{"id":318,"date":"2011-12-15T19:50:39","date_gmt":"2011-12-15T18:50:39","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=318"},"modified":"2025-08-24T19:51:00","modified_gmt":"2025-08-24T17:51:00","slug":"mythen-der-alpen-perchten-klausen-krampusse-modernes-brauchtum-und-die-wilde-jagd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/mythen-der-alpen-perchten-klausen-krampusse-modernes-brauchtum-und-die-wilde-jagd\/","title":{"rendered":"Mythen der Alpen: Perchten, Klausen, Krampusse \u2013 modernes Brauchtum und die Wilde Jagd"},"content":{"rendered":"<p>von Uwe Ehrenh\u00f6fer<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Toaset wie d\u00f6s wildescht Meer,<\/em><br \/>\n<em>r\u00f6ahret v\u00fcrse, hindre!<\/em><br \/>\n<em>S ischt im Gai huit s M\u00fcetes Heer<\/em><br \/>\n<em>ka kui R\u00fceh it finde!<\/em><\/p>\n<p><cite>(<em>nach Toni Ga\u00dfner-Wechs 1939)<\/em><\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Allg\u00e4uer Dialekt:<br \/>\nToset wie das wilde Meer, r\u00f6hrt von vorne und hinten.<br \/>\nEs ist im Land heut\u2019 Wotans Heer, kann keine Ruhe finden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"735\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/historischer-Perchtenlauf-1024x735.jpg\" alt=\"Historischer Perchtenlauf\" class=\"wp-image-623\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/historischer-Perchtenlauf-1024x735.jpg 1024w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/historischer-Perchtenlauf-300x215.jpg 300w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/historischer-Perchtenlauf-768x551.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Historischer Perchtenlauf. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.<\/figcaption><\/figure>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Erlebnisse eines Winters<\/strong><\/h4>\n<p>Schladming \/ \u00d6sterreich, am 27.11.2010:<\/p>\n<p>Der Innenort dieses haupts\u00e4chlich vom Wintertourismus und der N\u00e4he zum Dachsteinmassiv lebenden \u00d6rtchens kann in einem zehnmin\u00fctigen Spaziergang durchschritten werden, der bei der \u00f6rtlichen Brauerei beginnt und an den Bergbahnen und der \u201eTenne\u201c endet, einem f\u00fcrchterlichen Restaurations- und Diskobunker im Pseudoalpinen Stil. Ab 18 Uhr an diesem Abend finden sich allm\u00e4hlich 40.000 Besucher ein und sammeln sich um die Hauptstra\u00dfe, die durch metallene Absperrgitter gesichert ist. Der Innenort ist abgedunkelt, als sich zum Klang von h\u00e4mmerndem Metal um 20 Uhr eine erste Gruppe wahrhaft \u201eh\u00f6llisch\u201c anmutender, in dunkles Fell gekleideter Gestalten durch die Umzugsgasse zu bewegen beginnt. In ihrem Schlepptau f\u00fchren sie eiserne Karren mit gusseisernen Kesseln und darin flackerndem Feuer mit sich, ihre Masken sind w\u00fcste, aus Holz geschnitzte Fratzen mit gro\u00dfen, minotaurisch anmutenden H\u00f6rnern \u2013 und das ist nur der Anfang eines insgesamt tausend Larven z\u00e4hlenden Aufzuges aus wilden, d\u00e4monischen Gestalten, die teilweise auf bocksfu\u00dfartigen Stelzen laufen und von denen die gr\u00f6\u00dften mit H\u00f6rnern deutlich \u00fcber drei Meter hoch aufragen. Wenn einer aus dem Publikum unversch\u00e4mt wird, dann springen die Krampusse drohend gegen das Gel\u00e4nder, und besonders ungeb\u00fchrliches Verhalten wird mit Schl\u00e4gen von Weidenruten oder mit aus Tierschw\u00e4nzen bestehenden Peitschen gestraft. Eine folgende Gruppe tr\u00e4gt silberne Menschengesichter, ist aber sonst ganz in Felllumpen gekleidet, einige tragen metallene K\u00f6rbe am R\u00fccken, in denen glimmendes Holz vor sich hin raucht, das die gesamte Promenade in einen grauen Nebel h\u00fcllt und alles mit seinem durchdringenden Geruch erf\u00fcllt. Holzgeschnitzte Teufelsfratzen mit bizarr verdrehten M\u00e4ulern und Augen tauchen aus der Dunkelheit auf, untermalt vom scheppernden Klang von Kuh- und Zugschellen in einem seltsamen, durch eine spezielle Laufweise bestimmten Rhythmus. Dazwischen tauchen vereinzelt Figuren im Ornat des katholischen Heiligen Sankt Nikolaus auf, der teils von einem sennenartigen, wilden M\u00e4nnlein mit Stab, Kiepe und Tannenzweigen begleitet wird, teils auch von wei\u00dfen und schwarzen \u201eEngeln\u201c. Dann werden pl\u00f6tzlich mehrere Rauchbomben geworfen, aus denen dichter Qualm aufsteigt, der die ganze Hauptstra\u00dfe vernebelt, und aus diesem wei\u00dfen Rauch tauchen in wei\u00dfes Fell gekleidete, geh\u00f6rnte Figuren auf, deren geschnitzte Gesichter b\u00e4rtige M\u00e4nner darstellen. Zu ihrem t\u00e4nzelnden Schritt tragen sie rot flammende Magnesiumfackeln, was alles in ein unwirkliches, rotorangenes Licht taucht. Dazu der typische Klang aus Rufh\u00f6rnern \u2026<\/p>\n<p>Mehrere Gruppen sp\u00e4ter kann ich, der ich mich als Ordner und Fotograf frei im Gel\u00e4nde bewegen darf, nur noch im letzten Moment auf die Seite springen, als die \u201e\u00d6tztaler Fuirtuifl\u201c mit mehreren Petroleumspuren die gesamte Hauptstra\u00dfe in ein Flammenmeer verwandeln, und wilde, mit Holzmasken geschm\u00fcckte Krampusse durch diese Flammenwand hindurchstapfen, sodass das Fell an ihren F\u00fcssen zum Teil in Flammen aufgeht.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtenmaske-681x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-627\" width=\"223\" height=\"335\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtenmaske-681x1024.jpg 681w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtenmaske-199x300.jpg 199w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtenmaske-768x1155.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtenmaske.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><figcaption>Perchtenmaske<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Nachdem sich das aufgeregte Publikum wieder beruhigt hat, taucht eine riesige Gestalt aus den Rauchschwaden auf, die das h\u00f6lzerne Gesicht eines alten, b\u00e4rtigen Mannes tr\u00e4gt, und die von oben bis unten in Tannenreisig gewandet ist. Auf dem Kopf tr\u00e4gt sie einen Hut aus Moos mit einem ausgestopften Marder und in der Hand h\u00e4lt sie einen langen Stab, der von einem pr\u00e4parierten Habicht mit weit ausgespreizten Fl\u00fcgeln gekr\u00f6nt wird.