{"id":306,"date":"2005-09-06T15:54:00","date_gmt":"2005-09-06T13:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=306"},"modified":"2025-08-24T20:52:00","modified_gmt":"2025-08-24T18:52:00","slug":"goetterbeweise-aus-germanisch-heidnischer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/goetterbeweise-aus-germanisch-heidnischer-sicht\/","title":{"rendered":"G\u00f6tterbeweise aus germanisch-heidnischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>von Gunivortus Goos<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas Unbekannte mit dem Bekannten zu erkl\u00e4ren, ist ein logisches Verfahren; das Bekannte mit dem Unbekannten zu erkl\u00e4ren, ist eine Form des theologischen Irrsinns.\u201d<\/p>\n<p><cite>Konfuzius<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Nach Beweisen f\u00fcr die Existenz eines Gottes oder mehrerer G\u00f6tter ist schon oft gesucht worden, und es wurden viele B\u00fccher damit gef\u00fcllt, manche auf solch theoretischen H\u00f6hen, dass sie f\u00fcr fast jeden Menschen v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich sind. Hier will ich versuchen, das Problem allgemein verst\u00e4ndlich zu beschreiben.<\/p>\n<p>Unter Beweis verstehen wir im Allgemeinen eine durch Tatsachen oder Erkl\u00e4rungen erreichte Unwiderlegbarkeit einer Behauptung oder eines Sachverhaltes. Das schlie\u00dft auch den Weg der Schlussfolgerung nach den Denkregeln bzw. der Logik mit ein, die dahinter steckt. Und nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, ob man auch seinen Glauben an bestimmte G\u00f6tter durch unwiderlegbare Tatsachen oder Erkl\u00e4rungen unterst\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>In Tacitus\u2019<span>\u00a0<\/span><em>Germania<\/em><span>\u00a0<\/span>werden G\u00f6tternamen genannt, G\u00f6tter, an die die entsprechenden St\u00e4mme glaubten, jedenfalls nach Auffassung des Autors. In den beiden Eddas und in vielen Sagen und Mythen werden ebenfalls G\u00f6tternamen genannt, manche \u00f6fters, manche nur einmal \u2013 aber auch dabei handelt es sich um G\u00f6tter, an deren Existenz bestimmte Germanen glaubten, und die auch einen Gro\u00dfteil des Alltagsleben bestimmten \u2013 zumindest nehmen wir das an. Aber gab es alle oder einige dieser G\u00f6tter auch wirklich?<\/p>\n<p>Unsere Quellen jedenfalls enthalten daf\u00fcr keine Beweise. Es ist aber erstaunlich, wie oft lediglich die reine Erw\u00e4hnung solcher Namen in den Quellen als Beweis f\u00fcr ihre Existenz gesehen wird, als G\u00f6tterbeweise. Wenn bestimmte G\u00f6tter mehrfach in unterschiedlichen Quellen genannt werden, kann das bedeuten, dass sie in bestimmten Bereichen des damaligen Lebens als wichtig angesehen wurden. Wir haben heutzutage aber eine ganz andere Gesellschaft als damals, f\u00fcr uns sind andere Lebensbereiche wichtig, wir haben sogar Lebensbereiche, die es bei den Germanenst\u00e4mmen m\u00f6glicherweise gar nicht gab, oder nur in rudiment\u00e4rer Form. Die G\u00f6tter der damals wichtigen Lebensbereiche sollten demzufolge in den Quellen auch \u00f6fter genannt werden, die der damals unwichtigen Bereiche kaum oder vielleicht gar nicht. Logisch gesehen w\u00fcrde das bedeuten, dass wir entweder andere G\u00f6tter brauchen oder die Zust\u00e4ndigkeitsbereiche einiger G\u00f6tter \u00e4ndern m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Einige Namen unserer G\u00f6tter lassen sich \u00fcber bestimmte Zeitabschnitte