{"id":322,"date":"2011-07-28T19:55:42","date_gmt":"2011-07-28T17:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=322"},"modified":"2025-08-24T19:56:01","modified_gmt":"2025-08-24T17:56:01","slug":"der-germanische-mondkalender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/der-germanische-mondkalender\/","title":{"rendered":"Der germanische Mondkalender"},"content":{"rendered":"<p>von Peter Walthard<\/p>\n<p>Dass der Kalender unserer germanischen Vorfahren in den Wirren der Geschichte unwiederbringlich verloren gegangen ist, wird uns immer wieder dann schmerzlich bewusst, wenn wir die Feste des Jahreslaufes feiern wollen und und uns dabei auf einen p\u00e4pstlichen Kalender verlassen m\u00fcssen, der die Jahre nach der angeblichen Geburt der obskuren \u201eGottheit\u201c Jesus Christus z\u00e4hlt. Der Wunsch nach einem eigenen Kalender, der dem verlorenen germanischen m\u00f6glichst nahe kommt, erhebt sich an immer mehr heidnischen Herdfeuern. Dabei ist \u00fcber die Zeitmessung der alten Germanen erstaunlich viel bekannt, auch existieren bereits mehrere rekonstruierte Kalender. Snorri Sturluson und Beda Venerabilis hinterlie\u00dfen uns au\u00dferdem zwei detaillierte Beschreibungen germanisch-heidnischer Kalender.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sonne und Mond<\/strong><\/h2>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Mond bei den Menschen,<\/em><br \/>\n<em>Mindrer bei den G\u00f6ttern,<\/em><br \/>\n<em>Himmelsrad bei Hel,<\/em><br \/>\n<em>Eiler bei den Riesen,<\/em><br \/>\n<em>bei den Elben Schein,<\/em><br \/>\n<em>bei den Zwergen Zeitmesser.<\/em><\/p>\n<p><cite>(Alvissm\u00e1l)<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Es wird kaum mehr bezweifelt, dass die Germanen einen lunaren Kalender hatten. Die oben zitierte Eddastelle, die Auskunft \u00fcber die Namen des Mondes gibt, deckt sich mit den Erkenntnissen der modernen Sprachforschung, nach der \u201eMond\u201c auf eine indoeurop\u00e4ische Wurzel *<em>me-<\/em><span>\u00a0<\/span>mit der Bedeutung \u201emessen\u201c zur\u00fcckgeht. Mondkalender gab es in vielen antiken Kulturen und waren \u2013 so Jan de Vries \u2013 den meisten indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lker gemeinsam. In seiner<span>\u00a0<\/span><em>Germania<\/em><span>\u00a0<\/span>best\u00e4tigt Tacitus unsere Annahme:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eMan versammelt sich [\u2026] an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond, dies sei, glauben sie, f\u00fcr Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach N\u00e4chten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit. Die Nacht geht dem Tage voraus.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Gerade die letzte Bemerkung spricht f\u00fcr einen Mondkalender. Da in den meisten bekannten Mondkalendern der Monat mit der ersten Sichtung der Neumondsichel beginnt, also zumeist am Abend oder in der Nacht, w\u00e4re es unsinnig, einen Tag am Morgen beginnen zu lassen: Er geh\u00f6rte dann ja zu zwei Monaten gleichzeitig. Auch Beda Venerabilis gibt in seiner Schrift<span>\u00a0<\/span><em>De Temporum Ratione<\/em><span>\u00a0<\/span>(die uns sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen wird) an, die Angelsachsen h\u00e4tten Mondmonate verwendet. Wir d\u00fcrfen uns in dieser Sache also ziemlich sicher sein.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Schwierigkeit eines Mondkalender ist, dass er mit zw\u00f6lf Lunationen zu 29,5 Tagen sich um j\u00e4hrlich 11,24 Tage vom solaren Jahr l\u00f6st und der Jahresanfang dabei alle Jahreszeiten durchwandert. Das deshalb ein solches System f\u00fcr ein Bauernvolk in Nordeuropa, dessen Leben mit dem Lauf der Jahreszeiten aufs innigste verflochten ist, nicht in Frage kommt, ergibt sich von selbst. Die Germanen m\u00fcssen ein System der Interkalation gekannt haben, mit dem sie mittels Schaltmonaten Sonnenjahr und Mondmonate so zusammenhalten konnten, dass der Kalender die Jahreszeiten einhielt. Es gibt raffiniertere Methoden, Schaltjahre zu bestimmen, die einfachste ist jedoch, ein bestimmtes Datum im Sonnenlauf als Stichtag zu nehmen, etwa eine Sonnenwende. Zu Unrecht ist bezweifelt worden, dies sei den Germanen gar nicht m\u00f6glich gewesen. Die Steinsetzungen der Megalithzeit, das Grab von Newgrange, das Belchendreieck bei Basel und die Schiffsetzung bei Kaasehuvud in Schweden beweisen, dass das archaische Europa nicht nur in der Lage war, Sommer- und Wintersonnwende genau zu bestimmen, sondern dies offensichtlich auch tat.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Angaben des \u201eehrw\u00fcrdigen\u201c Beda<\/strong><\/h2>\n<p>Wie oben erw\u00e4hnt, sind uns aus dem fr\u00fchen Mittelalter zwei Beschreibungen eines heidnischen Kalenders erhalten, die des altisl\u00e4ndischen und die des altenglischen. Der altisl\u00e4ndische Kalender ist f\u00fcr uns hochinteressant. So gibt er die altnordischen Monatsnamen an und \u00fcberliefert uns eine Zweiteilung des Jahres in Sommer und Winter. Die Scheidepunkte zwischen beiden lagen Mitte Oktober bzw. April und wurden \u2013 glaubt man den Angaben der Sagas \u2013 jeweils mit einem Opfergelage gefeiert. In der Mitte des Winters, also um den 15. Januar, fand ein weiteres Fest statt, ohne Zweifel das Julfest. Da der isl\u00e4ndische Kalender aber kein Mondkalender (mehr) ist, kommt er f\u00fcr unsere Rekonstruktion nicht in Frage.