<\/p>\n<p>Als letzte Gruppe des drei Stunden dauernden Aufzuges treten schlie\u00dflich unsere Allg\u00e4uer Klausen aus Sonthofen auf: Vorneweg tanzen die weiblichen \u201eB\u00e4rbele\u201c, Wildweiblein mit Masken aus Moos, Tannenzapfen, Reisig und Pilzen, dann folgen die in Tierfelle gekleideten und mit H\u00f6rnern verzierten Klausen, die mit ihren Zugschellen und Kuhglocken einen wahrhaft ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm veranstalten.<\/p>\n<p>Eine Woche vorher, B\u00f6rwang im Allg\u00e4u, ein unter 1000 Seelen z\u00e4hlender Ort n\u00f6rdlich von Kempten:<\/p>\n<p>Es haben sich hier insgesamt 16.000 Menschen versammelt, um einem Perchtenlauf zu Ehren des Jubil\u00e4ums des \u00f6rtlichen Klausenvereins zuzuschauen. G\u00e4ste aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz zeigen die ganze Breite dieses Brauchtums: Da gibt es die schweizerischen Chlausen, die mit ihren geschnitzten, seltsam anmutenden Holzmasken auftauchen und deren<span>\u00a0<\/span><em>H\u00e4s<\/em><span>\u00a0<\/span>(Kleidung) aus Moosen, Flechten und Astwerk bestehen. Dann kommen Perchten in Fell mit langen B\u00e4rten, die eher wie das \u201eklassische\u201c Bild des Knecht Ruprecht oder die \u201eWilden M\u00e4nnle\u201c wirken. Es folgen die Norischen Perchten, die wie Teufelsfiguren feuerspuckend die Zuschauerreihen entlangwandern und sich dabei aus Jux noch gegenseitig in Flammen setzen \u2013 nur, um kurze Zeit sp\u00e4ter von Besenschwingenden Hexen wieder mit Reisigbesen ausgeklopft zu werden \u2026<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtel-904x1024.jpg\" alt=\"Perchtel\" class=\"wp-image-626\" width=\"288\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtel-904x1024.jpg 904w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtel-265x300.jpg 265w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtel-768x870.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Perchtel.jpg 1630w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><figcaption>Perchtel<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Sonthofen, 5. Dezember 2010:<\/p>\n<p>Um die Innenstadt herum sind eiserne Absperrungen aufgestellt worden, um die sich eine aufgeregt wartende Zuschauermenge dr\u00e4ngt. P\u00fcnktlich ab halb acht Uhr abends ziehen dann die Goissenschnalzler durch die versammelte Menge und lassen ihre lange Peitschen hoch \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen hinknallen, bis pl\u00f6tzlich mehrere B\u00f6llersch\u00fcsse ert\u00f6nen! Die Zuschauer fl\u00fcchten sich an den Rand der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, w\u00e4hrend aus dem Dunkel nun ein schnell anschwellender L\u00e4rm aus unz\u00e4hligen Kuh- und Zugschellen das Kommen der Klausen ank\u00fcndigt \u2013 wilde Fellgestalten sind das, die mit tierartigen Masken und H\u00f6rnern aller Art dekoriert sind. Trotz ihrer bis zu 40 kg schweren Gew\u00e4nder rennen sie in schnellem Lauf herein, und schon jetzt werden einzelne Personen mit Weidenruten traktiert, noch bevor sich alle 180 Klausen in der Mitte des Hauptplatzes versammelt haben und mit ihren Kuhglocken einen Heidenl\u00e4rm veranstalten. Nach dem \u201eEinschellen\u201c verteilen sie sich f\u00fcr zwei Stunden im abgesperrten Gel\u00e4nde, und wer in dieser Zeit innerhalb der Absperrungen auch nur irgendwie in den Fokus der Klausen ger\u00e4t, der wird mit den Weidenruten geschlagen oder durch den Ort gejagt. Die Jugendlichen machen sich einen regelrechten Sport daraus, die Klausen zu \u00e4rgern. Danach entscheiden dann Taktik und Geschwindigkeit, und wer von ihnen erwischt wird, der muss leiden: Bis zu 40 Rutenschl\u00e4ge auf einen Erwischten habe ich schon gez\u00e4hlt \u2013 der beste Schutz dagegen sind Zeitungen in der Hose und Skihosen. Angesichts solch drohenden Ungemachs entwickeln manche der Verfolgten wahrhaft akrobatische F\u00e4higkeiten \u2013 einen habe ich aus dem Stand heraus \u00fcber ein drei Meter hohes Hoftor springen sehen \u2026<\/p>\n<p>Es trifft wohl zu, was ein dort anwesender Engl\u00e4nder im typischem Understatement seiner Landsleute mir gegen\u00fcber meinte: \u201eThis tradition is quite different!\u201c<\/p>\n<p>Marius, der derzeitige \u201cOberklaus\u201d des Sonthofener Klausenvereins, wird am Ende der zwei Stunden dauernden, f\u00fcr manche auch schmerzhaften Gaudi alleine insgesamt 30 Ruten zerschlagen haben.<\/p>\n<p>Nach den zwei erlaubten Stunden erfolgt dann das \u201eAusschellen\u201c am Hauptplatz, bevor alle 180 Klausen, begleitet von Freunden und Freundinnen (sie sollten nicht verheiratet sein!), zum nahegelegenen \u201eHirsch\u201c ziehen, wo die K\u00f6pfe abgelegt werden und ein gro\u00dfes Trinkgelage quer durch die Sonthofener Lokale beginnt \u2026<\/p>\n<p>Man sollte jetzt aber nicht glauben, dass diese Br\u00e4uche in einem rechtsfreien Raum stattfinden, vielmehr achten Polizei und Stadtverwaltung mit Argusaugen darauf, dass gewisse Regeln eingehalten werden: Kleine Kinder, M\u00fctter mit Kindern, Schwangere, gebrechliche Alte und Personen mit Getr\u00e4nken oder Fotoapparaten in der Hand d\u00fcrfen nicht geschlagen werden, und die Schl\u00e4ge d\u00fcrfen nur unterhalb der G\u00fcrtellinie erfolgen. Bevor dieser Brauch durch einen entsprechenden Verein reguliert wurde, kam es h\u00e4ufiger vor, dass auch mit Eisenstangen und Eisenketten auf die Opfer eingeschlagen wurde! Jedes Jahr noch entstehen im Allg\u00e4u so Personensch\u00e4den durch \u201ewilde\u201c, unorganisierte Klausen.<\/p>\n<p>Wenige Kilometer weiter dann ein ganz anderes Bild: Die Berghofener Klausen sind ein friedlicher Haufen aus einem wei\u00dfen Oberklaus und dunklen, in Fell gekleideten Klausen, die die H\u00e4user aufsuchen und \u2013 nach entsprechender Verpflegung \u2013 brav zum n\u00e4chsten Haus weiterziehen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"800\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klausen-der-wurde-erwischt-1024x800.jpg\" alt=\"Sonthofer Klausen\" class=\"wp-image-630\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klausen-der-wurde-erwischt-1024x800.jpg 1024w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klausen-der-wurde-erwischt-300x234.jpg 300w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klausen-der-wurde-erwischt-768x600.