{"id":320,"date":"2011-10-20T19:53:21","date_gmt":"2011-10-20T17:53:21","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=320"},"modified":"2025-08-24T19:53:44","modified_gmt":"2025-08-24T17:53:44","slug":"gab-es-einen-altnordischen-glauben-an-wiedergeburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/gab-es-einen-altnordischen-glauben-an-wiedergeburt\/","title":{"rendered":"Gab es einen altnordischen Glauben an Wiedergeburt?"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Zu den historischen Hintergr\u00fcnden der angeblichen Quellen<\/h2>\n<p>von Bil Linzie<br \/>\n\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Kurt Oertel<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Einf\u00fchrung<\/strong><\/h3>\n<p>Germanisches Heidentum z\u00e4hlt heute wieder zu den \u201ealternativen Religionen\u201c, und es ist zumindest unter dem Aspekt einzigartig, dass man dort unter einer Vielzahl nachtodlicher Vorstellungen w\u00e4hlen kann. Sp\u00e4testens gegen Ende der Wikingerzeit gab es mindestens vier solcher Varianten, die in den schriftlichen Quellen dingfest gemacht werden k\u00f6nnen. Es gibt noch weitere, die sich m\u00f6glicherweise aber erst nach der Bekehrung entwickelten. Dieser Artikel aber besch\u00e4ftigt sich ausschlie\u00dflich mit einer dieser Vorstellungen \u2013 dem immer haupts\u00e4chlich von armanisch beeinflussten Heiden postulierten Glauben an Reinkarnation bzw. Wiedergeburt bei den Germanen.<\/p>\n<p>Der Glaube an Wiedergeburt ist heutzutage eine sehr beliebte Vorstellung, vermutlich deshalb, weil sie einem ansonsten oft sinnlos wirkenden Leben Symmetrie, Harmonie und Sinn zu verleihen scheint. Die gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen wissenschaftlicher Forschung haben das bislang vorherrschende christliche Konzept eines Lebens nach dem Tode zunehmend unterminiert, und die Vorstellung einer ganzheitlichen \u201eSeelenwanderung\u201c f\u00fchlt sich tr\u00f6stlich an und kann somit unabh\u00e4ngig von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gedeihen. Heute gibt es eine Vielzahl von Glaubenssystemen, die die Vorstellung der Wiedergeburt vertreten, vor allem Wicca, wo es dessen Natur gem\u00e4\u00df in unterschiedlichem kulturellen Gewand auftritt. Der heute allgemein damit verbundene Glaube sieht so aus, dass die \u201eSeele\u201c eines Menschen nach seinem Tod in eine Art Wartebereich[1] gelangt, wo sie auf die Zeugung eines weiteren Kindes wartet, in dessen F\u00f6tus sie sich dann irgendwann vor dessen Geburt wieder eink\u00f6rpert. Diese spezielle Vorstellung von Wiedergeburt verdankt sich ganz den Religionen und der Weltsicht Asiens, sie ist aber erheblich an westliche Bed\u00fcrfnisse angepasst worden, sodass die M\u00f6glichkeit einer Wiedergeburt als Tier hierzulande gew\u00f6hnlich gerne ausgeblendet wird.<\/p>\n<p>Diese westliche Vorstellung unterscheidet sich auch darin von ihren asiatischen Vorl\u00e4ufern, dass dem Individuum dabei mehr Einfluss zugeschrieben wird. Vor allem setzt sich der heutige platonisch-christliche Seelenbegriff zunehmend aus dem Ego, dem Unterbewusstsein und einer transpersonalen Form des Selbst zusammen, sodass bei der Reinkarnation bzw. Wiedergeburt eines Menschen angeblich das gesamte Selbst so wieder aufersteht, als sei dieser Mensch nie gestorben. Einige Varianten gehen von einem durch Erfahrungen weiterentwickelten Selbst aus, aber die Grundvorstellung bleibt dieselbe: Die gesamte Pers\u00f6nlichkeit wird einem kosmischen Gesetz zufolge wiedergeboren, um weitere Erfahrungen zu sammeln.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Die Belege der Schriftquellen<\/strong><\/h3>\n<p>Die altnordischen Schriftquellen bez\u00fcglich Wiedergeburt lassen sich in zwei unterschiedliche Kategorien einordnen:<\/p>\n<p>1. Direkte Bezugnahmen, bei denen klar gesagt wird, ein Mensch sei wiedergeboren worden.<\/p>\n<p>2. Indirekte Bezugnahmen, in die man eine Anspielung auf Wiedergeburt hineinlesen kann.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.1. Fallbeispiel 1:<\/strong><\/h4>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eMan sagt, Helgi und Sv\u00e1va seien wiedergeboren worden.\u201c[2]<\/p><\/blockquote>\n<p>Inhaltlich zugeh\u00f6riger Text:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eK\u00f6nig Helgi war ein gewaltiger Krieger. Er kam zu K\u00f6nig Eylimi und warb um dessen Tochter Sv\u00e1va. Helgi und Sv\u00e1va leisteten einander Treueschw\u00fcre und liebten einander au\u00dferordentlich. Sv\u00e1va war mit ihrem Vater zu Hause und Helgi auf Kriegszug; Sv\u00e1va war noch eine Walk\u00fcre wie zuvor. He\u00f0inn war mit seinem Vater, K\u00f6nig Hi\u00f6rvar\u00f0r, zu Hause in Norwegen. He\u00f0inn ging allein aus dem Wald nach Hause am Julabend und traf eine Hexe (Trollfrau); sie ritt auf einem Wolf und hatte Schlangen als Z\u00fcgel, und sie bot He\u00f0inn ihre Begleitung an. \u201aNein!\u2018 sagte er. Sie sagte: \u201aDas sollst du bezahlen beim Festbecher!\u2018 Am Abend gab es ein Ablegen von Gel\u00fcbden; es wurde der Zuchteber herbeigef\u00fchrt; die M\u00e4nner legten darauf ihre H\u00e4nde und legten ein Gel\u00fcbde ab beim Festbecher. He\u00f0inn gelobte, Sv\u00e1va, Eylimis Tochter, zu erringen, die Liebste seines Bruders Helgi, und bereute dies so sehr, da\u00df er wegging auf verworrenen Wegen in die L\u00e4nder s\u00fcdw\u00e4rts, und er traf seinen Bruder Helgi.\u201c[3]<\/p><\/blockquote>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.2. Fallbeispiel 2:<\/strong><\/h4>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEin K\u00f6nig hie\u00df H\u00f6gni; seine Tochter war Sigr\u00fan; sie wurde eine Walk\u00fcre und ritt durch die Luft und \u00fcbers Meer; sie war so wiedergeboren.\u201c[4]<\/p><\/blockquote>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.3. Fallbeispiel 3:<\/strong><\/h4>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSigr\u00fan starb fr\u00fch vor Leid und Trauer. Das war der Glaube der Vorzeit, da\u00df Menschen wiedergeboren w\u00fcrden, aber das wird nun Irrglaube alter Weiber genannt. Es hei\u00dft, da\u00df Helgi und Sv\u00e1va wiedergeboren wurden. Er hie\u00df da Helgi Haddingiaska\u00f0i und sie K\u00e1ra H\u00e1lfdanard\u00f3ttir, so wie es im K\u00e1ralio\u00f0 gesagt wird, und sie war eine Walk\u00fcre.\u201c[5]<\/p><\/blockquote>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.4. Fallbeispiel 4:<\/strong><\/h4>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eH\u00f6gni gab nur das zur Antwort: \u201aEs hindere sie niemand am langen Gang, und niemals werde sie wiedergeboren! Krank schon kam sie vom Scho\u00dfe der Mutter, einzig geboren zu lauter Leid und manchem Manne zu zum qu\u00e4lenden Kummer.