<\/p>\n<p>Interessanter sind hier die Angaben, die der angels\u00e4chsische M\u00f6nch Beda Venerabilis um 730 in seiner Schrift<span>\u00a0<\/span><em>De Temporum Ratione<\/em><span>\u00a0<\/span>macht. Analog zum nordischen Kalender finden wir auch bei ihm eine Zweiteilung des Jahres in Monate, in denen die Tage l\u00e4nger als die N\u00e4chte (Sommer) und solche, in denen die N\u00e4chte l\u00e4nger als die Tage sind (Winter). Als Beginn des Winters wird interessanterweise der Vollmond des<span>\u00a0<\/span><em>Winterfylleth<\/em><span>\u00a0<\/span>angegeben, was an die nordische Jahreseinteilung erinnert, die Sommer und Winter ebenfalls in der Monatsmitte beginnen l\u00e4sst. Im Gegensatz zu den nordischen Quellen best\u00e4tigt Beda jedoch, dass ein Monat einer Lunation entsprach. \u00dcber die genaue Regelung der notwendigen Interkalation schweigt sich Beda allerdings aus.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig an Bedas Kalender ist, dass Dezember\/Januar und Juni\/Juli jeweils Doppelmonate bilden. Im Winter das erste und das zweite<span>\u00a0<\/span><em>Geola<\/em>, ein Name, den Beda mit der Wintersonnenwende in Zusammenhang bringt und in dem wir das skandinavische<span>\u00a0<\/span><em>J\u00f3l\/Jul<\/em><span>\u00a0<\/span>erkennen, im Sommer das erste und zweite<span>\u00a0<\/span><em>Lidha<\/em>, dessen Name dunkel und wahrscheinlich sehr alt ist. Als Jahresbeginn gibt Beda die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember an, die \u201eNacht der M\u00fctter\u201c. Aufgrund dieser Angaben unternahm John Robert Stone 1997 mit seiner Schrift<span>\u00a0<\/span><em>Observing Bede\u2019s Anglo-Saxon Calendar<\/em><span>\u00a0<\/span>einen Versuch, den Angels\u00e4chsischen Kalender zu rekonstruieren (nicht den ersten \u2013 wohlbemerkt \u2013 und auch wohl noch lange nicht den letzten.)<\/p>\n<p>Stone geht dabei von der Beobachtung aus, dass die beiden Doppelmonate die Sonnenwenden \u201ewie Buchdeckel umschlie\u00dfen\u201c. Bedas Bemerkung, es habe auch Jahre mit einem dritten \u201eLidha\u201c gegeben, veranlasste ihn zu der Vermutung, dass die Angelsachsen eine Schaltjahrregel verwendeten, die das zweite<span>\u00a0<\/span><em>Geola<\/em><span>\u00a0<\/span>bzw.<span>\u00a0<\/span><em>Lidha<\/em><span>\u00a0<\/span>stets nach der betreffenden Sonnenwende fixierte. Stone nimmt die Mittsommernacht nach ihrer englischen Datierung am 23. Juni als Stichtag an. Er schl\u00e4gt vor, nach der Sommersonnwende eine Pufferspanne von elf Tagen (die Differenz zwischen Sonnen- und Mondjahr) einzurichten. Erscheint die erste Sichel des neuen<span>\u00a0<\/span><em>Lidhas<\/em>, folgt ein Schaltmonat. Stone testete seinen Kalender mit dem Metonischen Zyklus und kam zu dem Ergebnis, dass sich \u201eder alte Kalender um dieselben Daten rankt, egal welche Regel man verwendet\u201c.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit von Scotts Modell ist, dass der von Beda angegebene Neujahrstag am 24. Dezember nicht nur dem Mondkalender widerspricht, sondern sich auch noch auf den christlichen Kalender beruft. Zur Zeit Bedas d\u00fcrfte der angels\u00e4chsische Kalender nur noch neben dem julianischen koexistiert haben. Die r\u00f6mischen Wochentagsnamen wurden von den Germanen vermutlich im zweiten oder dritten Jahrhundert \u00fcbernommen, und es ist gut m\u00f6glich, dass damit der ganze julianische Kalender in Gebrauch kam. Viele Germanen k\u00e4mpften zu jener Zeit in den r\u00f6mischen Legionen. Stone vermutet deshalb, dass der 25. Dezember von den Germanen als Datum der Sonnenwende angenommen worden ist, wie es im unter r\u00f6mischen Soldaten weit verbreiteten Mithraskult Brauch war. Urspr\u00fcnglich hatte man wohl eine beobachtete Sonnenwende als Fixpunkt genommen. Interessanterweise bieten die zw\u00f6lf N\u00e4chte zwischen Weihnacht und Neujahr im synkretistischen Volksglauben genau eine solche Pufferzone an, wie sie Scott in seinem Kalendermodell vermutet. Das neue Jahr h\u00e4tte dann mit der ersten Sichtung des zweiten<span>\u00a0<\/span><em>Geola<\/em>-Mondes irgendwann zwischen Sonnenwende und Mitte Januar begonnen. Diese Annahme deckt sich mit der Vermutung von Jan de Vries, der das germanische Mittwinterfest ebenfalls in den Januar verlegt. Aus Skandinavien wissen wir, dass Jul urspr\u00fcnglich in der Nacht des<span>\u00a0<\/span><em>h\u00f6ku<\/em>, der Mittwinternacht, gefeiert worden war und drei N\u00e4chte dauerte. Diese drei N\u00e4chte k\u00f6nnten dann in die Zeit vom Verschwinden der alten Mondsichel bis zum Erscheinen der neuen gefallen sein. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass der Name \u201eNacht der M\u00fctter\u201c stark an das skandinavische<span>\u00a0<\/span><em>Disabl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>erinnert.