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Sonthofer Klausen \u2013 der wurde erwischt.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was ist nun aber der Ursprung dieses eindrucksvollen Brauchtums?<\/p>\n<p>Um dieser Frage auf den Grund zugehen, blieben mir zwei Ansatzpunkte. Den ersten bietet der Name des germanischen Numens namens<span>\u00a0<\/span><em>Perchta<\/em>, der sich im Begriff der Perchtenl\u00e4ufe erhalten hat, den zweiten findet man im breiten Feld der Maskenumz\u00fcge.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Perchta<\/strong><\/h4>\n<p>Die geographische Verteilung der Perchtensagen ist scharf begrenzt. Sie finden sich in Oberfranken, ziehen sich s\u00fcdlich von Coburg bis etwas s\u00fcdlich von Kitzingen \/ Unterfranken und s\u00fcdlich der Neckarlinie, finden sich dort im gesamten alemannischen Sprachraum, dem gesamten bayerischen \/ oberpf\u00e4lzischen Gebiet und auf dem Gebiet des gesamten deutschsprachigen Alpenraums, einzelne Sagen sind auch aus der westlichen Tschechei und aus dem heutigen Slowenien \u00fcberliefert. Im gesamten Raum ver\u00e4ndert sich die Sprachform dabei nur wenig:<span>\u00a0<\/span><em>Perchta<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>Bertha<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>Berte<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 als kleinr\u00e4umigere Ausnahmen seien aber beispielhaft die<span>\u00a0<\/span><em>Stampfe\/Stempfe<\/em><span>\u00a0<\/span>in Tirol und die<span>\u00a0<\/span><em>Percht\u00f6lterin<\/em><span>\u00a0<\/span>sowie die<span>\u00a0<\/span><em>Perchtel<\/em><span>\u00a0<\/span>und die<span>\u00a0<\/span><em>Eisenberta<\/em><span>\u00a0<\/span>genannt.<\/p>\n<p>Wenn man die entsprechenden Sagen auswertet, finden sich in ihrem Charakter immer wieder die gleichen Motive:<\/p>\n<p>1. Die Perchta hat einen besonderen Bezug zu den Rauhn\u00e4chten, in denen sie vermehrt auftritt.<\/p>\n<p>2. Sie f\u00e4hrt auf einem Wagen, h\u00e4ufig in Begleitung von verstorbenen Kindern oder von einem Totenheer.<\/p>\n<p>3. Sie belohnt Flei\u00df und sorgf\u00e4ltiges Wirtschaften, besonders hilfsbereite Menschen entlohnt sie durch Erfolg in der Landwirtschaft, mit Steigerung der Fruchtbarkeit der Felder oder durch besondere Erfolge in der Viehzucht; den ein oder anderen auch mit Holzsp\u00e4nen, die sich zu Hause in Gold verwandeln. Man kann also von einer fruchtbarkeitssteigernden und reichtumsspendenden Wirkung sprechen.<\/p>\n<p>4. Sie kann H\u00f6fe und H\u00e4user und deren Einwohner segnen.<\/p>\n<p>5. Sie hat einen besonderen Bezug zu Gew\u00e4ssern.<\/p>\n<p>6. Auff\u00e4llig ist ein besonderer Bezug zu Eisen: sie hat eine eiserne Nase und hantiert mit eisernen Ger\u00e4ten: Scheren, Pflugscharen, Ketten.<\/p>\n<p>7. Unordnung und Faulheit hasst sie, ebenso die Missachtung des Spinnverbotes in den Rauhn\u00e4chten oder Verst\u00f6\u00dfe gegen das Festspeisegebot. Ihr zu Ehren galt Brei mit Fisch als Festspeise.<\/p>\n<p>8. Die Strafen k\u00f6nnen dabei \u00e4u\u00dferst drastisch ausfallen, so etwa neben dem Verbrennen oder Verderben des gesponnenen Flachs auch das Unfruchtbarmachen der Ernte oder des Viehs.<\/p>\n<p>9. Sie vergibt sogenannte \u201eeinj\u00e4hrige\u201c Strafen: Sie hackt ein Beil in eine Extremit\u00e4t oder blendet die entsprechende Person, macht die Strafe aber ein Jahr sp\u00e4ter wieder ungeschehen.<\/p>\n<p>10. In ganz schweren F\u00e4llen schneidet sie den Bauch des Menschen auf, f\u00fcllt ihn mit Unrat und verschlie\u00dft den Bauch wieder, m\u00f6glicherweise mit eisernen Ketten.<\/p>\n<p>11. Unartige Kinder f\u00fcttert sie mit eisernen Kl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p>Abgesehen von der Verbindung zum Eisen entsprechen dabei die Sagenmotive denen einer m\u00fctterlichen Figur: Sie besch\u00fctzt die Kinder, sie lohnt Sorgfalt und Flei\u00df im Haushalt, sie bringt Fruchtbarkeit und achtet auf die Einhaltung der religi\u00f6sen Regeln. Die Spindel und das Spinnen waren typische T\u00e4tigkeiten unter der Aufsicht der Hausherrin.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht2-681x1024.jpg\" alt=\"Percht\" class=\"wp-image-624\" width=\"331\" height=\"498\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht2-681x1024.jpg 681w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht2-199x300.jpg 199w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht2-768x1155.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht2.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/><figcaption>Percht<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Nebenbei hat sie eine Funktion als Herrin der Toten \u2013 sie bewegt sich in Begleitung von verstorbenen Kindern (<em>Heimchen<\/em>) oder f\u00fchrt ein Totenheer an.<\/p>\n<p>Diese Charakterz\u00fcge entsprechen damit der gleichen Figur wie in den mitteldeutschen Sagen von der<span>\u00a0<\/span><em>Holle<\/em><span>\u00a0<\/span>oder den n\u00f6rdlicheren Figuren der<span>\u00a0<\/span><em>Herke<\/em><span>\u00a0<\/span>\/<span>\u00a0<\/span><em>Erke<\/em><span>\u00a0<\/span>\/<span>\u00a0<\/span><em>Harke<\/em><span>\u00a0<\/span>sowie der<span>\u00a0<\/span><em>Freke<\/em><span>\u00a0<\/span>und der<span>\u00a0<\/span><em>Frau Wode<\/em><span>\u00a0<\/span>\/<span>\u00a0<\/span><em>Gode<\/em>.