{"id":301,"date":"2007-11-29T15:49:42","date_gmt":"2007-11-29T14:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=301"},"modified":"2025-08-24T15:52:43","modified_gmt":"2025-08-24T13:52:43","slug":"die-wilde-jagd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/die-wilde-jagd\/","title":{"rendered":"Die wilde Jagd"},"content":{"rendered":"<p>von Christian Br\u00fcning<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/wilde-jagd.png\" alt=\"Die wilde Jagd\" width=\"684\" height=\"472\" \/><\/p>\n<p>Die Frage nach der Essenz eines heidnischen Gottes kl\u00e4rt sich vermutlich am besten, wenn man die urspr\u00fcngliche Erscheinungsform auffindet. Die Sagen vom wilden J\u00e4ger weisen bei n\u00e4herer Ansicht auf die urspr\u00fcngliche Form des Gottes Wodan. Die Wilde Jagd stellt f\u00fcr das Heidentum eine der grundlegendsten Verbindungen von Brauchtum und Religion dar, und nicht umsonst hat Otto H\u00f6fler den wilden J\u00e4ger als einen Kernmythos bezeichnet. Der wilde J\u00e4ger ist Wodan, aber der J\u00e4ger stellt nicht einfach nur eine Seite des Charakters dieses Gottes dar. Die Wilde Jagd ist ein weitverzweigter Mythenkomplex, der die urspr\u00fcngliche Vorstellung von Wodan zur Geltung bringt und in die \u00e4ltesten Schichten der heidnischen Religion deutet, als Wodan vermutlich noch nicht der All- und G\u00f6ttervater vor dem einst so strahlenden Rechtsgott Tiu (Tyr, Teiwaz) war.<\/p>\n<p>Der Mythos wurde nach einer romantisierenden Phase zun\u00e4chst nach Naturph\u00e4nomenen gedeutet, wie es etwa bei Mannhardt, Herrmann oder Golther als Vertreter der Naturmythologischen Schule \u00fcblich war. H\u00f6fler wendet sich nicht vollkommen dagegen, kritisiert allerdings deren Interpretationsweisen als unzul\u00e4nglich, wie im \u00fcbrigen auch die der darauf folgenden rationalistischen Religionswissenschaft, die religi\u00f6se Motive beispielsweise aus dem Hunger, Geschlechtstrieb oder der Angst erkl\u00e4ren wollte. H\u00f6fler schl\u00e4gt einen anderen Weg ein. Er stellt die kultischen Handlungen den epischen Erz\u00e4hlungen gegen\u00fcber. Die Berichte von Kulthandlungen und die Zeugnisse der Sagen und Erz\u00e4hlungen werden getrennt betrachtet, verglichen und wieder zusammengefasst. Insbesondere bei den j\u00fcngeren Sagen ist nat\u00fcrlich eine gewisse Vorsicht angebracht, denn was einem heidnisch erscheinen mag, kann u.U. auch christlichen Ursprungs sein. Dagegen hat H\u00f6fler nachhaltig deutlich gemacht, dass die Einsch\u00e4tzung Karl Meisens, nach der die Wilde Jagd aus dem christlichen Nikolausbrauch erwachsen sei und im Grunde keinen heidnischen Untergrund besitze, wissenschaftlich nicht haltbar ist.<\/p>\n<p>In der folgenden Darstellung wird H\u00f6flers Buch \u00fcber \u201eDie kultischen Geheimb\u00fcnde der Germanen\u201c besonders wertvoll sein. Durch seine bereitwillige Verstrickung in den Kulturbetrieb des Nationalsozialismus war H\u00f6fler nach dem Krieg diskreditiert \u2013 in der deutschen Forschung bis heute, auch wenn man ihm bei aller Kritik profundes Faktenwissen und brilliante Quellenkenntnis zugesteht.<\/p>\n<p>Aber gerade bei diesem Werk handelt es sich vorrangig um eine reine Quellensammlung, mit der H\u00f6fler belegen kann, dass es sich bei der Wilden Jagd nicht um ein Spukph\u00e4nomen oder einen reinen Mythos, sondern um die konkreten Umz\u00fcge Vermummter gehandelt hat, deren Ursprung er auf das Brauchtum \u00e4ltester Kriegerb\u00fcnde zur\u00fcckf\u00fchrt. In der internationalen Forschung\u00a0 genie\u00dft H\u00f6fler deshalb auch wesentlich mehr Anerkennung. Der Arch\u00e4ologe Neil Price betont die nach wie vor gro\u00dfe Bedeutung von H\u00f6flers Arbeiten und die Indogermanistin Kris Kershaw schreibt: \u201e\u2026dass es unm\u00f6glich ist, weiterhin H\u00f6flers Funde zu verwerfen. Die gesamte Forschung hat sie nicht nur best\u00e4tigt, sondern dieselben Ph\u00e4nomene im ganzen indogermanischen Raum nachgewiesen, wo auch immer Informationen \u00fcber Kulte und Mythen \u00fcberliefert sind.\u201c Auch neuere Arbeiten von Kim R. McKone, Arnold H. Price und vor allem David W. Anthony beruhen auf H\u00f6flers Grundlagen.<\/p>\n<p>Karl Meulis Untersuchungen \u00fcber das Maskenwesen erh\u00e4rteten den Grundcharakter der Forschungen zus\u00e4tzlich, so dass man sagen muss, dass H\u00f6fler die Bedeutung der Wilden Jagd im gro\u00dfen und ganzen erfolgreich rekonstruiert und erkl\u00e4rt hat. Er st\u00fctzt sich dabei auf die Forschung der Initiationsriten der J\u00fcnglingsb\u00fcnde von Lily Weiser, die eine wichtige Vorarbeit dazu geliefert hat. Wodan ist der wilde J\u00e4ger bei den S\u00fcdgermanen, wie Odin es im Norden ist. Auch hier findet man eine genaue Entsprechung des Gottes. W\u00e4hrend die Idealisierungen der Wikingerzeit ein eher \u00fcberh\u00f6htes Bild des Gottes hervorbrachten, findet man in der wilden Jagd die Grundbedeutung am klarsten, und es l\u00e4sst sich sogar eine Entwicklung anschaulich machen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sagenforschung, Entwicklungen und Umbildungen<\/h2>\n<p>Erstaunlich ist, wie z\u00e4h sich die Wilde Jagd, bzw. die Vorstellungen vom Wilden Heer bis auf den heutigen Tag tradiert haben. Das geschah nat\u00fcrlich nicht ohne christliche Umbildungen und Einflussnahme, doch die wesentlichen Teile entspringen heidnischer Vorstellungswelt. Daher sei ein kurzes Wort zur Sagenforschung angebracht.<\/p>\n<p>Bei der Sichtung der Sagenquellen muss man der M\u00f6glichkeit gewahr sein, dass es christliche Umbildungen gibt, aber auch auch rein christliche Sagen,<span>\u00a0<\/span><a><\/a><a><\/a><a><\/a><a><\/a>die man f\u00fcr heidnisch halten k\u00f6nnte. Es gibt vielfach Vermischungen von christlichen und heidnischen Motiven und eingewanderte heidnische Motive in christlichen Vorstellungen. Daneben muss man auch mit Umbildungen nach h\u00f6fischem Geschmack oder mit rein p\u00e4dagogischen Motiven rechnen, die keinen tieferen mythologischen Sinn besitzen: Wenn beispielsweise ger\u00fcgt wurde, dass eine Arbeit \u00fcber den Feierabend hinaus fortgesetzt wird, also noch nach dem \u201eAvel\u00e4uten\u201c oder dem \u201eLichtl\u00e4uten\u201c, dann erscheint der wilde J\u00e4ger in den Sagen auch schon einmal als Kinderschreck f\u00fcr Erwachsene. Ein zentrales Motiv ist das nicht. Denn wenn auch die Arbeit \u00fcber den Feierabend hinaus, die Beachtung von Fest und Ruhezeiten auch anderswo vermerkt wird, wenn auch der J\u00e4ger im Sturmwind dem, der ihm begegnet, gef\u00e4hrlich werden kann, so ist er eigentlich doch kein D\u00e4mon, der h\u00e4usliche Verfehlungen ahndet.<\/p>\n<p>Der Nachweis solcher Entwicklungen ist erst nach umfassenden Studien m\u00f6glich, und eine Umbildung liegt selten auf der Hand. So erscheint der J\u00e4ger in christlicher Umbildung nat\u00fcrlich auch als negativer D\u00e4mon, und das wilde Heer wird zu einer Horde aus Verbrechern und Verdammten. Es sind dann ungerechte Richter, grausame Schlossv\u00f6gte, Sonntagssch\u00e4nder oder leidenschaftliche J\u00e4ger die \u201ezur Strafe\u201c f\u00fcr ihr Vergehen im \u201ewilden Gejaid\u201c mitfahren m\u00fcssen. Die Umbildung des Heeres zur Strafangelegenheit wird im christlich inspirierten Volksglauben im \u00fcbrigen dann auch den Pr\u00e4laten zuteil, die sich der Gier und V\u00f6llerei hingaben. So wie auch christlicher Aberglaube erkl\u00e4rt, dass derjenige, dem die \u201eTagwildnis\u201c begegnet, anschlie\u00dfend \u201evom Teufel besessen\u201c sei, erkl\u00e4rt das Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens schlie\u00dflich, dass der wilde J\u00e4ger auch sonst als Menschen- und Christenfresser gilt \u2013 wozu der \u00f6rtliche Pfarrer meist guten Rat erteilt. Bekannt ist der M\u00fcnchner Nachtsegen, in dem es hei\u00dft, dass der J\u00e4ger \u201evon hinnen gehen soll mit alle sine man\u201c.<\/p>\n<p>Der heidnische Kern der Sagen, der uns nat\u00fcrlich mehr interessiert, tritt dort, wo er vorhanden ist, durch H\u00e4ufung einzelner Motive zutage, die gleichzeitig in einem sinnhaften Zusammenhang stehen. Auch wenn die Unternehmung der Sichtung vieler Sagen m\u00fchsam ist,\u00a0 lassen sich doch besonders in der Wilden Jagd bestimmte Hauptmotive ausmachen, gemeinsame Details die immer wieder in einem bestimmten Kontext zusammenstehen.<br \/>\nZun\u00e4chst ein allgemeiner \u00dcberblick:<\/p>\n<p>Die Namen der Wilden Jagd sind auch wildes Heer, w\u00fctendes Heer,<span>\u00a0<\/span><em>Wutanes her<\/em>, in Schwaben<span>\u00a0<\/span><em>Muotes<\/em><span>\u00a0<\/span><em>her<\/em>, in B\u00f6hmen, Schlesien und Posen ist es der Nachtj\u00e4ger. Um die Harzgegend streift der Hellj\u00e4ger, in Mecklenburg und Schleswig-Holstein der Wode. Die Wilde Jagd ist \u00fcberall im deutschen Sprachraum bekannt, aber auch dar\u00fcber hinaus in ganz Europa. Wodan wird zumeist als F\u00fchrer des wilden Heeres genannt, aber zuweilen \u2013 je nach Ursprungsort \u2013 auch gemeinsam mit Freyja, Frigga, meist Holla, Holda, Fru Gaur, Frau Gaudens bzw. Perchta, auch Berchtra, Bert(h)a, Quartemberchta, die als weibliche Gestalt auch allein als F\u00fchrerin der Schar in Erscheinung tritt.<\/p>\n<p>Die<span>\u00a0<\/span><em>Odensjakt<\/em>, den<span>\u00a0<\/span><em>flyvende<\/em><span>\u00a0<\/span><em>J\u00e4ger<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>Groenjette<\/em><span>\u00a0<\/span>kennt man in D\u00e4nemark (vor allem auf F\u00fcnen), das<span>\u00a0<\/span><em>jolareidi<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>oskoreidi<\/em>\u00a0 in Norwegen,<span>\u00a0<\/span><em>Norsch\u00fctz<\/em><span>\u00a0<\/span>in Schweden. In England f\u00e4hrt Horne the Hunter oder Hurleywan<a>vi<\/a><span>\u00a0<\/span>im<span>\u00a0<\/span><em>furious<\/em><span>\u00a0<\/span><em>wirl<\/em><span>\u00a0<\/span><em>wind<\/em>. In der Normandie findet man altfranz\u00f6sische Belege aus dem 13. Jahrhundert, die von der<span>\u00a0<\/span><em>Mesnie<\/em><span>\u00a0<\/span><em>Hellequin<\/em><span>\u00a0<\/span>oder der<span>\u00a0<\/span><em>Herlechini<\/em><span>\u00a0<\/span><em>familia<\/em><span>\u00a0<\/span>berichten. Aber auch sonst ist in Frankreich die<span>\u00a0<\/span><em>Chasse Herode<\/em><span>\u00a0<\/span>oder<span>\u00a0<\/span><em>Chasse macabre<\/em><span>\u00a0<\/span>bekannt, in Belgien die<span>\u00a0<\/span><em>mesnie furieuse<\/em>, in den Niederlanden der<span>\u00a0<\/span><em>woedene Leger<\/em>. Die Erz\u00e4hlungen entsprechen sich in den Hauptz\u00fcgen, zuweilen bis ins Detail. Mit der<span>\u00a0<\/span><em>herlechina<\/em><span>\u00a0<\/span><em>familia<\/em><span>\u00a0<\/span>h\u00e4ngt auch eng der \u201eHarlekin\u201c zusammen und \u2013 wie wir noch sehen werden \u2013 ebenso die Umz\u00fcge zur Karnevals- bzw. Faschingszeit. Die Wilde Jagd hei\u00dft auch Asenfahrt und ist in Griechenland als Schar der Hekate bekannt, in Indien sind es die Maruts, die mit Gesang und Geheul durch die Nacht brausen. Gleichartige Mitteilungen finden sich auch anderswo im indoeurop\u00e4ischen Raum.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass die Seelen im Wind umherziehen, ist eine sehr urspr\u00fcngliche Vorstellung, und beweist sich durch den Umstand, dass sie nicht auf die indoeurop\u00e4ischen V\u00f6lker beschr\u00e4nkt sondern weltweit anzutreffen ist. Bei den S\u00fcdseeinsulanern ziehen im n\u00e4chtlichen Sturm die Geister der Verstorbenen umher, denen ebenso wie auf Sumatra und Neu-Guinea schlechte Ernten oder Krankheiten zugeschrieben werden. Die europ\u00e4ischen Auswanderer nach Nordamerika haben den wilden J\u00e4ger mitgenommen und als mythischen Cowboy \u2013 als<span>\u00a0<\/span><em>Ghost Rider in the Sky<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 weiter tradiert, und treffen dort auf gleichartige Vorstellungen von umherschweifenden Totengeistern bei den Indianern. Den Buschm\u00e4nnern der Kalahari sind die Seelenscharen bekannt und bei n\u00e4herem Hinsehen d\u00fcrfte man auf dem afrikanischen Kontinent weitere Quellen finden. Die Auflistung macht deutlich, dass es sich hier nicht nur um lokales Brauchtum handelt. Die Wilde Jagd und verwandte Mythen verdeutlichen durch die enorme Verbreitung und Kultivierung bei verschiedenen, voneinander unabh\u00e4ngigen V\u00f6lkern ein Grundmythologem, das einen zwingenden Anspruch auf Beachtung verdient.<\/p>\n<p>Wir werden uns in der folgenden Ann\u00e4herung weitgehend auf den deutschsprachigen Bereich beschr\u00e4nken und es d\u00fcrfte schon deutlich sein, dass es bei dem begrenztem Platz um nicht viel mehr als einen Eindruck gehen kann.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wildes Heer und Wilde Jagd<\/h2>\n<p>Unterscheiden l\u00e4sst sich die Wilde Jagd zum einen als d\u00e4monische Schar, die am Himmel oder im Sturmwind daherf\u00e4hrt. Zum anderen werden die menschlichen Umherjagenden, das Julevolk oder die Perchten (als Mehrzahl<span>\u00a0<\/span><em>der<span>\u00a0<\/span><\/em>Percht) im Brauchtum als das Wilde Heer beschrieben. Das von Menschen dargestellte Totenheer (wie auch die Sagen um die Percht) scheint in S\u00fcddeutschland und den Alpenregionen weiter verbreitet zu sein, w\u00e4hrend in den Sagen der wilde J\u00e4ger auf seinem Pferd und mit seinen Hunden sowohl allein als auch in Begleitung der Seelen auftritt. Die Bezeichnungen \u201eHeer\u201c und \u201eJagd\u201c gehen zuweilen\u00a0 durcheinander. Man kann unterscheiden zwischen der religi\u00f6sen, d\u00e4monischen Vorstellung und dem menschlichen Brauchtum, das als ekstatischer Kult die Spiegelung des Seelenheeres darstellt. Diese Darstellung\u00a0 \u2013 um es vorwegzunehmen \u2013 ist aber nicht imitative Nachahmung, sondern eher in ein Verh\u00e4ltnis der Symbiose von Natur und Kultur eingebettet und erkl\u00e4rt die unmittelbare Beziehung von Lebenden und Ahnen.<\/p>\n<p>Die Jahreszeiten, in denen die Wilde Jagd umherzieht, lassen sich besonders auf die Rauhn\u00e4chte, Zw\u00f6lfn\u00e4chte, die Bolter- oder Anrolln\u00e4chte festlegen, die ab der Wintersonnenwende (meistens der 21. Dezember) zw\u00f6lf N\u00e4chte dauern, und die ihren Abschluss im neuen Jahr vom 2. auf den 3. Januar haben. Nicht selten finden sich auch Datierungen der Zw\u00f6lften vom 24. Dezember bis zum 6. Januar. Das l\u00e4sst sich letztlich auf die gregorianische Kalenderreform zur\u00fcckf\u00fchren. Nach dem fr\u00fcheren julianischen Kalender fiel die Wintersonnenwende, der Beginn der Zw\u00f6lften, auf den 24. Dezember. Mit der exakteren Berechnung des heute noch g\u00fcltigen Kalenders hat sich das Datum verschoben. Die Rauhn\u00e4chte sind die Zeit zwischen den Jahren und resultieren aus der Zeitverschiebung, die sich aus dem unterschiedlich langen Mond- und Sonnenjahr ergibt. Die \u201eZeit zwischen den Jahren\u201c, die Rauhn\u00e4chte, sind der Anlass f\u00fcr alle m\u00f6glichen Orakel, Zukunftsschau und Vorsichtsregeln, weil es auch eine unsichere Zeit ist, in der die Verstorbenen die Lebenden besuchen. Neben den Rauhn\u00e4chten tritt die Wilde Jagd noch einmal zum beginnenden Fr\u00fchling, im Februar oder Anfang M\u00e4rz auf, wenn die verstorbenen Ahnen wieder zum Gehen aufgefordert werden. Weitere Quellen sprechen vom Auftauchen der Jagd auch vor besonderen Ereignissen in der Julzeit, vor gro\u00dfen Festen und Ereignissen und fr\u00fchestens mit dem Ausklang des Herbstes und Beginn des Winters. Der November bedeutet den Anfang der Julzeit. Eine exakte jahreszeitliche Bestimmung ist nicht bekannt, doch der November markiert den Beginn der winterlichen Ernte- und Ahnenfeste. Der altenglische Kalender bei Beda Venerabilis kennt die Begriffe \u201efr\u00fcher und sp\u00e4ter Julmonat\u201c (<em>\u00c6rra Geola<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>\u00c6fter[r]a Geola<\/em>), womit Dezember und Januar gemeint sind. Eine grobe Eingrenzung der Julzeit l\u00e4sst sich von November bis Ende Februar ziehen.<\/p>\n<p>In der Wilden Jagd ziehen die Seelen der Verstorbenen umher. W\u00e4hrend in der Julzeit allgemein die Seelen der Ahnen die Lebenden besuchen, sind die Seelen der Wilden Jagd die Verstorbenen, die eines vorzeitigen Todes gestorben sind. Mit in der Jagd ziehen gefallene Krieger und ungetaufte Kinder, sowie \u201ealle Ekstatiker, deren Seelen ausschweiften und nicht mehr in den K\u00f6rper zur\u00fcckkehrten\u201c. Es sind Get\u00f6tete oder \u201edie lieben Seelen die durch Unfall, Krieg oder durch schlimme Nachrichten vor Schreck umkamen\u201a vor ihrem gesetzten Ziel.\u201c<\/p>\n<p>Das Erscheinungsbild der wilden Jagd ist gew\u00f6hnlich, dass sie wild umherst\u00fcrmt und einen ungeheuren L\u00e4rm macht: Pferde wiehern, Hunde bellen, Glocken schellen und es ist ein gro\u00dfes Geschrei. Die Zimmernsche Chronik schildert den Heerzug folgenderma\u00dfen (ein fr\u00e4nkischer Adliger von Seckendorf wird desselben am fr\u00fchen Morgen gewahr):<\/p>\n<p>\u201eWie er (der Seckendorfer) einen kleinen Weg ins Holz ritt, h\u00f6rte er ein wunderbarliches Geschrei, Get\u00f6se, Klingeln und Jammern mit einem gro\u00dfen Gepolter, als ob alle B\u00e4ume im Wald entzwei br\u00e4chen und umfielen. Dem Seckendorfer war es dabei nicht geheuer, denn er konnte nicht wissen, was das f\u00fcr ein Wesen sei, doch h\u00f6rte er wohl, dass es sich n\u00e4herte. Er ritt deshalb auf die Seite und versteckte sich zwischen den B\u00e4umen. Da sah er eine wunderlichen Reiterei vorbeikommen; die einen hatten keinen Kopf, die anderen nur einen Arm, die Rosse etwa nur zwei F\u00fc\u00dfe, oder auch ohne Haupt, viele Fu\u00dfg\u00e4nger liefen mit, von denen hatte der eine nur einen Schenkel, ein anderer nur eine Hand, viele waren ohne Kopf oder halb verbrannt, manche hatten auch blo\u00dfe Schwerter durch den Leib\u201c<\/p>\n<p>Zu Beginn des Jahres 1091 schildert ein christlicher Priester aus Bonneval in der Normandie die<span>\u00a0<\/span><em>Familia Herlechini<\/em>, ein Erlebnis, das er dem Ordericus Vitatis anvertraut und der es in seiner Kirchengeschichte niedergelegt hat:<\/p>\n<p>\u201eDer Priester vernahm nachts auf seinem R\u00fcckweg von einem Kranken, weit von menschlichen Behausungen entfernt, zun\u00e4chst ungeheuren L\u00e4rm, den er einem menschlichen Heer zuschrieb. Er schwankte, ob er fliehen solle, und versteckte sich unter einigen B\u00e4umen. Es kam ein riesiger Mann, der eine m\u00e4chtige Keule trug, und zwang den Priester zum Stehenbleiben, und so erwarteten sie beide das vor\u00fcberziehende Heer. Erst kam eine gewaltige Schar zu Fu\u00df, die Vieh, Gew\u00e4nder, allerlei Hausger\u00e4t und Gebrauchsgegenst\u00e4nde \u00fcber den Schultern schleppten, wie es R\u00e4uber zu tun pflegen, und die sich gegenseitig zur Eile mahnten. Es folgte eine Menge Krieger, denen sich der Keulentr\u00e4ger pl\u00f6tzlich anschlo\u00df. Es wurden etwa 50 Bahren von Tr\u00e4gern getragen, worauf zwerghaft kleine Menschen sa\u00dfen, mit K\u00f6pfen so gro\u00df wie F\u00e4sser. Es kamen Kleriker und W\u00fcrdentr\u00e4ger vorbei, die der Priester im Himmel w\u00e4hnte, und nun nahte ein riesiges Heer von Kriegern, farblos, schwarz, feuerspr\u00fchend, die sa\u00dfen voll bewaffnet auf ihren Pferden, als eilten sie in die Schlacht. Der Priester denkt: \u201aOhne Zweifel ist das die Herlekinsschar. Viele haben erz\u00e4hlt, dass sie sie einst sahen. Doch ich verlachte ungl\u00e4ubig die Erz\u00e4hlungen, weil ich keinen Beweis sah.