerfung als solche bezeichneten. Das wiederum funktionierte vor allem durch \u00dcbernahme einer \u201eideologischen Mythologie\u201c: Die Anf\u00fchrer der urspr\u00fcnglichen Kerngemeinschaft waren geradezu gezwungen, einen g\u00f6ttlichen Abstammungsmythos f\u00fcr sich selbst zu definieren, der als Identifikationsmodell diente und durch dessen Anerkennung jede Person der sozialen Gruppe eingegliedert werden konnte. F\u00fcr die Zeit der V\u00f6lkerwanderung d\u00fcrfte das eine solch politische Notwendigkeit gewesen sein, dass hier religionshistorisch v\u00f6llig andere Ma\u00dfst\u00e4be angelegt werden m\u00fcssen als z.B. im Island des 10. Jahrhunderts. Andererseits konnten solche Einheiten aber auch buchst\u00e4blich \u00fcber Nacht wieder zerfallen, n\u00e4mlich im Fall einer milit\u00e4rischen Katastrophe.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall war Ethnizit\u00e4t in der altgermanischen Welt ausschlie\u00dflich eine Frage der individuellen und politischen Entscheidung und hatte nicht das Geringste mit genetischer oder gar \u201erassischer\u201c Zugeh\u00f6rigkeit zu tun. Das gilt nicht nur f\u00fcr die innergermanische Welt (in unserem speziellen Fall f\u00fcr Angeln und Sachsen), sondern f\u00fcr die gesamte damalige Welt, bildete somit also auch keinen Hinderungsgrund f\u00fcr die Verschmelzung von Kelten, Angeln und Sachsen in England. Sowohl Kelten wie auch Germanen waren in sich selbst ja kein jeweils einheitliches Volk, sondern diese heutigen Begriffe beziehen sich ausschlie\u00dflich auf eine sprachliche Verwandtschaft, wohingegen Kultur und Religion sowohl innerhalb der keltischen wie auch germanischen Welt gro\u00dfe Unterschiede aufgewiesen haben d\u00fcrften. Man muss sich stets klar dar\u00fcber sein, dass der Begriff \u201eKultur\u201c in arch\u00e4ologischem Sprachgebrauch ausschlie\u00dflich auf \u00c4hnlichkeiten von Keramikformen, Schmuckstilen usw. beruht, und ob dieser Kulturbegriff der damaligen sozialen Realit\u00e4t entsprach, ist keineswegs gesichert. Arch\u00e4ologen sind sich dieses Problems v\u00f6llig bewusst, bei Laien l\u00f6st der Begriff \u201eKultur\u201c aber meistens viel umfassendere Vorstellungen aus, als in diesem Zusammenhang damit gemeint sind.<\/p>\n<p>Es gibt keine Gr\u00fcnde zu der Annahme, Angeln, Sachsen und J\u00fcten seien getrennt und unabh\u00e4ngig voneinander als intakte ethnische Einheiten nach England gelangt. Diese Gruppen m\u00fcssen bereits gemischten Ursprungs gewesen sein und auch andere ethnische Elemente enthalten haben. Das gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die ersten S\u00f6ldnertruppen wie f\u00fcr die sp\u00e4teren Siedler. Die bis heute existierenden Namen der K\u00f6nigreiche mit den alten Volksnamen (Essex, Wessex, Sussex, East- and Middle-Anglia) beweisen nicht, dass die Neuank\u00f6mmlinge als urspr\u00fcngliche Volksgruppen getrennt voneinander blieben, sondern k\u00f6nnen bestenfalls vage Hinweise auf urspr\u00fcngliche Kerngruppen geben, die aber sehr klein gewesen sein m\u00f6gen. Wenn das alte Stammessystem in der neuen Heimat \u00fcberhaupt noch eine Bedeutung besa\u00df, muss es jedenfalls sehr bald bedeutungslos geworden sein, und die weit verstreuten Angeh\u00f6rigen der ehemaligen Volksgruppen bildeten neue Machtbl\u00f6cke, die sich ausschlie\u00dflich an den ver\u00e4nderten politischen Notwendigkeiten orientierten und aus denen sich dann das mittelalterliche England formte.