<\/p>\n<p>Schon Jacob Grimm beschrieb Perchta in seiner Deutschen Mythologie als eine G\u00f6ttinnenfigur und stellte sie in eine Reihe mit anderen weiblichen G\u00f6ttinnenfiguren wie<span>\u00a0<\/span><em>Frigg<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>Freyja<\/em>, auch mit der<span>\u00a0<\/span><em>Holle<\/em>. Dabei verwies er auch schon auf die Parallelen der Namensgebung:<span>\u00a0<\/span><em>Frija<\/em><span>\u00a0<\/span>als die \u201estrahlend Sch\u00f6ne, die Herrin\u201c, von der sich ohne viel M\u00fche die<span>\u00a0<\/span><em>Freke<\/em><span>\u00a0<\/span>ableiten l\u00e4sst, mit<span>\u00a0<\/span><em>Holle<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>Huldra<\/em>, \u201eder Strahlenden\u201c und mit<span>\u00a0<\/span><em>Perchta<\/em>, von<span>\u00a0<\/span><em>beraht,<\/em><span>\u00a0<\/span>althochdeutsch f\u00fcr \u201edie Strahlende\u201c. Erika Timm wies auch auf die Parallelen von<span>\u00a0<\/span><em>Herke<\/em><span>\u00a0<\/span>zu dem Stamm<span>\u00a0<\/span><em>her-<\/em><span>\u00a0<\/span>wie in<span>\u00a0<\/span><em>Herjan<\/em><span>\u00a0<\/span>hin: Damit kann nicht nur \u00fcber<span>\u00a0<\/span><em>Frau<\/em><span>\u00a0<\/span><em>Wode \/ Gode<\/em><span>\u00a0<\/span>und das Motiv des Totenheeres ein Bezug zu Wodan \/ Odin geschaffen werden, sondern auch \u00fcber die Bezeichnung des Wilden Heeres in Frankreich, der<span>\u00a0<\/span><em>mesnie hellequin<\/em>, was aus<span>\u00a0<\/span><em>mesnie herle cyng<\/em>, d.h. aus dem \u201eGefolge des K\u00f6nigs Herle\u201c abzuleiten sei, worin wiederum der Stamm<span>\u00a0<\/span><em>her-<\/em><span>\u00a0<\/span>zu finden ist. Ebenso wird auch im angels\u00e4chsischen Flur- und Ackersegen die Erdmutter als<span>\u00a0<\/span><em>erce<\/em><span>\u00a0<\/span>bezeichnet.<\/p>\n<p>Somit kann man also davon ausgehen, dass die zugrundeliegende Figur der<span>\u00a0<\/span><em>Holle<\/em>, der<span>\u00a0<\/span><em>Perchta<\/em><span>\u00a0<\/span>und ihrer Abarten auf ein und demselben Numen basieren.<\/p>\n<p>Mit zunehmender zeitlicher Entfernung von der Nationalromantik wurde diesen Figuren in der wissenschaftlichen Rezeption die g\u00f6ttliche Rolle aberkannt, insbesondere auch in Betrachtung der d\u00e4monischen, strafenden Komponente. Die Person, die Perchta wieder in der Reihe der g\u00f6ttlichen Figuren einreihte, n\u00e4mlich Otto H\u00f6fler, disqualifizierte sich dagegen durch seine ideologische N\u00e4he zum Nationalsozialismus und seiner Beteiligung am \u201eAhnenerbe\u201c der SS.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es aber so, dass die schriftlichen Quellen \u00fcber Perchta gesichert bis in das 13. Jahrhdt. d. Z. zur\u00fcckreichen, Quellen aus dem 12. und 11. Jhdt. d. Z. k\u00f6nnen zumindest als wahrscheinlich relevant eingeordnet werden, womit eine blo\u00dfe Rolle als \u201eKinderschreck\u201c aus dem 15. Jhdt. \u2013 wie vielfach postuliert \u2013 schon auszuschlie\u00dfen ist.<\/p>\n<p>Erika Timm wies darauf hin, dass die scharfe Dreiteilung der namentlichen Bezeichnungen den R\u00fcckschluss zul\u00e4sst, dass die Namensbezeichnungen noch vor der Zweiten Lautverschiebung entstanden sind und somit \u00e4lter als das 7. Jhdt. d. Z. sind. Ganz davon abgesehen, dass auch eine keltische Gottheit mit \u00e4hnlichen Charaktereigenschaften \u00fcberliefert ist, n\u00e4mlich<span>\u00a0<\/span><em>Brixta<\/em>, oder<span>\u00a0<\/span><em>Brigitta<\/em>, was ebenfalls mit \u201estrahlend, liebreizend, hell\u201c zu \u00fcbersetzen ist und die sogar als Namenspate heutiger geographischer Landmarken gilt: Der Fluss<span>\u00a0<\/span><em>Breisach<\/em><span>\u00a0<\/span>und die Stadt<span>\u00a0<\/span><em>Bregenz<\/em><span>\u00a0<\/span>(lat.<span>\u00a0<\/span><em>Brigantium<\/em>) seien hier als Beispiele genannt.<\/p>\n<p>Es gibt in den vorliegenden Quellen noch weitere Hinweise auf eine g\u00f6ttliche Natur der Perchta. So wurde Perchta von Klaret 1365 als weiblicher Pluto bezeichnet, und Haltaus berichtet 1729, dass der schweizerische<span>\u00a0<\/span><em>Prechttag<\/em><span>\u00a0<\/span>zu Ehren einer<span>\u00a0<\/span><em>dea precha<\/em><span>\u00a0<\/span>begangen werde, die den Menschen die Flachsbearbeitung beigebracht habe: Ernte, Fruchtbarkeit und die Verbindung zum Spinnen finden sich hier.<\/p>\n<p>Erika Timm wies darauf hin, dass auch die Benennung der Numina mit dem Titel<span>\u00a0<\/span><em>Frau \/ fru \/ frouwe<span>\u00a0<\/span><\/em>auf eine hohe Stellung dieser Figur hindeutet. Die Bezeichnung<span>\u00a0<\/span><em>Frau<\/em><span>\u00a0<\/span>war im Mittelalter und der V\u00f6lkerwanderungszeit \u2013 anders als in heutiger Zeit \u2013 den Herrinnen, den Herrscherinnen vorbehalten, im Gegensatz zum<span>\u00a0<\/span><em>Weib<\/em><span>\u00a0<\/span>als Bezeichnung f\u00fcr die einfache Frau. Die Verallgemeinerung der Begriffes<span>\u00a0<\/span><em>Frau<\/em><span>\u00a0<\/span>kam erst mit der Ausbildung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft auf.<\/p>\n<p>Auch der Wagen, mit dem Perchta und Holle fahren, ist ein eher feudales Attribut, davon abgesehen spricht Hahn 1896 dem Wagen eine besondere Bedeutung als sakralem Transportmittel zu. In diesem Zusammenhang sei auch an die Nerthusprozession oder an Freyja, die in einem Wagen f\u00e4hrt, erinnert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das bis in das Mittelalter \u00fcbliche Speiseopfer an Perchta nicht spezifisch f\u00fcr eine Hochg\u00f6ttin ist, weisen die Bedeutung f\u00fcr die Fruchtbarkeit und die Segenstaten, auch die Strafen f\u00fcr eine Missachtung der Haus- und Festtagsregeln auf ihre g\u00f6ttliche Funktion hin. Das gleiche gilt f\u00fcr ihre Begleitung durch das Totenheer \/ Wilde Jagd, die sie als Toteng\u00f6ttin charakterisieren, und die Betonung ihrer Funktionen in den Rauhn\u00e4chten, in denen die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und dem Totenreich verschwinden.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dabei auf die Parallele zu<span>\u00a0<\/span><em>Freyja<\/em><span>\u00a0<\/span>als Herrin von Folkwang hinweisen, was auch Heide G\u00f6ttner-Abendroth in einer sonst leider wissenschaftlich uns\u00e4glichen Publikation bemerkte.<\/p>\n<p>Zusammenfassend ist wohl nachzuvollziehen, dass die Hauptmotive der Perchta identisch sind mit Motiven der zentralen germanischen weiblichen G\u00f6ttinnenfiguren<span>\u00a0<\/span><em>Frigg\/Freyja<\/em><span>\u00a0<\/span>(\u00fcber deren Zweiteilung Uneinigkeit besteht) und die sich in den Numina<span>\u00a0<\/span><em>Herke \/ Wode \/ Holle<\/em><span>\u00a0<\/span>und sogar der keltischen G\u00f6ttin<span>\u00a0<\/span><em>Brixta<\/em><span>\u00a0<\/span>wiederfinden. Somit stellt sie eine Manifestation der h\u00f6chsten Mutter-, Haushalts- und Fruchtbarkeitsg\u00f6ttin dar.