\u2018 Daraufhin versucht der Priester eines der reiterlosen Pferde mitzunehmen. Er fasst ein schwarzes Tier am Z\u00fcgel, aber es rei\u00dft sich los, ein anderes st\u00f6\u00dft eine Dampfwolke aus, der Fu\u00df im Steigb\u00fcgel wird gl\u00fchend hei\u00df, die Hand am Z\u00fcgel eiskalt. Da eilen vier Reiter herbei und wollen ihn zur Strafe f\u00fcr den Pferderaub mitnehmen. Doch er wird von seinem Bruder, der auch in dem Zug ist, befreit.\u201c<\/p>\n<p>Das wilde Heer ist h\u00e4ufig beritten. Pferde und Hunde spielen immer wieder eine bedeutende Rolle. Zuweilen \u2013 so in der Schweiz \u2013 wurde die Wilde Jagd auch als ein Rudel schwarzer Rosse ohne menschlichen F\u00fchrer vorgestellt. Ein Sagenbericht aus dem Odenwald erz\u00e4hlt, dort \u201egieng ein schwarzer Hund; der gab laut, und die Leute sagten, dieser sey der wilde J\u00e4ger.\u201c Der griechischen Hekate folgen ebenfalls Hunde und sie selbst wird in eine H\u00fcndin verwandelt vorgestellt. Der Hund l\u00f6st mit der Zeit den Wolf ab. Nach nordischer Tradition sind zwei W\u00f6lfe die Begleiter Odins, doch noch Hans Sachs, der im 16. Jahrhundert das Schembartlaufen \u00fcberliefert, nennt die W\u00f6lfe \u201eJagdhunde Gottes\u201c.<\/p>\n<p>Einen sehr \u00e4hnlichen Bericht erhalten wir von Joh. Agricola aus dem Jahr 1592, den ich hier in allgemeinverst\u00e4ndliche Sprache \u00fcberf\u00fchrt habe:<\/p>\n<p>\u201eIch habe neben anderen geh\u00f6rt, von dem w\u00fcrdigen Herrn Johan Kennerer, Pfarrherr zu Mansfeld, seines Alters \u00fcber achtzig Jahr, dass zu Eisleben und im ganzen Land zu Mansfeld das w\u00fctend Heere (so haben sie es genannt) vor\u00fcber gezogen sei, in jedem Jahr zu Fasnachts Donnerstag. Und die Leute sind zugelaufen und haben darauf gewartet nicht anders, als sollte ein gro\u00dfer m\u00e4chtiger Kaiser oder K\u00f6nig vor\u00fcberziehen. Vor dem Haufen ist ein alter Mann hergegangen, mit einem wei\u00dfen Stabe, der nannte sich selbst den treuen Eckhard. Dieser alte Mann warnte die Leute, aus dem Weg zu gehen, und manche, dass sie nach Hause gehen sollten, weil sie sonst Schaden nehmen k\u00f6nnten. Nach diesem Mann kamen etliche geritten und gegangen und dabei sind Leute gesehen worden, die letztens an den Orten gestorben waren, oder die teils noch lebten. Einer ritt auf einem Pferd mit zwei F\u00fcssen, der andere lag auf einem Rad gebunden und das Rad mit ihm umgelaufen. Der dritte hatte einen Schenkel \u00fcber der Schulter und ist doch schnell gelaufen. Ein anderer hat keinen Kopf gehabt und \u00e4hnlich gab es sehr viele. In Franken ist das noch letztens geschehen, und zu Heidelberg am Neckar hat man\u2019s oft im Jahr gesehen, wie man mir berichtet hat.\u201c<\/p>\n<p>Die Schilderungen der Zimmernschen Chronik und die des Ordericus schildern die Jagd als einen D\u00e4monenzug der Verstorbenen, wobei bei letzterem der Zug als eine durch einen christlichen Priester gef\u00e4rbte Erz\u00e4hlung bereits latent als Strafangelegenheit vorgestellt ist. Der Unterschied zur Erz\u00e4hlung Agricolas liegt zum einen darin, dass er einen menschlichen Umzug schildert, der sich benimmt, als w\u00e4re er die Wilde Jagd, au\u00dferdem ist hier die Jahreszeit zu Fasching, bei Ordericus zu Beginn des Januars, also in den Zw\u00f6lften, den Rauhn\u00e4chten festgemacht. Die zeitliche Gebundenheit zur Weihnachtszeit und zum Fasching wird durchg\u00e4ngig best\u00e4tigt, so auch bei Joh. Pr\u00e4torius der erkl\u00e4rt \u201e\u2026 Am heil. Weyhnachten zeugt die Diana her\u00fcm mit ihrem w\u00fctenden Kriegsheer.\u201c An anderer Stelle hei\u00dft Diana: Frau Holle.<\/p>\n<p>Der Wilden Jagd als Seelenzug entspricht das Wilde Heer als menschliches Pendant. Der n\u00e4chtliche Zug der Seelen Verstorbener ist eine wahrgenommene Erscheinung. Doch der Ursprung des Wilden Heeres erkl\u00e4rt sich nicht allein aus imitatorischem Verhalten. Hier zieht H\u00f6fler weitere Berichte heran, die sich zeitlich und \u2013 wie wir noch sehen werden \u2013 auch inhaltlich an die Wilde Jagd angliedern.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das wilde Heer<\/h2>\n<p>Der Bericht stammt von dem schwedischen designierten Erzbischof Olaus Magnus aus dem Jahr 1555, enthalten in seiner<span>\u00a0<\/span><em>Historia de gentibus septentrionalibus<\/em>. (Im Folgenden wird ein l\u00e4ngerer Abschnitt H\u00f6flers zitiert):<\/p>\n<p>\u201eDa im 15. Kapitel dieses Buches von verschiedenen Arten von W\u00f6lfen die Rede gewesen ist, habe ich es f\u00fcr der M\u00fche wert gehalten, am Ende dieses Buches \u00fcber die wilden Tiere hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df die Art von W\u00f6lfen, die in Wirklichkeit in W\u00f6lfe verwandelte Menschen sind \u2014 eine Art, von der Plinius (VIII, 22) mit Zuversicht beteuert, sie seien als erdichtete Fabelwesen zu betrachten \u2014 da\u00df solche, sage ich, noch heute in gro\u00dfer Zahl vorkommen, zumal in den nach Norden zu liegenden L\u00e4ndern. In Preu\u00dfen, Livland und Litauen m\u00fcssen zwar die Einwohner fast das ganze Jahr \u00fcber durch die Raublust der W\u00f6lfe gro\u00dfen Schaden leiden, da ihr Vieh \u00fcberall in den W\u00e4ldern, wenn es nur ein klein wenig von der Herde abirrt, in gro\u00dfen Mengen von jenen zerrissen und verschlungen wird: und doch halten sie diesen Schaden nicht f\u00fcr so gro\u00df wie den, welchen sie von Menschen erleiden m\u00fcssen, die sich in W\u00f6lfe verwandeln. Denn beim Feste der Geburt Christi rottet sich gegen Einbruch der Nacht an einem bestimmten Ort, den sie unter sich festgelegt haben, eine solche Menge von W\u00f6lfen zusammen, die sich aus Menschen, in verschiedenen Gegenden wohnhaft, verwandelt haben und die sodann in derselben Nacht mit unglaublicher Wildheit sowohl gegen das Menschengeschlecht als gegen alle \u00fcbrigen Lebewesen, die nicht wild sind, w\u00fcten, da\u00df die Bewohner jener Gegend durch sie einen gr\u00f6\u00dferen Schaden leiden, als sie jemals von wirklichen und nat\u00fcrlichen W\u00f6lfen zu ertragen haben. Denn wie man zur Gen\u00fcge erfahren hat, belagern sie die Geb\u00e4ude der Menschen, die im Walde wohnen, mit unglaublicher Wildheit, und sie versuchen sogar, die T\u00fcren aufzusprengen, um sowohl die Menschen wie die \u00fcbrigen Lebewesen daselbst zu vernichten. Sie dringen in die Bierkeller ein und trinken dort etliche Tonnen Bier oder Met aus, und die leeren F\u00e4sser stellen sie in der Mitte des Kellers aufeinander: darin unterscheiden sie sich von geborenen und echten W\u00f6lfen. Zwischen Litauen, Samogitien und Kurland ist eine Mauer, der Rest einer verfallenen Burg, dort kommen zu einer bestimmten Zeit des Jahres einige Tausend von ihnen zusammen, und sie pr\u00fcfen die Geschicklichkeit eines jeden im Springen: wer jene Mauer nicht \u00fcberspringen kann, wie es den Dickeren meist geschieht, der wird von ihren Vorstehern mit Gei\u00dfeln gepeitscht. Schlie\u00dflich wird fest behauptet, da\u00df unter jener Schar auch Gro\u00dfe dieses Landes und M\u00e4nner aus dem h\u00f6chsten Adel sich befinden: Wie diese meistens zu solchem Wahnsinn und der \u00e4u\u00dferst schrecklichen Verwandlung kommen, der sie sich dann zu bestimmten Zeiten nicht zu entziehen verm\u00f6gen, das soll im n\u00e4chsten Kapitel gezeigt werden.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer Polemik gegen Plinius, der den Werwolfglauben eine dreiste L\u00fcge schalt, f\u00e4hrt Olaus Magnus fort:<\/p>\n<p>\u201eZur Verteidigung der Mitteilungen des Euanthes, Agriopas und anderer Schriftsteller will ich hier mit einigen Beispielen zeigen, wie solches in den genannten Gegenden bis auf diesen Tag geschieht. Denn sobald einer, sei es ein Deutscher oder ein Eingeborener, gegen Gottes Gebot neugierig ist und sich der Genossenschaft jener verfluchten Menschen, die sich, sobald es ihnen beliebt, in W\u00f6lfe verwandeln, zuzugesellen w\u00fcnscht, so da\u00df er sein ganzes Leben hindurch zu bestimmten Zeiten des Jahres an festgesetzten Pl\u00e4tzen mit seinen Genossen zusammenkommt und Verderben, ja den Tod \u00fcber die \u00fcbrigen Sterblichen und das Vieh bringt, so erlangt er von einem, der in solcher Zauberei erfahren ist, diese Kunst, sich zu verwandeln, die der Natur ganz zuwiderl\u00e4uft, n\u00e4mlich indem jener ihm einen Becher Bier zu trinken gibt (wenn nur der, der sich jener verbotenen Gesellschaft anschlie\u00dfen will, ihn annimmt), wobei gewisse Worte gesprochen werden. Dann kann er, wann es ihm beliebt, seine Menschlichkeit ganz und gar in Wolfsgestalt verwandeln, indem er sich in einen Keller oder in einen entlegenen Wald begibt. Endlich steht es ihm frei, diese Gestalt nach Belieben nach einiger Zeit abzulegen und dagegen seine vorige anzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Bericht, den man etwas selektiv lesen muss, wird kein D\u00e4monen- oder Geisterheer, sondern eine menschliche Schar beschrieben, die Bier trinkt, F\u00e4sser aufstapelt, aber die sich in \u201eW\u00f6lfe\u201c verwandelte und entsprechend wild benahm. H\u00f6fler f\u00fcgt diesem einen \u00e4hnlichen Bericht hinzu, der wiederum eine sich ganz \u00e4hnlich geb\u00e4rdende Schar zeigt. Doch dieser Bericht ist fast 500 Jahre j\u00fcnger und stammt aus dem 20. Jahrhundert:<\/p>\n<p>\u201eIm weltabgeschiedenen L\u00f6tschental verkleiden sich noch heute die Burschen, die \u00e4lter als zwanzig Jahre sind, am Sonntag vor Fastnacht mit Pelzen, Schelleng\u00fcrteln und Holzmasken und st\u00fcrmen, w\u00e4hrend Weiber, Kinder und die j\u00fcngeren Burschen sich um ein Uhr mittags in die H\u00e4user einsperren, unter lautem Gebr\u00fcll durch die Stra\u00dfen. Ihre Wildheit wird von den Gew\u00e4hrsm\u00e4nnern als etwas \u201aGrauenerregendes\u2018 geschildert. Man gibt ihnen Fleisch und Sahne.\u201c<\/p>\n<p>Das W\u00fcten gegen Mensch und Tier, die Verfolgung, das Kratzen und H\u00e4mmern an die T\u00fcr und die gleichzeitige Mahnung, in der Zeit, wenn die Wilde Jagd umherzieht (in den Zw\u00f6lften), nicht aus dem Haus, in den Wald zu gehen oder zu reisen, Fenster und T\u00fcren zu verriegeln, ist ein h\u00e4ufiger Zug in den Sagen. Der Bericht \u00fcber das L\u00f6tschental deutet wieder auf die Zeit der Fasnacht. Dem stellt H\u00f6fler im folgenden einige Parallelen zur Seite:<\/p>\n<p>\u201eWie Vuk Stephanovic erz\u00e4hlt, sind besonders im Winter zur Weihnachtszeit die<span>\u00a0<\/span><em>vlkodlaci<\/em><span>\u00a0<\/span>(Werw\u00f6lfe) h\u00e4ufig zu sehen (!)\u201a und in der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier spielen Vermummungen in W\u00f6lfe durch umgeh\u00e4ngte Wilcuren (d. i. Wolfspelze) und ein Herumrennen in denselben durch die Gassen eine Hauptrolle.<br \/>\nSchon Hanush weist \u00fcbrigens auf ein Gegenst\u00fcck dieser zeitlich gebundenen allj\u00e4hrlichen Werwolf-Verwandlungen hin, das sich in Herodots Bericht \u00fcber die<span>\u00a0<\/span><em>Neuroi<\/em><span>\u00a0<\/span>findet: \u201aDie Skythen und die Hellenen, die in Skythien wohnen, berichten, dass einmal in jedem Jahr jeder von den Neurern f\u00fcr einige Tage zum Wolfe wird und darauf wieder seine alte Gestalt annimmt.\u2018<br \/>\nNach W. Hertz f\u00fcrchtet man auch bei Serben und Neugriechen, ja in Mytilene und selbst in Kleinasien die Werw\u00f6lfe besonders zu Weihnachten. Eine Menge von Belegen hat schon Joh. Pr\u00e4torius in der Propositio IV seiner<span>\u00a0<\/span><em>Saturnalia<\/em><span>\u00a0<\/span>unter dem Titel zusammengestellt: \u201aAm heiligen Weynachten werden etliche Leute zu Wehr-Wolffen.\u2018<br \/>\nZu den Sagen \u00fcber den Spuk unserer \u201aZw\u00f6lften\u2018 aber, dieser zw\u00f6lf Geistertage und -n\u00e4chte, halte man folgende Notiz W. Vendenhaimers, eines H\u00f6rers von Melanchthon, aus dem Jahre 1557: \u201aEin wegen Zauberei angeklagter Mann in Livland habe vor seiner Hinrichtung gestanden, er sei allj\u00e4hrlich f\u00fcr zw\u00f6lf Tage (!) zum Wolfe geworden; nach dem Geburtsfest Christi (!) sei ihm ein kleiner Knabe erschienen, der ihn sich in einen Wolf verwandeln hie\u00df. Habe er dies unterlassen, sei eine schreckliche Gestalt mit einer Gei\u00dfel gekommen, und so sei er in einen Wolf verwandelt worden. Dann seien viele andere W\u00f6lfe zusammengestr\u00f6mt, sie seien durch die W\u00e4lder gelaufen und h\u00e4tten Vieh zerfleischt, Menschen h\u00e4tten sie jedoch nicht besch\u00e4digen\u00a0 k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die Gestalt mit der Gei\u00dfel voranging, zitterten (?) sie in einem Flusse. Und dies sei allj\u00e4hrlich zw\u00f6lf Tage hindurch geschehen. Dann habe er wieder menschliche Gestalt angenommen.\u2018<br \/>\nDieser Bericht schildert ja offenbar eben dieselbe baltische Weihnachtssitte, die wir durch Olaus Magnus kennen. Doch ist sie nicht von dem schwedischen Historiker abh\u00e4ngig und erg\u00e4nzt dessen Mitteilung in h\u00f6chst wesentlicher und wertvoller Weise: Erstens h\u00f6ren wir, da\u00df das Geistertreiben der d\u00e4monischen W\u00f6lfe gerade die \u201aZw\u00f6lften\u2018 erf\u00fcllte, die zw\u00f6lf Tage nach der Weihnacht.\u201c<\/p>\n<p>Schon Jacob Grimm hat die Sagen vom Wilden Heer mit den Angaben Tacitus \u00fcber die Harier in Zusammenhang gebracht. Der Zug der Seelen, das Toben des Heeres im Brauchtum und die alte Angabe des r\u00f6mischen Schreibers verschmelzen bei H\u00f6fler zu einem Kontext, den schon Ninck und de Vries wohlwollend aufgriffen. Der Ursprung des Brauchtums orientiert sich an der Erscheinung der Wilden Jagd, wie sie als n\u00e4chtliche Schar beschrieben wurde. Doch die in dem Zusammenhang genannten zu Werw\u00f6lfen verwandelten Menschen deuten dar\u00fcber hinaus auf eine kultische Form archaischer B\u00fcnde, die sich urspr\u00fcnglich aus einem Initiationsritual f\u00fcr junge Krieger speiste. Tacitus schreibt:<\/p>\n<p>\u201e\u00dcbrigens kommen die Harier \u00fcber ihre Kr\u00e4fte hinaus, durch die sie die kurz zuvor aufgez\u00e4hlten V\u00f6lker \u00fcbertreffen, der angeborenen Wildheit trotzig durch List und Zeit(planung) zu Hilfe: schwarz sind ihre Schilde, geschw\u00e4rzt ihre K\u00f6rper; f\u00fcr die Schlachten w\u00e4hlen sie dunkle N\u00e4chte aus, und durch dieses Entsetzens- und Schattenbild eines Totenheeres jagen sie Schrecken ein, da kein Feind den ungewohnten und gleichsam h\u00f6llischen Anblick ertr\u00e4gt; denn zuerst werden in s\u00e4mtlichen Schlachten die Augen besiegt (Germ. 43,4).<\/p>\n<p>Tacitus listet die Harier neben den Markomannen, Quaden und Sueben unter die St\u00e4mme. (Germ 43,1). Lange hat man daher in den Hariern einen Stamm unter vielen verstanden. Wahrscheinlicher ist, dass die Harier das \u201eHeer der Lugier\u201c gewesen sind, schreibt Kershaw. Tacitus versteht unter dem Gebaren und Aussehen der Harier wohl eine Art von psychologischer Kriegsf\u00fchrung und h\u00e4lt die n\u00e4chtlichen Angriffe f\u00fcr T\u00e4uschungsman\u00f6ver. In der Tat war dies wohl nicht gelegentliche List, ein Trick, der sich nach einer gewissen Zeit abgenutzt h\u00e4tte, sondern fester Brauch, der im \u00fcbrigen nicht von erwachsenen und ausgebildeten Kriegern durchgef\u00fchrt wurde, sondern von erst k\u00fcrzlich zu Kriegern initiierten Jugendlichen. Kris Kershaw zieht hier die weiteren Tacitus-Stellen \u00fcber den Stamm der Chatten heran:<\/p>\n<p>Es ist bei ihnen Sitte, \u201esobald sie herangewachsen sind, Haar und Bart wachsen zu lassen und diese Gestalt des Gesichts, die sie gelobt haben und die sie zur Tapferkeit verpflichtet, erst wieder abzulegen, wenn sie einen Feind erschlagen haben. \u00dcber dem Blut und der Beute enth\u00fcllen sie ihre Stirn und erkl\u00e4ren, jetzt erst h\u00e4tten sie den Lohn ihrer Geburt davongetragen und seien des Vaterlandes und der Eltern w\u00fcrdig. Feiglinge und Unkriegerische behalten das struppige Aussehen. (2) Die Tapfersten tragen dar\u00fcber hinaus einen Eisenring wie eine Fessel \u2013 das gilt bei dem Volk als schimpflich -, bis sie sich durch das T\u00f6ten eines Feindes davon l\u00f6sen. Sehr vielen Chatten gef\u00e4llt dieser Aufzug, und sie ergrauen mit diesen Kennzeichen und werden den Feinden wie den eigenen Leuten vorgezeigt. (3) Ihnen obliegt der Beginn aller K\u00e4mpfe; sie bilden stets die erste, im Anblick ungew\u00f6hnliche Schlachtreihe; denn nicht einmal im Frieden b\u00e4ndigen sie sich durch einen milderen Gesichtsausdruck. Keiner besitzt ein Haus oder einen Acker oder etwas, worum er sich sorgt; zu wem sie auch kommen, werden sie verpflegt, verschwenden fremdes Gut und verachten das eigene, bis das kraftlose Alter sie so hartem Heldentum nicht mehr gewachsen sein l\u00e4\u00dft.\u201c (Germ 31)<\/p>\n<p>Die Erw\u00e4hnung erinnert neben der Initiation zum Krieger auch an die nordischen Berserker, auf die wir sp\u00e4ter noch eingehen werden.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Initiation<\/h2>\n<p>Auch die kurze Angabe \u00fcber die Chatten wird man sich nicht als vollst\u00e4ndige Initiation vorstellen d\u00fcrfen, denn es ist ja abwegig, dass junge M\u00e4nner nichts anderes zu tun h\u00e4tten, als im verwahrlosten Zustand auf eine Gelegenheit zu lauern, jemanden zu erschlagen, damit sie sich endlich die Haare schneiden lassen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Lily Weiser hat 1923 eine Abhandlung mit dem Titel \u201eAltgermanische J\u00fcnglingsweihen und M\u00e4nnerb\u00fcnde\u201c vorgelegt, auf die sich Otto H\u00f6fler in seiner Studie mehrfach und ausdr\u00fccklich bezieht, und die eine Vorwegnahme der Thematik darstellt. Weiser erkl\u00e4rt die Initiation unter Berufung auf weitere Forscher als \u00dcbergangsriten (<em>rites des passages<\/em>). Die \u00dcberg\u00e4nge im menschlichen Leben bezeichnen entscheidende Wendepunkte, die durch verschiedene rituelle Handlungen begleitet werden. Wesentlich ist dabei, wie der einzelne diese Wendemarken empfindet und dass sie auch von anderen als solche anerkannt werden. Die Initiation ist eine \u201eEinsetzung\u201c in einen neuen Lebensabschnitt und gleichzeitig auch die Losl\u00f6sung aus einem anderen. Dazu z\u00e4hlen etwa Geburt in Form der Namengebung und Anerkennung des Kindes sowie der Tod in Form von Trauerritualen f\u00fcr die Hinterbliebenen wie auch f\u00fcr den Toten selbst, der schlie\u00dflich aus dem Zustand des Lebens in einen anderen, den des Todes wechselt. Diese Riten sind vollkommen unterschiedlich, besitzen jedoch immer den Hintergrund der Lebenswende: Hochzeit, (Tanz, Mahlzeiten, u.a.) Haus- oder Wohnungsbezug (zu dem der Polterabend geh\u00f6rt) und letztlich die Initiation der Kinder in den Stand von Erwachsenen. Letzteres nennt Hauer \u201edie uralte Zentralhandlung des Stammes\u201c<\/p>\n<p>Diese Initiation teilt sich in drei Bereiche auf: erstens Trennung (<em>separation<\/em>), zweitens Zwischenzeit (<em>marge<\/em>) und drittens die Einf\u00fchrungsriten in den neuen Lebensabschnitt (<em>aggregation<\/em>). Von besonderer Bedeutung ist dabei die Zwischenzeit, in der sich Junge oder M\u00e4dchen in einem Ausnahmezustand befinden, zwischen zwei Welten, der einen entw\u00f6hnt, der anderen noch nicht zugeh\u00f6rig. Die Initiation der M\u00e4dchen in den Stand der Frau ist nach Weiser weniger \u00f6ffentlich und man kann sich denken, dass ihr Beginn offensichtlicher ist als bei jungen M\u00e4nnern. Die weibliche Initiation wird auch individueller gewesen sein, da sie sich an den einsetzenden Regelblutungen orientiert haben wird. Anders bei den Jungen, deren Pubert\u00e4tsbeginn sich eher \u00fcber eine gewisse Zeitspanne hinzieht. \u00dcber die Initiation der Jungen, die gemeinsam mit mehreren J\u00fcnglingen stattfand, ist deshalb auch wesentlich mehr bekannt.