<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Augenmerk wurde von der Forschung auf die unterschiedlichen Begr\u00e4bnisformen in England gerichtet, K\u00f6rper- und Brandbestattung, und oftmals ist zu lesen, dass in s\u00e4chsischen Gebieten die K\u00f6rperbestattung, in anglischen dagegen die Brandbestattung \u00fcblich war. Daran ist zwar ein wahrer Kern, eine solche Befundinterpretation aber ist missverst\u00e4ndlich. N\u00f6rdlich der Themse (in den anglischen Gebieten) belegen ab der ersten H\u00e4lfte des 5. Jahrhunderts arch\u00e4ologische Funde tats\u00e4chlich die Ankunft von Siedlern mit einer ausschlie\u00dflich nordgermanischen Kultur, hinter denen wir ganz klar die Angeln annehmen d\u00fcrfen. Folgerichtig finden sich dort auch Beispiele f\u00fcr die germanische Brandbestattung, jedoch nicht in solcher \u00dcberzahl, dass sie Hinweis auf eine Masseneinwanderung sein k\u00f6nnten \u2013 zumindest, wenn man bei dem Begriff an Zehntausende von Menschen denkt. Im s\u00fcdlichen England hingegen (den s\u00e4chsischen Gebieten) finden sich tats\u00e4chlich Kriegergruppen, die ihren Toten eine beigabenreiche K\u00f6rperbestattung angedeihen lie\u00dfen. Das aber kann kaum ein \u00fcberzeugender Beleg f\u00fcr die Sachsen sein, denn die hatten auf dem Kontinent ebenfalls die Brandbestattung praktiziert, und warum h\u00e4tten sie diese Sitte nach einer pl\u00f6tzlichen Eroberung ge\u00e4ndert haben sollen? Hier haben wir neben dem einheimischen keltischen Brauchtum vielmehr die Tradition der seit Jahrhunderten als r\u00f6mische Soldaten in England vetretenen Gallier, Friesen, Franken (usw.). Das l\u00e4sst es sogar fraglich erscheinen, ob von den kleinen Kriegertruppen abgesehen sp\u00e4tere s\u00e4chsische Neusiedler hier \u00fcberhaupt in nennenswerter Zahl vertreten waren, denn das h\u00e4tte die Kontinuit\u00e4t dieses Bestattungsmusters doch durch einen zumindest teilweisen Wechsel zur Brandbestattung ver\u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Name \u201eAngeln\u201c f\u00fcr alle in Britannien lebenden Germanen ist erstaunlich fr\u00fch bezeugt, n\u00e4mlich bereits 601 in einem Brief Papst Gregors des Gro\u00dfen an K\u00f6nig \u00c6thelberht von Kent (der selbst angeblich ein J\u00fcte war), der darin als<span>\u00a0<\/span><em>Rex Anglorum<\/em><span>\u00a0<\/span>(K\u00f6nig der Angeln) angeredet wird. Das belegt, dass die Selbstbezeichnung \u201eAngeln\u201c sehr bald von allen Einwohnern f\u00fcr sich selbst angenommen worden ist. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind nicht ganz klar: Entweder waren sie sich tats\u00e4chlich in \u00fcberwiegender Mehrzahl dieser Herkunft bewusst oder aber eines der anglischen K\u00f6nigreiche \u00fcbte eine entsprechende kulturelle Vorherrschaft aus, was zu der Zeit am ehesten auf Mercia zugetroffen haben k\u00f6nnte. Die Bezeichnung \u201eAngeln und Sachsen\u201c fiel zwar nie in Vergessenheit, wurde nachfolgend aber fast nur noch von Gelehrten und Dichtern benutzt.<\/p>\n<p>Wie steht es nun mit Hengist und Horsa? Waren die beiden historische Figuren? Beda erw\u00e4hnt ein Steindenkmal mit Inschrift im \u00f6stlichen Kent, das anl\u00e4sslich des Todes von Horsa errichtet worden sein soll. Das aber ist unm\u00f6glich, denn abgesehen von den Runen waren dessen Gefolgsleute noch Analphabeten, und die Sitte, Runensteine zum Gedenken an Tote zu errichten, kam erst sehr viel sp\u00e4ter auf. Wenn eine solche Inschrift existierte, dann war sie entweder die Hinterlassenschaft r\u00f6mischer Truppen und enthielt wahrscheinlich das Wort (CO)HORS, oder aber es handelte sich um ein Erzeugnis aus dem 