<\/p>\n<p>Dabei unterscheidet sich die Perchta jedoch in einem Detail erheblich von den anderen Figuren, n\u00e4mlich im Motiv des Eisens, dies etwa beim Tragen einer eisernen Nase. Mit dem Eisen sind aber auch grausige Strafen verbunden wie das Aufschneiden des Bauches, das Auff\u00fcllen desselben mit Unrat, das Gliederabhacken mit eisernen Beilen und das F\u00fcttern unartiger Kinder mit eisernen Kl\u00f6\u00dfen. Dies sind Motive, die nicht zu den \u00fcbrigen Charaktereigenschaften passen. Es finden sich darin aber auff\u00e4llige Parallelen zu einer keltischen G\u00f6ttin namens<span>\u00a0<\/span><em>Noreia<\/em>, die im Gebiet der Provinz Noricum verehrt wurde, dem heutigen \u00f6stlichen \u00d6sterreich, d.h. Wiener Wald, Karawanken und Karnische Alpen. Schon zu vorchristlichen Zeiten war dies ein Gebiet, das stark vom Eisenabbau und der Eisenverh\u00fcttung lebte. Dazu passt auch, dass die eisentragende Figur einer sogenannten<span>\u00a0<\/span><em>Vasorr\u00fa Baba<\/em><span>\u00a0<\/span>bis nach Ungarn verbreitet war, auch dass der Schnabel- oder Vogelaspekt mit den Salzburger<span>\u00a0<\/span><em>Schnabelperchten<\/em>, mit den slovenischen<span>\u00a0<\/span><em>Koranti<\/em><span>\u00a0<\/span>oder der schweizerischen<span>\u00a0<\/span><em>Schnabelgei\u00df\/Schnabelgyri<\/em><span>\u00a0<\/span>erhalten blieb. Kris Kershaw zieht dabei auch eine Parallele zum Archetyp einer indogermanischen weiblichen Hochg\u00f6ttin in Vogelgestalt.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht3-725x1024.jpg\" alt=\"Percht\" class=\"wp-image-625\" width=\"314\" height=\"443\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht3-725x1024.jpg 725w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht3-212x300.jpg 212w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht3-768x1084.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Percht3.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><figcaption>Percht<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Zusammenfassend kann man sagen, dass Perchta eine alte, vorchristliche Gottheit darstellt und in ihren Grundeigenschaften der gro\u00dfen germanischen Mutter- und Haushaltsg\u00f6ttin entspricht, wobei aber wahrscheinlich \u2013 \u00f6kotypisch \u2013 eine Verschmelzung mit der \u00e4lteren lokalen, keltischen G\u00f6ttin<span>\u00a0<\/span><em>Noreia<\/em><span>\u00a0<\/span>und m\u00f6glicherweise mit Motiven der keltischen<span>\u00a0<\/span><em>Brixta<\/em><span>\u00a0<\/span>stattgefunden hat. Ich wage also zu behaupten, dass Perchta ein anderer Name f\u00fcr die h\u00f6chste germanische G\u00f6ttin ist.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Tier- und Maskenumz\u00fcge<\/strong><\/h4>\n<p>Das zweite Charaktermerkmal der Perchtenl\u00e4ufe, das ich hier betrachten m\u00f6chte, ist die Maskierung mit teils tierartig anmutenden Verkleidungen.<\/p>\n<p>Schon zu antiken Zeiten gab es hierbei eine Verbindung zur Winterzeit, der Totenverehrung und \u2013 im weiteren Sinne \u2013 zu den Rauhn\u00e4chten: Eines der wichtigsten Feste in Delphi war die alle zwei Jahre zur Zeit der<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sonnenwende%20%5C%20Sonnenwende\">Wintersonnenwende<\/a><span>\u00a0<\/span>veranstaltete<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Trieteris&amp;action=edit&amp;redlink=1%20%5C%20Trieteris%20(Seite%20nicht%20vorhanden)\"><em>Trieteris<\/em><\/a>, bei der sich die<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thyiaden%20%5C%20Thyiaden\">Thyiaden<\/a><span>\u00a0<\/span>Athens und Delphis zu einer gemeinsamen n\u00e4chtlichen Feier in den Bergw\u00e4ldern des Parnass vereinigten. Dieses Fest begann mit T\u00e4nzen und mit der<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Oribasie&amp;action=edit&amp;redlink=1%20%5C%20Oribasie%20(Seite%20nicht%20vorhanden)\"><em>Oribasie<\/em><\/a>, dem ausgelassenen Lauf durch das Gebirge in der Nacht und bei Fackelschein. Anschlie\u00dfend verleibten sich die Thyiaden ihren Gott<span>\u00a0<\/span><em>Dionysos<\/em><span>\u00a0<\/span>durch die<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Omophagie%20%5C%20Omophagie\"><em>Omophagie<\/em><\/a><span>\u00a0<\/span>ein, indem sie das rohe Fleisch eines lebendig gevierteilten Opfers \u2013 gew\u00f6hnlich einer jungen Ziege \u2013 verschlangen. Gleichzeitig brachten die Priester im Tempel dem Dionysos ein geheimes Opfer dar, das vermutlich mit dem Aufstieg des Gottes aus der Unterwelt zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich stellten sich wohl die Umz\u00fcge der<span>\u00a0<\/span><em>Hekate<\/em><span>\u00a0<\/span>in Griechenland oder die r\u00f6mischen<span>\u00a0<\/span><em>Saturnalien dar<\/em>.<\/p>\n<p>Das Motiv der ekstatischen, maskierten Gruppe, die eine Verbindung zu der Welt der Toten hat und doch fruchtbarkeitsspendend durch die Lande zieht, findet sich auch bei den sogenannten<span>\u00a0<\/span><em>Maruts<\/em><span>\u00a0<\/span>in Indien wieder, die im<span>\u00a0<\/span><em>Mahabharata erw\u00e4hnt werden<\/em>.<\/p>\n<p>Im germanischen Raum selbst verbindet man mit den Rauhn\u00e4chten, teils auch mit der Fastnachtszeit die<span>\u00a0<\/span><em>Wilde Jagd<\/em><span>\u00a0<\/span>bzw. das<span>\u00a0<\/span><em>Wilde Heer<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>Asgardsreia \/ Oskorei<\/em>. Tiergestaltige oder d\u00e4monische Gestalten ziehen mit dem<span>\u00a0<\/span><em>Wilden J\u00e4ger<\/em><span>\u00a0<\/span>als Anf\u00fchrer durch die Lande. Wer ihnen begegnet, kann sowohl Fruchtbarkeitsspenden und Belohnungen erhalten, er kann aber auch gestraft werden. Der sagenhafte<span>\u00a0<\/span><em>Wilde J\u00e4ger<\/em><span>\u00a0<\/span>ist denn auch mit Bezeichnungen wie in Schweden<span>\u00a0<\/span><em>Oden<\/em>, in Norddeutschland<span>\u00a0<\/span><em>Wode<\/em><span>\u00a0<\/span>oder in S\u00fcddeutschland<span>\u00a0<\/span><em>Wuotes<span>\u00a0<\/span><\/em>\/<span>\u00a0<\/span><em>Muotes<\/em><span>\u00a0<\/span>eindeutig als<span>\u00a0<\/span><em>Wodan \/ Odin<\/em><span>\u00a0<\/span>zu identifizieren. Selbst im Franz\u00f6sischen kann, wie oben erw\u00e4hnt, mit der<span>\u00a0<\/span><em>mesnie hellequin<\/em><span>\u00a0<\/span>eine direkte Verbindung zu<span>\u00a0<\/span><em>Herjann \/ Wodan<\/em><span>\u00a0<\/span>geschlagen werden.