<\/p>\n<p>Der Zeitraum, in dem die Initiation der Jungen und dabei vor allem die Zwischenzeit oder \u201eBuschzeit\u201c stattfand, ist je nach Quelle und Herkunft unterschiedlich und liegt zwischen einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Ebenso unterschiedlich sind die Handlungen und die Art der \u00dcbergangszeit. Es ist vor allem eine Lernzeit, die den J\u00fcngling (wie in anderer Weise auch die M\u00e4dchen) \u00fcber verschiedene Dinge aufkl\u00e4rt. Bew\u00e4hrungsproben, in denen Mut und T\u00fcchtigkeit (der Begriff \u201eTugend\u201c bedeutet nur \u201et\u00fcchtig sein\u201c) abverlangt werden, praktische Wissensvermittlung zur \u00dcberlebensnotwendigkeit und die Vermittlung religi\u00f6ser Zusammenh\u00e4nge und Kenntnisse \u00fcber die Bedeutung der Riten, bei denen der Junge bislang nur unwissender Teilnehmer war, wird die Lernzeit umfasst haben; zumindest ist das in einigen F\u00e4llen konkret nachweisbar und die Grundelemente der J\u00fcnglingsinitiation erschlie\u00dfen sich aus dem Kontext, in dem die Quellenangeben gehalten sind. Neben dem Bemalen und Entstellen des K\u00f6rpers kann auch die absichtliche Verwahrlosung Teil der Losl\u00f6sung vom vorherigen Leben sein (s. die Beschreibung der Chatten). Um aus der Lernzeit in den neuen Lebensabschnitt zu wechseln, kommt es sogar vor, dass die Initianden einige gew\u00f6hnliche Dinge \u2013 wie gehen und essen \u2013 neu lernen m\u00fcssen, wie Weiser schreibt. Man wird das aber kaum f\u00fcr eine allgemeine Sitte nehmen d\u00fcrfen, sondern als Angabe, die als extremes Beispiel diese Losl\u00f6sung in der Zwischenzeit illustriert. Eine gro\u00dfe Rolle spielt der Umgang mit Waffen, die dem m\u00e4nnlichen Initianden beim Abschluss (<em>aggregation<\/em>) \u00fcbergeben werden und die er zuvor nicht besitzen durfte. Allgemein \u00fcblich waren die \u00dcbergabe bestimmter Kleidungsst\u00fccke, die Gew\u00e4hrung bestimmter soziale Rechte, die Abforderung von Pflichten, etwa der richtige Umgang mit Frauen und weitere Verhaltensweisen, die sich auf Begriffe wie Ehre und Adel der Gesinnung gr\u00fcndeten, das Erlernen von Kultt\u00e4nzen, zuweilen einer Geheimsprache, ebenso Verbote (etwa weiter mit den Kindern zu spielen). Die \u00dcbertragung eines neuen Ritual-Namens ist ebenfalls bezeugt.<\/p>\n<p>Diesen \u00dcbergangsriten der J\u00fcnglinge stehen im allgemeinen weitere Riten zur Seite, wie etwa die Adoption in eine Sippe, Hochzeitsbr\u00e4uche, oder die initiatorische Ausbildung zum Schamanen durch einen erfahrenen Schamanen. Darauf werden wir hier aber leider nicht weiter eingehen k\u00f6nnen. Es sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass der Bereich der Initiation ein weit verzweigter Komplex ist, der verschiedenen Anl\u00e4ssen auch verschiedene Bedingungen, Aufgaben und Handlungen abverlangt. Erw\u00e4hnenswert ist die soziale Komponente der Pubert\u00e4tsinitiationen: Man darf hier den in allen Zeiten zu beobachtenden Kampf der Generationen anf\u00fchren. Die Anerkennung der Jugend durch die \u00c4lteren bedeutet durch die \u00dcbertragung sozialer Rechte auch die allgemeine Anerkennung der neuen Erwachsenen in der Gesellschaft eines Stammes.<\/p>\n<p>In den oben erw\u00e4hnten \u00dcberlieferungen finden sich f\u00fcr den Umzug des Wilden Heeres Reste initiatorischer Bew\u00e4hrungsproben: In der Notiz Vendenhaimers wird \u201eein F\u00fchrer mit einer Gei\u00dfel\u201c (einer Art Peitsche) erw\u00e4hnt, durch den der Mann in einen Wolf \u201everwandelt\u201c wurde. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um den bekannten \u201eEckhard\u201c, der in anderen Sagen als Warner dem Heer vorangeht. Bei Vendenhaimer findet sich der etwas unklare Satz:<span>\u00a0<\/span><em>praeeunte illo spectaculo cum flagello pavisse eos in lutnine<\/em>, den H\u00f6fler \u00fcbersetzt in: \u201ew\u00e4hrend jene Erscheinung mit der Gei\u00dfel voranging, zitterten sie in einem Flu\u00df.\u201c Das l\u00e4sst sich als Probe ebenso interpretieren wie die Angabe bei Olaus Magnus, in der wir erfahren, dass man \u00fcber eine bestimmte Mauer springen musste, und dass dies nicht jeder schaffte. Der Bericht \u00fcber die l\u00e4rmende Schar im L\u00f6tschental wird in einem anderen Bericht wiederum dadurch erg\u00e4nzt, dass die Mitglieder der L\u00f6tschentaler Perchten zuvor mit einer schweren Last \u00fcber die Lonza, den wilden Gletscherbach des Tales springen mussten. Das mittelalterliche und auch neuere Brauchtum bewahrte hier also mit den Proben f\u00fcr die Mitglieder, die am Heer oder dem Springen teilnehmen wollten, einen Rest der urspr\u00fcnglich umfangreicheren Initiationen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Warner<\/h2>\n<p>Der Warner, der dem Zug vorausgeht, ist meist namenlos, manchmal nennt er sich Eckhard.<br \/>\nSo wird in Schwaben wiederholt berichtet, dass dem Zug einer vorausschreitet, der ruft: \u201e\u00c4ussern Weg, aussem Weg \/ Dass Niemand besch\u00f6digt werd\u201c, oder \u201e\u00c4ussern Weg! \/ Dass Niemand was g\u2018scheh!\u201c Diese Tradition wird auf sehr alte Zeit zur\u00fcckgehen, denn schon bei Ordericus steht, wie oben angegeben, dass der Keulentr\u00e4ger beim Priester bleibt, bis der Zug eingetroffen ist, und ihm kein Leid zuf\u00fcgt. Bei den Br\u00fcdern Grimm ist die Sage \u201eFrau Holla und der treue Eckart\u201c aufgezeichnet:<\/p>\n<p>\u201eIn Th\u00fcringen liegt ein Dorf namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau Holla vor\u00fcber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte die begegneten Leute, aus dem Wege zu weichen, da\u00df ihnen kein Leid widerfahre. Ein paar Bauernknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Stra\u00dfe ein, da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wu\u00dften doch nicht, wie sie ihnen zu Haus tun sollten, wenn sie mit leeren Kr\u00fcgen kommen w\u00fcrden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: \u201aDas riet euch Gott, da\u00df ihr kein W\u00f6rtchen gesprochen habt, sonst w\u00e4ren euch eure H\u00e4lse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier sein und wird ihnen nie gebrechen.\u2018 Dieses taten die Knaben und es war so, die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in acht. Endlich aber konnten sie\u2018s nicht l\u00e4nger bergen, sondern erz\u00e4hlten ihren Eltern von der Sache, da war es aus und die Kr\u00fcglein versiegten. Andere sagten, es sei dies nicht eben zu Weihnacht geschehen, sondern auf eine andere Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Die obengenannten Reste initiatorischer Bew\u00e4hrungsproben lassen vielleicht den Schluss zu, dass es sich bei dem Warner um eine zentrale Gestalt f\u00fcr das wilde Heer handelt.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verkleidung und Verwandlung, Maskenwesen<\/h2>\n<p>Das Maskenwesen ist schon aufgrund der Vielzahl an Masken, die unterschiedliche Bedeutungen haben und zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt wurden, kaum \u00fcberschaubar. Sieht man von rationellen Vermummungen ab, etwa der Verkleidung zum Zweck der Tarnung, ist die Maskierung in Religion und Brauchtum in den allermeisten F\u00e4llen mit der Darstellung von Totengeistern verkn\u00fcpft. Individuellen Totenmasken steht im Brauchtum vor allem die Darstellung des \u201eVolkes der Ahnen\u201c wie auch die d\u00e4monischer Wesen zu Seite. Die Darstellung ist nicht unbedingt an die Masken selbst gebunden, es reicht zuweilen auch das Bemalen, F\u00e4rben von Haut und Haaren und andere Ver\u00e4nderungen der normalmenschlichen Erscheinung als kennzeichnende Verwandlung.<\/p>\n<p>Neben h\u00f6lzernen Masken geh\u00f6rt auch die Fellverkleidung zum Mittel sich in den beabsichtigten anderen Daseinszustand hineinzubegeben. Eine gro\u00dfe Rolle spielt dabei die Verkleidung in bestimmte Tiere. In weiten Teilen der Welt wird dies mit totemistischen Vorstellungen verkn\u00fcpft und auch bei den Germanen sind Tierverkleidungen, besonders im Zusammenhang mit der wilden Jagd h\u00e4ufig anzutreffen, sie sind sogar ein zentraler Bestandteil. Auch wenn man den Totemismus, der vom Konzept her einen Tierahnen f\u00fcr den Stamm erwarten lie\u00dfe, f\u00fcr die Germanen nicht zweifelsfrei nachweisen kann, spielt dieser Aspekt doch eine, wenn auch weniger gewichtige Rolle. Aus kirchlichen Predigten und Verordnungen geht eindeutig die Verwendung von Verkleidungen in Pferd, Hirsch, Eber, Hund (Wolf), Rind u.a. hervor. Diese Tiere sind nat\u00fcrlich als Attribute verschiedener G\u00f6tter bekannt und man darf annehmen, dass diese Anlehnung nicht unbeabsichtigt ist.<\/p>\n<p>H\u00f6fler hat nach der Vorarbeit Weisers mit gro\u00dfem Geschick Teile der Initiationsumst\u00e4nde aus der V\u00f6lsungensaga herausgefiltert und sie auch in der Ynglingasaga verortet. Die ekstatische Verwandlung des jungen Kriegers \u2013 unterst\u00fctzt durch die Verkleidung mittels Tierfellen \u2013 wird vermutlich das zentrale Element der \u201eZwischenzeit\u201c gewesen sein.<br \/>\nDie Verwandlung durch Verkleidung geschieht bei der Initiation offenbar unter dem Aspekt der empathischen Ann\u00e4herung an die verstorbenen Krieger, den Ahnen des Stammes und\/oder der Ann\u00e4herung an bestimmte mystische Wesen und G\u00f6tter durch die Verwendung ihrer\u00a0 Tierattribute.<br \/>\nBei der Verkleidung mittels Tierfellen fand wohl ein ekstatischer Ritus statt, der ein bedeutendes Detail der Zwischenzeit darstellt. Die Verwendung von Maskierungen scheint hier in die Richtung zu deuten, dass symbolhafte Handlungen die Jungen ihrer Kindheit entheben, sie als Kinder symbolisch sterben und als M\u00e4nner wiederauferstehen zu lassen.<br \/>\nZum anderen wird man diese Wandlung auch bei den Maskenumz\u00fcgen wieder vermuten d\u00fcrfen, wie sie in den oben beschriebenen\u00a0 \u201eWerwolfsverwandlungen\u201c angedeutet wurden.<br \/>\nEinen weiteren Schritt bedeutet der Trancezustand im Schamanismus als eine Reise in die Geisterwelt, und sie dient in der Regel bestimmten Zwecken individueller Heilung. In \u00e4hnlicher Weise wie beim Schamanen bedeutet die M\u00f6glichkeit der Maskierung und Verkleidung eine Heranf\u00fchrung an die Geisterwelt.<\/p>\n<p>\u201eDer Maskentragende ist mit dem D\u00e4mon oder dem Tiere, das er darstellt, vollkommen identisch. Er selbst ist davon restlos \u00fcberzeugt, er ist geradezu \u201abesessen\u2019 und auch die Zuschauer glauben restlos an die Einheit des Darstellers und des Dargestellten.\u201c<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise dringt auch das wilde Heer mit Hilfe des Versetzens in einen ekstatisch betonten Zustand in die Welt der Verstorbenen vor. Doch wird man hier auch den psychologischen Effekt einer saturnalischen Ausgelassenheit, einer zeitweiligen \u201eVerneinung der gesitteten Ordnung\u201c beachten m\u00fcssen. Beim wilden Heer wie beim Perchtenspringen bestand auch ein begrenztes Stehlrecht, das wohl in sp\u00e4terer Zeit mehr zu einem Heischegang umgewandelt wurde. Das deutet nat\u00fcrlich auf ein relativ rationales Verhalten. Die vom Lehrer angeleitete Initiation der Jugend wie auch die von schamanistischen Lehrlingen und die Berserkerwandlung erfahrener Krieger h\u00e4ngen hier in unterschiedlicher Qualit\u00e4t und Zielrichtung sicher miteinander zusammen.<\/p>\n<p>Die Maskierung erf\u00fcllt dabei mindestens zwei Funktionen: zum einen die F\u00f6rderung der Verwandlung, aber zum zweiten auch die, den Tr\u00e4ger vor den M\u00e4chten zu sch\u00fctzen, an die er sich heranwagt. So wie die Lebenden nicht nur \u201egut\u201c sind und der menschliche Charakter ambivalent ist, so k\u00f6nnen auch die Verstorbenen gut oder schlecht, gedeihlich oder verderblich wirken. So bedeutet die Maske vermutlich besonders in den Maskenumz\u00fcgen\u00a0 Identifikation und Differenzierung zugleich. Die Verkleidung ist damit das Mittel, das zwischen Leben und Tod scheidet und auf der Schwelle zwischen den beiden Welten steht. Daher wurden Masken von jeher auch mit Scheu und Respekt betrachtet. Infolgedessen zeigen sich bestimmte Ma\u00dfnahmen apotrop\u00e4ischer Natur, wie das Verstecken bestimmter Masken, die nur zu bestimmten hohen Anl\u00e4ssen hervorgeholt werden, das Verbot, sie zu ber\u00fchren, oder das Gebot das jeder f\u00fcr seine Vermummung die Maske selbst herzustellen hatte und \u00e4hnliches.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Berserker und Ulfhedin<\/h2>\n<p>Die Berserker sind \u201eOdins eigene M\u00e4nner\u201c und Odin bzw. Wodan ist der F\u00fchrer der Wilden Jagd. Der Blick auf die F\u00e4higkeiten der Berserker (B\u00e4renhemdler) und Ulfhedin (Wolfspelzer) bleibt gew\u00f6hnlich an dem Punkt haften, der sie als herumw\u00fctende Irre beschreibt, denen man besser aus dem Weg gehen sollte, bis der Anfall vorbei ist. Tats\u00e4chlich wird die Raserei der Berserker nicht selten als fahriger und gef\u00e4hrlicher J\u00e4hzorn beschrieben, in denen einer allein mehrere M\u00e4nner umbringt oder sich abgelenkt wiederum auf jemanden anders st\u00fctzt. So berichtet u.a. die Egilssaga:<\/p>\n<p>Skalagrimm, der Sohn von Kweldulf und Vater von Egil, hatte einen Anfall von Raserei, in dem er einen Mann t\u00f6tete und dann auf seinen Sohn Egil losging. Als die Magd ihm zurief \u201eDu rasest\u201c, lie\u00df er Egil los und verfolgte die Magd. Kweldulf wurde so genannt, weil er sich abends ungew\u00f6hnlich benahm. \u201eMan erz\u00e4hlte sich, dass er des Nachts h\u00e4ufig in verwandelter Gestalt umging. Die Leute nannten ihn daher Kweldulf, d.h. \u201eAbendwolf.\u201c Der Sohn Skalagrimm hatte die Berserkeranlage geerbt, dass sich nach Sonnenuntergang seine Kraft zuweilen \u00fcberm\u00e4\u00dfig steigerte. Auch Kweldulfs Enkel Egil \u2013 der ber\u00fchmte Skalde \u2013 hatte die Anlage geerbt, doch wird nichts mehr von der Steigerung gegen Abend erw\u00e4hnt. Die erbliche Anlage der Berserkerwut wird auch in der Heidreksaga geschildert, in denen zw\u00f6lf Br\u00fcder \u2013 wie auch ihr Vater \u2013 als Berserker galten: \u201eUnd das war ihre Gewohnheit, wenn sie mit sich allein waren, dass sie an Land fuhren, wenn sie fanden, der Berserkergang komme \u00fcber sie, und losbrachen gegen W\u00e4lder und gro\u00dfe Felsen; war es ihnen doch schon geschehen, dass sie ihre eigenen Leute erschlagen und ihre Schiffe geleert hatten\u201c<\/p>\n<p>Saxo berichtet von einem Berserker namens Hardben, der nur deshalb best\u00e4ndig zw\u00f6lf K\u00e4mpen um sich hat, damit sie ihn fesseln, wenn sich der Anfall bei ihm ank\u00fcndigt. Die Berichte lassen die Berserkerwut als Krankheit erscheinen, die zu kriegerischen Zwecken vielleicht n\u00fctzlich gewesen sein konnten. Allerdings muss man mit \u00dcbertreibungen rechnen: So berichtet Saxo, dass Hardben mit den Z\u00e4hnen den Rand seinens Schildes zerfetzt und feurige Kohlen verschluckt. Eingedenk der Tatsache, dass Saxo ein christlicher M\u00f6nch war,\u00a0 wird man auch seine Angabe entsprechend einordnen k\u00f6nnen, dass \u201eihre Wahnsinnserregung\u201c durch kein anderes Mittel als scharfe Fesseln und \u201eMenschenblut als S\u00fchne\u201c gestillt werden konnte.<\/p>\n<p>Kweldulf t\u00f6tet in der Egilssaga zwei K\u00f6nigstreue, die als hervorragende Krieger bezeichnet werden, indem er sich in Berserkerwut versetzt, und er selbst stirbt bald danach, weil er sich durch den Anfall verausgabt hatte. Hervorragende Krieger werden wohl kaum in besinnungsloser Wut niedergemacht werden k\u00f6nnen. Man wird im Gegenteil vermuten d\u00fcrfen, dass der \u201ehei\u00dfe Kampf\u201c, der sich entwickelte, mit allen Regeln der Kunst ausgefochten wurde. Ein besinnungsloses Umhertoben kann von einem erfahrenen und nervenstarken Gegner ohne Problem sehr schnell beendet werden. Im \u00dcbrigen wurden der Berserkergang \u2013 also das Versetzen in Berserkerwut zum Kampf \u2013 von anderen und vielleicht \u00e4hnlichen Anf\u00e4llen durchaus unterschieden. In einer isl\u00e4ndischen Saga ist von einem Ketil die Rede, dessen Anf\u00e4lle ganz klar als Krankheit und \u201efallende Sucht\u201c (also Epilepsie) erkannt wurden, dessen sich der Sagaschreiber auch bewusst war.<\/p>\n<p>Die weitere Entwicklung der Berserker sieht Martin Ninck in der mit dem Christentum einsetzenden Abschw\u00e4chung des Heldenideals als im Niedergang begriffen und schlie\u00dflich als zu blo\u00dfer Kraftmeierei von Raufbolden abgesunken. Im mittelalterlichen Werwolfsglauben sieht der Forscher ein \u00dcberbleibsel des Berserkertums und f\u00fchrt als Beleg den oben erw\u00e4hnten Bericht des Olaus Magnus an.<\/p>\n<p>Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Angaben \u00fcber den Berserker Bodvar Bjarki, einen der Gef\u00e4hrten Hrolf Krakis, die ein etwas anderes Bild zeichnen. Bjarki ist anscheinend in Trance versetzt:<\/p>\n<p>\u201eIn der Schlacht zwischen Hrolf Kraki und und Hjordvardr k\u00e4mpft der tapfere Krieger Bodvar Bjarki in der Gestalt eines B\u00e4ren zussammen mit seinen Kampfgenossen.; selber sitzt er aber kraftlos in der K\u00f6nigshalle. Als er von Hjalti zur Teilnahme am Kampf aufgestachelt wird, schreitet er zur Schlacht, aber in diesem Augenblick ist auch der B\u00e4r verschwunden.\u201c<\/p>\n<p>In ganz \u00e4hnlicher Weise wird von Odin berichtet: Wollte er seine Gestalt wandeln, versetzte er sich in einen Trancezustand; \u201e\u2026dann lag sein K\u00f6rper wie schlafend oder tot da, er selbst aber war ein Vogel oder wildes Tier, ein Fisch oder eine Schlange. Er konnte in einem Augenblick in ferne L\u00e4nder fahren, in seinen oder anderer Angelegenheiten.\u201c<\/p>\n<p>Die wieder einmal an die Seidhr-Technik erinnernde Trance findet im Zusammenhang von Odin, Berserkern und wildem Heer eine interessante \u00dcbereinstimmung. Eine besondere Kraftsteigerung vernimmt man auch von Thor, wenn er in seine \u201eAsenkraft\u201c f\u00e4hrt, doch diese Steigerung geschieht \u2013 anders bei den Berserkern \u2013 nicht durch Verwandlung.<\/p>\n<p>Zum Wort Ulfhedin, den Wolfspelzen, bemerkt H\u00f6fler:<br \/>\n\u201eDer Eigenname H\u00e9dinn, zu dem auch der der Hjadnin geh\u00f6rt, ist identisch mit dem an. Appellativum<span>\u00a0<\/span><em>hedinn<\/em>, das \u201e(Tier-)Gestalt\u201c, \u201eFell\u201c bedeutet. Ganz pr\u00e4gnant freilich ist die Bedeutung von<span>\u00a0<\/span><em>hedinn<\/em>, das u.a. auch in der Zusammensetzung<span>\u00a0<\/span><em>ulfhedinn<\/em><span>\u00a0<\/span>belegt ist, in unserer modernen Sprache gar nicht wiederzugeben. Denn<span>\u00a0<\/span><em>hedinn<\/em><span>\u00a0<\/span>bedeutet \u00e4hnlich wie<span>\u00a0<\/span><em>serkr<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>berserkr<\/em><span>\u00a0<\/span>oder<span>\u00a0<\/span><em>hamr<\/em>,<span>\u00a0<\/span><em>ulfhamr<\/em><span>\u00a0<\/span>sowohl \u201eH\u00fclle\u201c (\u201eWolfsh\u00fclle\u201c) als auch \u201eGestalt\u201c (\u201eWolfsgestalt\u201c). Diese beiden Bedeutungen werden in der alten Sprache nicht geschieden. Das hat seinen Grund darin, dass der primitive Mensch nicht unterscheidet zwischen H\u00fclle und Gestalt, oder, wie man ebensogut sagen kann, weil f\u00fcr ihn Verkleidung und Verwandlung dasselbe ist.