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine m\u00f6gliche Regel<\/strong><\/h2>\n<p>Fassen wir also unsere Vermutungen zusammen. Das Jahr begann mit dem Auftauchen der ersten Neumondsichel nach der Wintersonnenwende. Erschien die Mondsichel schon in den ersten zw\u00f6lf N\u00e4chten nach der Sonnenwende, wurde im Sommer ein Schaltmonat, das dritte<span>\u00a0<\/span><em>Lidha<\/em><span>\u00a0<\/span>eingef\u00fchrt. Der Beginn des Jahres wurde mit einem gro\u00dfen Fest gefeiert, dass unter anderem den \u201eM\u00fcttern\u201c geweiht war. Der Beginn des Sommers und des Winters wurden ebenfalls mit einem Fest gefeiert. Die \u201eTage\u201d begannen mit den N\u00e4chten.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Angels\u00e4chsischer oder germanischer Kalender?<\/strong><\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich mag es sehr fraglich sein, den rekonstruierten Kalender eines Einzelstammes zum \u201ealtgermanischen Jahr\u201d erheben zu wollen. Trotzdem haben wir uns erlaubt, einen eigenen Kalender auf der Basis von Stones Rekonstruktion zu verwenden. Es ist kaum anzunehmen, dass dieser Mondkalender eine Erfindung der Angelsachsen war. Er erscheint im Gegenteil als Relikt aus einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit. Das pr\u00e4zisere Kalendersystem der damals weltbeherrschenden R\u00f6mer d\u00fcrfte den germanischen Mondkalender, der zwar gut zur Bestimmung der Jahreszeiten geeignet, aber \u00e4u\u00dferst unpraktisch zur genauen Datierung von Ereignissen war, langsam verdr\u00e4ngt haben. Wenn der Kalender aber ein Relikt aus der Zeit vor dem Aufkommen des r\u00f6mischen Kalenders in der Germania war, und f\u00fcr diesen Zeitpunkt nehmen wir das zweite und dritte Jahrhundert an, da zu jener Zeit auch die r\u00f6mische Woche \u00fcbernommen wurde, so muss er schon unter den Festlandgermanen benutzt worden sein. Dort hatten die Angeln zum Verband der Sueben geh\u00f6rt. Es ist kaum zu vermuten, dass gerade diese einen grundlegend anderen Kalender als ihre Nachbarn verwendet haben. Es ist gut m\u00f6glich, dass auch der nordische Kalender, der die n\u00e4mliche Einteilung in zwei Halbjahre kennt, aus demselben hervorgegangen ist. F\u00fcr uns ist von besonderem Interesse, dass sich der von Beda angegebene Monatsname<span>\u00a0<\/span><em>Hre\u00femona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(M\u00e4rz) auch in der Appenzeller Chronik als<span>\u00a0<\/span><em>Redimonet<\/em><span>\u00a0<\/span>(Hornung) findet.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine L\u00f6sung f\u00fcr Neuheiden?<\/strong><\/h2>\n<p>Unber\u00fchrt von der Frage, ob der angels\u00e4chsische Kalender, wie er von Scott rekonstruiert wurde, einst gemeingermanisch war oder nicht, bietet er sich den neuheidnischen Gemeinschaften, die nach alter germanischer Sitte zu leben suchen, als m\u00f6glicher neuer Kalender an. Seine Vorz\u00fcge liegen zum einen in seiner Einfachheit, zum andern in der engen Anlehnung an historische Quellen. Zu guter Letzt ist er der einzige mir bekannte \u00fcberpr\u00fcfte, funktionierende und nicht mit esoterischem Ballast \u00fcberladene \u201egermanische\u201d Kalender.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sommer und Winter<\/strong><\/h2>\n<p>Wie der nordische teilte auch der angels\u00e4chsische Kalender das Jahr in eine H\u00e4lfte, in der die Tage, und eine, in der die N\u00e4chte l\u00e4nger sind. Sommer und Winter waren wohl die beiden ersten Jahreszeiten, die die Germanen kannten, und es sind auch heute noch die einzigen, deren Namen im gesamten germanischen Sprachraum gleich lauten. Das neue Jahr begann mit der Nacht der M\u00fctter um die Wintersonnenwende herum im Monat<span>\u00a0<\/span><em>Giuli<\/em><span>\u00a0<\/span>(Jul), der Winter mit dem Wintervollmond (<em>Winterfille\u00f0<\/em>) im Oktober und der Sommer mit dem<span>\u00a0<\/span><em>Eostremona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(Ostermonat) im April. Gez\u00e4hlt wurde im gesamten germanischen Raum nicht nach Jahren, sondern nach Wintern.<\/p>\n<p>Die drei Eckdaten des von Beda beschriebenen Mondkalenders passen genau zu den drei Festen des Jahres, die die nordischen Quellen f\u00fcr den skandinavischen Raum belegen. Drei Opfergelage sollen jedes Jahr \u2013 genauer: jeden \u201eWinter\u201c \u2013 abgehalten worden sein. Eines zu Beginn des Winters um Jahresbesserung, eines zu Mittwinter um Fruchtbarkeit und eines gegen Sommer um Siege. Jan de Vries spricht in diesem Zusammenhang von einem Ernte-, einem Dresch- und einem Saatfest. Das Erntefest zu Beginn des Winters d\u00fcrfte wohl aufgrund der reichlich vorhandenen Vorr\u00e4te das \u00fcppigste gewesen sein. Im nordischen Raum tritt es uns als \u201edie Wintern\u00e4chte\u201d entgegen, in denen die gr\u00f6\u00dften Gastereien des Jahres stattfanden.