<\/p>\n<p>Geographisch gro\u00dfr\u00e4umig wird das Wilde Heer aber auch von einer ambivalenten weiblichen Gottheit begleitet: im Norden noch in direkter Verbindung zu Wodan die<span>\u00a0<\/span><em>Frau Wode<\/em>, oder die<span>\u00a0<\/span><em>Frau Gode<\/em>, s\u00fcdlicher dann die<span>\u00a0<\/span><em>Frau Herke, Freke<\/em>, die<span>\u00a0<\/span><em>Holda<\/em>, die<span>\u00a0<\/span><em>Frau Holle<\/em><span>\u00a0<\/span>oder die<span>\u00a0<\/span><em>Percht<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 die als Benennungen der gro\u00dfen germanischen Mutterfigur<span>\u00a0<\/span><em>Frigg\/Freyja<\/em><span>\u00a0<\/span>(wie oben dargestellt) ebenso auch Herrinnen der Toten sind.<\/p>\n<p>Un\u00fcbersehbar ist die Parallelit\u00e4t zu den antiken Quellen dabei sowohl in den Komponenten des Totenheers, das Wodan als (auch) Totengott anf\u00fchrt, wie auch in der gleichzeitig ekstatischen \/ schamanistischen Komponente (Geistreise) und der segnenden Funktion. Beeindruckend empfinde ich dabei vor allem auch die Wodan\u2019sche Ikonographie, der sich mit seinen Tieren Pferd, Raben und W\u00f6lfe Lebewesen h\u00e4lt, die eine besondere Verbindung zur Welt der Toten haben. Auch die Odinsheiti<span>\u00a0<\/span><em>grimnir<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>grimr<\/em>, von \u201eMaske\u201c, zeigen die Verbindung zu dem totemistischen Ritual der Maskierung.<\/p>\n<p>Dabei sollte man aber nicht von einer \u00fcbersinnlichen Genese der Wilden Jagd ausgehen, eher von einer Art \u201eProzession\u201c oder Umzug zu Ehren der Toten und der G\u00f6tter, analog zu den anderen beschriebenen Umz\u00fcgen, wobei u.a. an den Umzug der Nerthus auf ihrem Wagen erinnert werden darf. Wie Kris Kershaw darlegte, wurden die toten Seelen bzw. die Geister dabei von den jungen M\u00e4nnern dargestellt, die als unverheiratete<span>\u00a0<\/span><em>Krieger<\/em><span>\u00a0<\/span>einen besonderen Bezug zur Welt der Toten hatten.<\/p>\n<p>In schamanistischen Gesellschaften gelten Ekstase und Trance als Verbindung zur Anderswelt, zu der Welt der Geister und Ahnen. Insbesondere in Maskierung ist der darstellende Mensch nicht mehr er selbst, die Geister haben von ihm Besitz ergriffen und sprechen und handeln durch ihn.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Waldgeist-992x1024.jpg\" alt=\"Waldgeist\" class=\"wp-image-631\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Waldgeist-992x1024.jpg 992w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Waldgeist-291x300.jpg 291w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Waldgeist-768x793.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Waldgeist.jpg 1799w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Waldgeist<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dabei haben die Geister und Ahnen in den darstellenden M\u00e4nnern nicht nur die Funktion zu segnen, sondern sie fungieren auch als jenseitige \u201eKontrolleure\u201c: Gehen die Menschen gut mit dem Erbe der Vorfahren um? Wer seinen Hof in Ordnung h\u00e4lt, der wird durch die toten Ahnen gesegnet, wer mit dem Erbe der V\u00e4ter nicht ordentlich umgeht, wird gestraft. Historische Autoren reden dabei von durchaus w\u00fcsten Strafen, bis hin zum Herausrei\u00dfen der T\u00fcren und dem Abdecken des Hausdaches.<\/p>\n<p>Pikant ist dabei, dass somit die zuk\u00fcnftigen Erben in Gestalt ihrer Vorfahren den Zustand ihres eigenen Erbes kontrollieren \u2026<\/p>\n<p>Im weiteren Sinne m\u00fcssen auch die Umz\u00fcge des Karneval in Italien bzw. Frankreich und den westlichen deutschsprachigen Gebieten mit eingerechnet werden, eine geographische \u00dcberschneidung findet dabei im alemannischen Raum statt. Sprachlich deutlich wird dies neben dem \u00f6stlichen Schwarzwald und dem schw\u00e4bischen Jura u.a. im tirolerischen Imst, wo die Faschingsmasken auch heute noch als<span>\u00a0<\/span><em>Schemen<\/em><span>\u00a0<\/span>bezeichnet werden. Der Begriff Schemen ist dabei aus der \u00dcberlagerung unterschiedlicher Begriffe entstanden, aus dem griech.<span>\u00a0<\/span><em>schema<\/em><span>\u00a0<\/span>\u201eFigur\u201c, aus dem griech.<span>\u00a0<\/span><em>ski\u00e1<\/em><span>\u00a0<\/span>\u201eSchatten, Geist\u201c und aus dem got.<span>\u00a0<\/span><em>skeima<\/em><span>\u00a0<\/span>\u201eFackel\u201c: Eine Fackel wirft einen Schatten, ein Schattenbild, eine Geistfigur, die in einer anderen Ebene als die eigentliche Figur existiert, somit auch das Bild eines Wesens der Anderswelt darstellt, des Jenseitigen, der Totenwelt. Auch die Masken des Karneval, der ja durchaus auch (zumindest in Bezug auf den Alkoholkonsum \u2026) als ekstatisch einzuordnen ist, zeigen eine Verbindung zu den Toten, die mittlerweile allerdings stark verblasst ist.<\/p>\n<p>Einen Hinweis auf das hohe Alter und die heidnische Herkunft dieser Maskenumz\u00fcge kann man der Tatsache entnehmen, dass die Umz\u00fcge in Tiermasken schon 573 d. Z. auf der Kirchensynode von Auxerre von kirchlicher Seite verboten wurden.<\/p>\n<p>Den wahrscheinlich noch viel \u00e4lteren, indogermanischen Ursprung der Maskenumz\u00fcge erkennt man, wenn man die heutige Geographie der winterlichen Maskenumz\u00fcge betrachtet. Die traditionellen Umz\u00fcge sind mitnichten auf das germanische Siedlungsgebiet beschr\u00e4nkt. Sie finden sich neben den alpinen Maskenumz\u00fcgen als<span>\u00a0<\/span><em>Oskorei<\/em><span>\u00a0<\/span>im Skandinavischen Raum, als<span>\u00a0<\/span><em>Ceata<\/em><span>\u00a0<\/span>in Rum\u00e4nien, als<span>\u00a0<\/span><em>Koledari<\/em><span>\u00a0<\/span>in Bulgarien bzw.<span>\u00a0<\/span><em>Koljadanti<\/em><span>\u00a0<\/span>in der Ukraine bis hin zu den<span>\u00a0<\/span><em>Karkantzeroi<\/em><span>\u00a0<\/span>in Griechenland.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-4-706x1024.jpg\" alt=\"Sonthofener Klaus\" class=\"wp-image-629\" width=\"171\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-4-706x1024.jpg 706w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-4-207x300.jpg 207w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-4-768x1113.