\u201c<\/p>\n<p>Dem erw\u00e4hnten Kweldulf, der zum \u201eAbendwolf\u201c wurde und seinen Sohn Egil angriff, rief die Magd zu: \u201eDu rasest\u201c, und hier wird das Wort<span>\u00a0<\/span><em>hamast<\/em><span>\u00a0<\/span>verwendet, was bedeutet, eine andere Gestalt anzunehmen. Die Verwandlung ist das Wesentliche beim Berserker, aber es d\u00fcrfte nicht das einzige Element gewesen sein, das diese M\u00e4nner auszeichnete, denn ein durch Trance verursachtes w\u00fcstes Toben als orientierungslose Raserei ist nat\u00fcrlich wenig produktiv. Man darf daher annehmen, dass diese Techniken nicht ganz unkontrolliert eingesetzt wurden. M\u00f6glicherweise waren eben die Berserker, die diese Anlage zur leichten Erregbarkeit besa\u00dfen, auch in der Lage, diese Wandlungsf\u00e4higkeit einfacher zu erlernen und anzuwenden. Man wird den Berserkern sicher nicht gerecht, wenn man sie als unangenehme Raufbolde in unsinniger Raserei wahrnimmt, so wie sie in sp\u00e4teren Zeiten beschrieben werden.<\/p>\n<p>\u201eWenn man erf\u00e4hrt, das es Leute gab, die nur in ihrer Jugendzeit ein Berserkerleben f\u00fchrten und sp\u00e4ter heirateten und t\u00fcchtige Hauswirte wurden, so mutet das doch so an, als ob sie ihre \u201eProbezeit\u201c als Berserker durchgemacht h\u00e4tten, so wie es sich sp\u00e4ter geh\u00f6rt, zu Wickingern [sic].\u201c<\/p>\n<p>Weiser schlie\u00dft daraus die Wahrscheinlichkeit, dass \u201e\u2026die Berserker einst die Initiation der jungen Leute in H\u00e4nden hatten,\u201c und vielleicht kann man die oben beschriebene Gestalt des Warners oder Eckhards mit dieser Funktion verbinden.<\/p>\n<p>In der Tat gibt es viele Ber\u00fchrungspunkte zwischen Wikingern und Berserkern, oft wird nicht genau unterschieden und die Begriffe werden sogar synonym verwendet. Weiser f\u00fchrt als Belege unter anderem die Hrolfssaga und Svarfdoelasaga an. In der Saga von Ketil Hakenlachs (Kap. 5) \u201e\u2026 ist von einem Wikingerk\u00f6nig Framar die Rede, der aber deutlich als Berserker gekennzeichnet ist. (S. 132-136).\u201c<\/p>\n<p>In der sp\u00e4teren romantischen Wikinger\u00fcberlieferung erlischt die Berserkeranlage schlie\u00dflich langsam. Es ist nun die Rede von \u201eHalbberserkern\u201c, und Grimr Lothinkinni ist nicht mehr ganz sondern nur noch halb unverwundbar. Das Bild, das sich abzeichnet, ist das initiierter J\u00fcnglinge, die sich nach ihren Pr\u00fcfungen durch die erfahrensten Krieger auf den Wiking-, also den Kriegs- bzw. Beutezug begaben, und auf diese Weise vorbereitet den Mythos von den schrecklichen, unbesiegbaren Wikingern begr\u00fcndeten. Abschlie\u00dfend erscheint der Berserker in seiner urspr\u00fcnglichen Anlage als ein au\u00dferordentlicher Krieger, der nicht nur seine Waffen hervorragend beherrschte, sondern auch vermutlich Lehrer dieser Techniken in der Zwischenzeit der Initiationsrituale der J\u00fcnglinge war. Die Beziehung zur Wilden Jagd besteht durch die Trancetechnik und die ekstatische Verwandlung durch Verkleidung, die bei den Berserkern in besonders effektiver Weise eine Steigerung der Kampftechnik erm\u00f6glichte.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Fruchtbarkeit der Wilden Jagd<\/h2>\n<p>Nach der Betonung der Ahnen, Initiation und Kriegerb\u00fcnde ist es Zeit, sich nun einem anderen bedeutenden Aspekt der Wilden Jagd zuzuwenden.<\/p>\n<p>\u201e[Wodans] Beziehung zur<span>\u00a0<\/span><em>Wilden Jagd<\/em><span>\u00a0<\/span>und besonders in Nordwestdeutschland, D\u00e4nemark und S\u00fcdschweden zur Ernte werden von mehreren Forschern daf\u00fcr angef\u00fchrt. Das Opfer eines Grasb\u00fcschels f\u00fcr Odins Pferd, wie das in der schwedischen Landschaft W\u00e4hrend Sitte war, hatte sogar noch im 19.Jahrh. seinen Sinn nicht verloren: wer das verabs\u00e4umte, wurde ja mit einer schlechten Heuernte bestraft\u201c<\/p>\n<p>Die Beziehung zum Wind und zur Wilden Jagd war vor allem naturmythologischen Deutungen f\u00f6rderlich, die in G\u00f6ttern und anderen Wesen bestimmte Naturvorg\u00e4nge personifiziert sahen.<\/p>\n<p>\u201eDer Wind f\u00fchrt den m\u00e4nnlichen Bl\u00fctenstaub befruchtend den weiblichen Bl\u00fcten zu. Darum gilt der Landstrich im kommenden Sommer als ganz besonders fruchtbar, \u00fcber den die<em><span>\u00a0<\/span>Wilde Jagd<\/em><span>\u00a0<\/span>gezogen ist. Wenn das<em><span>\u00a0<\/span>Guetis Heer<\/em><span>\u00a0<\/span>sch\u00f6n singt, gibt es im Aargau ein fruchtbares Jahr. Der schw\u00e4bische Bauer, der nur um Sonnenschein, nicht auch um Wind bittet, bekommt kein Korn. \u2018Ohne Wind verscheinet das Korn\u2019 sagt ein Sprichwort, und eine alte Bauernregel lautet \u2018Viel Wind, viel Obst.\u2019 Fast in ganz Deutschland lie\u00dfen die Schnitter bei der Ernte auf dem Acker einen Busch \u00c4hren f\u00fcr Wodan stehen, damit er ihn als Futter f\u00fcr sein Pferd gebrauchte.<span>\u00a0<\/span><em>Erntewod<\/em><span>\u00a0<\/span>hie\u00df diese letzte Garbe, die Ernte in Bayern bis zum 18.Jahrhundert die<span>\u00a0<\/span><em>Waudlsm\u00e4he<span>\u00a0<\/span><\/em>(<em>Waude \u2013 Woude -Wuote<\/em>); das Opfer f\u00fcr seine Hunde hie\u00df von Passau bis [Breslau]<span>\u00a0<\/span><em>Waudfutter<\/em>. Dann traten die Schnitter mit entbl\u00f6\u00dftem Haupte um die blumengeschm\u00fcckte<span>\u00a0<\/span><em>Wode<\/em><span>\u00a0<\/span>in einen Kreis und riefen unter dem Schwingen der H\u00fcte und dem weithin schallenden Streichen der Sicheln zu dreien Malen mit \u00fcberlauter Stimme den Gott im Gebet an. Man bat Wodan, die geringe Gabe gn\u00e4dig anzunehmen und sie als Futter f\u00fcr sein Ro\u00df zu holen; an ihrer Kleinheit und Wertlosigkeit sie nur die heurige schlechte Ernte schuld; w\u00fcrde sie im n\u00e4chsten Jahre besser ausfallen, so solle er auch reichlicher von ihnen bedacht werden: Wode, hole deinem Ro\u00df nun Futter.\u201c<\/p>\n<p>Diese Zeugnisse hat die naturmythologische Schule als Beleg genommen, um in Wodan einen Wind- und Sturmgott zu sehen, dessen Verehrung aus der Fruchtbarkeit erwachsen sein soll. \u201eOb ein Bauer das Rasen des Orkans f\u00fcr etwas F\u00f6rderliches h\u00e4lt, das ist mir unbekannt\u201c, schreibt H\u00f6fler, und in der Tat d\u00fcrfte wohl der Wind, doch nicht der Sturm die Fruchtbarkeit beg\u00fcnstigen. Ein \u00fcberlieferter Spruch aus Ottenh\u00f6fen (Mittelbaden) sagt: \u201eDer Wind isch e altes M\u00e4nnle und het e schlappigs H\u00fctle uf.\u201c<\/p>\n<p>Die Zeugnisse der Wilden Jagd sprechen aber immer vom w\u00fcsten Toben der Jagd. Ein Bericht aus der Werragegend erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>\u201e\u2019zeigt sich das w\u00fctende Heer recht wild, so gibt es ein gutes Jahr\u2019, und: \u201awo es herzieht, sind besonders fette Streifen in der Saat und Wiese\u2019<br \/>\nHier ist der Parallelismus mit dem \u00f6sterreichischen Perchtenlauf ganz offenkundig: denn auch die Felder, \u00fcber die die Perchten laufen, werden am fruchtbarsten, und je wilder die Perchten sind, um so besser ist es f\u00fcr die Ernte. Auch beim verwandten schweizerischen Brauch des Posterlijagens sagen die jungen Leute: \u201awir machen, da\u00df das Gras w\u00e4chst.\u2019\u201c<\/p>\n<p>Stellen wir hier das Brauchtum an die Seite der Sage. In den Zw\u00f6lften kommt in Mecklenburg auch Frau Gaur, die hier \u201eGauden, Waur, Wode\u201c vertritt, auf einem von Hunden gezogenem Schlitten zu einem Bauern:<\/p>\n<p>\u201eEines Abends kommt Fru Gaur zu einem Bauer in Spornitz, steigt auf seinen Boden und wirft alle zum Fest gebackenen Brote herunter, welche die Hunde schnell verzehren. Der Bauer steht furchtsam dabei, er wagt es nicht, das Vorhaben der Frau zu hindern. Als die Hunde alles Brot aufgefressen haben, sagt Fru Gaur zu dem Bauer, er solle ihr nun sein gr\u00f6\u00dftes St\u00fcck Acker zeigen. Der Bauer denkt: \u201aDas alte Weib ist nicht klug, was will sie von meinem Acker wissen?\u2019 Weil er sich aber f\u00fcrchtet und w\u00fcnscht, sie sobald als m\u00f6glich los zu werden, f\u00fchrt er sie in den Hof (Garten) und zeigt ihr gerade sein kleinstes Ackerst\u00fcck. Fru Gaur tobt (!) nun mit ihren Hunden auf diesem St\u00fcck und darauf verschwindet sie. Als nun die Erntezeit kommt, da gibt des Bauern Hofst\u00fcck zehnmal so viel Roggen als sonst. Da \u00e4rgert sich der Bauer, denn er wei\u00df nun, da\u00df es Fru Gaur gewesen, und er sie zu dem gr\u00f6\u00dften St\u00fcck h\u00e4tte f\u00fchren m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Deutlich wird hier das<span>\u00a0<\/span><em>do ut des<\/em>-Motiv (\u201egeben und bekommen\u201c) das sich im \u201eToben \u00fcber das Feld\u201c ausdr\u00fcckt und das die Fruchtbarkeit des Bodens bef\u00f6rdert. Wesentliches Motiv des Wilden Heeres ist der Wind, das der Wilden Jagd die magische Wirkung der Toten, die emphatisch verbunden in der wilden Jagd durch das Feld gehen.<br \/>\nDem entspricht wiederum das Brauchtum:<\/p>\n<p>\u201eWie au\u00dferordentlich fest die Vegetationsmagie des Perchtenlaufes in manchen Gegenden auch heute [um 1930] noch verwurzelt ist, geht u.a. daraus hervor, da\u00df man ihn trotz verschiedenster polizeilicher Verbote immer weiter beibehielt, weil die Bauern unter keinen Umst\u00e4nden ihre Ernte aufs Spiel setzen wollten! Ist es doch noch vor einigen wenigen Jahren im Salzburgischen vorgekommen, da\u00df die obrigkeitlich verbotenen Perchten ihren Lauf \u00fcber die Felder ausf\u00fchrten, dabei verfolgt von Gendarmen, die ihnen quer \u00fcber die \u00c4cker nachsetzten, um sie einzufangen\u2026 Schon durch diese Tatsache, deren Kenntnis ich R. Wolfram, Wien, verdanke, wird die ungebrochene Lebendigkeit des Brauches wohl gen\u00fcgend bezeugt.\u201c<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der Verbindung der oben genannten Totenschiffe, der Schiffswagenumz\u00fcge und der freudigen Begr\u00fc\u00dfung liegt darin, so H\u00f6fler: \u201eda\u00df die Toten \u00fcber die Fruchtbarkeit gebieten.\u201c<\/p>\n<p>Der Ablauf von Leben und Tod \u2013 verstanden innerhalb eines jahreszeitlichen Wechsels \u2013 erscheint heute als eine \u00fcberraschende Vorstellung. Sie ist vollkommen anderer Natur, als die christlichen Vorstellungen eines \u201eJenseits\u201c, in der die \u201eSeele\u201c zu einem g\u00f6ttlichen Richter gelangt. Dem Versuch, die Faschings- und Karnevalsbr\u00e4uche aus einer christlichen Tradition abzuleiten, wie es namentlich Karl Meisen versucht hat, ist l\u00e4ngst eine klare Absage erteilt worden. So schreibt schon das Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens, dass er \u201eviel zu weit geht, wenn er die d\u00e4monischen Begleiter des einkehrenden Nikolaus, ja sogar das wilde Heer, ausschlie\u00dflich aus dem christlichen Teufelsglauben herleiten will.\u201c<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Perchten<\/h2>\n<p>Gegen\u00fcber den Berserkern f\u00fchren die Perchten eine Existenz weitab vom Thema kriegerischer Auseinandersetzung. Doch auch hier findet man in \u00fcbereinstimmender Form die ekstatische Verwandlung mittels der Verkleidung durch Felle und Masken. Es kommt die Einzahl \u201ePercht\u201c als mythisches Wesen vor, wie auch die Mehrzahl \u201ePerchten\u201c, die analog zu Wilder Jagd und Wildem Heer zwei Seiten widerspiegelt: den \u201ed\u00e4monischen\u201c Charakter des Geisterzuges, welche die Percht f\u00fchrt, und die Entsprechung im Brauchtum. Beides hat zugleich mit den Verstorbenen und der Fruchtbarkeit zu tun.<\/p>\n<p>Der Name des nordischen Totenbereichs und der sp\u00e4teren Toteng\u00f6ttin Hel kommt von \u201everhehlen\u201c (verbergen). Damit h\u00e4ngt auch der Name Frau Holles zusammen der von \u201everh\u00fcllen\u201c abgeleitet ist. Den gleichen Hintergrund besitzt auch der Name Perchta, den Mogk von<span>\u00a0<\/span><em>pergan<\/em><span>\u00a0<\/span>(verbergen) ableitet. Das Verh\u00fcllende, Verbergende zeichnet die weiblichen Gestalten als Toteng\u00f6ttinnen aus und im wesentlichen entsprechen sich Holle und Perchta; sie weisen nur wenige, lokal bedingte Unterschiede auf. So f\u00fchrt auch Holle die Schar der Huldren an und das sind Naturgeister: das Huldrevolk, identisch mit Landwichten. Die menschlichen Perchten oder Huldren im Umzug sind wiederum die Verwandelten, die Ahnenseelen und Naturgeister darstellen. Bei der Figur des Kobolds (der \u201eKobe\u201c, d.h. Haus, H\u00fctte \u201ehold\u201c \u2013 gut, zugetan) liegt die vielleicht \u00e4lteste Verbindung zwischen Ahnen- und Naturgeistern. Birger Pering vermutet zum Kobold in seinem Werk \u201eHeimdall\u201c, dass die Verschmelzung von Ahn- und Hausgeist sich mehr auf das Land bezieht, auf dem das Haus steht, als auf das Haus selbst.<\/p>\n<p>Bei der Sichtung der Angaben zu den Perchten sollte man vermeiden das Geschlecht der mythischen Gestalten \u00fcber Geb\u00fchr zu betonen \u2013 zumindest dann, wenn man deren Wirksamkeit interpretieren m\u00f6chte. Es sind mythische Gestalten, keine Menschen. G\u00f6tter und Sagengestalten unterliegen jahrhundertelangen Umbildungen, bei denen das Geschlecht wechseln kann. Ein bekanntes Beispiel ist die Umbildung aus dem eigentlichen Neutrum \u201eNerthus\u201c (als \u201eTerra Mater\u201c aber eine G\u00f6ttin) zum m\u00e4nnlichen Nj\u00f6rd in Skandinavien.<br \/>\nPerchta, weiblich geschildert, verf\u00fchrt zu dem Versuch, diese Gestalt mit anderen weiblichen Gottheiten und anderen weiblichen, mythischen Wesen zu vergleichen, wie den Nornen,\u00a0 Matronen oder Nerthus. Ich denke, dass es auf eine falsche F\u00e4hrte f\u00fchrt, das Geschlecht als wesentliches Merkmal zu betrachten. Perchta und ihre n\u00f6rdlichere Ausformung der Holla haben ihre Entsprechungen im Wod oder Wodan, der wiederum m\u00e4nnlich aufgefasst wird,\u00a0 doch kann die d\u00e4monische Seelenf\u00fchrerschaft nicht sinnvollerweise als m\u00e4nnliches oder weibliches Prinzip interpretiert werden. Das Geschlecht erleichtert nur die Identifikation mit diesen Vorg\u00e4ngen, zum Grundverst\u00e4ndnis ist das nicht wesentlich. Man sollte mehr der Wirksamkeit Beachtung schenken, mit der ein Wesen verkn\u00fcpft ist. Die \u201esaligen\u201c Frauen z.B. sind vor allem Spenderinnen von Wohlstand, sind in einigen Quellen auch schicksalskundig, was sie in die N\u00e4he der Nornen r\u00fcckt, doch sind sie \u201ekundig\u201c, nicht schicksalsbestimmend, was sie wiederum von den Nornen unterscheidet.<\/p>\n<p>Dass vor allem im S\u00fcden Perchta als weibliche Seelenf\u00fchrerin bekannt ist, d\u00fcrfte damit zusammenh\u00e4ngen, dass beim Perchtenspringen eine st\u00e4rkere Betonung der Fruchtbarkeit vorliegt, die schlie\u00dflich in den mythischen Wesen zumeist in weiblicher Form gedacht sind.<\/p>\n<p>\u201eHolle und Berchte sind die F\u00fchrerinnen der Holden und Perchten, der elbischen Geister und der Seelen der Verstorbenen.\u201c<\/p>\n<p>Als Wohnst\u00e4tten der Holle kommen neben Brunnen, Bergen, Steinen auch B\u00e4ume vor, in denen gerade auch die Landgeister leben. Als F\u00fchrerin der elbischen Geister ist Holla-Perchta den fruchtbarkeitsspendenden Naturgeistern entwachsen und zum mythischen Einzelwesen geworden. Die Verbindung zum wilden J\u00e4ger in der Gestalt Wodans sieht man anschaulich \u2013 und wahrscheinlich urspr\u00fcnglich \u2013 in der Jagd des J\u00e4gers nach der wei\u00dfen Frau, dem Moosweib u.a. (vgl. \u201eBrautlauf\u201c). Diese Verbindung als parit\u00e4tische F\u00fchrerschaft der Seelen im wilden Zug erinnert dagegen wiederum an die Verbindung Wodans mit Freyja oder Frigg. In der skandinavische Huldarsage ist Huldra eine Zauberin, das weist ebenfalls zur Verbindung Holle-Freyja.<\/p>\n<p>Im Perchtenspringen haben sich nicht wenige christliche Einfl\u00fcsse durchsetzen k\u00f6nnen, man muss hier mit einer Mischung beider Vorstellungen rechnen, die im besten Fall zu einem Synkretismus geworden ist. Die Einteilung in sch\u00f6ne und h\u00e4ssliche (schiache) Perchten, die den\u00a0 Dualismus des Guten und B\u00f6sen, der strafenden und belohnenden Percht verdeutlichen, scheint christlichem Gedankengang zu entsprechen. Demgegen\u00fcber gibt es keine Analogien der Wilden Jagd, die diesen Dualismus rechtfertigen w\u00fcrden. Auch wenn in sp\u00e4terer christlicher Zeit die Wilde Jagd als Strafe f\u00fcr diejenigen betrachtet wurde, die im Leben Verfehlungen begangen hatten, so ist der Wilde J\u00e4ger doch nie eine p\u00e4dagogische Gestalt, die moralisch in das Leben der Menschen eingreift. Anders in den\u00a0 Sagen \u00fcber die Percht, in denen ein kontrollierendes und strafendes Element relativ h\u00e4ufig vorkommt. Sie kontrolliert die Stube, den Haushalt und die Arbeit der Leute, den Kindern wird sie zum Schreckgespenst. Mit heidnischen Bez\u00fcgen zu Fruchtbarkeit und Ahnen hat das wohl gerade noch am Rande zu tun. Vielleicht kann man das noch mit der Eigenart der Naturgeister, den Holzfr\u00e4ulein und Moosleuten, die vom wilden J\u00e4ger gejagt werden, in Verbindung bringen. Diese Geister sind allgemein sehr um Sauberkeit und Ordnung bem\u00fcht, sie spinnen Garn, brauen Bier, helfen bei der Ernte, u.\u00e4.<\/p>\n<p>Eine andere Meinung ist die, der Name Perchta leite sich von der christlichen Epiphania ab. Der Perchtentag ist der Tag nach Abschluss der Zw\u00f6lf N\u00e4chte. Wie bereits angesprochen, sollte man hier die Kalenderreform des 15. Jahrhunderts beachten: Nach heutiger Rechnung ist dies der 6. Januar, geht man aber (wie urspr\u00fcnglich) von der Wintersonnenwende (i.d.R. dem 21.) als Beginn der Zw\u00f6lften aus, dann ist der 2. oder 3. Januar der Perchtentag. Ausgehend von christlichen Traditionen sind wir hier mit dem 6. Januar, also dem Epiphaniatag konfrontiert. Als Personifikation des Festtages erscheint die Percht als Epiphania (oder Theophania) nicht in g\u00e4nzlich anderer, aber neuer und ver\u00e4nderter Gestalt, als der Strahlenden, Gl\u00e4nzenden, der Weissen Frau.<\/p>\n<p>\u201eDiese Namen ergeben sich aus den \u00dcbersetzungen von Epiphania<em>: ze demo perahtin tage; zi dero Perthun naht<\/em>. Hier wird mit neuem Sinn der alte Gattungs- zum Personenname.\u201c<\/p>\n<p>In der Nordschweiz und S\u00fcdbaden hat sich der \u201eB\u00e4chtelistag\u201c herausgebildet und scheint eine Abwandlung des \u201eBerthold\u201c-Tages zu sein. In Schwaben und der Schweiz tritt als m\u00e4nnliches Analogon der J\u00e4ger Berthold oder Berchthold als F\u00fchrer der wilden Jagd auf.<\/p>\n<p>Der Name Holla, die Verh\u00fcllende, d\u00fcrfte gegen\u00fcber \u201eHolda\u201c die urspr\u00fcnglichere Variante sein. Die holde Frau wird unter christlichem Einflu\u00df der Mutter Maria (mit dem Jesuskind) angegliedert und dadurch zunehmend zur \u201eHoldseeligen\u201c. Hier findet sich auch die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Verbindung Holla\/Perchtas zu Kindern und Neugeborenen: Statt des gespenstischen Totenheeres von einst teilt man wenigstens der Perchta den Zug der Kindlein vom \u201eFest der unschuldigen Kindlein\u201c zu. Eigentlich ist Holle wie Perchta eine Gestalt der Fruchtbarkeit, doch durch die Verbindung des Todes zur Fruchtbarkeit liegt der Schritt nicht weit, sie als Toteng\u00f6ttin und wiederum als Lebensspenderin zu verstehen.