zur\u00fcck verfolgen, und \u00fcber sprachwissenschaftliche Herleitungen nehmen wir an, dass es bei unterschiedlichen V\u00f6lkern teilweise dieselben Namen gab. Ob es dabei dann jedes Mal auch um die gleiche Gottheit geht, ist aber nicht feststellbar. M\u00f6glich ist es, aber es bleibt eine Annahme. Wenn man die Logik hinter solchen Annahmen akzeptiert, dann wird so etwas schnell als Tatsache gesehen, letztendlich bleiben es aber Annahmen aufgrund von \u00dcberzeugungen, aber das wird meistens vergessen oder noch nicht einmal verstanden.<\/p>\n<p>In den Quellen tauchen auch Namen auf, die wir mit unseren Kenntnissen nicht herleiten k\u00f6nnen, oft wissen wir nicht einmal sicher, ob es sich dabei \u00fcberhaupt um eine Gottheit handelt und f\u00fcr welche Zust\u00e4ndigkeitsbereiche sie stehen k\u00f6nnte. Deren Existenz dann einfach abzulehnen, w\u00e4re aber wohl doch zu einfach. Denn wenn jemand unter uns sich einer solchen Gottheit widmet, dann wird es sich doch wohl um ein Gott oder eine G\u00f6ttin handeln, das ist sicher, wenn man davon ausgehen darf, dass wir von unseren G\u00f6ttern \u201agerufen\u2018 werden, dass wir unsere G\u00f6tter erfahren. Wenn wir damit anfangen, einander die Existenz unserer jeweiligen G\u00f6tter abzustreiten, dann k\u00f6nnten wir besser sofort alle Agnostiker werden, denn letztendlich kann man die Existenz jeder Gottheit mit Argumenten abstreiten, guten Argumenten, wenn die ihnen zu Grunde liegenden Annahmen akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Mythologische Quellen sind kein Beweis f\u00fcr die Existenz der G\u00f6tter. Wenn G\u00f6tter nicht in solchen Quellen genannt werden, beweist das auch nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Das haben Theologen vieler Religionen auch verstanden, und deshalb suchen sie ihre Gottesbeweise in theoretischen Gedankenkonstruktionen. Da gibt es z.B. das Suchen nach einer Antwort auf die Frage nach der Existenz eines oder mehrerer \u201aWeltenlenker\u2018, die \u00fcber Gut und B\u00f6se bestimmen und eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Sinn unseres Daseins bieten. Dazu geh\u00f6rt dann auch die Frage, welche Absichten diese G\u00f6tter mit uns haben.<\/p>\n<p>Es hat schon viele Versuche gegeben, die Existenz einer oder mehrerer Gottheiten zu beweisen; diese Beweise beruhen aber nicht darauf, wo oder wie oft ein Name in mythologischen Quellen vorkommt und wie glaubhaft diese Quellen sind, sondern auf Gedankenkonstrukten, auf menschlicher Logik, auf philosophischen Schlussfolgerungen, auf theoretischen \u00dcberlegungen, auf einer Anordnung nicht nachpr\u00fcfbarer Indizien.<\/p>\n<p>Die Existenz der G\u00f6tter wurde bis vor wenigen Jahrhunderte nicht ernsthaft bezweifelt. Die theoretischen \u00dcberlegungen sollten lediglich die vorhandene Grund\u00fcberzeugung st\u00fctzen. Erst mit dem Aufkommen des \u201eaufkl\u00e4rerischen\u201c Denkens und einer zunehmenden S\u00e4kularisierung unserer Gesellschaft tauchte die Frage nach G\u00f6tterbeweisen immer \u00f6fter auf und wurde z.B. im Christentum sogar zu einer eigenst\u00e4ndigen philosophischen Disziplin.<\/p>\n<p>Auch jetzt noch, auch unter uns Asatru-Anh\u00e4ngern, besteht bei vielen eine solche Grund\u00fcberzeugung der Existenz von G\u00f6ttern, und es wird lediglich nach logischen Erkl\u00e4rungen gesucht, die den Hang nach handfesten, allgemein g\u00fcltigen Beweisen f\u00fcr den Glauben unterst\u00fctzen. An sich muss das nicht negativ sein, wenn aber damit der Glaube Anderer beurteilt wird, als weniger glaubw\u00fcrdig und spekulativ angesehen wird, dann darf man wohl von Verirrung sprechen.