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-4.jpg 1265w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><figcaption>Sonthofener Klaus<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Neuere Erw\u00e4hnungen der Wilden Jagd bzw. des Wilden Heers finden sich dabei ab dem 12. Jhdt d. Z., was beweist, dass durch o.g. kirchliches Verbot dieses alte Brauchtum nicht auszurotten war, wobei man allerdings wohl nicht von einer andauernden Kontinuit\u00e4t dieser Tradition ausgehen darf. Die Lebendigkeit bzw. die immer wieder stattfindende Wiederbelebung dieses heidnischen Toten- und Fruchtbarkeitskultes auch \u00fcber Jahrhunderte hinweg kann jedoch daran abgelesen werden, dass bereits Mitte des 16. Jhdts. in der \u201e<em>Zimmerischen Chronik\u201c<\/em><span>\u00a0<\/span>eine Wilde Jagd beschrieben wurde \u2013 also au\u00dferhalb von \u00dcberlieferungen der Sagenwelt, die zeitlich nicht einzuordnen sind.<\/p>\n<p>Ein deutlicher historischer Verweis auf die Wilde Jagd in Form des Klausentreibens findet sich schlie\u00dflich aus F\u00fcssen:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u201eIm Hungerjahr 1816 geriet die weltliche Obrigkeit in weitem Umkreis um Schongau samt Gendarmen und Gerichtsdienern in gro\u00dfe Aufregung, weil es hie\u00df, dass hungernde Volk wolle einen bald seit Menschengedenken abgeschafften Brauch wieder aufleben lassen und in der Nacht zum St. Nikolaustag einen gro\u00dfen \u201aKlausenumzug\u2018 abhalten. (\u2026) Und es waren recht seltsame Gestalten, keiner so, wie er sich sonst zu kleiden pflegte, sondern jeder, wie es im Bericht des Landrichters hei\u00dft, im \u201agewollten und k\u00fcnstlichen Aufzug des Elends\u2018, die einen als lahme Bettler an Kr\u00fccken, die andern als Rosenkranzbeladene Pilger, als jammernde Bettelweiber mit Schlapph\u00fcten und Gugelhauben, kurzum ein bis dahin nie gesehener Jahrmarkt abenteuerlicher Gestalten \u2026\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Perchten<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>Klausen<\/em><span>\u00a0<\/span>k\u00f6nnen hierbei als Synonyme betrachtet werden: Aus dem Lechtal ist 1812 belegt, dass der Nikolaus auf seinem Umzug vom<span>\u00a0<\/span><em>Wilden J\u00e4ger<\/em><span>\u00a0<\/span>begleitet wurde, der in den alemannischen Sagen (Westtirol, Vorarlberg, Allg\u00e4u, Bodenseeregion und Ostschweiz) namentlich als<span>\u00a0<\/span><em>Wuotes<\/em><span>\u00a0<\/span>oder<span>\u00a0<\/span><em>Wotan<\/em><span>\u00a0<\/span>bezeichnet wird. Dies darf als Zeichen daf\u00fcr gelten, dass die christliche Kirche den Brauch offenbar assimiliert hatte, da er ja doch nicht komplett abzuschaffen war. In den im sp\u00e4ten 19. Jhdt. aufgeschriebenen Volkssagen wurden daraus schlie\u00dflich der<span>\u00a0<\/span><em>Gute Klaus<\/em><span>\u00a0<\/span>und der<span>\u00a0<\/span><em>B\u00f6se Klaus<\/em>, in Folge die Klausen. Die Verbindung zwischen dem Nikolauskult und Perchta zeigt sich auch in der Begleitung des Nikolaus in anderen Gegenden:<span>\u00a0<\/span><em>Knecht Ruprecht,<\/em><span>\u00a0<\/span>maskulinisiert aus<span>\u00a0<\/span><em>Raue (wilde? b\u00f6se?) Percht<\/em>.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-681x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-628\" width=\"263\" height=\"396\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-681x1024.jpg 681w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-199x300.jpg 199w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus-768x1156.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Sonthofener-Klaus.jpg 1708w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><figcaption>Sonthofener Klaus<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Komplexer ist demgegen\u00fcber die volkskundliche Herleitung der<span>\u00a0<\/span><em>Krampusse<\/em>. Im Gegensatz zu den eher tierischen oder vegetabilen<span>\u00a0<\/span><em>Klausen<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>Perchten<\/em><span>\u00a0<\/span>sind die Krampusse sehr stark d\u00e4monisch \/ teuflisch dargestellt. Interessanterweise finden diese sich dann aber auch eher in den katholischeren Gegenden des \u00f6stlichen \u00d6sterreich, w\u00e4hrend der alemannische Sprachraum st\u00e4rker auch protestantische Einfl\u00fcsse aufweist. Im Rahmen der allgemeinen D\u00e4monisierung der winterlichen Maskenumz\u00fcge und der Einbindung in christliches Brauchtum scheint hier eine \u00dcbertragung auf das katholische \/ christlich-mystische Teufelsbild stattgefunden zu haben. Der Begriff<span>\u00a0<\/span><em>Krampus<\/em><span>\u00a0<\/span>wird dabei von ital.<span>\u00a0<\/span><em>cramponi<\/em><span>\u00a0<\/span>\u201eKlauen\u201c abgeleitet.<\/p>\n<p>Kritiker weisen dabei aber auch zu Recht darauf hin, dass Krampusse und Perchten nicht als komplett identisches Brauchtum zu werten sind, zumal es geographische \u00dcberschneidungen und Differenzen gibt, so gibt es Gegenden, in denen sowohl Krampus-Passen zur Zeit des St. Nikolausfestes als auch Perchten um die Silvesterzeit unterwegs sind. Allerdings weisen auch die Krampusse so viele Eigenschaften der Wilden Jagd auf, dass in meinen Augen hier doch ein direkter Zusammenhang bestehen muss.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/h4>\n<p>Es gibt somit eine gro\u00dfe Zahl an nicht abzustreitenden Parallelen zwischen den Klausen \/ Perchten \/ Krampussen auf der einen Seite und Perchta sowie dem Motiv des Wilden Heeres auf der anderen Seite. Beide finden in Tiergestalten statt, zumindest in Teilen d\u00fcrfen die Perchten\/Klausen nicht verheiratet sein, beide gelten als segenspendend und gleichzeitig strafend. Die segenspendende Seite ist z.B. bei den Schnabelperchten um Salzburg noch erhalten, wo die Perchten durch die H\u00e4user ziehen und wo bei ordentlich angetroffenen Verh\u00e4ltnissen ein Segen gesprochen wird. Auch die oben beschriebenen friedlichen Berghofener Klausen k\u00f6nnten in diesem Zusammenhang zu sehen sein.<\/p>\n<p>Daher stellen f\u00fcr mich die alpinen Maskenumz\u00fcge die Nachfolger heidnischer, mutma\u00dflich schon indogermanischer winterlicher Fruchtbarkeits-, Totenkult- und Kontrollrituale dar. Sie stehen damit in gleicher Tradition wie die anderen Maskenumz\u00fcge der Winter- und Sp\u00e4twinterzeit.