<\/p>\n<p>Allen Versuchen, die Sitte aus dem Christentum ableiten zu wollen, kann man allerdings eine klare Absage erteilen. Schon die moralisierenden Aufgaben der Perchten passen \u00fcberhaupt nicht zu ihrer Verkleidung, und die Verkleidung selbst hat die Kirche schlie\u00dflich \u00fcber Jahrhunderte als heidnisches Werk betrachtet und verst\u00e4ndnislos bek\u00e4mpft. Die Kirche eiferte \u00fcber Jahrhunderte gegen das Treiben:<\/p>\n<p>\u201eAn den Tagen der Kalenden \u2013 hei\u00dft in Predigten des 6. und 7. Jhds. \u2013\u00a0 kleiden sich die Heiden mit Umkehr der Ordnung der Dinge in unanst\u00e4ndige Mi\u00dfgestalten, diese elenden Menschen, und was noch schlimmer ist, einige Getaufte nehmen falsche Gestalt und monstr\u00f6se Gesichter an, wor\u00fcber man sich sch\u00e4men, dann aber vielmehr betr\u00fcben mu\u00df. Denn welcher Vern\u00fcnftige sollte es glauben, da\u00df Menschen, die bei Besinnung sind, sich, indem sie den Hirsch spielen, in das Wesen von Tieren umwandeln wollen? Andere kleiden sich in die Felle ihres Viehes, andere setzen sich Tierh\u00e4upter auf, dar\u00fcber sich freuend und erg\u00f6tzend, da\u00df sie sich so in die Gestalten wilder Tiere umgewandelt haben, da\u00df sie nicht Menschen zu sein scheinen. Was ist so verr\u00fcckt, wie sich in wilde Tiere zu verkleiden, der Ziege oder dem Hirsch \u00e4hnlich zu werden, auf da\u00df der Mensch, zum Ebenbilde und Gleichnis Gottes geschaffen, das Opfer der D\u00e4monen werde?\u201c<\/p>\n<p>Die Kirche best\u00e4tigt damit selbst den heidnischen Grund und den darin liegenden Sinn der Verwandlung.<\/p>\n<p>\u201eAber die Deutschen rechtfertigten sich, wie Bonifatius 742 an Papst Zacharias schreibt, damit, da\u00df sie \u00c4hnliches in Rom in der N\u00e4he der Peterskirche gesehen h\u00e4tten, wo man es ruhig geschehen lie\u00dfe; auch dort gingen jedes Jahr am Tage oder in der Nacht vor den Kalenden des Januar Umz\u00fcge mit Gesang durch die Stra\u00dfen und lie\u00dfen heidnische Jubelt\u00f6ne und unchristliche Lieder erschallen. Wie wenig die Verbote n\u00fctzten, geht daraus hervor. da\u00df sie im 11. Jhd. wiederholt werden mu\u00dften.\u201c<\/p>\n<p>Paul Herrmann erz\u00e4hlt weiter von Umz\u00fcgen, in denen die \u201eRu\u00dfler\u201c mit ihren geschw\u00e4rzten Gesichtern andere anzuschw\u00e4rzen versuchten; die K\u00fcbelemaien oder Maim\u00e4dchen machen den Schabernack wieder gut, indem sie die Gesichter der Angeschw\u00e4rzten rein waschen, oder sie fahren auch den Nahestehenden mit einem nassen Lappen durchs Gesicht. Abgewandelte Br\u00e4uche, etwa zum Ende der Weinlese im Elsass, zeigen ebenfalls ru\u00dfgeschw\u00e4rzte Menschen auf einem Wagen, die die Leute anzuschw\u00e4rzen versuchten. Der Wagen ist dabei nicht ohne Bedeutung, wie wir noch sehen werden.<\/p>\n<p>Die Frage kann also nicht mehr lauten,<span>\u00a0<\/span><em>ob<\/em><span>\u00a0<\/span>sich Perchta in der Interpretation als der \u201eGl\u00e4nzenden\u201c aus einer katholischen Tradition ableiten l\u00e4sst. Die kirchlichen Verordnungen und Predigten lassen vielmehr den Schluss zu, dass versucht wurde, einen nicht kleinzukriegenden Brauch an christliche Vorstellungen anzupassen. Das gelang aber nur zum Teil, denn auch die eher neue Einf\u00fchrung, die verstorbenen Kinder in der Obhut der Percht zu sehen, atmet eher die alte Charakteristik der Seelenf\u00fchrerschaft. Eine sch\u00f6ne Geschichte findet man dazu in K\u00e4rnten:<\/p>\n<p>Das Kind im \u201eWilden G\u2018jaid\u201c<\/p>\n<p>Im unteren Lavanttal geht die Sage, da\u00df jedes Kind, das ungetauft stirbt, ins \u201eWilde G\u2018jaid\u201c aufgenommen wird. Nun war da einmal ein Bauer, dem sein j\u00fcngstes Kind starb, ohne die Taufe zu empfangen. Weinend klagte die Mutter ihr gro\u00dfes Leid. Der Bauer aber, der ein Schlaukopf war, tr\u00f6stete sein Weib und versicherte, da\u00df er seinem Kind Ruhe bringen werde. Einige Zeit nachher ging er in ein benachbartes Dorf, um Gesch\u00e4fte abzuschlie\u00dfen. Da er dabei guten Gewinn erzielt hatte, verg\u00f6nnte er sich im Wirtshaus einen Trunk. So versp\u00e4tete er sich mit dem Heimgang und mu\u00dfte bei Nacht nach Haus fahren. Sein Weg f\u00fchrte durch einen Wald. Da h\u00f6rt er mit einem Mal ein Sausen und Brausen in den L\u00fcften \u00fcber sich. Als er nach oben blickt, sieht er das \u201eWilde G\u2018jaid\u201c vor\u00fcberziehn. Er h\u00e4lt an und l\u00e4\u00dft den Zug vorbei. Da zum Schlu\u00df bemerkt er auch sein j\u00fcngst verstorbenes Kind und ruft: \u201eA, schau amal, mei Robasle is a dabei!\u201c Sein Kind l\u00e4chelte ihm freundlich zu und dankte f\u00fcr die Worte, die er ihm gegeben, denn er hatte ihm so einen Namen geschenkt und ihm dadurch die Ruhe gebracht.<\/p>\n<p>Das Perchtenspringen erfreut sich heute wieder gro\u00dfer Beliebtheit, wenn auch nur als Touristenattraktion. Die Verbindung zum heidnischen Untergrund und der spirituellen Basis ist nicht ganz verlorengegangen, aber doch im allgemeinen so in Vergessenheit geraten, dass auch die Mitglieder des Umzugs sich zumeist wohl nicht mehr im Klaren dar\u00fcber sind, was sie dort eigentlich treiben. Anders erkl\u00e4rt es sich wohl nicht, dass bei den Mitgliedern vor allem die Verkleidung in \u201eKrampusse\u201c besonders beliebt ist. Im Internet finden sich dazu Abbildungen in Menge, und diese Form der Verkleidung erinnert mehr an Wesen zwischen mittelalterlicher Teufelsvorstellung (also entstelltem Heidentum) und moderner Horrorshow. Die Verwandlung in die Verstorbenen fehlt heute ebenso wie die spirituelle Basis, die an die Seelen der Wilden Jagd, die Verstorbenen \u201evor ihrer Zeit\u201c erinnern, wie auch das \u00c4quivalent des Wilden Heeres, das sich urspr\u00fcnglich ja aus initiatorischen B\u00fcnden zusammensetzte. Das soll kein Vorwurf sein, sondern im Gegenteil die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, die heidnische Basis zu reaktivieren, indem man den Bezug des Brauchtums auf sein Vorbild zur\u00fcckf\u00fchrt, dass die Verstorbenen \u00fcber die Fruchtbarkeit gebieten.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Weg des Heeres<\/h2>\n<p>Ein sehr betr\u00e4chtlicher Teil aller \u00dcberlieferungen wei\u00df mitzuteilen, dass das Wilde Heer \u2013 anders als die Wilde Jagd \u2013 bei den l\u00e4rmenden Umz\u00fcgen immer einen ganz bestimmten Weg einhalte. Die Namen Heergasse, Muotesheergasse und \u00e4hnliche finden sich in vielen deutschen St\u00e4dten als gesellschaftliche Erinnerung an vormals lebendige Traditionen. In einer handschriftlichen Pfarrbeschreibung Diaconus Meyers (1828) hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eDie Heergasse (von der alten Landstra\u00dfe, die hier hindurchzog, so genannt). Eine Sage leitet inde\u00df ihren Namen her von dem Mutes- (Wudes-, Wudans-, Wodans-, dem sogenannten Wilden) Heere, das oft und noch ungef\u00e4hr vor 100 Jahren durch sie herabgezogen sein soll. Das Tosen und Toben war damals so entsetzlich, das alles in den H\u00e4usern zitterte und bebte, und wer sich auf der Stra\u00dfe treffen lie\u00df, der wurde von dem b\u00f6sen Feinde mit fortgerissen (in den anderen Stra\u00dfen wurde davon nichts versp\u00fcrt).<\/p>\n<p>Die Wilde Jagd, die als n\u00e4chtliche Schar der Seelen zuweilen zu sehen ist, nimmt nat\u00fcrlich nicht den gleichen Weg und erscheint \u2013 wie in der Schilderung der<span>\u00a0<\/span><em>Herlechina Familia<\/em><span>\u00a0<\/span>\u2013 weit abseits menschlicher Behausungen, wie auch sonst im Wald, Gebirge oder auf dem flachen Land.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Wagenumz\u00fcge<\/h2>\n<p>Den Sagen von n\u00e4chtlich l\u00e4rmenden Seelen, die zu bestimmten Zeiten als Tote umherziehen, steht ein \u00c4quivalent zur Seite, das sich in kultischen Umz\u00fcgen, einem d\u00e4monisierten Fasnachtskult \u00e4u\u00dfert. In verschiedenen Gegenden Deutschland finden sich Berichte dar\u00fcber, dass gespenstische Gestalten auf einem Wagen fahren. Im Rheinland wird der Wagen von schwarzen Pferden gezogen und von Hunden umbellt. Im Harz wird der wilde J\u00e4ger auch der \u201ewilde Fuhrmann\u201c genannt und in Bayern das Heer die wilden Fuhrleute. Die oben schon angedeutete Beziehung zum Karneval und die etymologische Verbindung der normannischen<span>\u00a0<\/span><em>Familia Herlechina<\/em><span>\u00a0<\/span>erg\u00e4nzt H\u00f6fler mit der Herleitung des<span>\u00a0<\/span><em>Carneval<\/em><span>\u00a0<\/span>vom Namen des Schiffskarrens:<span>\u00a0<\/span><em>carrus navalis<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eEtwa um 1133 wurde am Niederrhein ein lange Zeit vergessener Brauch wieder aufgefrischt; gegen den Willen der Geistlichkeit gestattete die Obrigkeit ein seltsames Fest und erzwang sogar die unmittelbare Beteiligung der Bev\u00f6lkerung. Im Fr\u00fchjahr, als die Tage noch ganz kurz waren, zimmerte ein Bauer aus Inden im J\u00fclischen (Cornelim\u00fcnster) mit Hilfe seiner Gesellen im Walde selbst ein Schiff, das er unten mit R\u00e4dern versah. Vor dieses \u201aLandschiff\u2019 wurden Weber gespannt und gezwungen, es an Stricken nach Aachen und Maastricht zu ziehen, wo Mast und Segel hinzukamen, und von da nach Tungern und Looz und weiter im Lande umher; von da sollte es \u00fcber L\u00f6wen und Antwerpen auf die Schelde gebracht werden, vor deren M\u00fcndung die Insel Walcheren liegt. In Aachen ward das Schiff unter gro\u00dfem Zulaufe von M\u00e4nnern und Frauen feierlich eingeholt. Den St\u00e4dten, die der Umzug ber\u00fchrte, wurde das Eintreffen der Prozession vorausgesagt, und wie dem trojanischen Pferde, hei\u00dft es in Rudolfs Chronik von St. Trend, wurden dem Schiffe die Tore ge\u00f6ffnet. Allabendlich bildete es den Mittelpunkt eines Reigentanzes, an dem beide Geschlechter, Frauen mit aufgel\u00f6sten Haaren und losem Gewande, sogar Matronen trotz der halbwinterlichen Fr\u00fchjahrszeit in bereits sommerlicher Kleidung teilnahmen; wenn der Reigen sich l\u00f6ste, ert\u00f6nte Musik, Gesang, wie unsinniges Gejuchze und Jubelgeschrei. Es galt f\u00fcr schimpflich und ungl\u00fccklich, das Schiff nicht weiter zu bef\u00f6rdern; wo man hinkam, l\u00f6sten die Weber des Ortes die Ziehenden ab; kamen sie zu sp\u00e4t, verfielen sie der Strafe. Auch sonst spielten die Weber bei dem Volksfeste eine besondere Rolle. Tag und Nacht mu\u00dften sie in vollem Waffenschmuck Ehrenwache bei dein Schiffe halten. Nur sie durften es ber\u00fchren; wer es sonst anfa\u00dfte, mu\u00dfte ein Pfand von seinem Halse geben oder sich durch beliebige Gaben l\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>Zu dem Bericht muss man bemerken, dass die Weber wohl kaum gezwungen wurden, das Schiff zu ziehen, auch die allgemeine Feierlichkeit macht es sehr unwahrscheinlich, dass man die Bev\u00f6lkerung zur Teilnahme zwingen musste. Das die Notiz nicht mehr ganz heidnischen Gepflogenheiten entspricht, zeigt wohl, dass \u00e4ltere Frauen \u201eMatronen\u201c genannt werden, eine Bezeichnung die nur noch eine blasse Erinnerung an den einstigen Matronenkult liefert. Bemerkenswert ist auch die vermerkte Hysterie der christlichen Geistlichkeit, die in dem Umzug eine heidnische Prozession sah und das Werk zu hintertreiben versuchte. Sie nannten es ein \u201eTeufelsspiel\u201c und meinten, dass es ein \u201eSchiff Neptuns, Mars, Bacchus oder der Venus hei\u00dfen k\u00f6nnte.\u201c Die Verwendung r\u00f6mischer G\u00f6tter basiert hier nat\u00fcrlich auf der \u00dcbernahme r\u00f6misch-griechischer Philosophie durch das Christentum.<\/p>\n<p>Die wesentlichen Motive sind hier, dass es ein Schiff, ein Kultschiff ist, denn es wurde im Wald gebaut und nicht am Meer, was auf die andere Verwendung hinweist; der Zug durch das Land ist wesentlich. Bemerkenswert ist die Pfand-Ausl\u00f6sung, die man als Erinnerung eines alten Opfers werten k\u00f6nnte, wenn nicht die Sagen der Wilden Jagd mehrfach von einem (begrenztem) Stehlrecht sprechen, in dem das tobende Heer Bierkannen und F\u00e4sser leert (vgl. oben \u201eDer Warner\u201c), gerade gebackenes Brot stiehlt, u.a. Das Stehlrecht wird in anderen Sagen zum Heischeumzug, in dem freiwillige Gaben gesammelt werden. Besonderes Augenmerk verdient nat\u00fcrlich die Jahreszeit: das halbwinterliche Fr\u00fchjahr, also die Zeit, in der der Fr\u00fchling kurz bevorsteht und die Seelen der Verstorbenen wieder zum Gehen aufgefordert werden, die Faschingszeit.<\/p>\n<p>Die Schilderung des Schiffsumzuges erinnert dennoch zun\u00e4chst an den von Tacitus (Germ. 40) geschilderten Nerthusumzug. Der r\u00f6mische Historiker berichtet, dass die G\u00f6ttin in einem Wagen umherzog, bis sie wieder auf die Insel gebracht wurde. Der \u00fcber tausend Jahre zur\u00fcckliegende Bericht des R\u00f6mers erkl\u00e4rt, dass es sich hier um die Terra Mater, also die Mutter Erde handele und der Umzug der Fruchtbarkeit des Landes dient. Die Berichte \u00fcber diesen Umzug und die Nerthusprozession weisen einige Unterschiede auf. Bei Nerthus ist von einem Wagen, nicht einem Schiff die Rede, er wird von K\u00fchen gezogen, w\u00e4hrend das Schiff von Menschen gezogen wurde. Gleich ist in den beiden Erz\u00e4hlungen die frohe Festzeit, das Verbot der Ber\u00fchrung (den Nerthuswagen darf nur der Priester ber\u00fchren) und die Jahreszeit zwischen Winter und Fr\u00fchling. Der Ausgangspunkt ist hier wie dort ein Wald. Bei Nerthus steht der Wagen auf einer Insel im Ozean und das Ziel des Schiffswagens war die Schelde (vor deren M\u00fcndung die Insel Walcheren liegt). Die \u00c4hnlichkeiten sind bemerkenswert, aber \u2013 wie wir noch sehen werden \u2013 auch die Unterschiede.<\/p>\n<p>Schiffswagenumz\u00fcge sind auch sonst gut belegt. In N\u00fcrnberg endeten sie mit der feierlichen Verbrennung des Kultbootes als Abschluss der Schembartl\u00e4ufe. Auch im niederrheinischen Umzug wird von einer Verbrennung gesprochen, doch ist hier die Rede davon, dass die H\u00e4user der Gegner des Umzugs den Flammen \u00fcbergeben wurden. Das Schembartlaufen stellt die lokale Version des Faschings dar. Die Jahreszeit ist die gleiche und es sind \u201eSchiffe\u201c, die gezogen werden. Die Besatzung der Schiffe besteht aus \u201eTeufeln und Narren\u201c und die Schiffe selbst werden die \u201eH\u00f6lle\u201c genannt. Dass die Angabe nicht vereinzelt dasteht, zeigen norddeutsche Sagen, in denen von Hellwagen die Rede ist, und auch der nordischen Hel wird ein Wagen zugeschrieben.<\/p>\n<p>Feuererscheinungen sind in den Erz\u00e4hlungen vom wilden Heer oder Jagd recht h\u00e4ufig und bisweilen hei\u00dft die Jagd auch \u201efeurige Jagd\u201c, im Harz ist Wodan der Hellj\u00e4ger. Aus Buchholz (bei Thum im Rheinland) wird berichtet, dass zu heiligen Zeiten der wei\u00dfe Schimmel durch den Wald jagt und aus seinen N\u00fcstern Feuer spr\u00fcht, und auch die Hunde haben zuweilen feurige Augen. Bei Ordericus ist der Glaube bezeugt, dass die \u201eVerdammten\u201c im wilden Heer von Flammen umz\u00fcngelt werden, der J\u00e4ger selbst wird als gl\u00fchend geschildert oder er tr\u00e4gt ein brennendes Kleid. So zeigt auch die Kleidung der N\u00fcrnberger Schembartl\u00e4ufer in auff\u00e4lliger Weise wiederkehrende Flammenmuster, und zahlreiche Abbildungen zeigen die Schembartl\u00e4ufer mit feurigen B\u00fcscheln in der Hand. Der Bezug zur christlichen H\u00f6lle geht hier nicht soweit, dass die Toten als gequ\u00e4lte Seelen dargestellt sind. Die Umz\u00fcge haben in dieser Hinsicht einen heidnischeren Charakter, w\u00e4hrend der Anstrich deutlich christlich ist. Nicht ganz zuf\u00e4llig leitet sich \u201eH\u00f6lle\u201c von ahd.<span>\u00a0<\/span><em>hellia<\/em>, nordisch<span>\u00a0<\/span><em>hel<\/em><span>\u00a0<\/span>ab, die nicht als Strafort sondern als Aufenthaltsort der Verstorbenen wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p><strong>[Illustration 3: Felszeichnung von Dis\u00e4sen, Backa, Schweden (aus: Almgren: Nordische Felszeichnungen als religi\u00f6se Urkunden)]<\/strong><\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit den Schiffsumz\u00fcgen hat Almgren auf die bronzezeitlichen Felszeichnungen hingewiesen, die ganz \u00e4hnliche Umz\u00fcge abbilden<strong>.<span>\u00a0<\/span><\/strong>Abbildung Nr. 3 zeigt ein Schiffsmotiv, dem Hunde vorangehen: Das Schiff befindet sich also an Land. Neben den reich belegten Felszeichnungen l\u00e4sst sich zudem an epische Erz\u00e4hlungen wie etwa Balders Bestattung denken oder an die sonst \u00fcberlieferten Brandbestattungen bedeutender F\u00fcrsten auf Schiffen. Das Schiff gilt oft genug als Vehikel der Verstorbenen, auf ihm fahren sie in die verborgene Welt. Allgemein ist die Vorstellung, dass ein F\u00e4hrmann die Toten \u00fcbersetzt (so wie Odin sich im Harbardslied weigert, den kraft- und lebensstrotzenden Thor \u00fcberzusetzen). Oft trennt ein Flu\u00df die Welten der Lebenden und Verstorbenen voneinander wie der Flu\u00df Gi\u00f6ll (Gylf. 49), oder man muss ihn befahren wie den griechischen Styx.<\/p>\n<p>So wie die Seelen der Wilden Jagd die Verstorbenen sind, die in entsprechenden Berichten so drastisch dargestellt werden, als w\u00fcrden sie ihr Aussehen zum Zeitpunkt des Todes behalten, so besteht gleichfalls die Besatzung der Schiffswagenumz\u00fcge aus Verstorbenen, Gespenstern, Totengeistern. Es sind offensichtlich \u201eTotenschiffe\u201c die von den Lebenden gezogen werden.<br \/>\nDie Besatzung der Schiffe besteht schon im Mittelalter aus Narren, verlarvten (verkleideten) Gestalten, die maskiert und geschw\u00e4rzt die Toten darstellten.<br \/>\nAn dieser Stelle ein Wort zum Begriff \u201eHarlekin\u201c. Die in Frankreich beobachtete<span>\u00a0<\/span><em>familia herlechini<\/em><span>\u00a0<\/span>bedeutet nach\u00a0 Kershaw \u201eAnhang oder Gefolge des Harlekin. Aber wer ist dieser Harlekin? Sicher nicht der Clown.\u201c Es sollte gen\u00fcgen, die gelehrte Etymologie auf das wesentliche zu verk\u00fcrzen: Die Basis des altfranz\u00f6sischen Herlekin ist ein altenglisches *<em>Her(e)la cyng<\/em>, [\u2026] mittelenglisch:\u00a0 *<em>Herla king<\/em>\u201d und bedeutet soviel wie der \u201eHeerf\u00fchrer\u201c, der das Totenheer anf\u00fchrt. Man kann hier die Zusammensetzungen mir \u201eHer-\u201c einreihen, wie Herjann und Hertyr.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die weiteren Beinamen Wodans m\u00f6ge das erg\u00e4nzen:<span>\u00a0<\/span><em>farmagud<span>\u00a0<\/span><\/em>(Gylf.10) und<span>\u00a0<\/span><em>farmatyr<\/em><span>\u00a0<\/span>(Grm 48) ist \u201eder Gott der Lasten.\u201c Man hat sich gefragt, was ein Gott wie Wodan mit dem Handel zu tun haben kann und nur wenig Sinnvolles daf\u00fcr anf\u00fchren k\u00f6nnen. Die Verbindung zum Totenschiff w\u00fcrde dieses<span>\u00a0<\/span><em>Heiti<\/em><span>\u00a0<\/span>erkl\u00e4ren, zumal gerade Schiffe (und Wagen) Lasten bef\u00f6rdert haben. In diesem Fall d\u00fcrfte weniger vom G\u00fcterverkehr die Rede sein, sondern von einem wesentlichen Aspekt der Wilden Jagd, den Wagenumz\u00fcgen und ihren \u201eBesatzungen\u201c, die ja aus den Toten bestehen. Dass diese als \u201eLast\u201c bezeichnet werden, ist nicht so ungew\u00f6hnlich, denn diese Schiffe wurden ja \u00fcber Land gezogen. Dazu passt auch der Odinsname \u201e<em>vagna r\u00fani<\/em>\u201c (=Freund der Wagen) und dass im Harz oder in Bayern von \u201ewilden Fuhr \u2013 oder Schiffsleuten\u201c die Rede ist.