7. Jahrhundert, durch das die K\u00f6nige von Kent ihren Herrschaftsanspruch \u00fcber den ganzen S\u00fcden zu rechtfertigen trachteten, indem sie sich von einer der legend\u00e4ren Gr\u00fcndungsgestalten abzuleiten versuchten. Auch die Erw\u00e4hnung Hengists in den k\u00f6niglichen Stammb\u00e4umen von Kent riecht verd\u00e4chtig nach sp\u00e4terer Einf\u00fcgung. Da beide Namen dasselbe bedeuten (Pferd), ist vermutet worden, die Doppelung k\u00f6nne ein Missverst\u00e4ndnis aus einer m\u00f6glichen Randbemerkung in einem alten Manuskript sein, in der lediglich erkl\u00e4rt wird, dass der Name Hengist eigentlich \u201eHorse\u201c bedeute. Andererseits ist diese doppelte F\u00fchrerschaft aber auch bei anderen St\u00e4mmen der V\u00f6lkerwanderungszeit erw\u00e4hnt (z.B. bei den Vandalen) und entspricht zudem dem als<span>\u00a0<\/span><em>ver sacrum<\/em><span>\u00a0<\/span>bei allen indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lkern bekannten Brauch der Aussendung von Neusiedlern. In allen F\u00e4llen stammen diese Berichte aber aus m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung und m\u00fcssen deshalb vom streng historischen Standpunkt aus unsicher bleiben. Es wurde auch die M\u00f6glichkeit erwogen, dass hinter diesen Erz\u00e4hlungen keine menschlichen Anf\u00fchrer stehen, sondern die alten Zwillingsgottheiten, die bei vielen indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lkern belegt sind. Tacitus nennt sie bei den Germanen Alcis und setzt sie mit mit den r\u00f6mischen Entsprechungungen Castor und Pollux gleich. Die heutige Forschung sieht Hengist und Horsa eher als Mythos. Da aber Vortigern, der angeblich die ersten germanischen S\u00f6ldner ins Land holte, durchaus f\u00fcr eine historische Person gehalten wird, ist es nicht unm\u00f6glich, dass zumindest f\u00fcr Hengist auch eine reale Person als Vorbild diente.<\/p>\n<p>Belege f\u00fcr Details der heidnischen Religion finden sich deshalb kaum, weil Schriftquellen aus der fraglichen Zeit so gut wie gar nicht existieren. Beda berichtet lange Jahrhunderte sp\u00e4ter einige interessante Details, die aber nur Blitzlichtern in dunkler Nacht vergleichbar sind, und f\u00fcr die er selbst keine wirklichen Quellen mehr hatte. Orts- und Flurnamen, \u00fcberlieferte Heil-, Segens und Zauberspr\u00fcche, sowie mittelalterliche Bu\u00dfb\u00fccher geben ebenfalls Hinweise. Die meisten dieser Hinweise k\u00f6nnen aber nicht mehr als Belege f\u00fcr speziell alt-anglische Traditionsreste gelten: Ab 862 eroberten d\u00e4nische Wikinger die anglischen Gebiete Northumberland und East-Anglia, was so viele d\u00e4nische Neusiedler anzog, dass die Gebiete k\u00fcnftig als<span>\u00a0<\/span><em>Danelag<\/em><span>\u00a0<\/span>(\u201eunter d\u00e4nischem Gesetz\u201c) bekannt waren. Ab 978 stand dann das gesamte Land unter heftigster Bedr\u00e4ngnis d\u00e4nischer Wikinger, dessen komplette Eroberung Alfred der Gro\u00dfe, K\u00f6nig von Wessex, nur mit gro\u00dfer Not verhindern konnte. 1016 wurde der d\u00e4nische Herrscher Knut der Gro\u00dfe auch K\u00f6nig von England, vereinigte England mit D\u00e4nemark und dessen S\u00f6hne herrschten dort bis 1042. Auch in dieser Zeit kam es zu einer neuen und betr\u00e4chtlichen Einwanderungswelle heidnischer D\u00e4nen.