<\/p>\n<p>Auch das Neujahrsfest um die Zeit der Wintersonnenwende herum ist in den nordischen Quellen bekannt. Es ist das J\u00f3lfest, dessen Namen mit Bedes<span>\u00a0<\/span><em>Giuli<\/em><span>\u00a0<\/span>identisch ist. Dieses Mittwinteropfer hie\u00df auch<span>\u00a0<\/span><em>Disabl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>oder<span>\u00a0<\/span><em>Alfabl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>und geschah um Fruchtbarkeit. Bedas \u201eNacht der M\u00fctter\u201d f\u00fcgt sich in diese Thematik l\u00fcckenlos ein. Dem Wintervollmond entgegengesetzt stand der<span>\u00a0<\/span><em>Eostremona\u00f0<\/em>, der Ostermonat. Beda erw\u00e4hnt ausdr\u00fccklich, dass Eostre, deren gemeingermanischer Name Ostara oder Austro gelautet haben m\u00fcsste, eine heidnische G\u00f6ttin war und dem Fr\u00fchlingsfest vorstand. Diese Ostara d\u00fcrfte auf dieselbe altindoeurop\u00e4ische Gottheit zur\u00fcck gehen wie die indische Usas und die r\u00f6mische Aurora, denen sie wenigstens dem Namen nach genaustens entspricht. Diese Usas erscheint in den Veden nicht nur als G\u00f6ttin der Morgenr\u00f6te, sondern auch als G\u00f6ttin der Siege, was uns wieder auf das nordische<span>\u00a0<\/span><em>Sigrbl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>zur\u00fcckf\u00fchrt. Sowohl die skandinavischen Quellen als auch Bedas Kalender sind offenbar denselben Vorstellungen verhaftet. Von diesen zwei Seiten belichtet, gewinnt das germanische Jahr deutliche Konturen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neumond und Vollmond<\/strong><\/h2>\n<p>In nahezu allen Mondkalendern beginnt der Monat mit der ersten Sichtung der noch d\u00fcnnen Mondsichel, der Vollmond bildet die Mitte des Monats. Die Zeit des zunehmenden und abnehmenden Mondes zerf\u00e4llt in je zwei Viertel von etwa sieben Tagen. \u201e<em>Ein nuwe und ein wedil, daz sint vier wochin<\/em>\u201d, meldet das M\u00fclhauser Statut aus dem 13. Jahrhundert und gibt dabei gleich die alten deutschen Bezeichnungen f\u00fcr Neu- und Vollmond an. Grimm vermutete eine Beziehung zwischen dem deutschen \u201eWedel\u201d und dem Sanskritwort<span>\u00a0<\/span><em>vidhu<\/em><span>\u00a0<\/span>(Mond). Der Begriff scheint ein sehr hohes Alter zu haben. Beda nennt den Vollmond<span>\u00a0<\/span><em>Fille\u00f0<\/em>, was auch dem gotischen Wort<span>\u00a0<\/span><em>Fulli\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>entspricht. Grimm vermutet<span>\u00a0<\/span><em>Niuwid<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>Fullid<\/em><span>\u00a0<\/span>als althochdeutsche Bezeichnungen der Mondphasen. Im Altnordischen bezeichnete<span>\u00a0<\/span><em>ny<\/em><span>\u00a0<\/span>das neue Licht des zunehmenden, und<span>\u00a0<\/span><em>ni\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>das schwindende des abnehmenden Mondes. Nyji und Nidhi sind denn auch die Namen zweier Zwerge, die in der Edda auftreten. Das Interlunium, die Zeit, da der Mond nicht zu sehen ist, z\u00e4hlte offenbar zum<span>\u00a0<\/span><em>ni\u00f0<\/em>, zum abnehmenden Mond, wie die schwedische Bezeichnung<span>\u00a0<\/span><em>nedm\u00f6rk<\/em><span>\u00a0<\/span>f\u00fcr \u201estockfinster\u201d beweist. Im Deutschen hei\u00dfen die beiden Mondphasen traditionell<span>\u00a0<\/span><em>im obsigenden<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>im nidsigenden<\/em><span>\u00a0<\/span>Mond. Die Bezeichnung<span>\u00a0<\/span><em>Nid si gehend<\/em><span>\u00a0<\/span>legt nahe, dass auch nier mit<span>\u00a0<\/span><em>Nid<\/em><span>\u00a0<\/span>das Interlunium gemeint ist. Der Mondmonat beginnt also mit dem ersten Erscheinen des neuen Lichts, dem<span>\u00a0<\/span><em>Nuwe<\/em><span>\u00a0<\/span>oder<span>\u00a0<\/span><em>Neu<\/em>, ist dann<span>\u00a0<\/span><em>obsigend<\/em><span>\u00a0<\/span>bis zum Erreichen des Vollmondes, des Wedels oder Fullids, und<span>\u00a0<\/span><em>nidsigend<\/em><span>\u00a0<\/span>bis zum erreichen des<span>\u00a0<\/span><em>Nid<\/em>, der lichtlosen Zeit, die das Ende des Monats darstellt.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Tag und Nacht<\/strong><\/h2>\n<p>Teilt man die<span>\u00a0<\/span><em>obsigende<\/em><span>\u00a0<\/span>und die<span>\u00a0<\/span><em>nidsigende<\/em><span>\u00a0<\/span>H\u00e4lfte des Monats in zwei Teile, erh\u00e4lt man Wochen zu sieben Tagen. Die Woche ist eine Erfindung der Astronomen des alten Orients. Sie ordneten jeden der sieben Tage einem bestimmten Planeten und damit einer bestimmten Gottheit zu. Die R\u00f6mer \u00fcbernahmen diese Einteilung, und zur Zeit des r\u00f6mischen Imperiums in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung verbreiteten sie sich \u2013 wohl zusammen mit dem julianischen Kalender \u2013 auch im germanischen Raum. Dabei wurden die r\u00f6mischen G\u00f6tternamen durch germanische ersetzt. So wurde zum Beispiel aus dem babylonischen Tag des Marduk der Tag des Ares, dann der des Mars und schlie\u00dflich des germanischen Zius. Die Wochentagsnamen seien hier kurz aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sonntag: Wenn der Mittwoch, wie sein Name vorgibt, einst die Mitte der Woche dargestellt hat, begann die germanische Woche mit dem Sonntag, dem Tag der Sonne. Da sich im romanischen Bereich ab dem 4. Jahrhundert der Name<span>\u00a0<\/span><em>Dies Dominica<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 Tag des Herrn \u2013 durchsetzte, m\u00fcssen die Germanen die Wochentage bereits im zweiten oder dritten Jahrhundert \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p>Montag: Der Tag des Mondes. Seine althochdeutsche Form<span>\u00a0<\/span><em>Manatag<\/em><span>\u00a0<\/span>ist im Dialektwort \u201eM\u00e4\u00e4ntig\u201d erhalten geblieben.