<\/p>\n<p>Doch weshalb bringt das Auftauchen des oben genannten Schiffes nicht etwa Trauer und Betroffenheit, sondern Tanz, Musik und Feierlichkeiten? Hinter dem \u201eTotenschiff\u201c, das freudig mit Reigent\u00e4nzen und Jubelgeschrei begr\u00fc\u00dft wird, sollte noch mehr stecken. Zum einen, weil die Heiden dem Tod im allgemeinen nicht mit Traurigkeit, sondern mit Heiterkeit begegneten, die dem Toten selbst zugedacht war. Im 10. Jahrhundert wird ein englischer christlicher Priester ermahnt: \u201eDu sollst nicht teilnehmen an dem Jubelgeschrei \u00fcber die Toten.\u201c Aber es gibt noch einen weiteren Grund f\u00fcr f\u00fcr den Jubel bei den Schiffswagenumz\u00fcgen. Denn dass er in jeder Landschaft begeistert empfangen wurde, wird mit einer anderen Einstellung zu individuellen Toten nicht zu rechtfertigen sein, sondern mit der Fruchtbarkeit, die gerade zu dieser Jahreszeit Ende Februar auch die Erwartung auf den Fr\u00fchling \u2013 und damit eine leichtere Zeit \u2013 steigerte.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Brautlauf<\/h2>\n<p>Der \u201eBrautlauf\u201c ist ein weiteres Motiv und zeichnet die Wilde Jagd damit als einen sehr komplexen Bestandteil der altgermanischen Religion. Der Begriff wurde geradezu synonym mit \u201eHochzeit\u201c verwendet. Interessanterweise ist der Brautlauf eine Sitte, die sich bis auf den heutigen Tag \u2013 freilich in ge\u00e4nderter Form \u2013 erhalten hat und ein belustigendes Element vor oder nach der Hochzeit darstellt. In Westfalen kennt man es so: Freunde der Braut oder des Br\u00e4utigams verstecken die Frau an einem anderen Ort und der Mann muss sie suchen, dazu erh\u00e4lt er Hinweise von den Freunden. Andernorts finden auch Wettl\u00e4ufe des Paares oder der Hochzeitsg\u00e4ste statt.<\/p>\n<p>Der sagenhafte Brautlauf findet zwischen dem wilden J\u00e4ger und einem oder mehreren weiblich gedachten Naturgeistern statt. Herrmann denkt hier an die \u201eWindsbraut\u201c. Er identifiziert nach naturmythologischer Ansicht den wilden J\u00e4ger als Sturmwind und die Windsbraut als die Wolke, die der Sturm jagt, oder als den Wind, der einem Gewitter vorangeht:<\/p>\n<p>\u201eSeit alter Zeit hei\u00dft der einem Gewitter vorausgehende Wirbelwind Windsbraut,<span>\u00a0<\/span><em>Windis prut<\/em><span>\u00a0<\/span>oder \u201adas fahrende Weib\u2019\u201c<\/p>\n<p>In der Tat steckt viel mehr in diesem Verh\u00e4ltnis und die Sagen schildern dies in etwas brachialer Form:<\/p>\n<p>\u201eZwei Knaben h\u00fcteten eines Abends in Mecklenburg Pferde und sahen zwei wei\u00dfgekleidete Frauen vor\u00fcbergehen, w\u00e4hrend vom Berge her der Wauld h\u00f6rbar war. Der L\u00e4rm der wilden Jagd brauste heran, und auf gro\u00dfem kohlschwarzem Pferde, von gro\u00dfen und kleinen Hunden umgeben, stand der wilde J\u00e4ger pl\u00f6tzlich vor ihnen. Er fragte die Knaben ob sie nicht zwei wei\u00dfe Frauen gesehen h\u00e4tten. Diese best\u00e4tigten es und f\u00fcgten hinzu, die eine h\u00e4tte gesagt, \u201ala\u00df ihn nur jagen, er hat sich noch nicht gewaschen\u2019. Darauf befahl er, ihm einen Topf mit Wasser zu bringen und wusch sich darin. Bald kam die Wilde Jagd zur\u00fcck; quer \u00fcber dem Hengste hingen, mit den Haaren zusammengebunden, die beiden Frauen.\u201c (D.S. Nr. 47, 48, 270).<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlicher findet man die Jagd nach der Frau in Dietrichs Kampf mit dem \u201eWunderer\u201c, dem wilden J\u00e4ger, der hier negativ als Riese geschildert ist. Die Erz\u00e4hlung verr\u00e4t die h\u00f6fische Umbildung:<\/p>\n<p>Als K\u00f6nig Etzel einst mit seinen Helden beim Mahle sa\u00df, kam fl\u00fcchtig eine sch\u00f6ne Jungfrau in das Gemach und bat um Schutz vor einem schrecklichen Manne, der wilde Wunderer genannt, der sie seit drei Jahren verfolge und sie fressen wolle. Etzel suchte sie zu beruhigen; auf ihre Bitten, wenigstens die Burgtore zu schlie\u00dfen, damit der Unhold nicht hineink\u00e4me, versicherte er, die Tore w\u00e4ren niemals verschlossen, weil Bittende immer Zutritt h\u00e4tten und Feinde nicht einzudringen wagten; aber sie m\u00f6chte unter den Helden in seinem Saale einen aussuchen, der ihr stark genug erschiene, den Riesen zu bek\u00e4mpfen. Die Jungfrau aber war mit wunderbaren Kr\u00e4ften ausgestattet und hatte die Gabe, der Menschen Gedanken in ihrer Seele zu lesen. Nur zwei M\u00e4nner erblickte sie, die den Feind bestehen konnten. Sie trat zuerst auf R\u00fcdiger zu, aber er str\u00e4ubte sich, weil er zu alt w\u00e4re und Weib und Kind daheim h\u00e4tte. Da wandte sie sich an den stolzen Dietrich; w\u00e4hrend der Berner seine Bereitwilligkeit erkl\u00e4rte, erklang drau\u00dfen des wilden J\u00e4gers Horn. Bald st\u00fcrmten seine R\u00fcden schnobernd in den Saal, und schon ert\u00f6nte donnernd seine Stimme, die von den Torw\u00e4chtern Einlass begehrte. Gleich darauf st\u00fcrzte er in das Gemach, mit seinem Scheitel stie\u00df er an das Gew\u00f6lbe, mit rohen Worten forderte er seine Beute: Sein Vater h\u00e4tte sie ihm zur Ehe versprochen, aber sie verschm\u00e4hte ihn; weil er sie einem andern nicht g\u00f6nnte, wollte er sie auffressen. Weinend best\u00e4tigte die holde Jungfrau, dass sie lieber sterben als dem Ungeheuer angeh\u00f6ren wollte. Da griff Dietrich eilig zu seinen Waffen; wohl schlug der Riese ihm manche scharfe Wunde, aber endlich gelang es ihm doch, den W\u00fcterich zu \u00fcberwinden. Mit hei\u00dfen Worten dankte ihm die K\u00f6nigstochter und gab sich zu erkennen: S\u00e4lde w\u00e4re sie genannt, und pl\u00f6tzlich war sie vor aller Augen entschwunden.<\/p>\n<p>\u201eDie \u00dcbereinstimmung mit den Sagen vom wilden J\u00e4ger, der die Windsbraut oder die Holz- und Moosweibchen verfolgt, vom Woden, der den \u201asaligen Fr\u00e4ulein\u2018 nachsetzt, liegt deutlich zutage.\u201c<\/p>\n<p>Wie in Mecklenburg finden sich im gesamten germanischen Sprachraum gleichlautende Erz\u00e4hlungen. Von besonderem Interesse sind hier die in K\u00e4rnten \u00fcberlieferten \u201eSaligen (seligen) Frauen\u201c, auch Salaweiber oder Salkweiber. Dass es sich hier um Fruchtbarkeitswesen handelt, ist unzweifelhaft. Sie vertragen keinen L\u00e4rm (Waffenl\u00e4rm, Peitschenknallen), sind schnell zu verschrecken, manchmal reichen dazu schon abwehrende Handbewegungen. Sie vertragen keine Unreinheit, ebenso empfindlich reagieren sie auf Schelte, Missgunst und Eidbruch oder Gier. Ihre Verwandtschaft mit den nordischen<span>\u00a0<\/span><em>Landv\u00e6ttir<\/em>, dem Huldrefolk, den Landwichten oder Landdisen ist unverkennbar. Geschildert sind sie als sch\u00f6ne, schlanke Frauen mit goldenen Haaren, sie sind flei\u00dfig und schenken den Bauern Fruchtbarkeit. Werden die saligen Frauen ver\u00e4rgert, verlassen sie den G\u00fcnstling auf der Stelle und mit ihnen verl\u00e4sst den Bauern auch Friede, Gedeihen und Wohlstand, so dass er schlie\u00dflich sogar Haus und Hof verlassen muss.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der oben genannten Sage des J\u00e4gers, der die zwei wei\u00dfen Frauen jagt und erst erreichen kann, nachdem er sich gewaschen hat, stehen in K\u00e4rnten Sagenmotive, nach denen die saligen Frauen auch \u201ewei\u00dfe Frauen\u201c genannt werden, sowie das Motiv des Waschens, also der Reinheit, ein Aspekt, der bei Naturgeistern eine bedeutende Rolle spielt. (In genau gleicher Weise \u00fcbrigens auch in Mecklenburg: Waschen des J\u00e4gers und Jagd nach den wei\u00dfen Frauen). In der folgenden Sage wird zwar nichts \u00fcber die Jagd berichtet, doch man sieht deutlich, wie eine Opferhandlung zusammen mit dem Waschen (Reinheit) die Huld der Vegetationsgeister erregt.<\/p>\n<p>\u201eEines Morgens trug eine Dirn das Fr\u00fchst\u00fcck zu den Leuten auf das Feld hinaus. Als sie am Wald vorbeiging, vernahm sie auf der H\u00f6he, wo damals die Saligen Frauen wohnten, Kindergeschrei. Sie h\u00f6rte eine Stimme: \u201aSeid still, Kinder, da drunten geht eine Dirn vorbei, die ist heute noch nicht gewaschen und wird alles versch\u00fctten.\u2018 Die Dirn, die alles geh\u00f6rt hatte, sah sich jedoch vor und wusch ihr Gesicht in dem n\u00e4chsten B\u00e4chlein. Damit aber die Saligen nicht leer ausgehen sollten, stellte sie eine Sch\u00fcssel voll Sterz und Milch auf den Weg und eilte weiter. Als sie sp\u00e4ter zur\u00fcckkam, fand sie die Sch\u00fcssel leer. Zu ihrer freudigen \u00dcberraschung lag unter der umgest\u00fclpten Sch\u00fcssel ein Klumpen Gold.\u201c [Greifenburg]<\/p>\n<p>Der wilde J\u00e4ger, der in Tirol, K\u00e4rnten und anderswo auch der wilde Mann hei\u00dft, bildet\u00a0 zuweilen auch das m\u00e4nnliche Gegenst\u00fcck zu den s\u00e4ligen Frauen. In der Geschichte \u201eVon der Salawand\u201c werden die S\u00e4lden geradezu als ein eigenes Volk beschrieben, so wie andernorts die Landwichte das \u201ekleine Volk\u201c hei\u00dfen. Neben dem m\u00e4nnlichen Fruchtbarkeitspendant bei den Saligen als wilder Mann erscheint der J\u00e4ger ebenso als eigene Figur der wilden Jagd. Hier macht es etwas M\u00fche, die Vorstellungen auseinander zu halten. Man muss unterscheiden\u00a0 zwischen den personifizierten m\u00e4nnlichen und meist weiblichen Fruchtbarkeitsm\u00e4chten auf der einen und der F\u00fchrung der wilden Jagd auf der anderen Seite durch Wodan oder Holle\/Perchta, denn beide Seiten gehen miteinander eine Beziehung ein. Gegen\u00fcber dem meist m\u00e4nnlichen wilden J\u00e4ger spielt Perchta im Alpenraum anscheinend die gr\u00f6\u00dfere Rolle als F\u00fchrerin der Jagd. Sie ist hier das weibliche Gegenst\u00fcck in der wilden Jagd. Es findet sich hier auch der wilde J\u00e4ger unter dem klingendem Namen Berchthold.<\/p>\n<p>Auf den Aspekt der Fruchtbarkeit bei der wilden Jagd haben wir bereits hingewiesen. Das Land ist umso ertragreicher wenn die Jagd nur so dar\u00fcbertobt. In dem Aspekt des Jagens nach dem Moosweib, der wei\u00dfen Frau oder der Saligen vereint sich Religion und Sitte analog zu Fruchtbarkeit der Natur und der Fruchtbarkeit menschlicher Verm\u00e4hlung: So wie der J\u00e4ger als Totenf\u00fchrer den weiblich gedachten Fruchtbarkeitsgeist jagt, ist letztlich auch der Kreis an der Stelle geschlossen, nach dem im Volksglauben die Verstorbenen f\u00fcr die Fruchtbarkeit verantwortlich sind, dass Leben ohne den Tod nicht m\u00f6glich ist. Der Kreislauf von Leben und Tod stellt also den eigentlichen Kern des Mythos dar. Die sagenhafte Verarbeitung erz\u00e4hlt von dem J\u00e4ger, der eine wei\u00dfe Frau, eine Salige, ein Moosweib jagt. Die Betonung liegt allerdings auf dem jagen, nicht auf dem \u201ehetzen\u201c. Man konnte sich schon in alten Zeiten fragen, wonach der J\u00e4ger eigentlich jagt. Eine Jagd ohne Ziel ist in der Tat nur ein fahriges Herumirren und erst die Erkl\u00e4rung, dass der J\u00e4ger nach der \u201eBeute\u201c, also der Fruchtbarkeit verlangt, findet so eine logische Befriedigung. Es liegt auf der Hand, dass die genealogische Entwicklung der Menschen analog zum Jahreskreislauf von Fruchtbarkeit und Gedeihen gesehen werden konnte und dass \u2013 wie in der Natur \u2013 der Aspekt des Todes eine bedeutende Rolle spielt.<\/p>\n<p>Zu einem Pferdehirten, der des Nachts drau\u00dfen in der Koppel bei den Pferden war, die gerade an einem Kreuzwege lag, kam eilig eine Frau gelaufen und bat ihn, sie \u00fcber den Weg zu bringen. Da sie ihn so flehentlich bat, fand er sich endlich bereit dazu und brachte sie hin\u00fcber. Sogleich lief sie so schnell sie nur konnte weiter, ward aber in wunderbarer Weise immer kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur noch auf den Knien zu laufen schien. Gleich darauf st\u00fcrzte ein Reiter, der wilde J\u00e4ger, mit seinen Hunden herbei und verlangte ebenfalls, \u00fcber den Kreuzweg gebracht zu werden; seit sieben Jahren jage er schon nach jener Frau, und wenn er sie in dieser Nacht nicht bek\u00e4me, sei sie erl\u00f6st. Da brachte ihn der Hirt samt seinen Hunden hin\u00fcber, und es dauerte nicht lange, so kam der wilde J\u00e4ger zur\u00fcck und hatte die nackte Frau quer vor sich liegen.<\/p>\n<p>Kreuzwege haben eine alte magische Bedeutung. Man opferte an Kreuzwegen auch, um m\u00f6gliches Unheil durch die Verstorbenen abzuwenden, und man sollte zu einem Kreuzweg fl\u00fcchten, weil dort die Jagd ihre Kraft verliert. Bemerkenswert ist, dass der Pferdehirt den J\u00e4ger bereitwillig \u00fcber den Kreuzweg bringt. Auffallend ist auch, dass die Frau quasi als Beute des J\u00e4gers dargestellt ist (ein h\u00e4ufig wiederkehrendes Motiv). Auf Falster und Moen jagt der \u201eGroenjette\u201c die Meerfrau, die er nach siebenj\u00e4hrigem Jagen einf\u00e4ngt und vor sich aufs Pferd wirft. In einigen Gegenden zeigt sich der J\u00e4ger erst nach einigen Jahren wieder, in Hessen, Westfalen, Hannover, Rheinpfalz nach sieben Jahren. Man darf annehmen, dass diese Frist irgendeine Bedeutung hat.<\/p>\n<p>Die \u201eBeute\u201c, steht meiner Ansicht nach sicher (wie in der K\u00e4rntner Sage) mit dem Jagen nach der wohlstandbringenden Fruchtbarkeit in Verbindung, denn das Jagdziel sind bis auf wenige Ausnahmen im allgemeinen die Holz-, Moos- und Waldfrauen, die wei\u00dfen Frauen wie die Saligen oder die \u201eUnterirdischen\u201c wie in Holstein.<\/p>\n<p>Doch in der Frist von sieben Jahren liegt m\u00f6glicherweise noch etwas anderes verborgen. Die Brautgabe war \u00fcber lange Zeit ein Mittel der Eheanbahnung. Wenn man dies auch f\u00fcr die Germanen vermuten darf, dann hat die Brautwerbung sicher auch \u00f6konomische Gr\u00fcnde gehabt. Vielleicht weist dieses Detail der Wilden Jagd auf eine \u00e4ltere matrilineare oder matrilokale Gesellschaftsordnung, die f\u00fcr das germanische Heidentum noch untersucht werden m\u00fcsste. Vielleicht steckt in der \u201eFrau als Beute\u201c auch eine Erinnerung an ein \u00f6konomisches Motiv, einer lohnenden Eheverbindung. Aber auch ohne das ist die \u201eBeute von Fruchtbarkeit und Wohlstand\u201c hinreichender Grund f\u00fcr die Jagd. Den Brautlauf, der der Hochzeit den Namen gegeben hat, als Gedanken an eine Raubehe aufzufassen, hat man schon fr\u00fch eine Absage erteilt, nicht zuletzt weil altgerm. \u201a<em>laufen<\/em>\u2019\u2026 nicht \u201a<em>rennen<\/em>\u2019 sondern \u201a<em>springen<\/em>\u2019 bedeutet.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Detail liegt in der Angabe, dass der J\u00e4ger die Frau \u201eschon seit sieben Jahren jage und wenn er sie in dieser Nacht nicht bek\u00e4me, sei sie erl\u00f6st\u201c. Das deckt sich genau mit den rechtlichen Bestimmungen der Hochzeit, wie sie in den altwalisischen Gesetzen (niedergeschrieben im 11. Jahrhundert) aufgezeichnet sind, und sich auch sonst in anderer Form im Volksglauben niedergeschlagen haben. Das sprichw\u00f6rtliche \u201everflixte siebte Jahr\u201c geh\u00f6rt sicher ebenfalls hierhin. Noch heute h\u00e4lt sich der Glaube, dass eine Ehe nach sieben Jahren eine kritische Phase erreicht. Die Heiratsbr\u00e4uche erz\u00e4hlen in umgekehrter Weise, dass ein Paar, das sieben Jahre miteinander gelebt hat, auch ohne f\u00f6rmlichen Beschlu\u00df nun verheiratet sei.<\/p>\n<p>\u201eIn Wales wurde eine Ehe erst unl\u00f6slich, oder besser unk\u00fcndbar, nach sieben Jahren. Fehlten nur drei N\u00e4chte an den sieben Jahren, so konnten die Gatten sich trennen.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcbereinstimmend bei Kelten und Germanen scheint \u00fcbrigens auch die m\u00fchelose Durchf\u00fchrung einer Scheidung gewesen zu sein, die vermutlich gerade vor dieser Frist ohne Hindernis war. Die milden kirchlichen Vorschriften der Bu\u00dfb\u00fccher sowie der Umstand, dass Ehen von der Frau selbst\u00e4ndig gel\u00f6st werden konnten, entspricht der Sitte bei den Kelten.<br \/>\nDen noch heute weitverbreiteten Brauch, die Brautleute mit Reis oder K\u00f6rnern zu bewerfen, anderenorts wurden S\u00fc\u00dfigkeiten wie N\u00fcsse oder Datteln (in Griechenland) ausgestreut, fasst de Vries als magische Handlung auf, die auf die Fruchtbarkeit (der Braut) Bezug nimmt. Fruchtbarkeit, Tod und Leben, Hochzeit als Brautlauf bilden zusammen im nat\u00fcrlichen Jahrskreislauf eine nat\u00fcrliche Einheit.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der bestrafte Sp\u00f6tter<\/h2>\n<p>Abschlie\u00dfend soll noch auf ein oft erw\u00e4hntes und mysteri\u00f6ses Motiv der wilden Jagd eingegangen werden, um den Sagenkomplex ersch\u00f6pfend auszuloten. In zahlreichen Berichten \u00fcber die Wilde Jagd liest man von Menschen, die den L\u00e4rm und das Geheul der Wilden Jagd nachahmen und daf\u00fcr ein zweifelhaftes Geschenk erhalten. Ihnen wird eine verwesende Pferde-, B\u00e4ren- oder Hirschkeule herabgeworfen, die meist entsetzlich stinkt.<\/p>\n<p>\u201eEin Kohlenfuhrmann, der zwischen Sch\u00fcllar und dem Sehlbach einmal dem wilden J\u00e4ger begegnete und ihm antwortete, bekam ein altes Pferd auf seine Karre heruntergeschmissen und der wilde J\u00e4ger rief: Du hast mir helfen jagen, sollst mit helfen nagen.\u201c<\/p>\n<p>In K\u00e4rnten wird die Percht abgewiesen, worauf sie mit einem Fluch einen Klumpen Fleisch in die Stube wirft:<\/p>\n<p>\u201eDie Leute waren entsetzt und wu\u00dften nicht, was tun, um das unheimliche Geschenk loszuwerden. Da riet der Ortspfarrer, es n\u00e4chstes Jahr zur gleichen Zeit an dieselbe Stelle zu legen. Die Perchtl w\u00fcrde kommen, um ihr Eigen zu holen. Die Frau tat dies, und im n\u00e4chsten Jahr erschien genau zur selben Stunde das \u201eWilde Gloat\u201c und holte sein St\u00fcck Fleisch wieder ab.\u201c<\/p>\n<p>Es gilt als verderblich, die n\u00e4chtliche Jagd im Vor\u00fcberziehen anzurufen, und zieht sie vor\u00fcber, sollte man tunlichst in Deckung gehen: Flach auf den Bauch legen, das Gesicht zur Erde, funktioniert meistens, aber nicht immer. Wenn im Wald oder auf dem Weg jemand in das Geschrei und Geheule der Jagd einstimmt, gilt es als Spott und Respektlosigkeit, die vom J\u00e4ger mit den Worten quittiert wird: \u201eHast helfen jagen, sollst helfen nagen\u201c, worauf dem Sp\u00f6tter das erw\u00e4hnte \u201eGeschenk\u201c hingeworfen wird. Das wiederkehrende Motiv von negativer Gabe und Spruch des J\u00e4gers findet sich in zahlreichen Variationen. Vereinzelt wird dem Sp\u00f6tter auch ein Menschenbein herabgeworfen (an dem noch ein Strumpf oder Schuh h\u00e4ngt), ein Menschenfu\u00df wird ins Bett geworfen oder einfach ein St\u00fcck verwesendes Fleisch mitten in die Stube. Eine H\u00e4ufung findet man im Fall der stinkenden Pferdekeule, und immer wird diese Gabe begleitet mit dem Spruch \u201eHalfest Du mir heute jagen, so kannst Du jetzt auch Knochen nagen.\u201c Aus \u201enagen\u201c wird zuweilen \u201eknagen\u201c, \u201eklagen\u201c oder \u201etragen\u201c.<\/p>\n<p>Diese Gabe ist oft nicht von dem Ort, an den sie geworfen wurde, fortzubewegen, sie haftet z.B. \u00fcber der T\u00fcr oder am Fenster und es bedarf magischer Mittel \u00fcber Jahresfrist, um sich der Sache wieder entledigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass der begleitende Spruch \u2013 wie H\u00f6fler annimmt \u2013 von einem einzelnen Menschen ersonnen wurde, erscheint vielleicht wenig glaubw\u00fcrdig, aber das wird man kaum abschlie\u00dfend beurteilen k\u00f6nnen. Andererseits scheint er im Volksglauben bereitwillig aufgenommen worden zu sein, da er sich in Nord- wie in S\u00fcddeutschland und den Alpen findet. Aber was steckt dahinter? Zun\u00e4chst sicher die Scheu vor d\u00e4monischen M\u00e4chten, denen man vorsichtig begegnen sollte. Die Warnung davor, der Jagd zu spotten, scheint mehr als eine p\u00e4dagogische Ma\u00dfnahme zu sein.