\u2018\u201c[6]<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Fallbeispiele 1 bis 3 benutzen das altnordische Wort<span>\u00a0<\/span><em>endrborinn,<\/em><span>\u00a0<\/span>in Fallbeispiel 4 wird<span>\u00a0<\/span><em>aptrborinn<\/em><span>\u00a0<\/span>gebraucht, und beide Begriffe bedeuten w\u00f6rtlich \u201ewiedergeboren\u201c, wobei die M\u00f6glichkeit einer inhaltlich anderen Bedeutung oder eine Falschlesung mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Die Aussage der Schriftquellen bez\u00fcglich der Intention ihrer Redaktoren bzw. Kompilatoren scheint hier also eindeutig zu sein.<\/p>\n<p>Alle weiteren literarischen Hinweise der Zeit stellen sich haupts\u00e4chlich als anekdotenhafte Informationen in einigen Sagas dar, die lediglich als Anspielungen darauf gelesen werden k\u00f6nnen, dass es in der altnordischen Welt einen Glauben an Wiedergeburt gegeben haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.5. Fallbeispiel 5:<\/strong><\/h4>\n<p>In Flateyjarb\u00f3k findet sich eine Version der Saga von \u00d3laf dem Heiligen, die in der folgenden Episode \u00fcberliefert ist:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEs wird erz\u00e4hlt, da\u00df \u00d3laf einst mit einem seiner Gefolgsleute am Grabh\u00fcgel des \u00d3laf Geirsta\u00f0alfr vorbei ritt, wobei ihn sein Gefolgsmann fragte: \u201aSage mir, Herr, ob du hier bestattet wurdest.\u2018 Der K\u00f6nig antwortete ihm: \u201aMeine Seele besa\u00df niemals zwei K\u00f6rper und das wird auch niemals der Fall sein, weder heute noch am Tage meiner Wiederauferstehung. Wenn ich anderes behaupten w\u00fcrde, bes\u00e4\u00dfe ich nicht den wahren Glauben.\u2018 Darauf sagte sein Gefolgsmann: \u201aAber M\u00e4nner haben behauptet, dass du zuvor an diesen Ort gekommen seiest und gesagt h\u00e4ttest: Hier waren wir und hier sind wir.\u2018 Der K\u00f6nig entgegnete: \u201aDas habe ich nie gesagt und das w\u00fcrde ich auch nie sagen.\u2018 Der K\u00f6nig war dar\u00fcber zutiefst ersch\u00fcttert und gab seinem Pferd heftig die Sporen, um diesen Ort schnell hinter sich zu lassen. Es war offensichtlich, da\u00df \u00d3laf solch ketzerischen Aberglauben auszul\u00f6schen und zu vernichten w\u00fcnschte.\u201c[7]<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt ein paar wenige weitere Stellen in der altisl\u00e4ndischen Literatur (wie z.B. die Geschichte von Th\u00f3rolf Renkfu\u00df), die gelegentlich gerne als Belege f\u00fcr einen altnordischen Glauben an Wiedergeburt angef\u00fchrt werden. Es kann aber nicht genug betont werden, dass es davon abgesehen keinen einzigen historischen Hinweis darauf gibt, dass der Glaube an Wiedergeburt im Glauben der Germanen zur Zeit der Bekehrung (und erst recht nicht davor) auch nur irgendeine Rolle gespielt h\u00e4tte \u2013 weder in all den unz\u00e4hligen christlichen Straf- und Bu\u00dfkatalogen gegen heidnische Glaubenspraxis, in den Predigten oder Anweisungen an die Missionare (bzw. in deren Berichten), noch in allen anderen Nachrichten \u00fcber das germanische Heidentum, weder bei Wandalen, Goten, Skandinaviern, Angelsachsen oder anderen. Die einzigen vermeintlichen Hinweise darauf finden sich ausschlie\u00dflich in den oben erw\u00e4hnten und sehr sp\u00e4rlichen Aussagen 200 Jahre nach der Christianisierung Islands.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Die arch\u00e4ologischen Quellen<\/strong><\/h3>\n<p>Die arch\u00e4ologischen Belege sind nat\u00fcrlich weit schwieriger zu deuten, vor allem wenn es darum geht, Aussagen \u00fcber Glaubensinhalte zu treffen. Und das wird auch gerne von denen betont, die Hinweise auf den Glauben an Wiedergeburt zu finden hoffen. Aber selbst wenn das zu einem gro\u00dfen Teil richtig ist, lassen sich Aussagen \u00fcber Bestattungspraktiken treffen, die eine bestimmte Interpretation der Schriftquellen fast zwingend machen.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>3.1 Die germanischen Grabbefunde<\/strong><\/h4>\n<p>Zwischen der V\u00f6lkerwanderungszeit und der Zeit der Bekehrung in Skandinavien um etwa 1000 findet sich eine ungebrochene Kontinuit\u00e4t bei den Bestattungsbr\u00e4uchen: Die Toten wurden f\u00fcr ein Weiterleben im Grabh\u00fcgel ausgestattet. Alltagsgegenst\u00e4nde wie Scheren, Essgeschirr, K\u00e4mme, Trinkgef\u00e4\u00dfe und Sch\u00fcsseln mit Essen, Haustiere, Schmuck und Geld sind die h\u00e4ufigsten Grabbeigaben. Waffen f\u00fcr M\u00e4nner und N\u00e4huntensilien f\u00fcr Frauen wie M\u00e4nner gleicherma\u00dfen waren ebenfalls h\u00e4ufig. Auch wenn der Stil der Gr\u00e4ber sich oft innerhalb relativ kurzer Zeit \u00e4nderte und sich von Gegend zu Gegend auch zur selben Zeit unterschied, blieben die Sitte der Beigaben selbst und ihre Zusammensetzung unver\u00e4ndert und waren geradezu ein Markenzeichen germanisch-heidnischer Bestattungen. Nat\u00fcrlich missbilligte die Kirche der sp\u00e4ten Wikingerzeit die Beigabensitte und versuchte sie auch schon vor der Bekehrung zu unterbinden, 200 Jahre danach aber fanden Bestattungen nur noch unter den strengen Augen der Kirche statt. Der unterschiedlichen Eschatologie wegen ist es meistens leicht erkennbar, ob es sich um heidnische oder christliche Bestattungen handelt, es sei denn, der Bestattete h\u00e4tte beiden Religionen gleichzeitig angehangen (was in der Bekehrungszeit nicht selten vorkam). Der Stil der Gr\u00e4ber unterschied sich die Wikingerzeit hindurch allerdings erheblich. Simek f\u00fchrt die folgenden bekannten Varianten auf:<\/p>\n<p>1. Einzelgr\u00e4ber<br \/>\n2. Brandbestattung<br \/>\n3. H\u00fcgelgr\u00e4ber<br \/>\n4. Pferdegr\u00e4ber<br \/>\n5. Wagengr\u00e4ber<br \/>\n6. Schiffsgr\u00e4ber[8]<\/p>\n<p>Es gab zwei Arten der Bestattungspraxis: K\u00f6rperbestattung und Brandbestattung. K\u00f6rperbestattung blieb dabei die vorherrschende Variante, wobei auch bei einer Verbrennung des Toten die \u00dcberreste oder zumindest Teile davon in der Erde bestattet wurden.[9] Es gibt Berichte, dass der Tote in einem Schiff verbrannt wurde (dass dieses dann brennend dem Meer \u00fcbergeben wurde, findet sich allerdings ausschlie\u00dflich in der mythischen Schilderung der Bestattung Baldurs), aber das scheinen einzelne Ausnahmen gewesen zu sein, die zudem nur f\u00fcr die sp\u00e4te Wikingerzeit bezeugt sind, weshalb man dabei kulturelle Einfl\u00fcsse von au\u00dfen nicht ausschlie\u00dfen kann. Dass so vor allem mit Anf\u00fchrern verfahren wurde, die in der Fremde bei einem Kriegszug gefallen waren, legt nahe, diese Beispiele getrennt auf die M\u00f6glichkeit fremder Kultureinfl\u00fcsse und einer m\u00f6glichen vern\u00fcnftigen Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein Bed\u00fcrfnis danach zu untersuchen.[10]<\/p>\n<p>Zu diesen arch\u00e4ologischen Befunden gibt es unz\u00e4hlige Untersuchungen, und bei aller D\u00fcrftigkeit der Erkenntnisse bez\u00fcglich mancher Aspekte machen sie aber doch eindeutig klar, dass die Toten ausnahmslos f\u00fcr ein Weiterleben im Grabh\u00fcgel ausgestattet wurden.