<\/p>\n<p>Bestattungen wurden stets als reichhaltigste Quelle religi\u00f6ser Anschauungen betrachtet. Aber neben den bereits erw\u00e4hnten Problemen, wie weit eine ethnische Zugeh\u00f6rigkeit aus Gr\u00e4bern in diesem Fall \u00fcberhaupt abzulesen ist, treten hier auch rein arch\u00e4ologische Probleme zu Tage: Nur wenige Gr\u00e4ber, egal ob Brand- oder K\u00f6rperbestattungen, lassen sich in genauen stratigraphischen Zusammenhang zueinander bringen, sodass sich eine Datierung nur \u00fcber eine vergleichende Typologie der Grabbeigaben erreichen l\u00e4sst. Die aber kann nur relativ und nicht absolut sein. Da der entscheidende Zeitraum sehr kurz ist, nutzt die C-14 Analyse hier wenig, da deren Resultate einen zu gro\u00dfen Spielraum aufweisen. Und eine verl\u00e4ssliche dendrochronologische Datenbasis existiert f\u00fcr die Britischen Inseln aus Mangel an Funden nicht.<\/p>\n<p>Die Praxis von Grabbeigaben ist nat\u00fcrlich schon an sich eine rein heidnische Sitte, und Darstellungen wie die auf der Schatulle von Sutton Hoo, die einen Mann zwischen zwei Tierfiguren und einen Adler zeigt, die Gestalt mit H\u00f6rnerhelm auf der Spange von Finglesham, der Eber auf dem Helm von Benty Grange beziehen sich sicher auf allgemein bekannte, religi\u00f6se Details der germanischen Welt, aber sie lassen sich nicht mit konkreten Figuren aus der uns bekannten G\u00f6tter- und Heldendichtung verbinden, auch wenn immer wieder phantasievolle Vorschl\u00e4ge dazu aufkommen. In Sewerby l\u00e4sst sich ein Grabfund als Menschenopfer interpretieren und absichtlich zerst\u00f6rte Gegenst\u00e4nde und Waffen aus Funden d\u00fcrften ebenfalls Reste von Opfern sein. Es sieht so aus, als sei Runeninschriften Schutz- oder Zauberkraft zugeschrieben worden, aber daf\u00fcr sprechen lediglich einige sprachlich sinnlos scheinende Ritzungen. Die weitaus meisten englischen Runendenkm\u00e4ler stammen aus christlicher Zeit. Genausowenig wie in Skandinavien scheint die englische Kirche ein Problem mit dem Gebrauch der Runen gehabt zu haben.<\/p>\n<p>Die Verehrung Wotans (als Woden) ist sehr gut belegt, denn alle k\u00f6niglichen Stammb\u00e4ume Englands f\u00fchren sich auf ihn zur\u00fcck (mit Ausnahme der Dynastie von Essex, die sich auf Saxnot zur\u00fcckf\u00fchrt). Auch damals scheint der Gott schon die sp\u00e4teren Charakterz\u00fcge besessen zu haben: Er galt als Gott der Schlachten und des Sieges, aber auch schon als Gott der Zauberei. Somit scheint seine Verbindung mit den Runen sehr alt und keine sp\u00e4te skandinavische Entwicklung zu sein. Aber es gibt keinen Hinweis auf ihn als \u201eG\u00f6tterk\u00f6nig\u201c, was wenig verwunderlich ist, denn als solcher taucht er auch in der Lieder-Edda noch nicht auf, sondern das scheint eine reine Interpretation Snorris zu sein, auch wenn man diese Rolle Odins in fast jedem Buch zu dem Thema als angebliche Tatsache findet. Sein Name hat sich in zahlreichen Ortsnamen erhalten (Wednesfield, Wensley, Woodnesborough usw.). Der heidnische Polytheismus ging bei den Einwanderern mit einer Ideologie einher, die sehr viel besser als das Christentum einem Pragmatismus und Opportunismus Vorschub leistete, der die beg\u00fcnstigte, die von den chaotischen politischen Verh\u00e4ltnissen der Zeit profitieren wollten. Die Verehrung Wodans gab den Kriegern vielleicht sogar ein Rollenmodell vor, das List und Betrug miteinschloss. Es d\u00fcrfte somit kein Zufall sein, dass sich der Gro\u00dfteil der \u00fcberlieferten Genealogien auf Wodan zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Die Mehrheit der anglischen und s\u00e4chsischen Krieger d\u00fcrfte sich mit diesem Gott identifiziert haben.