<\/p>\n<p>\u201eDie allegorisierende Mythenforschung hat in dem (abscheulich stinkenden, zur Strafe herabgeworfenen!) Pferdefu\u00df tiefsinnigerweise einen Beweis f\u00fcr Wotans G\u00fcte gesehen, der aus seinem unersch\u00f6pflichen Reichtum spende! Aber keineswegs besser als solcher schw\u00e4rmender Romantizismus war die der n\u00fcchternen Folgezeit so liebe naturmythologische Auffassung. In der herabgeworfenen verwesenden Pferdekeule, die \u00fcber der T\u00fcr oder am Fensterkreuz h\u00e4ngen bleibt und von dort nicht wegzubekommen ist, bis man magische Mittel verwendet, sah die naturmythologische Schule den Blitz, in den Worten des J\u00e4gers (\u201aHast mit helfen jagen, sollst mit helfen nagen\u2018) dagegen den Donner!\u201c<\/p>\n<p>Die prompte Kritik, dass eine stinkende Pferdekeule nicht gerade eine \u00fcberw\u00e4ltigende \u00c4hnlichkeit mit einem Blitz aufweist, erfolgte nat\u00fcrlich zu Recht. Auch wenn es sich in der Regel um ein schlechtes Geschenk handelt: Nicht in allen Sagen ist diese Gabe negativ, insbesondere dann nicht, wenn das Mit-Jagen eben nicht als Spott verstanden wird. Der menschliche Mitj\u00e4ger erh\u00e4lt einen Teil der Beute, die sich als Gl\u00fcck herausstellt, wenn die Mit-Jagd aufrichtig ist. Der Anteil besteht dann aus einem essbaren St\u00fcck Fleisch (wieder zumeist einer Pferdekeule), es ist ein Teil des Moosweibchens (ein St\u00fcck Gl\u00fcck und Gedeihen), oder die Gabe verwandelt sich in Gold und Silber:<\/p>\n<p>In einer mecklenburgischen Sage wird von einem Bauern erz\u00e4hlt, der seines Weges schlich, als pl\u00f6tzlich ein Hirsch vor ihn hinfiel. Der Wod ist da, springt von seinem Ross und zerlegt das Wild: \u201eDu sollst von dem Blute und ein Hinterviertel haben\u201c, sagte er. \u201eIch habe keinen Eimer und keinen Topf\u201c, sagte der Bauer. \u201eSo zieh deinen Stiefel aus\u201c, sagte der Wod. Der Bauer tat wie ihm gehei\u00dfen und trug Fleisch und Blut des Hirsches im Stiefel weiter. Die Last wurde ihm immer schwerer, und nur mit M\u00fche erreichte er sein Haus. Als er nachsah, war der Stiefel voll Gold und das Hinterst\u00fcck ein lederner Beutel voll Silber.<\/p>\n<p>\u201eEin andermal liegen Pferdejungen in der Nachtkoppel und schreien ihm (dem wilden J\u00e4ger) nach, da kommt er mit seinen Hunden herangebraust, zerrei\u00dft ein Pferd, nimmt sich ein Teil davon, ein anderes gibt er den Hunden und auch der Knechte jeder erh\u00e4lt ein St\u00fcck, wobei er sagt: \u201aHast du helfen jagen \/ sollst auch helfen knagen\u2018, und darauf zieht er wieder ab. Die Knechte aber, die von dem Braten gegessen, sind am Leben geblieben, die\u2018s nicht getan, sind bald danach gestorben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch die (\u00fcbrigens vereinzelte) Variante, da\u00df die Wilde Jagd einem Eber nachsetze und ein Holzhacker, der jagen geholfen, vierzehn Tage lang Eberfleisch einsalzen konnte, ist viel logischer, und \u2014 dies ist methodisch wichtig \u2014 sie erweist sich eben dadurch als sekund\u00e4re Umgestaltung.\u201c<\/p>\n<p>Der Hinweis auf die Bedeutung des Pferdes in heidnischer Zeit weist bei der Frage nach der Urspr\u00fcnglichkeit des Motivs in die richtige Richtung: Die Angaben Adams von Bremen \u00fcber die Opferfeiern in Uppsala, nach denen man Pferdeteile der Verwesung anheim gab, wie auch die Berichte Tacitus\u2018 vom Schauplatz der Varusschlacht, sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert, waren dort ja u.a. Pferdek\u00f6pfe an B\u00e4umen befestigt. Weitere Hinweise auf sp\u00e4tere Sitten, die in modifizierter Form sogar bis auf den heutige Tag existieren, finden sich bei Sartori, so z.B. dass es Sitte war, Pferdesch\u00e4del\u00a0 \u00fcber der Haust\u00fcr und am Dachgiebel zu befestigen. Der Zusammenhang mit dem Pferd und der Spiegelung in \u00e4ltesten wie neueren Sitten ist un\u00fcbersehbar. Die Frage, warum es sich erstens zumeist um Pferdeschinken handelt und zweitens, warum diese Gabe in der Regel als negative Gabe dargestellt wurde, erkl\u00e4rt sich dagegen aus der Umbildung des Sagenstoffes. H\u00f6fler wendet sich \u2013 sicher zu Recht! \u2013 gegen die Annahme, dass von der Wilden Jagd Pferde als Jagdwild gejagt wurden, vielmehr denkt er hier an die \u201eSpeise der Jagd\u201c und verbindet die Gabe der Keule mit dem alten Kultmahl: \u201eWir brauchen nur anzunehmen das man fr\u00fcher hier au\u00dfer dem Kopf\u00a0 auch einen Schenkel des Tieres verwendete und die Kette des Beweises schlie\u00dft sich.\u201c Es braucht nicht viel Phantasie, um sich den praktischen Ablauf einer Hausschlachtung vorzustellen. Sobald das Tier get\u00f6tet ist, h\u00e4ngt man es zum Ausbluten auf. In fr\u00fcheren Zeiten erfolgte das gew\u00f6hnlich an einer Hauswand, einem Pfosten, oder in einer gr\u00f6\u00dferen T\u00fcr.<\/p>\n<p>Dass die ungewollte Gabe der verwesenden Keule an den Sp\u00f6tter nicht von der Stelle zu bewegen ist und oft unverr\u00fcckbar an der T\u00fcr oder dem Fenster haftet, klingt wie eine Verfluchung des Mahles, vor allem des alten Kultmahls, ein Fluch, den der Sp\u00f6tter selbst auf sich gezogen hat. Dieses Motiv zielt wohl urspr\u00fcnglich auf die Gemeinschaft, der sich jemand enthebt, der die Wilde Jagd nicht achtet. Der Fluch haftet an ihm f\u00fcr ein Jahr \u2013 bis die Wilde Jagd wieder vor\u00fcberzieht. Angelehnt an seine Funde \u00fcber die emphatische Verbindung von Ahnen und jungen M\u00e4nnerb\u00fcnden, die als \u201everwandelte Ahnenkrieger\u201c im Brauch die Wilde Jagd darstellen, sieht H\u00f6fler in dem Kultmahl die urspr\u00fcngliche Speiseform dieser B\u00fcnde. Im Grundsatz ist das nicht von der Hand zu weisen, denn es ist unzweifelhaft, dass das Pferd bei den Heiden das bedeutendste Opfertier war. Doch das Pferdemahl war nicht etwas exklusives<span>\u00a0<\/span><em>f\u00fcr diese B\u00fcnde<\/em><span>\u00a0<\/span>wie H\u00f6fler nahelegt, sondern es war<span>\u00a0<\/span><em>allgemein<\/em><span>\u00a0<\/span>ein bedeutendes Kultmahl.<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt sich aber noch nicht, warum in einigen Sagen diese Gabe \u00fcberhaupt negativ umgestaltet wurde. Hier wird man an die Speiseverbote der Kirche denken m\u00fcssen, die mit dem Verbot des Genusses von Pferdefleisch bedeutenden Einfluss genommen hat. Das Verbot von 732 durch Papst Gregor III. hat keinen plausibleren Hintergrund, als den damals allgemein verbreiteten heidnischen Kult zu treffen. Das extrem schmackhafte und ern\u00e4hrungswissenschaftlich wertvolle Pferdefleisch gilt seit der Christianisierung \u2013 und sogar teilweise bis heute noch \u2013 als verp\u00f6nt (wohl auch deshalb, weil das Pferd heute eher die Bedeutung des \u201eedlen\u201c Reittiers mit Streicheltier-Charakter erlangt hat). So erz\u00e4hlt dementsprechend auch eine Sage aus dem Harz, dass der Wilde J\u00e4ger einst Christus am Trinken gehindert h\u00e4tte. Zur \u201eStrafe\u201c muss er nun \u201eewig wandern und sich von Rossfleisch ern\u00e4hren\u201c. Pferdefleisch als \u201eStrafe\u201c und zum anderen die Scheu vor d\u00e4monischen M\u00e4chten, die in christlicher Zeit negativ aufgefasst wurden, erkl\u00e4rt letztlich auch das Motiv des \u201ebestraften Sp\u00f6tters\u201c.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Todesvorstellungen<\/h2>\n<p>Frau Holle und die gleichbedeutende Perchta haben mit der skandinavischen Hel die Bedeutung des Namens gemeinsam. \u201eHel\u201c bezeichnet das Totenreich und kommt auch personifiziert als weiblicher Name vor. Die Namen haben alle mit \u201everh\u00fcllen und verbergen\u201c zu tun und spielen deutlich auf die heidnische Vorstellung der Totenwelt an, die den Verstorbenen in der Welt anwesend verstand, lediglich den Augen verborgen.<\/p>\n<p>Holle-Perchta erscheint als F\u00fchrerin der Wilden Jagd damit als \u201eToteng\u00f6ttin\u201c, die in Skandinavien als \u201eHel\u201c eine deutlich st\u00e4rkere Auspr\u00e4gung erhielt als im S\u00fcden Germaniens, wo der Bezug zur Wilden Jagd etwas deutlicher ausgepr\u00e4gt zu sein scheint. Das mag vielleicht darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass es im Norden durch Snorri und die Skaldik eine \u201etheologische\u201c Bearbeitung des mythischen Stoffes gegeben hat. Vielleicht kann man das aber auch dem Umstand zuschreiben, dass in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz durch die Christianisierung schon fr\u00fch gerade die Hauptg\u00f6tter d\u00e4monisiert wurden und sie als verdeckte Sagengestalten ein l\u00e4ngeres, aber weniger \u201etheologisch\u201c ver\u00e4ndertes Leben hatten.<br \/>\nDoch hat sich im germanischen S\u00fcden der christliche Einflu\u00df anders bemerkbar gemacht. Frau Holle gewinnt durch die Ann\u00e4herung an die christliche \u201eGottesmutter\u201c Maria im Laufe der Zeit mehr den Charakter einer Holdseligen, und gleichfalls wird Perchta anscheinend mehr zur belohnenden und strafenden mythischen Gestalt. Plischke wendet sich gegen die Ansicht, dass Holla urspr\u00fcnglich Kinder in die Wilde Jagd aufgenommen haben soll, und vermutet darin eine Folge der kirchlichen Taufpraxis. Hier geht es ausschlie\u00dflich um ungetaufte Kinder, die man als \u201eHeidenkinder\u201c ansehen musste (obschon auch die Heiden ihre Kinder tauften und die Wassertaufe der Christen ohnehin von \u201eden Heiden\u201c \u00fcbernommen worden war).<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entwicklungen<\/h2>\n<p>Kommen wir abschlie\u00dfend noch einmal auf Wodan zu sprechen, wie der Gott in den nordischen \u00dcberlieferungen dargestellt ist. Ausgehend vom Charakter des wilden J\u00e4gers hat sich die Wodans- bzw. Odinsvorstellung weiterentwickelt. Ist er hier der Seelenf\u00fchrer der vorzeitig Verstorbenen, zeigt sich bei Wallhall dasselbe Bild \u2013 aber in ganz anderer Fassung. Parallel zu Wallhall hat sich auch die Walk\u00fcrenvorstellung entwickelt. Zuletzt werden wir noch kurz auf die Einherjar eingehen, damit man sich ein erweitertes Bild von der Entwicklung der Wodansvorstellung und der Entwicklung des Heidentums machen kann.<\/p>\n<p>\u201eIn der Dichtung des 10. Jahrh. wird der Gedanke, da\u00df der in der Schlacht gefallene Krieger zu Odin f\u00e4hrt, oft ausgesprochen. Der Sieger im Kampfe weiht Odin die von ihm Erschlagenen. Hakon Jarl hat neun tapfere M\u00e4nner zu Odin gesandt, sagt Thorleifr jarlaskald in seiner Hakonardrapa (Skj I, 132).<\/p>\n<p>Wodan als m\u00e4nnliche Leitung der Jagd bezieht sich besonders in Zeiten von archaischen Kleinkriegen wesentlich st\u00e4rker auf die m\u00e4nnlichen im Krieg Gefallenen, woraus sich in der Wikingerzeit schlie\u00dflich die idealisierte Vorstellung der \u201eHalle der Gefallenen\u201c \u2013 Wallhall gebildet hat. Wallhall ist kein \u201eweiteres Totenreich\u201c neben Hel, sondern eine auf rein kriegerischen Idealen beruhende Weiterentwicklung der Wilden Jagd.<\/p>\n<p>Es sei erlaubt, an dieser Stelle kurz auf die in den Quellen genannten verschiedenen Totenreiche einzugehen. Wie man am Beispiel der Wilden Jagd und Walhall unschwer erkennen kann, handelt es sich nicht um Vorstellungen von verschiedenen jenseitigen Welten, sondern um gedankliche Auspr\u00e4gungen, die sich aus speziellen Bed\u00fcrfnissen ergaben. Verlangt die m\u00fctterliche Trauer um das verstorbene Kind nach einem Bed\u00fcrfnis der Erkl\u00e4rung, Milderung und Bew\u00e4ltigung der Trauer, dann kann dieses Bed\u00fcrfnis nat\u00fcrlich nicht mit dem sp\u00e4ter idealisierten Kriegerparadies Wallhall befriedigt werden. Es kn\u00fcpft sich verst\u00e4ndlicherweise an f\u00fcrsorglichere Vorstellungen, die mit Hel, Holda, Perchta besser \u00fcberein stimmen. Das bedeutet nun nicht, dass verstorbene Kinder in einer anderen verborgenen Welt weiterleben als die Alten, die am Lebensende gegangen sind. Der Tod als Macht erschien sicherlich auch in heidnischen Zeiten wie ein Monolith, den man nicht erkennen kann. Gerade die dreiste Versicherung der Missionare, vom Tod genauen Bescheid zu wissen, half bei der Durchsetzung der Christianisierung und zeigt also, dass es sich hier nicht um exakte Vorstellungen handelte, sondern um bewusste Projektionen. Die menschlichen Bed\u00fcrfnisse der Lebenden haben hier Abhilfe geschaffen und verschiedene Vorstellungen vom Verbleib der lieben Menschen gebildet, die man deshalb aber nicht als kanonisierte Vorstellungen verschiedener \u201eReiche\u201c betrachten sollte.<\/p>\n<p>Die Walk\u00fcren erscheinen im sp\u00e4teren Walhall als die Dienerinnen Odins. Simek hat die Entwicklung der Walk\u00fcren sehr sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt: \u201eVon schaurigen Leichend\u00e4monen zu eleganten Empfangsdamen des Kriegerparadieses\u201c. Die Walk\u00fcren sind Wesen welche die \u201eWal\u201c k\u00fcren, \u2013 den Lebenden zum Tode bestimmen. Das Wagnerianische Bild wollen wir uns hier ersparen, doch es entspricht den (weiter \u00fcbertriebenen) Personifikationen der Walk\u00fcren als Dienerinnen und Untergebene, wie es schon im jungen Sigdrifalied zum Ausdruck kommt. Dagegen grenzt sich schroff das Walk\u00fcrenlied ab. Dort erscheinen die Wesen als schreckliche Weberinnnen, die aus den Ged\u00e4rmen der Gefallenen das Schicksal bestimmen.<\/p>\n<p>\u201eIn allen germ. Dialekten bedeutet ahd. wal, ags. wael, an. valr, den Haufen der Erschlagenen oder die Stelle, wo sie liegen; im nd. vom 13. Jahrh. an bis heute bezeichnet Wall einen Haufen, \u2026 (\u2026scharenweise, in Menge).\u201c<\/p>\n<p>Ein \u201eK\u00fcren der Wal\u201c bedeutet demnach ein Ausw\u00e4hlen der Krieger, die fallen sollen. Die Walk\u00fcren sind urspr\u00fcnglich die Wesen, die den Krieger vom Leben zum Tode bef\u00f6rderten. Es handelt sich bei den Walk\u00fcren also um Wesen, die das Schicksal des Kriegers in Erf\u00fcllung gehen lassen. Damit waren sie aber weniger \u201eWesen\u201c als \u201eUmst\u00e4nde\u201c, wie die redenden Namen der Walk\u00fcren bezeugen. Eine Walk\u00fcre war zu jener Zeit jenes Etwas, das den Tod des Kriegers bestimmte \u2013 also verursachte, etwas, das sich im Schlachtget\u00fcmmel befand und darin wirkte. Wenn der Name der Walk\u00fcre Mista \u201eNebel\u201c bedeutet, dann kann man sich denken, in welcher Weise \u201eNebel\u201c \u00fcber das Schicksal eines Kriegers in der Schlacht entscheiden konnte. Hier ist die naturmythologische Folgerung zwingend. Weitere Walk\u00fcrennamen best\u00e4tigen diese Vermutung: Goll (<em>L\u00e4rmerin<\/em>), Geironul (<em>mit dem Speer vorst\u00fcrmend<\/em>), Swipul (<em>die Schnelle, Ver\u00e4nderliche<\/em>), Gondul (<em>die Zauberkr\u00e4ftige<\/em>), Walthogn (<em>Kampftote empfangend und verzehrend<\/em>). Das sind Walk\u00fcrennamen, die direkten Beinamen Odins entsprechen (Gollnir, Geirolnir, Swipall, Gondlir und Walthognir). Sicher sind nicht alle Walk\u00fcren aus dem Charakter Odins entsprungen oder ihm umgekehrt zugeordnet worden, denn welchen Weg diese wechselseitige Beziehung genommen hat, wissen wir nicht. Doch die H\u00e4ufung in diesen Angleichungen ist bemerkenswert.<\/p>\n<p>Odin k\u00fcrt allerdings auch selbst die Krieger, die als Einherjar in Wallhall einziehen sollen. Man fragt man sich unwillk\u00fcrlich: Wozu braucht Wodan eigentlich Walk\u00fcren? Worin liegt also der Ausgangspunkt der Walk\u00fcrenvorstellung? Die Frage ist nat\u00fcrlich falsch gestellt, denn damit \u00fcbertr\u00fcge man menschliche Verh\u00e4ltnisse auf G\u00f6tter so, als w\u00e4ren sie gleichsam handelnde und bed\u00fcrftige Personen. Hier geht es allerdings um den sinnhaften Zusammenhang einer Naturphilosophie, die sich in ihren Kausalit\u00e4tslinien selbst erkl\u00e4ren muss, und nicht etwa um die Frage, ob die eine mythische Figur einer anderen die Arbeit abnehmen k\u00f6nnte, weil die erste zu viel zu tun hat.<\/p>\n<p>Das Wort \u201ek\u00fcren\u201c f\u00fcr \u201eerw\u00e4hlen\u201c geht auf \u201ekiesen\u201c zur\u00fcck. Odin wird in einem Beinamen \u201eWalkiosandi\u201c (Kieser der Wal) genannt. K\u00fcren h\u00e4ngt mit dem nhd. Wort \u201ekosten\u201c zusammen und Ninck folgert daraus, dass der leichenfressende Rabe die eigentliche Basis f\u00fcr die \u201eWalk\u00fcren\u201c abgibt. Best\u00e4tigt wird er durch den Umstand dass der Rabe \u201ewaelcaesig\u201c, also \u201eleichenausw\u00e4hlend\u201c hei\u00dft, und das deckt sich genau mit dem altenglischen Begriff<span>\u00a0<\/span><em>walcyrge<\/em>. Die Kr\u00e4he geh\u00f6rt zu den Rabenv\u00f6geln und die in der V\u00f6lsungensaga erw\u00e4hnte Hl\u00f6d ist kr\u00e4hengestaltig. Die Walk\u00fcre l\u00e4sst wiederum einen Vergleich zur keltischen Morrigan zu, die meist in Kr\u00e4hengestalt Leichen ausweidet. Den Raben nennen die Skalden<span>\u00a0<\/span><em>Yggjar mar<\/em>. Ygg als Name Odins bedeutet \u201eder Schrecker\u201c, was darauf anspielt, dass f\u00fcr denjenigen, gegen den sich der Gott wendet, die Schlacht schon verloren ist. Der \u201eMar\u201c in \u201e<em>yggjar mar<\/em>\u201c ist ein schadenbringender Alb (vgl. den Nachtmar\u00a0 in ne.<span>\u00a0<\/span><em>nightmare<\/em>, den \u201eMarzopf\u201c f\u00fcr verwirrtes Haar). \u201eK\u00e4mpfen\u201c umschreibt der Dichter Havaror Halti mit \u201eden Raben f\u00fcttern\u201c. Der \u201eKrieger\u201c hingegen wird beschrieben als der, \u201eder die Fittiche des Rabens rot macht\u201c; und der Rabe wird \u201eAdler Odins\u201c genannt. Die Beispiele lie\u00dfen sich noch vermehren.<\/p>\n<p>Mit den Walk\u00fcren scheinen Aspekte von Kampf und Tod, die schicksalsentscheidenden Umst\u00e4nde der Schlacht personifiziert worden zu sein. Dabei sind diese Umst\u00e4nde auch als Eigenschaften Odins beschrieben, wie Verblendung, Entsetzen, L\u00e4rmen u.v.m. Die Walk\u00fcren hei\u00dfen auf der anderen Seite aber auch Schwanenjungfrauen, und gerade in der Wikingerzeit wird ihr Bild immer anziehender und idealisierter gestaltet. Man k\u00f6nnte versucht sein, die Ambivalenz Wodans daf\u00fcr verantwortlich zu machen, und in der Tat geht die Vermutung in diese Richtung, wenn man wei\u00df, das zwei Gegner sich in gleicher Weise auf diesen Gott beriefen.<\/p>\n<p>\u201eOdin, der die dunkle und lichte Seite in sich vereinigt, besch\u00fctzt beide, den Helden der Nacht und den Helden des Lichts, wenn sie nur wirkliche Helden sind.\u201c<\/p>\n<p>Ist die Walk\u00fcre f\u00fcr den Krieger, der sich im Nachteil befindet, ein schreckliches Wesen \u2013 wie auch der verehrte aber schreckliche Odin, wenn er sich gegen einen wendet, so sind die Walk\u00fcren f\u00fcr den Siegreichen nat\u00fcrlich die herrlichen Schwanenjungfrauen und Odin der Gott des frohen Sieges. Der Aspekt der Schlacht ist bei den Walk\u00fcren grundlegend, sie sitzen nach dem ersten Merseburger Zauberspruch auf dem Schlachtfeld und im Walk\u00fcrenlied weben sie mit Schwertern das Schicksal der Krieger.