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>3.2 Die M\u00f6glichkeit baltischen oder finno-ugrischen Einflusses<\/strong><\/h4>\n<p>Zahlreiche Studien haben sich den religi\u00f6sen Zust\u00e4nden in den schwedischen Randgebieten gewidmet, dabei vor allem dem Verh\u00e4ltnis zwischen Saami und Germanen. F\u00fcr die vorchristliche Zeit l\u00e4sst sich dabei vor allem ein Hauptunterschied beobachten. Die Saami, die zumindest andeutungsweise tats\u00e4chlich ein Konzept der Wiedergeburt kennen (s.u.), bestatteten ihre Toten traditionell weitab in der Wildnis, locker mit Baumrinde umwickelt und mit Steinen bedeckt, sodass sich der K\u00f6rper leicht zersetzen konnte, aber zugleich vor Aasfressern gesch\u00fctzt war. In allen untersuchten Gr\u00e4bern gab es keine Spur von Beigaben. F\u00fcr germanische Gr\u00e4berfelder dagegen ist es typisch, dass sie in unmittelbarer N\u00e4he der Siedlungen oder sogar innerhalb derer angelegt wurden, worin sich auch die fortgesetzte Ahnenverehrung widerspiegelt. Beigaben sind f\u00fcr diese Gr\u00e4ber ebenfalls typisch. Es zeigte sich zwar, dass bei engem Zusammenleben der beiden V\u00f6lker Bestattungen der Saami zunehmend Elemente der germanischen Tradition \u00fcbernahmen, umgekehrt aber bleiben die germanischen Bestattungen unver\u00e4ndert, auch wenn sie nun einzelne von den Saami verfertigte Grabbeigaben enthielten.<\/p>\n<p>Die Glaubensvorstellungen hinter den Bestattungen der Saami und weiterer finno-ugrischen V\u00f6lker sind sehr eingehend von Uno Holmberg in seiner Finno-Ugric Mythology untersucht worden,[11] und sein Werk wird wiederum von F. Guirand in der Larousse Encyclopedia of Mythology gut lesbar zusammengefasst:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Seele ist aber untrennbar mit dem K\u00f6rper verbunden, mit dem zusammen sie eine unteilbare Einheit bildet. Da sie keine unabh\u00e4ngige Existenz besitzt, stirbt sie zusammen mit dem K\u00f6rper. Deshalb klagen die Ingrian nur so lange \u00fcber dem Grab des Verstorbenen und legen dort Gaben nieder, wie es in etwa braucht, bis der K\u00f6rper vergangen ist. Danach wird dem Grab keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt, weil dann nichts mehr von der Seele \u00fcbrig ist.<\/p>\n<p>Bei den Vogul gelten Herz und Lunge als Sitz der Seele. Deshalb verzehrten ihre Krieger Herz und Lunge der Besiegten, um sich ihre Lebenskraft bzw. ihre Seele einzuverleiben. Andere St\u00e4mme schrieben dem Skelett als Ger\u00fcst von Seele und K\u00f6rper gleicherma\u00dfen gro\u00dfe Bedeutung zu. Die Lappen z.B. zerbrechen keinen Knochen eines geopferten Tieres, weil sie glauben, dass die G\u00f6tter daraus ein neues Tier erschaffen. Der Glaube, dass die Seele von der Existenz des Skeletts abh\u00e4ngig ist, wird auch aus den Zeremonien des B\u00e4renfestes klar, \u00fcber die uns das Kalevala einen merkw\u00fcrdigen Bericht bietet. Nachdem der B\u00e4r erlegt und sein Fleisch verzehrt worden ist, werden seine Knochen zusammen mit Skiern, einem Messer und anderen Gegenst\u00e4nden in ein Grab gelegt. Das get\u00f6tete Tier wird als Freund betrachtet und gebeten, allen anderen B\u00e4ren zu berichten, wie sehr es von den Menschen geehrt worden ist.\u201c[12]<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Form der Wiedergeburt, an die diese V\u00f6lker glaubten, beschr\u00e4nkt sich somit ausschlie\u00dflich auf den Aspekt, dass die Grundkomponenten des Lebens \u2013 also das Skelett und die ihm anhaftende Lebenskraft \u2013 dazu dienten, daraus ein neues Gesch\u00f6pf der selben Art zu erschaffen. Vermutlich erstreckte sich diese Vorstellung auch auf Menschen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich also feststellen, dass die arch\u00e4ologischen Befunde keinen einzigen Hinweis auf einen Glauben an Reinkarnation bzw. Wiedergeburt entdecken lassen. Nat\u00fcrlich ist dies f\u00fcr sich genommen noch kein Beweis f\u00fcr oder gegen die Existenz eines solchen Glaubens. Daf\u00fcr bedarf es weiterer untermauernder Belege.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Wiedergeburt als christliche H\u00e4resie<\/strong><\/h3>\n<p>Der echte H\u00e4retiker (bzw. Ketzer) definiert sich nach kirchlicher Meinung so:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIn der fr\u00fchen Kirche wurde \u00fcber H\u00e4resien zuweilen durch einen ausgew\u00e4hlten Bischofsrat oder ein \u00f6kumenisches Konzil entschieden, so wie bei dem Ersten Konzil von Nicaea. Auf einem solchen Konzil wurde die orthodoxe Meinung festgelegt, und alle, die sich danach weigerten, diese Meinung zu teilen, wurden fortan als H\u00e4retiker betrachtet.\u201c[13]<\/p><\/blockquote>\n<p>Somit wurden Heiden im germanischen Nordeuropa zwar nicht zwangsl\u00e4ufig als H\u00e4retiker betrachtet \u2013 zumindest nicht von der Kirche \u2013, sondern eben als Heiden. Aber nat\u00fcrlich galten die heidnischen Vorstellungen als ebenso falsch und waren Zielscheibe von Hohn, Spott und Verachtung. Die Schriften Wulfstans, des Erzbischofs von York (Amtszeit 1002 \u2013 1023), aus der sp\u00e4theidnischen angels\u00e4chsischen Zeit[14] d\u00fcrften bez\u00fcglich der christlichen Haltung gegen\u00fcber den nordeurop\u00e4ischen Heiden gegen\u00fcber wahrscheinlich typisch sein. In seiner Predigt \u00fcber die falschen G\u00f6tter z\u00e4hlt er auf:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>1. Das Heidentum wird vom Teufel bef\u00f6rdert.<br \/>\n2. G\u00f6tzendienst ist ein Werk des Teufels.<br \/>\n3. Heiden sind die, die durch den Teufel verleitet von Gott abgefallen sind.<br \/>\n4. Sie beten Sonne und Mond als G\u00f6tter an.<br \/>\n5. Sie verehren auch Feuer, Wasser und die Erde.<br \/>\n6. Heiden tun das aus freiem Willen heraus, der ihnen doch nur von Gott gegeben ist.<br \/>\n7. Heiden verehren sogar Riesen und gewaltt\u00e4tige M\u00e4nner [hier werden speziell Saturn und Iuppiter genannt].<br \/>\n8. Heiden [die D\u00e4nen] lieben am meisten den Sohn Iuppiters [Tyr], der Thor genannt wird und der nur Streit und Kampf erzeugt.<br \/>\n9. Die D\u00e4nen haben aus Merkur [Odin] einen Gott gemacht und ihm geopfert.<br \/>\n10. All das wurde den Heiden vom Teufel eingegeben.<br \/>\n11. Venus hat geschlechtlich mit Iuppiter verkehrt und wurde so zu einer gro\u00dfen G\u00f6ttin [vermutlich ist Freyja gemeint].<br \/>\n12. Danach haben die Heiden sich auch noch weitere G\u00f6tter und G\u00f6ttinnen ausgedacht.<br \/>\n13. Deshalb hat der Teufel rechtm\u00e4\u00dfigen Anspruch auf ihre unbu\u00dffertigen Seelen.