<\/p>\n<p>Dabei ist allerdings der segenspendende Effekt durch die christliche D\u00e4monisierung dieses alten, mutma\u00dflich indogermanischen Brauchtums in den Hintergrund getreten, in der die Fruchtbarkeitsaspekte auf den christlichen Heiligen Nikolaus \u00fcbertragen wurde, oder auf die Drei K\u00f6nige, siehe die Hexe<span>\u00a0<\/span><em>Befana<\/em>, die den Kindern um den Dreik\u00f6nigstag (<em>Epiphanias<\/em>) in Italien die Geschenke bringt und unartige Kinder straft. Im Vordergrund steht heute der d\u00e4monische, strafende Aspekt.<\/p>\n<p>Wenn man allerdings die gro\u00dfe Anziehungskraft betrachtet, die dieses Brauchtum auch heute noch besitzt, und dies trotz der Gefahr, schmerzhafte Bekanntschaft mit den Maskierten machen zu m\u00fcssen, so erscheint mir dies doch als ein Zeichen daf\u00fcr, dass die eigentliche, segnende Bedeutung dieser Umz\u00fcge bis in die heutige Zeit noch als eine Art \u201eArchetyp\u201c im kulturellen Ged\u00e4chtnis der Menschen erhalten geblieben ist.<\/p>\n<p>Und so m\u00f6chte ich diesen Artikel mit einer Allg\u00e4uer Sage beschlie\u00dfen, in der die nur sehr oberfl\u00e4chliche Christianisierung heidnischer Motive gut festzustellen ist. So finden wir darin das Motiv der Wilden Jagd (wilde Tiere bzw. Winternacht \/ Rauhn\u00e4chte) und das Motiv der weiblichen Hochg\u00f6ttin (Maria entspricht Perchta auf dem Wagen \/ Schlitten), die die ungeborenen Kinder sch\u00fctzt und Fruchtbarkeit (Fr\u00fchlingsduft) spendet. Mich erinnert diese Sage an den naiven Synkretismus anderer polytheistischer Religionen, wie etwa Voudoun und Santeria mit dem Katholizismus. Sie ist f\u00fcr mich einen Beleg daf\u00fcr, dass vielfach nur eine d\u00fcnne Schicht kulturellen Christentums auf den Kern eines \u00fcber Jahrtausende gewachsenen indogermanisch\/heidnischen Brauchtums aufgetragen wurde.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e<em>Ein Ehepaar aus Eschers bat einst um Kindersegen, als es auf dem Weg zur Christmette nach Untrasried war. Schon h\u00f6rten sie von Ferne das himmlische Gel\u00e4ut, da sprangen ihnen drei kohlpechrabenschwarze Ziegenb\u00f6cke in den Weg. Vor Schreck h\u00e4tte die Frau beinahe aufgeschrien, aber der Mann hielt ihr schnell den Mund zu, als sich auch schon drei riesenhafte, schwarze Wildsauen und drei stinkende schwarze Hirsche vor sie hinstellten. In diesem Augenblick aber nahte der Marienschlitten. Himmlische Musik und Fr\u00fchlingsduft erf\u00fcllten jetzt die Luft. Die Gottesmutter neigte sich den beiden freundlich zu und wies dabei mit der Hand auf die pausb\u00e4ckigen Unschuldsengel hinter dem Thron. Im Nu war alles vorbei. Die Begl\u00fcckten aber gingen in jener Nacht voll Freude nach Hause. Als sie \u00fcbers Jahr wieder zur Christmette gingen, standen daheim drei Wiegen in der warmen Stube.<\/em>\u201c<\/p><\/blockquote>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fuirtuifl-992x1024.jpg\" alt=\"Fuirtuifl\" class=\"wp-image-622\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fuirtuifl-992x1024.jpg 992w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fuirtuifl-291x300.jpg 291w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fuirtuifl-768x793.jpg 768w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fuirtuifl.jpg 1799w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Fuirtuifl<\/figcaption><\/figure>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Quellenangaben:<\/strong><\/h4>\n<p>Jan De Vries: Altgermanische Religionsgeschichte Band 1. De Gruyter, Berlin 1970<\/p>\n<p>Herman Endr\u00f6s und Alfred Weitnauer: Allg\u00e4uer Sagen. Franz Brack Verlag, Altusried 2005<\/p>\n<p>Heide G\u00f6ttner-Abendroth: Frau Holle \/ Das Feenvolk der Dolomiten. Ulrike Helmer Verlag, K\u00f6nigstein \/ Taunus 2005.<\/p>\n<p>Migene Gonz\u00e1lez-Wippler: Santeria. Faith, Rites, Magic. Llewellyn Pub., St. Paul, Minnesota, USA 1999.<\/p>\n<p>Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Vollst\u00e4ndige Ausgabe, marix verlag, Wiesbaden 2007<\/p>\n<p>Dieter Harmening: Superstitio: \u00fcberlieferungs- und theoriegeschichtliche Untersuchung zur kirchlich-theologischen Aberglaubensliteratur des Mittelalters. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1979.<\/p>\n<p>Kris Kershaw: Odin. Der ein\u00e4ugige Gott und die indogermanischen M\u00e4nnerb\u00fcnde. Arun-Verlag, Uhlst\u00e4dt-Kirchhasel 2003.<\/p>\n<p>Thomas Nieh\u00f6rster: Das Wilde Heer und die armen Seelen. Mythen und Br\u00e4uche im Alpenraum. Ursus Verlag, Bad Hindelang 2009.<\/p>\n<p>Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2003.<\/p>\n<p>Clemens Zerling und Christian Schweiger: Masken im Alpenraum. Perchten, Tresterer, Wilde Leut\u2019 \u2026 Leopold Stocker Verlag, Graz 2005.<\/p>\n<p><strong>Fotos: Uwe Ehrenh\u00f6fer<\/strong><\/p>\n<table class=\"wp-block-table\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><strong>Erschienen 2011 in<span>\u00a0<\/span><\/strong><em><strong>Herdfeuer<\/strong><\/em><strong><span>\u00a0<\/span>32<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Uwe Ehrenh\u00f6fer Toaset wie d\u00f6s wildescht Meer, r\u00f6ahret v\u00fcrse, hindre! S ischt im Gai huit s M\u00fcetes Heer ka kui R\u00fceh it finde! (nach Toni Ga\u00dfner-Wechs 1939) \u00dcbersetzung aus dem Allg\u00e4uer Dialekt: Toset wie das wilde Meer, r\u00f6hrt von vorne und hinten. 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Historischer&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/mythen-der-alpen-perchten-klausen-krampusse-modernes-brauchtum-und-die-wilde-jagd\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[20,39,15,50,60,61,51],"class_list":["post-318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-historisches","tag-asatru","tag-germanen","tag-goetter","tag-holle","tag-jenseits","tag-kelten","tag-percht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=318"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":319,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/318\/revisions\/319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}