<\/p>\n<p>Religion ist f\u00fcr einen gl\u00e4ubigen Menschen nie abstrakt. F\u00fcr Gl\u00e4ubige im Asatru gibt es die von ihnen verehrten G\u00f6tter so sicher wie wahrgenommene Dinge. Und f\u00fcr die Mythen gilt dasselbe auch. Wenn jemand aber seinen Glauben an irgendeine Gottheit daran aufh\u00e4ngt, wo und wie oft diese Gottheit in Mythen, Sagen, usw. genannt wird, entbehrt er oder sie wohl des richtigen Glaubens. Nach unseren wissenschaftlichen Standards ist also die Existenz einer oder mehrere Gottheiten nicht beweisbar, letztendlich kommt es immer auf den Glauben an, auf die Annahme einer Voraussetzung. Das k\u00f6nnte z.B. sein, dass es \u201eetwas H\u00f6heres\u201c geben muss, dem wir unser Bestehen verdanken, etwas \u201eAbsolutes\u201c, etwas \u201eAllm\u00e4chtiges\u201c, etwas Unbegreifliches, etwas absolut-Notwendiges, im Gegensatz zu uns als nicht-unbedingt-Notwendigem\u2026.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Mathematiker unter uns gibt es dann auch noch den sogenannten \u201emathematischen G\u00f6tterbeweis\u201c. Ein angepasstes Zitat:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEin Gott oder eine G\u00f6ttin ist das Supremum und Infinitum einer Funktion innerhalb einer Funktionsreihe, oder ist diese allgemein. Dabei wird die jeweilige Vorstellung einer Religion ber\u00fccksichtigt. Bspw. ist ein dualistischer Gott (Ambivalenz) entweder Infinitum oder Supremum. Der Mensch stellt dabei einen qualifizierten Reihenwert dar.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Verstanden? \u2026 &lt;*schmunzel*&gt;<\/p>\n<p>Um etwas zu beweisen, sind Erkl\u00e4rungen notwendig. Erkl\u00e4ren bedeutet aber, etwas Unbekanntes auf Bekanntes zur\u00fcckf\u00fchren. Zwingend erforderlich daf\u00fcr ist eine Kette aus Erkennen \u2013 Erkl\u00e4ren \u2013 Verstehen. Ohne Erkennen kann es kein Erkl\u00e4ren geben, ohne Erkl\u00e4ren kein Verstehen \u2013 und da G\u00f6tter nicht erkennbar sind, kann man sie auch nicht erkl\u00e4ren oder verstehen. Das macht jeden Beweis spekulativ \u2013 und es l\u00e4uft auf das Annehmen, auf \u201eGlauben\u201c hinaus.<\/p>\n<p>Die Frage ist, ob wir ohne den Glauben an G\u00f6tter unsere moralischen Werte aufrecht erhalten k\u00f6nnen: Wenn es keine zusehende und eingreifende Gottheit g\u00e4be, wenn nicht der Glaube da w\u00e4re, nach dem irdischen Ableben lebe man in der N\u00e4he einer Gottheit weiter, w\u00fcrde dann nicht eine m\u00f6glicherweise entscheidende und \u00fcberlebenswichtige Schwelle f\u00fcr unser sittliches Verhalten wegfallen? Argumente f\u00fcr die Existenz unserer G\u00f6tter gibt es schon \u2013 nur Beweise nicht\u2026<\/p>\n<p>Ist es nicht v\u00f6llig absurd zu behaupten, mein Glaube sei logischer als deiner, weil der Name meiner Gottheit in irgend welchen Schriften \u00f6fter vorkommt als deiner? Ist es nicht ebenso absurd zu behaupten, die Existenz deiner verehrten Gottheit sei fragw\u00fcrdig, jedenfalls fragw\u00fcrdiger als die meiner, weil deine Gottheit kaum oder nicht in alten Quellen vorkommt? Denn auch wenn ein Name nicht vorkommt, beweist es nicht, dass es eine solche Gottheit nicht gibt und auch schon damals nicht gegeben h\u00e4tte. Vielleicht unter einem anderen Namen. Und wenn, weshalb sollte man dann nicht akzeptieren d\u00fcrfen, dass eine solche Gottheit auch unter einem anderen Namen ansprechbar ist?