[15]<\/p><\/blockquote>\n<p>Da die fr\u00fchere Erkl\u00e4rung des Ersten Konzils von Konstantinopel von 385, die Annahme einer schon vor der Geburt existierenden Seele sei eine s\u00fcndige Irrlehre, auf dem Zweiten Konzil zu Konstantinopel 553 nochmals nachhaltig best\u00e4tigt und ein solcher Glaube als h\u00e4retische Irrlehre verdammt wurde, ist es sehr bezeichnend und aufschlussreich, dass es gerade f\u00fcr die gut belegte sp\u00e4theidnische Zeit keine einzige Erw\u00e4hnung von christlicher Hand bez\u00fcglich eines solchen angeblichen Glaubens bei den Germanen gibt. Lediglich in den wenigen oben zitierten Edda-Stellen und Sagas taucht dieses Motiv auf \u2013 und das erstmals 200 Jahre nach der Bekehrung.<\/p>\n<p>Viel mehr noch: F\u00fcr den gesamten Zeitraum vom ersten Beginn christlicher Missionierung unter den Germanen bis zur Bekehrung Skandinaviens \u2013 und dieser Zeitraum umfasst immerhin gut 700 Jahre! \u2013 gibt es keine einzige Erw\u00e4hnung, dass der nach christlicher Ansicht \u201es\u00fcndige Irrglaube\u201c der Wiedergeburt Teil germanischer Glaubensvorstellungen gewesen sei. Angesichts der unz\u00e4hligen \u201ePredigten gegen den falschen Glauben\u201c, der detaillierten Bu\u00dfkataloge, Kirchenstrafen, Berichte der Missionare, Briefen an die P\u00e4pste und umfangreichster Aufz\u00e4hlungen \u201eheidnischer Irrlehren\u201c, die zudem noch oft von Konvertiten der ersten Generation, die zuvor also selbst noch Heiden gewesen waren, verfasst wurden, l\u00e4sst sich somit eindeutig sagen, dass der Glaube an Wiedergeburt angesichts des v\u00f6lligen Schweigens \u00fcber diesen angeblichen Glauben, der ja ein heftiger theologischer Straftatbestand gewesen w\u00e4re, ganz klar kein Teil germanischer Weltsicht gewesen sein kann.<\/p>\n<p>Wie oben schon gesagt, k\u00f6nnen die arch\u00e4ologischen Befunde weder von der einen noch der anderen Seite als beweiskr\u00e4ftig reklamiert werden. Die bizarre Annahme aber, dass allen Missionaren, Klerikern und vor allem Neubekehrten der ersten Generation \u00fcber 700 Jahre hinweg ein solch vermeintlich zentrales und h\u00f6chst \u201es\u00fcndhaftes\u201c Element der germanisch-religi\u00f6sen Geisteswelt g\u00e4nzlich entgangen sein soll, ist angesichts der reichhaltigen Quellenlage dazu v\u00f6llig unhaltbar. Zu einer Erkl\u00e4rung der entsprechenden altnordischen Zitate, die ja nach wie vor im Raum stehen, m\u00fcssen wir unseren Blick also in eine ganz andere Richtung lenken.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4.1 Der gesamteurop\u00e4ische geschichtliche Hintergrund<\/strong><\/h4>\n<p>Fast alle Studien, die sich dem Thema gewidmet haben, konzentrieren sich auf heidnisch-religionsgeschichtliche oder bestenfalls noch auf innerskandinavische Aspekte, blenden aufgrund dieses Tunnelblickes dabei aber den gleichzeitigen gesamteurop\u00e4ischen kulturellen und historischen Hintergrund aus, dem die so reichhaltige isl\u00e4ndische Literatur gerade ihre Entstehung und Bl\u00fcte verdankt. Bevor wir uns dem zuwenden, seien unsere bisherigen Befunde aber nochmals zusammengefasst:<\/p>\n<p>In dem gesamten arch\u00e4ologischen Befund von der Bronzezeit bis hin zum Ende der Wikingerzeit gibt es keinen einzigen Beleg, der f\u00fcr einen Glauben an Wiedergeburt sprechen k\u00f6nnte (auch wenn die n\u00f6rdlichen finno-ugrischen Nachbarv\u00f6lker der Germanen einen solchen Glauben ansatzweise wohl kannten). Es gibt auch in all den unz\u00e4hligen Gesetzgebungen, Bestimmungen, Bu\u00dfkatalogen, Predigten usw. aus der Feder christlicher Autoren, f\u00fcr die der Glaube an Wiedergeburt sp\u00e4testens seit 553 als s\u00fcndhafte Ketzerei galt, nicht den geringsten Hinweis auf einen solchen Glauben bei den Germanen. Erstmals 200 Jahre nach der Chrisianisierung Islands wird pl\u00f6tzlich eine \u201ewiedergeborenen Sv\u00e1va\u201c erw\u00e4hnt, ohne dass daf\u00fcr irgendein Anlass oder eine Vorgeschichte erkennbar ist. V\u00f6llig \u00fcberraschend und scheinbar wie aus dem Nichts taucht diese Idee von Wiedergeburt also pl\u00f6tzlich in vier Handschriften auf, von denen drei thematisch zusammenh\u00e4ngen, da sie dem Stoffkreis der V\u00f6lsunga saga bzw. dem Nibelungenstoff entstammen, w\u00e4hrend die vierte Stelle bezeichnenderweise dem heiligen Ol\u00e1f in den Mund gelegt wird, der den Christen als gr\u00f6\u00dfter M\u00e4rtyrer und Held ihres Glaubens in Skandinavien gilt. Diese Tatsachen schreien geradezu zu nach der Frage: Was war zu dieser Zeit in Europa denn eigentlich los, dass Wiedergeburt zu einem literarischen Thema werden konnte?<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass es gelehrte Kleriker[16] waren, die die isl\u00e4ndischen Handschriften verfassten, kopierten, herausgaben und kommentierten. J\u00f3nas Kristj\u00e1nsson, einer der gr\u00f6\u00dften Fachleute f\u00fcr isl\u00e4ndische Handschriften, beschreibt die Ausbildung dieser fr\u00fchen skandinavischen Gelehrten so:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00a0\u201eWoanders bildeten diese Gelehrten eine eigene Gesellschaftsschicht, die sich fern vom Leben des gew\u00f6hnlichen Volkes in ihren Klostermauern einschloss. Ihre Schriftsprache war das Lateinische und ihre Schriften hatten haupts\u00e4chlich christliche und erbauliche Inhalte. Auf Island dagegen waren diese Gelehrten zutiefst in der Alltagswelt ihrer direkten Umgebung verwurzelt und waren nicht nur mit den alten \u00dcberlieferungen vertraut, sondern hingen auch der Liebe zu den eigenen Traditionen an. So kam es dazu, dass sich die Schreibkunst auch schnell der eigenen \u00fcberlieferten Stoffe annahm. Fast alle isl\u00e4ndische Gelehrten schrieben in ihrer Muttersprache und nicht in Latein. Alle wesentlichen christlichen Schriften wurden ins Isl\u00e4ndische \u00fcbersetzt und andere wichtige Texte aus dem kontinentalen Europa ebenso.\u201c[17]<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Entscheidende dabei aber ist, dass dadurch auf Island eine v\u00f6llig eigene Literaturtradition von betr\u00e4chtlichem Ausma\u00df und auf einem qualitativen Niveau entstand, das f\u00fcr diese Zeit in Europa einzigartig war. Die Schriftproduktion blieb dabei nicht auf die kl\u00f6sterlichen Bildungszentren beschr\u00e4nkt, sondern setzte sich auf den Bauernh\u00f6fen im ganzen Land fort. So wurde die bekannte Handschrift Flateyjarb\u00f3k auf einem Geh\u00f6ft im Norden niedergeschrieben. Schriftkenntnis war von Anfang an durch die ganz eigene kl\u00f6sterliche Lernkultur Islands weit verbreitet, und das sollte auch so bleiben. Auch die Kl\u00f6ster selbst hatten ein viel weltlicheres Gepr\u00e4ge als im \u00fcbrigen Europa, da\u00a0sich deren Mitglieder oft aus den alten Bauernh\u00e4uptlingen (Goden) zusammensetzten, die sich nach den St\u00fcrmen ihres Lebens dort einen ruhigeren Lebensabend\u00a0 erhofften.