<\/p>\n<p>Thunaraz \/ Thor scheint (als Thunor) genauso popul\u00e4r wie in allen anderen germanischen L\u00e4ndern gewesen zu sein. Die altnordische<span>\u00a0<\/span><em>Olafs Saga<\/em><span>\u00a0<\/span>bezeichnet Thor ausdr\u00fccklich als<span>\u00a0<\/span><em>Engilsmannago\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(Gott der Engl\u00e4nder). Altenglische Ausdr\u00fccke wie<span>\u00a0<\/span><em>\u00deunor-rad<\/em><span>\u00a0<\/span>(Donner-Fahrt) machen klar, dass er auch damals schon als wagenfahrend gedacht wurde. Ausgrabungen eines Gr\u00e4berfeldes in Gilton (Kent) f\u00f6rderten zwei Hammer-Amulette aus dem 6. Jahrhundert zu Tage, die bereits um den Hals getragen wurden (Abb. in Capelle 1990, S. 81). Dieser Fund ist besonders erw\u00e4hnenswert, widerlegt er doch die auch in neueren B\u00fcchern immer noch g\u00e4ngige Behauptung, das Tragen von Thorsh\u00e4mmern sei erst 400 Jahre sp\u00e4ter in Skandinavien gegen Ende der heidnischen \u00c4ra als Reaktion auf die um den Hals getragenen Kreuze der Christen aufgekommen. Auch Thunors Name ist in zahlreichen Ortsnamen belegt (Thunderfield, Thunderley, Thursley usw.), aber in keinem k\u00f6niglichen Stammbaum. Eine Verbindung von Ortsnamen mit dem Element \u201eHammer-\u201c zu ihm ist ebenfalls erwogen worden (Hameringham, Hamerton, Hammerwick etc.).<\/p>\n<p>Die Belege f\u00fcr Teiwaz \/ Tyr (als Tiw) sind sp\u00e4rlich. Es gibt drei Ortsnamen (Tislea, Tyesmere and Tysoe), die als gesichert gelten, sowie einige Personennamen (Tiwald, Tiovald and Teolfinga) \u2026 und dann gibt es da noch diesen Saxnot als g\u00f6ttlichen Stammvater der Essex-K\u00f6nige, \u00fcber den man praktisch \u00fcberhaupt nichts wei\u00df. Der taucht allerdings auch in dem bekannten alts\u00e4chsischen Taufgel\u00f6bnis aus dem Niedersachsen des 8. Jahrhunderts auf (\u201eIch entsage allen Worten und Taten des Teufels, Donar, Wodan, Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind\u201c). Er muss also eine bedeutende Gottheit gewesen sein, und die meisten Wissenschaftler vermuten in dem Namen lediglich eine andere Bezeichung f\u00fcr Teiwaz \/ Tyr. Allerdings gibt es daf\u00fcr keinerlei Beweis, sondern das ist eine reine Hypothese, die zudem 1989 durch Peter Pieper mit bedenkenswerten Argumenten kritisiert wurde, der hinter diesem Namen mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit Freyr vermutet.<\/p>\n<p>Brachten die Angeln den Nerthus-Kult mit nach England, oder glaubten sie die G\u00f6ttin untrennbar mit der alten Heimat verbunden? Ihr Name ist in England nicht belegt, aber es gibt gute Gr\u00fcnde zu der Annahme, dass sich lediglich ihr Name ge\u00e4ndert hat, denn die Verehrung einer Erdg\u00f6ttin mit dem Namen Erce ist gut belegt. Ein alter Segensspruch lautet:<span>\u00a0<\/span><em>Erce, eor\u00fean modor, hal wes \u00feu<\/em><span>\u00a0<\/span>(Erce, Erdmutter, Unversehrtheit sei dir). Jahreszeitliches Brauchtum spricht zus\u00e4tzlich f\u00fcr diese Theorie: Bis in neueste Zeit fanden Mai-Umz\u00fcge statt, die uns verbl\u00fcffend an die Berichte des Tacitus erinnern. Priester und G\u00f6ttin wurden von Verkleideten verk\u00f6rpert. In lokalen Varianten wurde die G\u00f6ttin aber auf den Schultern der M\u00e4nner als Standbild herumgetragen, und auch ein Pflug war Bestandteil der Prozession, der als Erinnerung an den alten Kultwagen gedeutet wurde. Der friedliche Fruchtbarkeitscharakter des Spektakels w\u00fcrde sich abermals mit Tacitus\u2019 Bemerkung decken, dass bei den Nerthus-Feiern alles \u201eEisen\u201c (also Waffen) weggeschlossen werden musste. Von Beda wiederum erfahren wir, dass altenglischen Kultdienern angeblich das Tragen von Waffen generell verboten war und sie nur Stuten reiten durften. Das k\u00f6nnte ein weiterer Hinweis auf den Nerthus- oder auch Wanenkult sein, denn jemand in kultischer Funktion, der auf Grund seines Amtes in konstantem Kontakt mit der G\u00f6ttin stand, konnte somit niemals Waffen tragen.