<\/p>\n<p>Dienstag \/ Ziistag: Der r\u00f6mische Mars wurde von germanischen S\u00f6ldnern gemeinhin mit Ziu \/ Teiwaz gleichgesetzt. Die Bezeichnung \u201eZiistag\u201d hat sich im alemannischen Raum gehalten und entspricht genau dem altnordischen<span>\u00a0<\/span><em>t\u00fdrsdagr<\/em>. Die hochdeutsche Form \u201eDienstag\u201d erkl\u00e4rt sich damit, dass Ziu als<span>\u00a0<\/span><em>Mars Thingsus<\/em><span>\u00a0<\/span>der Schutzgott des Dings \/ Things war. In Bayern heisst der Dienstag \u201eErtag\u201d, was auf den griechischen Ares oder den Bischof Arius bezogen werden kann. Das schw\u00e4bische \u201eAftermontag\u201d geht offensichtlich auf eine kirchliche Intervention zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Mittwoch \/ Gudenstag: Eine solche erkl\u00e4rt ebenfalls den deutschen Namen Mittwoch. Diese \u201eharmlose\u201d Bezeichnung sollte den dem r\u00f6mischen Tag des Merkurs entsprechenden<span>\u00a0<\/span><em>Wuodanestag<\/em><span>\u00a0<\/span>ersetzen. Im Nordwesten Deutschlands hat sich der \u201cGudenstag\u201d erhalten, auch im friesischen<span>\u00a0<\/span><em>W\u00f6nsdei<\/em><span>\u00a0<\/span>und im altnordischen<span>\u00a0<\/span><em>O\u00f0innsdagr<\/em><span>\u00a0<\/span>zeigt sich der alte germanische Name, der im englischen<span>\u00a0<\/span><em>Wednesday<\/em><span>\u00a0<\/span>heute weltweit verbreitet ist.<\/p>\n<p>Donnerstag: Der<span>\u00a0<\/span><em>Dies Jovis<\/em>, der Tag des Blitzeschleuderers Zeus-Jupiter, wurde von den Germanen als \u201eDonarstag\u201d aufgefasst. Au\u00dfer im Bayerischen, wo \u201ePfinztag\u201d eine weitere kirchliche Korrektur widerspiegelt, hat sich der Name im ganzen deutschen Raum erhalten.<\/p>\n<p>Freitag: Die r\u00f6mische G\u00f6ttin Venus wurde von den Germanen der Fr\u00eeja (Frigg) gleichgesetzt. Tats\u00e4chlich sind beide Namen mit dem altindischen<span>\u00a0<\/span><em>prya<\/em><span>\u00a0<\/span>(Geliebte) verwandt. Im Alemannischen hat sich die althochdeutsche Form \u201eFriijatag\u201d in \u201cFriitig\u201d erhalten, sie stimmt zum altisl\u00e4ndischen<span>\u00a0<\/span><em>Friadagr<\/em>. In Bayern wurde auch dieser Wochentag mit einem christlichen Namen belegt. Der \u201ePferintag\u201d bezeichnete den R\u00fcsttag zum Sabbat. Dieser Begriff ist aber mittlerweile ausgestorben.<\/p>\n<p>Samstag \/ Sonnabend: Der Samstag ist der einzige Tag, dessen Benennung nichts mit den germanischen G\u00f6ttern zu tun hat. Er ist aus dem Griechischen ins Bayerische gewandert. Das althochdeutsche \u201eSambaztag\u201d geht wohl auf griechisch<span>\u00a0<\/span><em>Sambaton<\/em><span>\u00a0<\/span>zur\u00fcck. Im Nordwesten Deutschlands hat sich wie in England die Bezeichnung \u201eSaterstag\u201c \u2013 eine direkte \u00dcbertragung des lateinischen D<em>ies Saturni<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 erhalten. Offenbar gab es keine germanische Gottheit, die diesem altlateinischen Gott entsprochen h\u00e4tte. Im Norden hie\u00df der Samstag<span>\u00a0<\/span><em>Laugardagr<\/em><span>\u00a0<\/span>(Wasch- oder Badetag). Das samst\u00e4gliche Baden und Waschen war auch im deutschen Raum bekannt und hat sich in den Alpen bis zu heutigen Tag gehalten. Der Brauch ist entweder uralt oder erst nach der Christianisierung entstanden, da man am \u201eTag des Herrn\u201d sauber zu sein hatte. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei hier noch erw\u00e4hnt, dass Grimm \u00fcber eine Verbindung des<span>\u00a0<\/span><em>laugardagrs<\/em><span>\u00a0<\/span>zu Loki und damit zu Saturn spekulierte. In Nordeutschland hei\u00dft der Samstag Sonnabend. Diese Bezeichnung meint eigentlich den Vorabend des Sonntags und weist auf eine weitere Besonderheit des germanischen Kalenders hin.<\/p>\n<p>In allen germanischen Sprachen wird n\u00e4mlich der Vorabend zum folgenden Tag gez\u00e4hlt. Der \u201eHeilige Abend\u201d ist der Vorabend von Weihnachten, der \u201eSankthansaften\u201d der Vorabend von Johanni, der \u201eWerkabend\u201d der Vorabend eines Werktages. Wie statt in Jahren in Wintern, wurde nicht in Tagen, sondern in N\u00e4chten gerechnet. Auch Feste verlegte man im germanischen Kulturraum in die Nacht, neben dem obigen Beispiel sei noch an Bedas \u201cNacht der M\u00fctter\u201d, die Fasnacht und die Walpurgisnacht erinnert.