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie isl\u00e4ndischen Gelehrten dieser Zeit standen in engem Kontakt mit den wichtigen Bildungszentren der Christenheit. Anfangs war England Hauptquelle f\u00fcr die christliche Lehre, ein Land zu dem es lange und enge Verbindungen gab. Die ersten Bisch\u00f6fe von Skalholt, Isleif und sein Sohn Gizur, studierten beide in Deutschland, w\u00e4hrend S\u00e6mund der Weise, Gizurs engster Mitarbeiter, jahrelange Studien in Frankreich absolvierte. Die zwei isl\u00e4ndischen Bischofssitze unterstanden zun\u00e4chst der Erzdi\u00f6zese Bremen, dann dem Bistum Lund in Scania und seit 1153 schlie\u00dflich dem von Trondheim in Norwegen. Auch wenn die Bindungen der Gelehrten untereinander in Skandinavien sehr eng waren, brachen aber die direkten Verbindungen zu den Britischen Inseln und dem europ\u00e4ischen Festland nie ab \u2013 sei es durch Studenten oder andere Reisende. Daraus erkl\u00e4rt sich auch der gro\u00dfe Umfang und die Themenvielfalt der isl\u00e4ndischen Literaturproduktion.\u201c[18]<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir haben es also mit christlichen Isl\u00e4ndern zu tun, die \u201eengen Kontakt mit den wichtigsten Bildungszentren der Christenheit\u201c unterhielten und auf Island einheimische Literatur produzierten. Es ist genau diese Verbindung und dieser intensive geistige Austausch, dem wir uns nun zuwenden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Von ein paar wenigen Randgebieten abgesehen war das kontinentale Europa um 1000 im wesentlichen katholisch, und die gro\u00dfen europ\u00e4ischen St\u00e4dte \u2013 vor allem in Frankreich und Deutschland \u2013 waren eng mit der \u201eHeiligen Katholischen Kirche\u201c verbunden. Gegen 1095 aber beginnt sich ein interessanter Prozess abzuzeichnen: Die Macht der Kirche war so angewachsen, dass sie \u2013 wie andere Reiche auch \u2013 zu \u201ekolonisieren\u201c begann. Aber anders als bei weltlichen Reichen ging es dabei nicht um die Eroberung von Land, sondern um den Anspruch auf den angeblichen Geburtsort ihrer gro\u00dfen Gr\u00fcndungsfigur Jesus von Nazareth. Der Erste Kreuzzug scheiterte, aber dem folgte bald der n\u00e4chste und diesem weitere, sodass die Zeitleiste Europas in der Zeit, als die ersten isl\u00e4ndischen Handschriften entstanden, bis ins 14. Jahrhundert hinein folgenderma\u00dfen aussieht:<\/p>\n<p>Erster Kreuzzug (1095\u20131101)<br \/>\nZweiter Kreuzzug (1147)<br \/>\nDritter Kreuzzug (1187)<br \/>\nVierter Kreuzzug (1202)<br \/>\nAlbigenser-Kreuzzug (1209, gegen die Katharer in Frankreich)<br \/>\nKinder-Kreuzzug (1212, m\u00f6glicherweise eine reine Legende)<br \/>\nF\u00fcnfter Kreuzzug (1215)<br \/>\nSechster Kreuzzug (1228)<br \/>\nSiebenter Kreuzzug (1243)<br \/>\nAchter Kreuzzug (1270)<br \/>\nNeunter Kreuzzug (1271)<br \/>\nKreuzz\u00fcge gegen die Balten und Ketzer in Mitteleuropa (12.\u201316. Jahrhundert).<\/p>\n<p>Die enge Verstrickung der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Stadtstaaten und ihrer politischen F\u00fchrung mit den kirchlichen Machthabern und deren Forderung, Jerusalem einzunehmen und zu christianisieren, ist offensichtlich und bedarf hier keiner besonderen Darstellung. Nicht oder zumindest noch nicht so offensichtlich ist aber die Beziehung zwischen den Kreuzz\u00fcgen und der Tatsache, dass 200 Jahre nach der Christianisierung in isl\u00e4ndischen Handschriften pl\u00f6tzlich erstmals das Thema Wiedergeburt auftaucht. Aber genau darauf kommen wir nun.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4.2 Die H\u00e4resie der Katharer<\/strong><\/h4>\n<p>Die Zeit der Kreuzz\u00fcge lie\u00dfen religi\u00f6s-kriegerische Gruppen wie die bekannten Tempelritter oder die Johanniter entstehen, aber auch seltsame gnostische Sekten wie die Katharer. Obwohl solche Sekten von der Kirche mit sehr argw\u00f6hnischem und fast schon paranoidem Blick betrachtet wurden und in unterschiedlichem Ausma\u00df alle verfolgt wurden, im Allgemeinen mit der Beschuldigung, sie w\u00fcrden h\u00e4retische Lehren verbreiten, wurden nur die Katharer (auch als Albigenser bezeichnet) als so ketzerisch betrachtet, dass 1209 ein Kreuzzug gegen sie begonnen wurde:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Krieg endete mit dem Vertrag von Paris (1229), mit dem der franz\u00f6sische K\u00f6nig dem Haus von Toulouse die meisten und dem Haus von Beziers alle Lehen entzog. Damit hatte die Unabh\u00e4ngigkeit der F\u00fcrsten in S\u00fcdfrankreich ein Ende. Aber trotz der umfassenden Massaker an den Katharern w\u00e4hrend des Krieges waren ihre Lehren damit noch nicht ausgerottet.\u201c[19]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ihre Entstehung wie auch ihre Praktiken und Glaubenslehren sind immer noch von so manchen Geheimnissen umgeben, da sie vieles davon geheim hielten, aber in S\u00fcdfrankreich wuchs die Zahl ihrer Mitglieder so rasch an, dass dies gleicherma\u00dfen den franz\u00f6sischen K\u00f6nig wie auch Papst Innozenz III. aufschrecken musste.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie ersten franz\u00f6sischen Katharer traten zwischen 1012 und 1020 in Limousin auf. Etliche wurden entdeckt und 1022 in Toulouse hingerichtet. Die Synoden von Charroux (Vienne, 1028) und Toulouse (1056) verdammten die wachsende Sekte. Ab 1100 wurden Prediger in die Gegenden um Agenais und Toulouse entsandt, um die Lehren der Katharer zu bek\u00e4mpfen. Aber die Katharer gewannen zunehmend an Boden, auch dank der Protektion durch Herzog William von Aquitanien und eines betr\u00e4chtlichen Teiles des s\u00fcdfranz\u00f6sischen Adels. Die Menschen waren von den bons hommes und den antiklerikalen Predigten eines Peter de Bruys und Henry de Lausanne in Prigord beeindruckt.\u201c[20]<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie wurden von der Kirche zahlreicher H\u00e4resien beschuldigt, als schlimmste und s\u00fcndhafteste ihrer Irrlehren aber ragte angeblich vor allem eine heraus: der Glaube an Wiedergeburt.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas Katharertum war eine religi\u00f6se Bewegung mit gnostischen Elementen, die sich gegen Mitte des 10. Jahrhunderts entwickelt haben muss und die von der damaligen r\u00f6misch-katholischen Kirche als H\u00e4resie bezeichnet wurde. Sie existierte in vielen Gegenden West-Europas, ihre eigentliche Heimat aber war das Languedoc und die angrenzenden Gebiete in S\u00fcd-Frankreich.\u201c[21]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ihre Glaubenslehren k\u00fcmmerten sich nicht im geringsten um die Beschl\u00fcsse des Zweiten Konzils von Konstantinopel (553), und deswegen wurden sie mit dem Kirchenbann belegt.