<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde eine Gottheit gar nicht mehr auf einen alten Namen h\u00f6ren: Wer seinen Hund Wotan oder Balder nennt, seine Katze Freia, seinen Computer Forseti, sein Kanarienvogel Gerda, sich selber als Pseudonym Frigga zulegt, und seinen Sohn Thor nennt \u2013 kann der oder die dann noch erwarten, dass eine dieser Gottheiten reagiert, wenn er sie unter diesem Namen anruft?<\/p>\n<p>Es gibt manche im Asatru, die meine Darstellungen der G\u00f6tter inklusive deren Namen aus meinem G\u00f6tterkatalog als \u00e4u\u00dferst spekulativ ansehen und sie deshalb auch ablehnen. Dabei st\u00fctzen sie sich aber auf ebenfalls spekulative Quellen, Quellen, \u00fcber deren Inhalte schon seit Jahrhunderten von Fachleuten gestritten wird, f\u00fcr die es in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden immer wieder neue Erkl\u00e4rungen gibt, wobei dann freilich bestehende Erkl\u00e4rungen abgestritten oder sogar ins L\u00e4cherliche gezogen werden.<\/p>\n<p>Im Asatru muss man in vielen F\u00e4llen gegen\u00fcber der Umwelt ein dickes Fell haben. Wenn man aber wegen seines Glaubens an eine bestimmte, kaum genannte Gottheit oder mehrere \u201eunbekannte\u201c G\u00f6tter auch noch innerhalb der Asatrugemeinschaft angegriffen, bel\u00e4chelt, heimlich oder \u00f6ffentlich kritisiert oder ignoriert wird, dann mag das schon auf bedenkliche Symptome dieser Gemeinschaft hinweisen.<\/p>\n<p>Wir sollten ohne Voreingenommenheit positiv und offen nicht nur denen begegnen, die sich Odin, Thor und Freyja widmen, sondern gleicherma\u00dfen auch denen, die sich Lytir, Loll, Ostara, Thysa, Vagdavercustis, Perchta, usw. widmen, und uns an dem Austausch mit ihnen freuen. Dann k\u00f6nnen wir die im Grunde l\u00e4cherliche Frage nach Beweisen der jeweiligen anderen Gottheit hinter uns lassen, jedenfalls soweit es Glaube und Religion betrifft.<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2005 in Herdfeuer 9<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gunivortus Goos \u201eDas Unbekannte mit dem Bekannten zu erkl\u00e4ren, ist ein logisches Verfahren; das Bekannte mit dem Unbekannten zu erkl\u00e4ren, ist eine Form des theologischen Irrsinns.\u201d Konfuzius Nach Beweisen f\u00fcr die Existenz eines Gottes oder mehrerer G\u00f6tter ist schon oft gesucht worden, und es wurden viele B\u00fccher damit gef\u00fcllt, manche auf solch theoretischen H\u00f6hen,&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/goetterbeweise-aus-germanisch-heidnischer-sicht\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[20,39,15,28],"class_list":["post-306","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-goetter-und-andere","tag-asatru","tag-germanen","tag-goetter","tag-heidentum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/306","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=306"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/306\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":363,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/306\/revisions\/363"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=306"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=306"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=306"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}