<\/p>\n<p>Der Tag endete also mit dem Abend, und die einbrechende Nacht geh\u00f6rte bereits zum folgenden Tag. So ging die Wuodans-Nacht dem Wuodans-Tag voran, so folgte auf den Donars-Tag mit dem Eindunkeln die Frija-Nacht. Der Beginn der Nacht d\u00fcrfte durch das Erscheinen des Abendsterns gekennzeichnet gewesen sein, der \u00dcbergang zum Tag mit dem Erscheinen des Morgensterns. Das Aufgehen der Sonne ist eine alte deutsche Sprachwendung, die Bezeichnung \u201eSonnenuntergang\u201d aber wird \u2013 vielleicht wegen ihres apokalyptischen Beiklangs \u2013 noch heute von bodenst\u00e4ndigen Dialektsprechern im Alpenraum vermieden. Gem\u00e4\u00df mittelhochdeutscher Sprechweise geht die Sonne niemals unter, sondern \u201ezu Rast und Gnaden\u201d. Es war fr\u00fcher eine allgemeine Sitte, beim Anblick von Sonne und Mond freundlich den Hut zu ziehen und die Gestirne zu gr\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Monate<\/strong><\/h2>\n<p>Wie bereits erl\u00e4utert, begann das neue Jahr mit dem Beginn des Monats<span>\u00a0<\/span><em>se Aftera Geola<\/em>, dem \u201esp\u00e4teren Jul\u201d. Das Neujahrsfest J\u00f3l d\u00fcrfte unmittelbar vorher \u201czwischen\u201d den beiden Monaten Jul stattgefunden haben. Aus Skandinavien wissen wir, dass J\u00f3l urspr\u00fcnglich in der Mittwinternacht gefeiert wurde und drei N\u00e4chte w\u00e4hrte. Dies k\u00f6nnte sich auf das drei bis vier N\u00e4chte dauernde Interlunium vor dem Beginn des \u201esp\u00e4teren Jul\u201d bezogen haben. In Skandinavien hie\u00df der auf das J\u00f3lfest folgende Monat<span>\u00a0<\/span><em>\u00de\u00f3rri<\/em>, ein mythischer Name, der aber nichts mit Thor zu tun hat, sondern sich wohl auf einen Winterriesen bezieht.<span>\u00a0<\/span><em>\u00de\u00f3rri<\/em><span>\u00a0<\/span>war und ist der h\u00e4rteste Monat in Island. Dort wird nach J\u00f3l das<span>\u00a0<\/span><em>\u00de\u00f3rrabl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>gefeiert. Auch der althochdeutsche Monatsname<span>\u00a0<\/span><em>Hartung<\/em><span>\u00a0<\/span>tr\u00e4gt dem strengen Charakter des ersten Monats Rechnung.<\/p>\n<p>Mit dem<span>\u00a0<\/span><em>Solmona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>endete die Julzeit. Der angels\u00e4chsische Name d\u00fcrfte soviel wie \u201eSonnenmonat\u201d bedeuten, denn nun ist die dunkle Julzeit vorbei und die Tage werden sp\u00fcrbar l\u00e4nger. Beda berichtet, dass in diesem Monat den G\u00f6ttern Kuchen geopfert worden seien. In dieser Bemerkung spiegelt sich wahrscheinlich r\u00f6misches Brauchtum wieder, denn der Februar war der Monat der<span>\u00a0<\/span><em>Parentalia<\/em>, des r\u00f6mischen Ahnengedenkens, das mit dem Backen von Seelenbroten begangen wurde. In Skandinavien trug er den Namen<span>\u00a0<\/span><em>G\u00f3i<\/em>. G\u00f3a war wohl eine Fruchtbarkeitsgottheit, die Sage nennt sie als Tochter des mythischen K\u00f6nigs \u00de\u00f3rri, und ihr Name erinnert an die in der nordeutschen Sagenwelt auftretende Frau Gaue. Das schwedische Disenopfer soll ebenfalls im Monat<span>\u00a0<\/span><em>G\u00f3i<\/em><span>\u00a0<\/span>stattgefunden haben. Das Thema der Fruchtbarkeit scheint eng mit diesem Monat verkn\u00fcpft zu sein. Im Deutschen hei\u00dft er<span>\u00a0<\/span><em>Hornung<\/em>, was soviel wie \u201eBastard\u201d bedeutet und sich auf seine geringe L\u00e4nge im julianischen Kalender bezieht. Der<span>\u00a0<\/span><em>Hornung<\/em><span>\u00a0<\/span>ist bis heute die Zeit der Fasnacht und der Fr\u00fchlingsfeuer.<\/p>\n<p>Der<span>\u00a0<\/span><em>Hre\u00f0mona\u00f0<\/em>, den Beda mit einer G\u00f6ttin Hrethe in Verbindung bringt, ist auch in der Appenzeller Chronik als<span>\u00a0<\/span><em>Redimonat<\/em><span>\u00a0<\/span>erw\u00e4hnt. Der Name Hrethe ist verschiedentlich mit der G\u00f6ttin Nerthus in Verbindung gebracht worden. Der althochdeutsche Name f\u00fcr diesen dem M\u00e4rz entsprechenden Monat ist aber<span>\u00a0<\/span><em>Lenzing<\/em>, was sich vom germanischen Wort<span>\u00a0<\/span><em>langat-tin<\/em><span>\u00a0<\/span>herleitet und die Zeit der l\u00e4nger werdenden Tage bezeichnet. Der nordische Name<span>\u00a0<\/span><em>einm\u00e1nu\u00f0r<\/em><span>\u00a0<\/span>bleibt dunkel.<\/p>\n<p>Mit dem<span>\u00a0<\/span><em>Eostremona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>beginnt der Sommer. Beda nennt Eostre als heidnische Fr\u00fchlingsg\u00f6ttin, der in diesem Monat ein Fest gewidmet war. Dieses Fest bezeichnete zweifellos den Sommerbeginn und fand entweder am Neu- oder Vollmond des Monats statt. Die althochdeutsche Bezeichnung<span>\u00a0<\/span><em>Ostaramanoth<\/em><span>\u00a0<\/span>stimmt mit dem \u00fcberein. Auch in Skandinavien begann das Sommerhalbjahr im April, der Snorri zufolge<span>\u00a0<\/span><em>gaukm\u00e1nu\u00f0r ok s\u00e1\u00f0ti\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 Monat des Kuckucks und Zeit der Aussaat \u2013 hie\u00df. Zweifellos fand auch das nordische Fr\u00fchlingsfest zu dieser Zeit statt.