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas Ziel der katharischen Eschatologie war die Befreiung aus dem Reich der Beschr\u00e4nktheit und Verderbtheit, die mit der materiellen Existenz gleichgesetzt wurde. Der Weg zu dieser Befreiung erforderte zun\u00e4chst das Erkennen der innerlichen Verderbtheit der mittelalterlichen \u201aKonsens-Wirklichkeit\u2018 einschlie\u00dflich ihrer kirchlichen, dogmatischen und sozialen Strukturen. Hat man die schlimme grundlegende Wirklichkeit der menschlichen Existenz (den \u201aKerker\u2018 der stofflichen Substanz) erst einmal erkannt, wird der Weg zu spiritueller Befreiung klar: Die Fesseln, die den stofflichen K\u00f6rper gefangen halten, m\u00fcssen gebrochen werden. Das war ein schrittweiser Prozess, der von jedem Menschen in individuell unterschiedlichem Ma\u00df bew\u00e4ltigt wurde. Dabei erkannten die Katharer offenbar das Potenzial des Glaubens an Wiedergeburt. Wer es nicht schaffte, diese Befreiung w\u00e4hrend der Reise durch die jetzige sterbliche Existenz zu erreichen, w\u00fcrde zur\u00fcckkehren, um dieses Ringen weiterzuf\u00fchren. Daraus wird auch klar, dass Wiedergeburt weder als zwangsl\u00e4ufiges noch als w\u00fcnschenswertes Schicksal verstanden wurde, sondern nur als Folge dessen, dass nicht alle Menschen in der Lage waren, die Fesseln der stofflichen Materie innerhalb eines einzigen Lebens \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen.\u201c[22]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein weiterer interessanter Punkt unserer Betrachtung besteht in der Tatsache, dass sich in den arch\u00e4ologischen Befunden baltischer Bestattungen ab etwa 1000 ein erheblicher Wandel bemerkbar macht. Sie \u00e4hneln nun \u00fcberhaupt nicht mehr denen ihrer germanischen \u201eVettern\u201c wie bisher, sondern nehmen nun zunehmend charakteristische Z\u00fcge jener asiatischen V\u00f6lkerschaften an, die sich durch Handel, Migration und Eroberung immer mehr in den Westen und damit in die Nachbarschaft der Balten ausgebreitet hatten. Als Folge dessen hatten die Balten ab dem 13. Jahrhundert eine Form von Wiedergeburtsglauben in ihre eigene Eschatologie \u00fcbernommen, aber bereits seit dem 12. Jahrhundert wurden sie Opfer dessen, was wir heute als die Kreuz\u00fcge im Norden bezeichnen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Kreuzz\u00fcge im Gebiet der Ostsee und in Mittel-Europa waren Versuche der (haupts\u00e4chlich deutschen) Christen, die dortigen V\u00f6lker zu unterwerfen und zum Christentum zu bekehren. Diese Kreuzz\u00fcge begannen etwa zeitgleich mit dem Zweiten Kreuzzug im 12. Jahrhundert und erstreckten sich bis ins 16. Jahrhundert hinein.\u201c[23]<\/p><\/blockquote>\n<p>In dem Zeitraum zwischen der \u201echristlichen Behandlung\u201c der Katharer und derjenigen der Balten und Finnen, hatte sich H\u00e4resie immer mehr zu einem gewaltigen Problem f\u00fcr die \u201eheilige Mutter Kirche\u201c und die christlichen K\u00f6nigreiche Europas entwickelt. Die stets bevorzugte Praxis zur L\u00f6sung des Problems bestand in Ausrottung, was das Aufsp\u00fcren solcher Enklaven und Entsendung milit\u00e4rischer Truppen dorthin erforderte, um den Feind zu vernichten.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eGehetzt von der Inquisition und vom Adel nun im Stich gelassen, wurden die Albigenser zu einer zersplitterten Minderheit, die sich in den W\u00e4ldern und Bergen verstecken mussten und sich nur noch in gr\u00f6\u00dfter Heimlichkeit treffen konnten. Zwar gab es durchaus Versuche, der Inquisition und Frankreich auch milit\u00e4risch entgegenzutreten, aber unter der F\u00fchrung von Bernard de Fois und Aimerv de Narbonne kam es zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch zu Aufruhr und Machtk\u00e4mpfen innerhalb der Katharer selbst. Gleichzeitig kam es zu gewaltigen Massenprozessen durch die Inquisition, die ihre Anstrengungen nun verst\u00e4rkt auf die entsprechenden Gegenden richtete. Genaue Hinweise darauf finden sich in den Verzeichnissen der Inquisitoren Bernard von Caux, Jean de St. Pierre, Geoffroy d\u2019Ablis und anderer. Die Sekte der Katharer war ersch\u00f6pft, ausgeblutet und fand keine neuen Anh\u00e4nger mehr. Der letzte Parfait der Katharer, Guillaume B\u00e9libaste, wurde 1321 hingerichtet. \u00c4hnliche Bewegungen wie die Waldenser oder die \u201aBr\u00fcder vom armen Leben\u2018 \u00fcberlebten bis in das 14. und 15. Jahrhundert hinein, bis sie nach und nach durch die ersten protestantischen Bewegungen \u2013 wie z.B. die der Hussiten \u2013 gegenstandslos wurden bzw. in ihnen aufgingen.\u201c[24]<\/p><\/blockquote>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4.3 Weitere M\u00f6glichkeiten<\/strong><\/h4>\n<p>Die Katharer waren nat\u00fcrlich nicht die einzigen, die der \u201es\u00fcndhaften Irrlehre\u201c des Glaubens an die Wiedergeburt bezichtigt wurden. Die Inquisition war damals gerade erst entstanden und sah es als ihre Hauptaufgabe an, diejenigen Christen aufzusp\u00fcren, die falsche heidnische Lehren aufgenommen haben mochten, um sie zu Einsicht und Bu\u00dfe zu bringen, was als eine Art spirituelles Impfserum gesehen wurde, um die Ausbreitung der Krankheit \u201eH\u00e4resie\u201c zu unterdr\u00fccken. Das richtete sich auch gegen Juden, lokale Kultpraktiken, die Verdacht erregten, und nat\u00fcrlich auch gegen die Heiden, die sich im Norden und Osten der Bekehrung widersetzten, also die skandinavischen Germanen sowie die finno-ugrischen und baltischen V\u00f6lker. Geht man Wulfstans Anschuldigungen gegen die Heiden durch, kann man daraus leicht entnehmen, dass sich gerade christliche Bisch\u00f6fe nicht zu gut daf\u00fcr waren, die Meinung ihrer christlichen Anh\u00e4nger mit den \u00fcblichen Techniken der Propaganda so weit zu verbiegen, dass letztlich auch unmenschliche Methoden der Bekehrung als gerechtfertigt empfunden wurden. Manchmal f\u00e4llt es allerdings schwer zu entscheiden, ob die verzerrte Darstellung heidnischen Glaubens und dessen Praktiken bewusst erfolgte oder ob es sich dabei einfach nur um grobe Missverst\u00e4ndnisse handelte. Aber klar wird allemal, dass Christen die heidnische Weltsicht \u00fcberhaupt nicht begriffen \u2013 und das wohl auch gar nicht wollten. Es gibt eigentlich keine christlichen Autoren, die f\u00fcr den heidnischen Widerstand Mitgef\u00fchl oder auch nur Verst\u00e4ndnis aufbrachten. Selbst Snorri \u2013 bei allem Stolz auf seine Kultur und deren Vergangenheit \u2013 betrachtete Heiden als in Unwissenheit lebend, darin den Schriftstellern der Romantik wie Hawthorne, Tennyson und Wordsworth \u00e4hnlich, die den \u201eedlen Wilden\u201c im Amerika vor 200 Jahren genau so gesehen hatten.<\/p>\n<p>Angesichts der arch\u00e4ologischen und literarischen Belege gibt es keinen vern\u00fcnftigen Grund, die v\u00f6llig isolierten Aussagen \u00fcber Wiedergeburt als irgendetwas anderes zu betrachten als eine Fortsetzung der allgegenw\u00e4rtigen christlichen Propaganda aus genau der Zeit, zu der die Gedichte niedergeschrieben wurden.