<\/p>\n<p>Von Beda stammt auch der einzige Hinweis auf die G\u00f6ttin Eostre. Jakob Grimm hat aus diesem Namen eine gemeingermanische G\u00f6ttin mit dem Namen Ostara konstruieren wollen. Dieser Monatsname und sein heidnischer Ursprung stehen zwar au\u00dfer Zweifel, die althochdeutsche sprachliche Form aber stammt aus sp\u00e4teren christlichen Zeiten. Wenn diese G\u00f6ttin tats\u00e4chlich auch hierzulande bekannt war, dann muss ihr alter Name Austro gelautet haben.<\/p>\n<p>Seltsamerweise gibt es keine altenglischen Belege f\u00fcr Frigg. Sie muss aber bekannt gewesen sein, denn William von Malmesbury erw\u00e4hnt sie als Wodens Gattin (auch das also wohl eine recht alte Vorstellung). Aber keine weitere Spur findet sich von ihr in den altenglischen Quellen. Au\u00dfer Frigg, Erce and Eostre ist der einzig weitere belegte weibliche mythologische Name der der Sonne (Sunna).<\/p>\n<p>Auch wenn wir nur ein sehr verschwommenes Bild der Lage besitzen, scheint es doch sehr sicher, dass es keine landesweite \u201ePriesterschaft\u201c gab. Genausowenig wie in der alten Heimat gab es auch in England keine zentrale geistliche Autorit\u00e4t (weil es sich eben nicht um moderne zentralistische Staaten handelte), sondern bestenfalls ein unzusammenh\u00e4ngendes System einzelner Tempel und Heiligt\u00fcmer, die den jeweiligen Bed\u00fcrfnissen der Bev\u00f6lkerung vor Ort dienten. Heidnische Tempel sind durch Ausgrabungen bezeugt (u.a. in Yeavering).<\/p>\n<p>Aber das Christentum kam schnell und breitete sich zwischen 600 und 660 vom S\u00fcdosten nach Westen und Norden aus. Das hei\u00dft, dass germanisches Heidentum nicht einmal hundert Jahre lang in England vorherrschend war. Die Bekehrung scheint friedlich und gewaltlos erfolgt zu sein und begann bei den K\u00f6nigen, die schnell die politischen Vorteile erkannten, die sich ihnen dadurch boten. Die Bekehrung war meistens auch deshalb einfach, weil die germanische Religion nicht auf verk\u00fcndeten Glaubensvorschriften beruhte, sondern ausschlie\u00dflich auf Erfolg in allen Lebensbereichen als Resultat von Opfer und Kult, und die Menschen opferten, weil die G\u00f6tter ihnen halfen. Die Religionsgrundlage war nicht dogmatischer Fundamentalismus, sondern schlicht und einfach die Effektivit\u00e4t, die man sich davon erhoffte. Wenn sich jemand einer neuen Gottheit zuwandte und das Erfolg zeigte, wurde die neue Gottheit (auch von anderen in der Gemeinde) problemlos akzeptiert. Andererseits lie\u00df diese Haltung die Menschen aber genauso problemlos zum Heidentum zur\u00fcckkehren, wenn der neue Gott in seiner Hilfsbereitschaft zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lie\u00df. So bauten die Leute in Essex 664 ihre alten heidnischen Tempel wieder auf und kehrten zum alten Glauben in der Hoffnung zur\u00fcck, dieser k\u00f6nne sie besser gegen eine gerade grassierende Seuche sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es scheint klar, dass auch die viel sp\u00e4teren christlichen K\u00f6nige noch heidnische Ahnen mit Heldenruhm ben\u00f6tigten, um ihren Thronanspruch durchzusetzen und zu rechtfertigen, und die R\u00fcckf\u00fchrung auf Wodan selbst in den Stammb\u00e4umen scheint vor allem dem Zweck gedient zu haben, k\u00f6nigliche Abstammung schlechthin beanspruchen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig macht das abermals die Bedeutung des Ahnenkultes sichtbar, der nicht nur die germanische, sondern auch die gesamte indoeurop\u00e4ische Welt als wichtiges Element durchzog.