<\/p>\n<p>Den folgenden \u2013 dem Mai entsprechenden \u2013 Monat nennt Beda<span>\u00a0<\/span><em>Dhrimilchi<\/em>, weil zu dieser Zeit die K\u00fche dreimal t\u00e4glich gemolken worden seien. Der deutsche Name ist \u201eWonnemonat\u201d, was sich weniger auf die Freuden des beginnenden Sommers, sondern vielmehr auf die urspr\u00fcngliche Bedeutung von \u201eWonne\u201d (= Weide) bezieht. Beide Namen entsprechen demselben Bauernjahr. Nach einem schier endlosen Winter konnte das Vieh endlich wieder auf die Weiden getrieben werden, womit auch der Milchertrag wieder kr\u00e4ftig anstieg. In Island war es daf\u00fcr noch zu fr\u00fch. Snorri nennt den Monat<span>\u00a0<\/span><em>eggt\u00ed\u00f0 ok stekkt\u00ed\u00f0<\/em>, die Zeit der Eier und die Zeit, Fleisch zu braten.<span>\u00a0<\/span><em>L\u00f6gar\u00f0s\u00f6nn<\/em>, der Zeitpunkt, an dem man die gesetzlichen Grenzen seines Bauernhofs absteckte, fiel ebenfalls in diesen Monat.<\/p>\n<p>Die Zeit der Sommersonnenwende nennt Beda<span>\u00a0<\/span><em>Litha<\/em>, wobei analog zu den beiden Julmonaten im Winter ein fr\u00fcheres und ein sp\u00e4teres<span>\u00a0<\/span><em>Litha<\/em><span>\u00a0<\/span>die Sonnenwende umgaben. Der erste Mittsommermonat hie\u00df in Island<span>\u00a0<\/span><em>s\u00f3lmanu\u00f0r<\/em>, Monat der Sonne. Die Sommersonnenwende bezeichnete in Island den Zeitpunkt des Allthings. Auch Karl der Gro\u00dfe hielt auf diese Zeit Volksversammlungen ab. Die Landsgemeinden der Schweiz \u2013 \u00dcberbleibsel der germanischen Thingdemokratie \u2013 finden ebenfalls im Fr\u00fchsommer statt. Dahinter stand die Idee, dass das Recht nur am Tag und nur w\u00e4hrend der sonnigsten Jahreszeit gesprochen werden d\u00fcrfe. Noch im 18. Jahrhundert wurde an den Landsgemeinden gefragt, \u201eob die Sonne hoch genug stehe, dass es Zeyt sey, \u00fcber das Blut zu richten\u201d. Der deutsche Name f\u00fcr den Juni ist<span>\u00a0<\/span><em>Brachet<\/em>, ein Begriff aus der mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft.<\/p>\n<p>Der zweite Monat<span>\u00a0<\/span><em>Litha<\/em><span>\u00a0<\/span>war im gesamten germanischen Gebiet dem Einbringen des Winterfutters gewidmet. Nach der Heuernte hiess er in Island<span>\u00a0<\/span><em>heyannir<\/em>, in deutschen Landen<span>\u00a0<\/span><em>Heuet<\/em>.<\/p>\n<p>In Schaltjahren wurde laut Beda ein drittes<span>\u00a0<\/span><em>Litha<\/em><span>\u00a0<\/span>eingeschoben. In den nordischen Monatsnamen findet sich ebenfalls eine Spur dieses Schaltmonats. Der August hei\u00dft hier auch<span>\u00a0<\/span><em>tv\u00edmanu\u00f0r<\/em><span>\u00a0<\/span>(Zwillingsmonat). Liegen wir mit unseren Vermutungen richtig, wurde er in Schaltjahren \u201everdoppelt\u201d und umfasste zwei Mondmonate.<\/p>\n<p>Der eigentliche Name des Augusts ist im Nordischen<span>\u00a0<\/span><em>kornskur\u00f0arm\u00e1nu\u00f0r<\/em><span>\u00a0<\/span>(Monat des Kornschnitts), was sich mit dem deutschen<span>\u00a0<\/span><em>Ernting<\/em><span>\u00a0<\/span>inhaltlich deckt. Getreidernte und Heuschnitt gingen ineinander \u00fcber und waren eine wahre L\u00f6wenarbeit. Bedas Name<span>\u00a0<\/span><em>Weodmona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(Monat des Krauts) bezieht sich auf dieselbe b\u00e4uerliche Plackerei.<\/p>\n<p>Der letzte Monat des Sommers war der<span>\u00a0<\/span><em>Haligmona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(heiliger Monat). Beda nennt ihn einen \u201eMonat der Opfer\u201d. Auch dem isl\u00e4ndischen Namen<span>\u00a0<\/span><em>haustmanu\u00f0r<\/em><span>\u00a0<\/span>(Herbstmonat) steht ein<span>\u00a0<\/span><em>haustbl\u00f3t<\/em><span>\u00a0<\/span>(Herbstopfer) zur Seite. Zweifellos handelte es sich dabei um Erntedankopfer. Im deutschen Bauernkalender hei\u00dft der September ebenfalls Herbstmonat. Ein weiterer deutscher Name ist<span>\u00a0<\/span><em>Scheiding<\/em>, was sich wohl auf den scheidenden Sommer bezieht.<\/p>\n<p>Mit dem<span>\u00a0<\/span><em>Winterfylle\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>begann der Winter. Beda erkl\u00e4rt diesen Namen als Wintervollmond, und es bleibt offen, ob der Winter mit dem Neu- oder mit dem Vollmond begann. Ein Fest um den Wintervollmond entspr\u00e4che zeitlich in etwa den skandinavischen Wintern\u00e4chten, ein Herbstopfer vor dem Erscheinen des neuen Mondes w\u00fcrde zu Bedas Behauptung passen, der<span>\u00a0<\/span><em>Halegmona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>sei ein Monat der Opfer gewesen. In Island hie\u00df der Oktober<span>\u00a0<\/span><em>gorman\u00fa\u00f0r<\/em>, ein Name, dessen Bedeutung wir nicht kennen, im deutschen Bauernkalender \u201eWeinmonat\u201d oder<span>\u00a0<\/span><em>Gilbhard<\/em>, was sich auf die F\u00e4rbung des Laubs bezieht.<\/p>\n<p>Der dem November entsprechende Monat hei\u00dft bei Beda<span>\u00a0<\/span><em>Bl\u00f3tmona\u00f0<\/em><span>\u00a0<\/span>(Opfermonat). Der November war und ist die traditionelle Schlachtzeit im gesamten germanischen Raum. Es gibt Hinweise darauf, dass gerade die Angelsachsen das Schlachten des Viehs als heilige Angelegenheit betrachteten und die zu t\u00f6tenden Tiere als Opfer weihten. Auch im deutschsprachigen Raum hei\u00dft der November \u201eSchlachtmonat\u201d, in der Schweiz \u201eWintermonat\u201d. Ein weiterer Name ist<span>\u00a0<\/span><em>Neblung<\/em>, was sich auf die Novembernebel bezieht. Die Bedeutung des isl\u00e4ndischen Namens<span>\u00a0<\/span><em>frermanu\u00f0r (Friermonat<\/em>) wiederum bedarf keiner Erl\u00e4uterung.