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4.4 Der Kreis schlie\u00dft sich<\/strong><\/h4>\n<p>Kommen wir also zu einer endg\u00fcltigen Zusammenfassung: Zun\u00e4chst gibt es keinen einzigen Hinweis auf Wiedergeburt f\u00fcr irgendeinen Zweig der germanischen V\u00f6lker, weder in den Schriftquellen noch in dem arch\u00e4ologischen Material. Schon dieser Befund sollte klarmachen, dass es einen solchen Glauben einfach nicht gab und dass man ihm offenbar sogar in den schwedischen Grenzgebieten ablehnend gegen\u00fcberstand, wo bei den schamanischen Saami und Balto-Finnen zumindest ansatzweise ein solcher Glauben existierte. Es gibt somit aus der gesamten Bekehrungsgeschichte der Germanen \u00fcber 700 Jahre hinweg weder durch Selbstzeugnisse, Missionare oder Neubekehrte der ersten Generation auch nur einen einzigen Beleg f\u00fcr den Glauben an Wiedergeburt bei den Germanen vor den besagten isl\u00e4ndischen Stellen 200 Jahre nach der Bekehrung.<\/p>\n<p>Richtet man den Blick auf den genauen Zeitpunkt, zu dem Wiedergeburt in isl\u00e4ndischen Handschriften erstmals erw\u00e4hnt wird, f\u00e4llt auf, dass er genau mit den Kreuzz\u00fcgen gegen die Katharer in Frankreich zusammenf\u00e4llt, denen man vorwarf, an eine Seelenwanderung durch eine Reihe von Wiedergeburten zu glauben. Diese zeitliche \u00dcbereinstimmung sowie auch die Tatsache, dass gerade dieser Glaube dadurch in Europa zum allgemeinen Gespr\u00e4chsthema und und geradezu zu einem Hauptmerkmal f\u00fcr H\u00e4resie und Heidentum geworden war, ist sehr bedeutsam, und eben das ist bisher gerne \u00fcbersehen worden.<\/p>\n<p>Island war zu diesem Zeitpunkt schon seit langer Zeit v\u00f6llig christianisert, und dort produzierte man nicht nur eifrig Handschriften, sondern wandte sich dabei mit den Eddas und Sagas auch noch Stoffen der eigenen Kultur zu, die locker auf m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung aus der Vergangenheit beruhten. Die wichtigsten Bildungszentren dieser Autoren waren die christlichen Universit\u00e4ten Mitteleuropas. Auch wenn niemand behaupten will, die isl\u00e4ndischen Verfasser h\u00e4tten die Behauptung, Wiedergeburt sei ein alter heidnischer \u201eGlaube der Vorzeit, der heute aber f\u00fcr Altweibergew\u00e4sch gehalten w\u00fcrde\u201c, in einem der Bildungszentren in Deutschland oder Frankreich aufgeschnappt und \u00fcbernommen, ist die Wahrscheinlichkeit aber sehr hoch, dass die Isl\u00e4nder dort mit vielen anderen Gebildeten \u00fcber die gleichzeitige Verfolgung der Katharer und ihrer H\u00e4resie ins Gespr\u00e4ch gekommen sind. Diese M\u00f6glichkeit eines Informations-Transfers ist auch sehr viel naheliegender als die M\u00f6glichkeit, einer dieser Autoren sei zuf\u00e4llig in Island oder sonstwo in Skandinavien auf eine geheime Sekte gesto\u00dfen, die dem Glauben an Wiedergeburt angehangen h\u00e4tte. Aber selbst wenn man auf solch eine Gruppe gesto\u00dfen w\u00e4re, w\u00e4ren das mit ziemlicher Sicherheit Katharer auf der Flucht vor ihren Verfolgern gewesen.<\/p>\n<p>Alle Belege aus heidnischen Quellen selbst legen vielmehr nahe, dass die heidnische Weltsicht dem Glauben an ein Weiterleben im Grabh\u00fcgel anhing. Auch aus der Anlage der Gr\u00e4ber in unmittelbarer N\u00e4he der Siedlungen sowie aus den zahlreichen Berichten dar\u00fcber, wie man mit den Toten verkehrte, l\u00e4sst sich ablesen, dass die Beziehung zwischen den Lebenden und Toten und die Ahnenverehrung bei den germanischen V\u00f6lkern als \u00fcber einen sehr langen Zeitraum hinweg angelegt verstanden wurde \u2013 im Gegensatz zu den benachbarten baltischen und finno-ugrischen V\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Thomas DuBois hat vermutet, dass diese sich \u00fcber viele Generationen erstreckende Beziehung der Germanen mit ihren Ahnen und die N\u00e4he der Gr\u00e4berfelder zu den Siedlungen Spuren bei einigen finno-ugrischen V\u00f6lkern hinterlassen hat und m\u00f6glicherweise Quelle f\u00fcr die Erz\u00e4hlungen der Stallo und Hiisi waren, in denen ein Wiederg\u00e4nger germanischer Herkunft diejenigen angriff, verst\u00fcmmelte oder t\u00f6tete, die als Feinde der germanischen Lebensart betrachtet wurden. Diese D\u00e4monen aus den heidnischen Grabh\u00fcgeln waren mit Z\u00e4hnen aus Eisen ausgestattet, hatten ein Verlangen nach Menschenfleisch und lebten in den H\u00fcgelgr\u00e4bern (wie sie nur von Germanen errichtet wurden).[25]<\/p>\n<p>Die gegenseitige Beeinflussung zwischen Christentum und Heidentum begann lange vor der eigentlichen Bekehrung, die auf Island im Jahr 1000 erfolgte:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eChristliche Bestattungsbr\u00e4uche, die sich in vielfacher Hinsicht sehr [von den heidnischen] unterschieden, begannen lange vor der tats\u00e4chlichen Missionierung, sich Schneisen in die Kultpraxis der nordischen Heiden zu bahnen, und ver\u00e4nderten langsam uralte Bestattungstraditionen, die allerdings immer schon variabel gewesen waren. Auch die Vorstellungen einer nachtodlichen Existenz durchliefen Ver\u00e4nderungen, wobei die heidnische Bev\u00f6lkerung von christlichen Vorstellungen ebenfalls nicht unbeeinflusst blieb \u2013 abermals schon lange vor der Missionierung. Es ist gut m\u00f6glich, dass christliche Riten und Vorstellungen sich auf Traditionen wie das Schiffsbegr\u00e4bnis oder auf Vorstellungen von Walhall und Ragnar\u00f6k auswirkten, die gerade in sp\u00e4theidnischer Zeit erst ihren Aufschwung erlebten. Umgekehrt hatten die Christen des 13. Jahrhunderts immer noch Erinnerungen an die Kultur vorchristlicher Bestattungsbr\u00e4uche und Glaubensinhalte bewahrt, formten sie aber unter dem Einfluss christlicher D\u00e4monologie und Heiligenlegenden um. Dieses komplizierte Geflecht der Transformation unterstreicht die Wechselbeziehung zwischen heidnischen und christlichen Vorstellungen in der Wikingerzeit und die immense Vielschichtigkeit des Bekehrungsprozesses im germanischen Norden.\u201c[26]<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es nicht undenkbar, dass sich in heidnischer Zeit neue Kultpraktiken oder Glaubensinhalte entwickelten \u2013 und auch wieder verschwanden \u2013, ohne dass sie sich in den arch\u00e4ologischen oder schriftlichen Quellen niedergeschlagen h\u00e4tten. Ohne solche Quellen aber k\u00f6nnen wir nur zu dem einzig m\u00f6glichen Schluss kommen, dass die Vorstellung von Wiedergeburt \u00fcberhaupt nicht mit dem in Einklang zu bringen ist, was wir tats\u00e4chlich \u00fcber die Weltsicht der heidnischen Zeit wissen, in der es den platonisch-christlichen Begriff einer \u201eSeele\u201c als einer parallel zum K\u00f6rper existierenden eigenen Wesenheit ja gar nicht gab,[27] sondern die nichtmateriellen Pers\u00f6nlichkeitsaspekte untrennbar mit dem im Grabh\u00fcgel lebenden K\u00f6rper verbunden waren. Daraus ergibt sich klar, dass die k\u00e4rglichen Behauptungen eines angeblichen Glaubens an Wiedergeburt, die sich ausnahmslos in erst 200 Jahre nach der Bekehrung verschriftlichten Texten finden, plumpe Versuche christlicher Interpreten sind, diese Vorstellungen dem alten Heidentum nachtr\u00e4glich \u00fcberzust\u00fclpen, da zu eben dieser Zeit auf Grund der zeitgleichen Katharer-Verfolgung der Glaube an Wiedergeburt in ganz Europa geradezu zu einem Markenzeichen f\u00fcr H\u00e4resie \u2013 und damit auch f\u00fcr Heidentum \u2013 geworden war. Daraus wird ebenfalls deutlich, dass diese christlichen Schreiber damit auf geh\u00e4ssige Weise das germanische Heidentum als falsche Irrlehre brandmarken wollten, was vor dem damaligen ideologischen Hintergrund klar das Ziel verfolgte, ein m\u00f6gliches Wiederaufleben germanischen Heidentums nachhaltig zu verhindern, stand die Christenheit zu eben dieser Zeit doch in einem milit\u00e4rischen Kampf um die spirituelle Vorherrschaft, nicht nur gegen die Katharer, sondern auch gegen die noch verbliebenen Heiden der baltischen Gebiete in Ost-Europa.