<\/p>\n<p>Die Walk\u00fcren sind manchmal mit den Fylgien verwechselt worden und im kriegsfernen Sinn k\u00f6nnte man versucht sein, sie als \u201eTodesengel\u201c, als Begleiterinnen des Toten bezeichnen. Die Walk\u00fcren entfernen sich damit jedoch von ihrer Ursprungsbedeutung, da sie keine pers\u00f6nlichen Folgegeister sind (Fylgia, vgl. die \u201eAnima\u201c nach C.G: Jung), sondern eher psychologische Eindr\u00fccke darstellen, wie man sie auf alten (sicher auch neueren) Schlachtfeldern erfahren konnte. Ein bestimmter L\u00e4rm, der im entscheidenden Moment ablenkt, ein Nebel, der verh\u00fcllt, eine \u00dcberraschung, die verunsichert \u2013 das sind die Walk\u00fcren, die dem Einzelnen zum t\u00f6dlichen Verh\u00e4ngnis werden, und darin liegt ihre eigentliche Bedeutung. Besonders anschaulich wird das bei der \u201eHeerfessel\u201c, die als eine d\u00e4monische Macht verstanden und in einer Handschrift mit \u201eZauberhand\u201c glossiert wurde. Die Heerfessel ist personifiziert als<span>\u00a0<\/span><em>Herfj\u00f6tur<\/em><span>\u00a0<\/span>unter die Walk\u00fcren verlegt worden. Ninck beschreibt anhand der isl\u00e4ndischen Saga von H\u00f6rd die Panik, das l\u00e4hmende Entsetzen, das denjenigen packt, \u00fcber den sich die Heerfessel legt: Viele Feinde dringen auf den tapferen H\u00f6rd ein, der sich mehrmals befreien kann, bis ihn das Entsetzen \u00fcber die vielen mordgierigen Verfolger schlie\u00dflich hinsinken l\u00e4sst. Hier wird deutlich der \u201einnere Grund nach au\u00dfen verlegt\u201c, als Zauber der einen angreift \u2013 in Form einer Walk\u00fcre.<\/p>\n<p>Der Rabe spielt als Attribut Wodans dagegen auch eine Rolle in Orakel und Vorbedeutung. Jarl Hakon opfert an der gautl\u00e4ndischen K\u00fcste und er nimmt die beiden Raben, die kr\u00e4chzend heranflogen, als Zeichen daf\u00fcr, dass Wodan sein Opfer angenommen hat. (Hkr I, 303). Dass der Rabe nicht nur als Walk\u00fcrenvorbild und Kriegsvogel von Bedeutung war, sondern auch in anderer Hinsicht hochgesch\u00e4tzt wurde, zeigt die skaldische Beachtung des Vogels an besonderer Stelle. Die beiden Raben sind die st\u00e4ndigen Begleiter Wodans: Hugin (<em>Gedanke<\/em>) und Munin (<em>Gedenken<\/em>) werden vom Gott jeden Tag ausgesandt, um Neues in Erfahrung zu bringen.<\/p>\n<p>Zu Hugin vergleiche man die<span>\u00a0<\/span><em>hugrunar<\/em><span>\u00a0<\/span>(Gedankenrunen). Der Name Munin leitet sich \u00fcbrigens vom gleichen Wortstamm wie<span>\u00a0<\/span><em>Minne<\/em><span>\u00a0<\/span>ab. Der Minnetrank galt noch im christlichen Mittelalter als kultische Form des Gedenkens und gr\u00fcndet sich direkt auf dem ehemals heidnischen Trankopfer.<\/p>\n<p>\u201eDenn eben im Norden kennen wir es als feste Sitte bei allen Opferfesten, zumal aber beim Herbstopferfest und an Jul, den ersten Becher um Sieg dem Odin zu weihen. Nachher leerte man die Becher f\u00fcr Thor, f\u00fcr die Wanen Frey und Ni\u00f6rd, f\u00fcr den verstorbenen F\u00fcrsten (Bragibecher) und endlich zu Ehren der Toten der eigenen Sippschaft (Minnebecher).\u201c<\/p>\n<p>Die Reihenfolge d\u00fcrfte kaum statisch gewesen sein. So lassen sich entsprechende Minnetrunke f\u00fcr die Verstorbenen im Heiligmonat (November) belegen und es spricht nichts dagegen, dass man einem bestimmten Gott eine Minne weiht. Der kirchliche Ersatzheilige Martin nimmt zuweilen den Platz ein, hinter dem sich eine Wodansminne verbirgt. Auch aus der damals weithin beliebten \u201eGertrudenminne\u201c l\u00e4sst sich Ninck zufolge der Becher f\u00fcr Freyja erschlie\u00dfen. Die Kirche musste noch einen dritten Heiligen aufbieten, um die z\u00e4he Sitte allm\u00e4hlich zu neutralisieren: Johannes, hinter dem sich (Johannisfest \u2013 das Mittwinter- bzw. Julfest) kein anderer als Frey verbirgt.<\/p>\n<p>Wenn Odin im wikingerzeitlichen Walhall die Einherjar sammelt, da er im Endschicksal der G\u00f6tter (Ragnar\u00f6k) die Hilfe der besten Krieger braucht, entspricht das einer Idealisierung des Kriegerdaseins, darin ist sich die Forschung mittlerweile einig. Die Beziehung Wodans insbesondere zu den Kriegern (mehr als zu den Ahnen allgemein) erkl\u00e4rt ihn zum Kriegsgott, ein Charakterzug, der verst\u00e4ndlicherweise in der Zeit der Bekehrung st\u00e4rker betont wurde. Mit Wallhall und den Einherjar verh\u00e4lt es sich den Walk\u00fcren \u00e4hnlich, sind dies ja s\u00e4mtlich Zuordnungen zu einem bestimmten Mythenkreis, der sich aus der wikingerzeitlichen Steigerung Odins ergibt. Wir k\u00f6nnen eine Entwicklung Wodans aus dem urspr\u00fcnglichen wilden J\u00e4ger bis zu seiner sp\u00e4teren kosmologischen Bedeutung nachvollziehen, so auch die Entwicklung der Wilden Jagd zur Wallhallvorstellung, wie im \u00fcbrigen die Entwicklung der Walk\u00fcren von urspr\u00fcnglich \u201eschaurigen Leichend\u00e4monen\u201c bis hin zu \u201eeleganten Empfangsdamen des Kriegerparadieses\u201c (Simek) .<\/p>\n<p>Der Mythenkreis um die Einherjar (die \u201eallein k\u00e4mpfenden\u201c), die Notierungen \u00fcber die Gefolgschaftsb\u00fcnde, sowie die Rede vom Wilden Heer der auferstehenden und k\u00e4mpfenden toten Krieger sind substantielle Elemente. Die Einherjar als entwickelte Vorstellung einer Gefolgschaft des Gottes bilden im kosmologischen Ma\u00dfstab wiederum die Antwort auf die Vorstellungen der Zeit, in der sie entstanden sind. Der \u201eKriegsgott\u201c braucht die Einherjar f\u00fcr die abschlie\u00dfende Schlacht der G\u00f6tter gegen die Riesen und D\u00e4monen. Doch wie k\u00f6nnen sie helfen? Im Grunde gar nicht, denn die letzte Schlacht verlieren die G\u00f6tter, und so k\u00f6nnten die Einherjar das Ende allenfalls hinausz\u00f6gern, doch wozu? Im Grunde wird die Einherjarvorstellung mehr der zeitgeistigen Abwehrschlacht gerecht, die sich zwischen den Weltbildern Heiden- und Christentum vollzog. Das Christentum versteht damals wie heute den Menschen insgesamt als \u201eSeele\u201c, der am Ende aller Zeiten (komplett, auch k\u00f6rperlich) wieder aufersteht. Im alten Heidentum gab es keine \u00e4hnlich verstandene Wiederauferstehung.<br \/>\nVergleichbar ist nur eine genealogische Wiederkehr in der Sippe selbst und in der Vorstellung der Wilden Jagd, in der die vorzeitig Verstorbenen umherziehen. In einer kriegerischen Gesellschaft, wie sie uns in der Wikingerzeit entgegen tritt, ist es nur konsequent, die Wilde Jagd in der Form von Wallhall zu erweitern und die zahlreichen vorzeitig verstorbenen Krieger als k\u00e4mpfendes Heer wiederauferstehen zu lassen. Gerade in der Zeit der Wikingexpansion wird man die meisten F\u00e4lle vorzeitig Verstorbener beklagt haben.<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Form des Wilden Heeres d\u00fcrfte eine emphatische Verbindung von initiierten jungen Kriegern mit den Seelen der \u00e4lteren Krieger darstellen. F\u00fcr die Vorstellung von Wallhall wird es f\u00fcr die Zeit Tacitus\u2018 noch kein Bed\u00fcrfnis gegeben haben, hier reichte die emphatische Verbindung zwischen der lebenden und toten Kriegerschaft, die sich in der genealogischen Stammesverbindung erneuerte. Erst mit dem allm\u00e4hlichen Wegfall der Stammesstrukturen, der Einf\u00fchrung der christlichen Familienform, nicht zuletzt der V\u00f6lkerwanderung wird die Wilde Jagd wohl zunehmend auch zum exklusiveren Reich der vorzeitig verstorbenen Krieger: In der Wikingerzeit wird die Abspaltung der Wallhallvorstellung von der Wilden Jagd zum \u201eKriegerparadies\u201c. Die Zeit der Wikinger ist eine Bl\u00fctezeit des Heidentums, doch liegt in ihr gleichzeitig auch der Keim zum Untergang. Sie ist mehr ein letztes gro\u00dfes Aufb\u00e4umen als kulturelle Fortentwicklung, denn mit dem Ausgang dieser Epoche schwindet auch das heidnische Weltbild. Diese Entwicklung muss man nat\u00fcrlich vor dem Hintergrund der konkurrierenden Weltbilder verstehen. Es w\u00e4re abstrus zu meinen, dass die Bekehrung keinen Einflu\u00df auf das heidnische Weltbild gehabt h\u00e4tte. Schlie\u00dflich zeichnen sich gerade die heidnischen Vorstellungen durch die Flexibilit\u00e4t aus, sich zu entwickeln und sich den Notwendigkeiten der Realit\u00e4t anpassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich Wallhall also als eine zeitgeistige Entwicklung aus der Wilden Jagd betrachten, dann ist es auch nicht abwegig, hier entsprechende Beeinflussungen der kosmologischen Vorstellungen wahrzunehmen. Besonders die Einherjar \u2013 die kosmologisch eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig sind, weil sie gar nichts ausrichten k\u00f6nnen \u2013 zeigen uns eine \u00c4nderung im heidnischen Weltbild an: Das Hauptargument f\u00fcr ihre Existenz, dass Wodan die Einherjar f\u00fcr den letzten Kampf braucht, \u00fcberzeugt deshalb nicht, weil ihr Wirken vergeblich ist. Sie k\u00f6nnen das Ende der Welt vielleicht hinausz\u00f6gern, aber nicht verhindern. Bereits die Verz\u00f6gerung des unausweichlichen Schicksals passt nicht so recht in die Schicksalsvorstellungen, wie wir sie ansonsten kennen, da in denen zum Ausdruck kommt, dass man das Schicksal als Aufgabe bejahen, annehmen und w\u00fcrdig erf\u00fcllen soll. Die Rede davon, dass Odin der Krieger f\u00fcr die kommende Schlacht gegen die feindlichen D\u00e4monen bed\u00fcrfe, ist so also nicht nachvollziehbar. Wenn man allerdings die Betonung auf die Einherjar als die<span>\u00a0<\/span><em>toten<\/em><span>\u00a0<\/span>Krieger \u2013 die Ahnenhelden \u2013 legt, und sie im Zusammenhang mit der Wilden Jagd wieder zu ihrer Ursprungsform zur\u00fcckverfolgt, ergibt die Gemeinschaft der verstorbenen Helden einen Sinn \u2013 f\u00fcr die Lebenden. Die Form der kultischen Kriegerb\u00fcnde ist hier entscheidend, denn \u201eder Kampf gegen d\u00e4monische Feinde ist keine profane Handlung, sondern eine kultische.\u201c<\/p>\n<p>Wallhall und Einherjar sind nat\u00fcrlich keine christliche Erfindungen, im Gegenteil, sie sind heidnische Entwicklungen, doch sie sind m\u00f6glicherweise eine Reaktion auf die Herausforderungen des heidnischen Weltbildes durch das christliche. \u201eAuf Wiking gehen\u201c bedeutete einen Kriegs- oder Raubzug zu unternehmen. Sind die Skandinavier jener Zeit auch vorrangig Bauern, H\u00e4ndler und Kaufleute, so ist der Beutezug doch ein bestimmendes Moment, in dem sich gerade die jungen Krieger beweisen konnten. Ausgehend von der initiierten Kriegerschaft der Harier steigert sich der Anspruch der wikingerzeitlichen Kriegsunternehmungen durch die christlichen Begrenzungen der heidnischen Wirkungssph\u00e4re. Handel und Austausch, wie er jahrhundertelang erfolgt war, waren durch das Christentum vermutlich weit st\u00e4rker behindert als ein Jahrtausend zuvor durch den r\u00f6mischen Limes. Das anschaulichstes Beispiel stellt neben den zahlreichen Verboten der Kirche in bereits mehr oder weniger bekehrten Gebieten das \u201ePrimsigning\u201c, eine Art nominelle \u201eVorab-Taufe\u201c zum Christen dar. Die Unternehmung des Wikings stellt hier eine kriegerische Befreiung dar und gr\u00fcndet sich in der Substanz auf die alten Vorstellungen der Kriegerschaft, die wiederum vom Wilden Heer gespeist wurden.<\/p>\n<p>In einer Fu\u00dfnote stellt H\u00f6fler die Frage nach der m\u00f6glichen Verbindung von<span>\u00a0<\/span><em>ein-herjar<\/em><span>\u00a0<\/span>und<span>\u00a0<\/span><em>Hariern.<\/em><span>\u00a0<\/span>Kershaw erkl\u00e4rt, dass \u2013<em>heri<\/em><span>\u00a0<\/span>als Substantiv zu<span>\u00a0<\/span><em>herr<\/em><span>\u00a0<\/span>(Heer) geh\u00f6rt (vgl. herjann) und in der Einzahl in keiner germanischen Sprache vorkommt.<span>\u00a0<\/span><em>Einheri<\/em><span>\u00a0<\/span>als Einzahl von<span>\u00a0<\/span><em>einherjar<\/em><span>\u00a0<\/span>sei ein sprachliches Fossil, hinter dem wahrscheinlich das von Tacitus genannte<span>\u00a0<\/span><em>harii<\/em><span>\u00a0<\/span>als Plural steht.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Wilde Jagd heute?<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst zur Frage der Realit\u00e4t der Erscheinung der Wilden Jagd. Das Gebell, der L\u00e4rm und die Erscheinungen hat man verschiedentlich als Halluzinationen gedeutet, das Gebell mit den Ger\u00e4uschen von Vogelschw\u00e4rmen verglichen, das Geheul mit Windger\u00e4uschen in Wald und Gebirge. Es erstaunt, dass diese Vorstellungen immer wieder und unabh\u00e4ngig voneinander zeitlich und geografisch weit entfernt in sehr \u00e4hnlicher Weise auftauchen. Lassen wir das einmal so stehen. Es ist gar nicht notwendig, die Realit\u00e4t der wilden Jagd zu erweisen, denn ihr eigentlicher Kern ist die Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen die Lebenden besuchen k\u00f6nnen, und das ist eine sehr heidnische Sicht der Dinge. Eine Sicht die aus der (freilich nicht \u00fcberpr\u00fcfbaren) Erfahrung \u2013 ich traue es mich kaum zu sagen \u2013 der Jahrtausende (!) erwachsen ist. Sie kn\u00fcpft daran an, dass die Toten nicht in einer anderen, sondern in dieser Welt leben.<\/p>\n<p>Die Grundbedeutung der Wilden Jagd liegt im Kreislauf von Leben und Tod, der besonders zur Julzeit eindr\u00fccklich die Gedanken der Menschen besch\u00e4ftigte. Im Winter war man fr\u00fcher in weit h\u00f6herem Ma\u00df auf wohnlich engem Raum beschr\u00e4nkt und st\u00e4rker als im Sommer mit den eigenen Gedanken als mit praktischer Arbeit besch\u00e4ftigt. Die noch etwas naturn\u00e4here existenzielle Lebenswelt vor noch 100 Jahren hat sicher auch eine andere Einstellung zum Erleben und Vergegenw\u00e4rtigen der Natur und ihrer Bedingungen gehabt, als die des dieser Erfahrungen entw\u00f6hnten Menschen, der sich intellektuell aufgekl\u00e4rt im klimatisierten B\u00fcro wiederfindet. Ein Urteil \u00fcber Naturerscheinungen wird man aus dieser Umgebung heraus nicht wirklich f\u00e4llen k\u00f6nnen. Erstaunlich ist dieser ganze Mythenkomplex f\u00fcr mich vor allem durch den Zusammenhang von Fruchtbarkeit und Ahnen zum einen, zum anderen durch den Zusammenhang von Initiation der Jugend und dem \u00c4quivalent im Brauchtum.<\/p>\n<p>Eine andere Frage ist die, welchen Belang der Begriff der Fruchtbarkeit heute haben kann, um noch einmal das Bild des B\u00fcromenschen zu bem\u00fchen: Kinder wissen heute oft nicht einmal mehr, dass Pommes frites aus Kartoffeln hergestellt sind, und man muss sich nicht wundern, wenn schon ihre Eltern an Fertiggerichte gew\u00f6hnt sind, weil schon deren Gro\u00dfeltern die Kartoffel nicht mehr selbst aus dem Boden holten. Wir kennen heute Arbeitsteilung und Produktions\u00fcbertragung durch Geldwerte. Die Fruchtbarkeit der eigenen Arbeit ist dennoch f\u00fcr jeden wichtig, wenn auch in einem mittlerweile so \u00fcbertragenem Sinn, dass man Ausma\u00df und Wege dieser \u00dcbertragung kaum noch nachvollziehen kann. Auch ein Beamter, der von jeglicher Landwirtschaft in der Regel weit entfernt ist, wird seine eigene Arbeit nur als ertragreich ansehen k\u00f6nnen, wenn seine Bem\u00fchungen fruchtbar waren. Somit d\u00fcrfte es auch heute noch Normalfall sein, dass es der M\u00fche bedarf, um \u00fcber die reine Existenzsicherung hinaus einen Mehrwert, einen Gewinn und Ertrag zu erwirtschaften \u2013 so wie es ein Bauer schon vor tausend Jahren tun musste. Nur die Mittel des Ertrages sind heute andere. Das Formular mag der Acker des Beamten sein, die Logistik der Acker des Lagerarbeiters und die Fertilisationsschale der Acker des Biologen.<\/p>\n<p>Nun tobt nat\u00fcrlich keine Wilde Jagd durch die Formulare, das Lager oder das Labor, doch was man erwirtschaftet, ist letztlich dem einzelnen f\u00f6rderlich. Die Beziehung zum echten Acker mag hier und da verloren gegangen sein, doch es sind \u201enur\u201c die Wege, die sich durch die Arbeitsteilung weiter entfernt haben, die Beziehung besteht nach wie vor, auch wenn man sie nicht direkt wahrnimmt. Ein \u201edo ut des\u201c setzt den Biologen wie auch alle andere arbeitenden Menschen in die Lage, diese Beziehung zur Basis ihrer Existenz wieder wahrzunehmen. \u201eGebe um zu bekommen\u201c, achte die Fruchtbarkeit um ihrer selbst willen, so dass dein Handeln und Leben fruchtbar sein wird. Besser als auf der Tafel am Botanischen Garten in Berlin kann man es nicht ausdr\u00fccken: \u201eAchte die Pflanze, denn alles lebt durch sie.\u201c<\/p>\n<p>Zuletzt noch ein Wort zur Initiation. Wie oben angedeutet hat die J\u00fcnglings-Initiation auch eine soziale Komponente, die des Kampfes der Generationen. Der Junge, der gegen seinen Vater aufbegehrt, birgt eine psychologische Dramatik, die so alt wie die Welt ist, und die wie etwa im Hildebrandslied in einer Trag\u00f6die enden kann. Der unb\u00e4ndigen Jugend, die sich beweisen will und mit ihrem Expansionsdrang nicht umgehen kann, stehen die erfahrenen \u00c4lteren gegen\u00fcber, die aus einem \u00fcberlegenen Blickwinkel die ungeduldigen Bengel leicht auskontern k\u00f6nnen, sie aber auch aus Furcht vielleicht klein halten und so ihren nat\u00fcrlichen Drang unterdr\u00fccken. Die Initiation kann einem (\u00fcbrigens immer wiederkehrenden) Generationenkonflikt vorbeugen, der durch die gegenseitige Anerkennung beider Seiten ausgeglichen werden kann. Die Jungen profitieren von der Erfahrung und die Alten von der Befriedigung, sie im Kreislauf des Lebens an die Jungen weitergeben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf die nat\u00fcrlichen und unausweichlichen Prozesse in angemessener Weise zu reagieren, liegt in der Verantwortung einer Gesellschaft: um unn\u00f6tige Konflikte zu vermeiden, aber auch um die Entwicklung der Gesellschaft in nat\u00fcrliche und gesunde Bahnen zu lenken, in deren Verlauf sich die Menschen insgesamt in ein gesundes Verh\u00e4ltnis zur Natur setzen. Die Entw\u00f6hnung der nat\u00fcrlichen Basis mag als unerfreuliches Nebenprodukt der Arbeitsteilung bedauernd akzeptiert werden, doch muss man nicht hinnehmen, dass ein Mensch niemals diese nat\u00fcrliche Basis kennen lernt. Im Gegenteil wird es sicher bereichernd sein, wenn man in der Jugend unter anderem gelernt hat, aus zwei selbst gesuchten H\u00f6lzern Feuer machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h2>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>B\u00e4chthold-St\u00e4ubli, Hanns: (Hg.): Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens (HdA). Berlin 2000<\/li>\n<li>Bartsch, Karl: Mecklenburgische Sagen, Bd. 1. Wien 1879<\/li>\n<li>De Vries, Jan: Altgermanische Religionsgeschichte. Berlin\u00a0 1957<\/li>\n<li>Engels, Friedrich: Der Ursprung der Famile, des Privateigentuns und des Staats. Stuttgart 1886<\/li>\n<li>Herrmann, Paul: Deutsche Mythologie. Engelmann, Leipzig 1906<\/li>\n<li>GardenStone: G\u00f6ttin Holle. Norderstedt 2006 (Neuausg.)<\/li>\n<li>Graber, Georg: Sagen aus K\u00e4rnten. Leipzig 1914<\/li>\n<li>Grimm, Jacob: Deutsche Sage. Stuttgart 2000<\/li>\n<li>H\u00f6fler, Otto: Kultische Geheimb\u00fcnde der Germanen. Frankfurt 1934<\/li>\n<li>Junker, D. \/ Kliemannel, H. (Hg.): Heidnisches Jahrbuch Bd. 2. Hamburg 2007<\/li>\n<li>Kershaw, Kris: Odin. Der ein\u00e4ugige Gott und die indogermanischen M\u00e4nnerb\u00fcnde. Engerda 2004<\/li>\n<li>Ninck, Martin: Wodan und germanischer Schicksalsglaube. Darmstadt 1967<\/li>\n<li>Plischke, Hans: Die Sagen vom wilden Heere im deutschen Volke. Eilenburg 1914 (Diss.)<\/li>\n<li>Weiser, Lily: Altgermanische J\u00fcnglingsweihen und M\u00e4nnerb\u00fcnde. B\u00fchl 1927<\/li>\n<li>Zaunert, Paul: Westf\u00e4lische Stammeskunde. Jena 1927<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christian Br\u00fcning Die Frage nach der Essenz eines heidnischen Gottes kl\u00e4rt sich vermutlich am besten, wenn man die urspr\u00fcngliche Erscheinungsform auffindet. Die Sagen vom wilden J\u00e4ger weisen bei n\u00e4herer Ansicht auf die urspr\u00fcngliche Form des Gottes Wodan. 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