<\/p>\n<p>Die Briten sind sich ihres germanischen Erbes heute nicht mehr sonderlich bewusst. Die Kelten gelten seit der Romantik des 19. Jahrhundert dort als popul\u00e4rer, und das historische Selbstbild der heutigen Briten basiert eher auf dem fr\u00fchen r\u00f6misch-christlichen Erbe und den Mythen um Artus, w\u00e4hrend die Angeln und Sachsen immer noch den Ruf barbarischer Horden haben, die nur pl\u00fcndernd \u00fcber das Land herfielen. Aber alle Aspekte und Institutionen der englischen (und infolgedessen auch amerikanischen) Gesellschaft tragen durchweg noch einen weitaus unverf\u00e4lschteren germanischen Charakter als z.B. in Deutschland. Und es waren die Angeln und Sachsen, die diese Kultur ma\u00dfgeblich pr\u00e4gten. Das \u00e4nderte sich auch nicht nach der normannischen Eroberung 1066, denn diese Eroberer waren Wikinger, die sich erst zwei Generationen zuvor in der Normandie angesiedelt hatten. Sie hatten allerdings bereits die franz\u00f6sische Sprache angenommen, die dadurch mit vielen Begriffen in die englische Sprache eindrang, und es ist eine \u00e4u\u00dferst faszinierende Vorstellung, wie das Englische heute ohne diesen Einfluss klingen w\u00fcrde. Dennoch ist Englisch bis heute eindeutig eine germanische und keine romanische Sprache.<\/p>\n<p>Die kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen England und Norddeutschland blieben traditionell \u00fcber all die nachfolgenden Jahrhunderte sehr eng. Vergessen haben die Engl\u00e4nder ihre alten Urspr\u00fcnge nie. Und als 1701 der<span>\u00a0<\/span><em>Act of Settlement<\/em><span>\u00a0<\/span>erlassen wurde, der gegen die schottische Krone gerichtet war und deshalb Katholiken auf immer vom englischen Thronanspruch ausschloss, war es das nieders\u00e4chsische K\u00f6nigshaus, das wie selbstverst\u00e4ndlich die englische Thronfolge antrat: 1714 bestieg Georg I. aus Hannover den englischen Thron, in dem die Engl\u00e4nder nun wieder einen \u201eechten\u201c s\u00e4chsischen K\u00f6nig hatten (der zeitlebens die englische Sprache nicht richtig lernte) und dessen direkte Nachkommen bis zum heutigen Tag im Buckingham Palast leben.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Arnold, C.J.: An Archaeology of the Early Anglo-Saxon Kingdoms. 2. Ed. London 1997<\/p>\n<p>Campbell, J. [Hrsg.]: The Anglo-Saxons. Oxford 1982<\/p>\n<p>Capelle, T.: Arch\u00e4ologie der Angelsachsen. Eigenst\u00e4ndigkeit und kontinentale Bindung vom 5. bis 9. Jahrhundert. 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Das eigentliche Kernland dieser Gegend, die Ostsee-Region zwischen der Flensburger F\u00f6rde und der Schlei, tr\u00e4gt auch heute noch den Namen Angeln, wobei aber sicher scheint, dass nicht die Gegend&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/die-angeln-und-der-ursprung-der-englaender\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[67,68,69,70,71],"class_list":["post-330","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-historisches","tag-angeln","tag-beowulf","tag-haithabu","tag-pikten","tag-sachsen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=330"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":331,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions\/331"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}