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Endnoten<\/h2>\n<p>[1] Im Wicca, vor allem innerhalb der Tradition, die sich auf\u00a0 Gerald Gardener oder Alex Sanders beruft, wird dieser Wartebereich als \u201eSommerland\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>[2] Helgakvi\u00f0a Hi\u00f6rvar\u00f0ssonar (Das Lied von Helgi, dem Sohne Hj\u00f6rwards), Str. 43 pr.<\/p>\n<p>[3] Ebenda, Str. 30 pr.<\/p>\n<p>[4] Helgakvi\u00f0a Hundingsbana II (Das Zweite Lied von Helgi, dem T\u00f6ter Hundings), Str. 4 pr.<\/p>\n<p>[5] Ebenda, Str. 51 pr.<\/p>\n<p>[6] Sigurd-Lied Str. 45.<\/p>\n<p>[7] Turville-Petre, E. O. G. Myth and Relgion of the North, 1964, reprinted 1975 (Greenwood Press; Westport, CN), S. 194.<\/p>\n<p>[8] Rudolf Simek: Der Glaube der Germanen. Kevelaer 2005, S. 105ff.<\/p>\n<p>[9] Dabei wurden Sch\u00e4del, Becken und Langknochen zuweilen ebenfalls mit Beigaben begraben, was vermuten l\u00e4sst, dass diese K\u00f6rperteile als repr\u00e4sentativ f\u00fcr den ganzen Menschen angesehen wurden (Simek, ebenda).<\/p>\n<p>[10] Als Grund daf\u00fcr wurde vermutet, dass Verbrennung den R\u00fccktransport der sterblichen \u00dcberreste in die Heimat f\u00fcr ein angemessenes Begr\u00e4bnis erheblich erleichterte, da Gr\u00f6\u00dfe, Umfang und Gewicht des Toten dadurch sehr reduziert wurden. Das wurde zwar nie bewiesen (was auch nicht m\u00f6glich sein d\u00fcrfte), aber die Annahme ist zumindest logisch. Im Fall von z.B. 100 Gefallenen mag es aber als angemessener betrachtet worden sein, sie innerhalb ihres \u201eZuhauses\u201c (des Schiffes) zu bestatten, ger\u00fcstet zum Kampf, sodass sie sich auch weiterhin selbst verteidigen konnten. Aber das ist nat\u00fcrlich lediglich eine Spekulation.<\/p>\n<p>[11] Holmberg, Uno Finno-Ugric Mythology, 1928, in the series Mythology of All Races \u00a0\u00a0 edited by J. A. MacCulloch<\/p>\n<p>[12] Guirand, F. in Larousse Encyclopedia of Mythology, 1959, edited by Felix Guirand. (Prometheus Press; New York, NY), S. 317. Eine gute zeitgen\u00f6ssische Beschreibung der \u201eB\u00e4renlieder\u201c bei den Khanty zusammen mit Artikeln \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Lebenden und Toten finden sich unter<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/haldjas.folklore.ee\/folklore\/ksisu.htm\">http:\/\/haldjas.folklore.ee\/folklore\/ksisu.htm<\/a><\/p>\n<p>[13] http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Heresy#Catholic response to heresy<\/p>\n<p>[14] [Anm. d. \u00dcbers.:] Nat\u00fcrlich waren die eigentlichen Angelsachsen schon Jahrhunderte zuvor bekehrt worden. Durch die d\u00e4nische Eroberung Englands im 10 Jh. und der nachfolgenden Einwanderung zahlreicher heidnischer Neusiedler aus D\u00e4nemark wurden gro\u00dfe Gebiet Englands aber wieder heidnisch.<\/p>\n<p>[15] Anglo-Saxon Prose, translated and edited by Michael Swanton, 1993 (J. M. Dent-Orion Publishing House; London, UK), S. 185-187.<\/p>\n<p>[16] [Anm. d. \u00dcbers.:] Der Begriff \u201eKleriker\u201c bezeichnete zu der Zeit lediglich des Lesens und Schreibens kundige Leute, die diese F\u00e4higkeiten und andere Fertigkeiten zwar durchweg in kl\u00f6sterlichem Umfeld gelernt hatten, ohne dass sie deshalb aber zwangsl\u00e4ufig selbst Geistliche waren.<\/p>\n<p>[17] Jonas Kristj\u00e1nsson: Icelandic Sagas and Manuscripts, 1980 (Iceland Review; Rekjav\u00edk, Iceland), S. 29-33.<\/p>\n<p>[18] Ebenda<\/p>\n<p>[19]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars<\/a><\/p>\n<p>[20]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathar#Origins\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathar#Origins<\/a><\/p>\n<p>[21]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars<\/a><\/p>\n<p>[22]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars#Origins\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars#Origins<\/a><\/p>\n<p>[23]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Crusades\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Crusades<\/a><\/p>\n<p>[24]<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars#Origins\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cathars#Origins<\/a><\/p>\n<p>[25] Vgl. Thomas DuBois: Nordic Religions in the Viking Age. Philadelphia, 1999. S. 84-85.<\/p>\n<p>[26] Ebenda, S. 91.<\/p>\n<p>[27] Vgl. dazu ausf\u00fchrlich Kurt Oertel: Von den Beschwernissen der letzten Reise \u2013 Jenseitsglaube und Seelenvorstellungen, in: Heidnisches Jahrbuch 3\/2008, S. 179-220; auch zu finden unter<span>\u00a0<\/span><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2013\/12\/01\/von-den-beschwernissen-der-letzten-reise-jenseitsvorstellungen-und-seelenglaube\/\">https:\/\/eldaring.de\/2013\/12\/01\/von-den-beschwernissen-der-letzten-reise-jenseitsvorstellungen-und-seelenglaube\/<\/a><\/p>\n<p><strong>Erschienen 2011 in<span>\u00a0<\/span><\/strong><em><strong>Herdfeuer 31<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den historischen Hintergr\u00fcnden der angeblichen Quellen von Bil Linzie \u00dcbersetzung aus dem Englischen von Kurt Oertel 1. Einf\u00fchrung Germanisches Heidentum z\u00e4hlt heute wieder zu den \u201ealternativen Religionen\u201c, und es ist zumindest unter dem Aspekt einzigartig, dass man dort unter einer Vielzahl nachtodlicher Vorstellungen w\u00e4hlen kann. Sp\u00e4testens gegen Ende der Wikingerzeit gab es mindestens vier&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/gab-es-einen-altnordischen-glauben-an-wiedergeburt\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[20,34,39,28,62,63],"class_list":["post-320","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-historisches","tag-asatru","tag-christentum","tag-germanen","tag-heidentum","tag-walhalla","tag-wikinger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":321,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320\/revisions\/321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}