<\/p>\n<p>Der letzte Monat des Jahres war das fr\u00fchere Jul (<em>se Aerra Geola<\/em>), in das die Wintersonnenwende und das Julfest fielen. Im Althochdeutschen hie\u00df der Monat<span>\u00a0<\/span><em>Heilagmanod<\/em>, im Bauernkalender Christmonat. Der isl\u00e4ndische Name<span>\u00a0<\/span><em>hr\u00fatmanu\u00f0r<\/em><span>\u00a0<\/span>wiederum bedeutet Widdermonat.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Taktgeber des Bauernjahres<\/strong><\/h2>\n<p>Der germanische Kalender richtete sich vor allem nach dem l\u00e4ndlichen Leben. Als Datierungsinstrument war ihm der Julianische Kalender weit \u00fcberlegen, und er wurde wohl schon recht fr\u00fch von diesem verdr\u00e4ngt. Zur Zeit Bedas scheint der angels\u00e4chsische Kalender nur noch neben dem Julianischen Kalender verwendet worden zu sein. Der germanische Mondkalender half den Bauern bei der Bestimmung der Jahreszeiten, anhand des Mondes konnten Fristen und Feste bestimmt werden. Ob man aber die einzelnen Tage z\u00e4hlte, ist fraglich. Auch von einer chronologischen Jahresz\u00e4hlung, wie sie R\u00f6mer und Christen kannten, ist uns aus dem germanischen Raum nur wenig \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Eine gewisse Bedeutung scheint einem Zyklus von jeweils neun Jahren zugekommen zu sein. In Uppsala fand alle neun Jahre ein gro\u00dfes Opferfest statt. Dank den Forschungen von H. Ljungberg sind uns die Daten dieser Zyklen bekannt. Er stellte anhand von Annalen fest, dass antichristliche Reaktionen von Seiten der Heiden wie zuf\u00e4llig alle neun Jahre erfolgten: 1057, 1066, 1075, 1084. Dies waren ohne Zweifel die Jahre, in denen das heidnische Opferfest h\u00e4tte stattfinden sollen. Bei den Angelsachsen, Franken oder Alemannen bietet sich eine Jahresz\u00e4hlung ab \u201eBeginn der Landnahme\u201d analog zum r\u00f6mischen<span>\u00a0<\/span><em>Ab urbe condita<\/em><span>\u00a0<\/span>an.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/h2>\n<p>Der Kalender der alten Germanen war ein Mondkalender, der \u00fcber eine bestimmte Schaltregel mit dem Sonnenjahr verkn\u00fcpft war. Sein Sinn und Zweck bestand im Bestimmen von Fristen, Festen und den Jahreszeiten. Die Monatsnamen entsprachen haupts\u00e4chlich dem b\u00e4uerlichen Jahr, waren regional verschieden, spiegelten aber dieselben landwirtschaftlichen Realit\u00e4ten wieder. F\u00fcr das Erstellen genauer Daten d\u00fcrfte der Kalender wenig geeignet gewesen sein.<\/p>\n<p>Neben kleineren, regionalen Festen ergeben der Jahresbeginn um die Wintersonnenwende herum und die Teilung des Jahres in Sommer und Winter drei Eckdaten, an denen wohl die wichtigsten religi\u00f6sen Feste gefeiert wurden.<\/p>\n<p>Leider ist die Schaltregel im Laufe der Zeit verloren gegangen. Durch eine Schaltregel, wie sie oben in diesem Artikel vorgeschlagen wurde, l\u00e4sst sich eine Rekonstruktion erstellen, die weder den Angaben von Tacitus noch denen von Beda widerspricht, mit den klimatischen Gegebenheiten Nord- und Mitteleuropas \u00fcbereinstimmt und sich mit den von Snorri \u00fcberlieferten Angaben zum altnordischen Jahr (aber nicht mit dem isl\u00e4ndischen Kalender selbst) in groben Z\u00fcgen deckt. Auch das b\u00e4uerliche Brauchtum im germanischen Gebiet scheint die Spuren der drei germanischen Hauptfeste erhalten zu haben.<\/p>\n<p>Obwohl die im ersten Teil des Artikels vorgeschlagene Kalenderregel nicht den Anspruch erheben kann, nachweislich in altgermanischer Zeit verwendet worden zu sein, bietet sich ein aufgrund der hier vorgestellten Grundlagen erstellter Kalender f\u00fcr die neuheidnischen Gemeinschaften in Europa f\u00fcr den religi\u00f6sen Jahreslauf an. Wenn schon keine genaue Rekonstruktion, so bietet er zumindest eine enge Ann\u00e4herung an den tats\u00e4chlich verwendeten germanischen Mondkalender.<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2010 in Herdfeuer 30\u00a0<\/strong><em><strong><\/strong><\/em><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Walthard Dass der Kalender unserer germanischen Vorfahren in den Wirren der Geschichte unwiederbringlich verloren gegangen ist, wird uns immer wieder dann schmerzlich bewusst, wenn wir die Feste des Jahreslaufes feiern wollen und und uns dabei auf einen p\u00e4pstlichen Kalender verlassen m\u00fcssen, der die Jahre nach der angeblichen Geburt der obskuren \u201eGottheit\u201c Jesus Christus&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/der-germanische-mondkalender\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[20,21,54,39,28],"class_list":["post-322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-historisches","tag-asatru","tag-feste","tag-folklore","tag-germanen","tag-heidentum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":323,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/322\/revisions\/323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}