{"id":293,"date":"2018-04-01T15:37:32","date_gmt":"2018-04-01T13:37:32","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=293"},"modified":"2025-08-24T20:41:33","modified_gmt":"2025-08-24T18:41:33","slug":"thors-boecke-oder-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/thors-boecke-oder-was\/","title":{"rendered":"Thors B\u00f6cke oder was?"},"content":{"rendered":"<p>von Nelly Dirks<\/p>\n<p>(Ausstellung im Arch\u00e4ologischen Museum Frankfurt \u2013 Februar bis Juni 2017)<br \/>\nGedanken \u00fcber einen Gl\u00fccksbringer<br \/>\n(mit Nachzeichnung der B\u00f6cke von Tiss\u00f8)<\/p>\n<p>Ein kleiner Fund aus dem Grabungsschatz am d\u00e4nischen See Tiss\u00f8 l\u00e4sst mich gedanklich nicht mehr los. Es geht um Thors B\u00f6cke. An dem Ritualort hat vor ca. 1.300 Jahren jemand einen kleinen bronzenen Gl\u00fccksbringer geopfert. Es ist eine Fibel.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"723\" height=\"460\" src=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Thors_Boecke.png\" alt=\"Fibel: Thors B\u00f6cke\" class=\"wp-image-507\" srcset=\"https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Thors_Boecke.png 723w, https:\/\/eldaring.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Thors_Boecke-300x191.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 723px) 100vw, 723px\" \/><figcaption><em>Bronzefibel in Form zweier B\u00f6cke<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Die kleine Fibel des 8. Jahrhunderts aus Tiss\u00f8 zeigt zwei m\u00e4nnliche Huftiere im Profil. Wegen der gewundenen \u201eH\u00f6rner\u201c und des kurzen Stummelschwanzes hat man sie f\u00fcr die beiden B\u00f6cke Tanngr\u00edsnir und Tanngnj\u00f3str gehalten, die Thors Wagen zogen.<\/em><\/p>\n<p><cite>Zitat von der Ausstellungswebseite des Arch\u00e4ologischen Museums<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht wurden die gefundenen Fibeln und Anh\u00e4nger speziell f\u00fcr die Opferung hergestellt. F\u00fcr eine Gewandnadel wirkt dieses Exemplar doch sehr filigran und zerbrechlich. Die Basis hat eine L\u00e4nge von 6 cm. F\u00fcr eine Mantelschlie\u00dfe eignet sie sich meiner Meinung nicht. Wenn \u00fcberhaupt hat diese Fibel den Hemd-Ausschnitt am Hals verschlossen. Der halbe Hausrat, wie es bei den Frauen im Fr\u00fchmittelalter \u00fcblich war, kann an dieser Fibel nicht befestigt gewesen sein. Daf\u00fcr ist sie zu zart. Davon abgesehen sind keine Abnutzungsspuren zu erkennen.<\/p>\n<p>Auch die anderen Funde scheinen f\u00fcr Schmuck liebende Nordleute etwas klein geraten zu sein. Ich vermute, von seinen wertvollen Lieblingsst\u00fccken trennt sich niemand gern. Aber f\u00fcr eine germanische Vertragsbindung mit den G\u00f6ttern muss ein passendes und vor allem den Hohen schmeichelndes Opfer dargebracht werden. Abbilder von G\u00f6ttinnen, G\u00f6ttern, Walk\u00fcren und \u201eheiligen\u201c Tieren sind daher vermutlich ein gern gew\u00e4hltes Pfand. Mir kommt dabei ein lukrativer Devotionalienhandel oder eine Sakramentalien-Herstellung an so einem Ort in den Sinn. Wer wei\u00df schon, wer diese Ideen als erstes hatte. Gesch\u00e4ftst\u00fcchtige H\u00e4ndler und Handwerker waren die alten \u201eWikinger\u201c allemal. Und wenn der Herrscher dieses Landkreises und Eigent\u00fcmer des Ritualhauses seinen Anteil bekam, vielleicht sogar selber herstellen und verkaufen lie\u00df, waren die Einnahmen gesichert. Zu diesem Ort sind die Menschen von weither gereist.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den beiden Huftieren. Welche Tiere ziehen Thors Wagen? Ziegen? Schafe? Die Bilder, die im weltweiten Netz zu finden sind, alle neuzeitlich und kraftstrotzend, gab es vor 1.300 Jahren noch nicht. Auf wikingerzeitlichen Steinen habe ich noch keinen Thor mit Wagen gesehen. Wahrscheinlich habe ich nicht lange genug gesucht. Und auch die EDDA ist f\u00fcr mich zu neu um sie als Quelle allen Wissens zu benutzen. In 500 Jahren \u2013 zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert \u2013 kann so viel passieren.<\/p>\n<p>Doch diese beiden Viecher sind da: arch\u00e4ologisch bewertet und ins 8. Jahrhundert datiert; nicht in einem Grab, sondern an einem Ritualplatz, in der N\u00e4he von zwei m\u00f6glichen Pfahl-G\u00f6ttern. (Es wurden Verf\u00e4rbungen in der Erde gefunden, die nicht als vergangene Geb\u00e4udest\u00fctzen, sondern als G\u00f6tter-Statuen gedeutet werden \u2013 in Anlehnung an die Aufzeichnungen von Adam von Bremen.)<\/p>\n<p>Aber sind das wirklich Ziegen? F\u00fcr mich sind diese Kopfaufs\u00e4tze keine gekr\u00fcmmten Ziegenh\u00f6rner, sondern mit zwei entgegengesetzt stehenden Streben eindeutig Geweihe. Jeweils ein Geweihende zeigt nach vorn auf das gegen\u00fcber stehende Tier und eins macht eine elegante, verletzungsfreie Biegung nach hinten \u2013 ein stilisiertes Hirschgeweih. Wenn es mehr Enden h\u00e4tte und nat\u00fcrlicher dargestellt w\u00e4re, w\u00fcrden die nach hinten stehenden Spitzen wahrscheinlich nicht mehr aufzufinden gewesen sein, und falls die Fibel doch am K\u00f6rper getragen wurde, h\u00e4tte die Tr\u00e4gerin oder der Tr\u00e4ger keinen Spa\u00df damit gehabt.<\/p>\n<p>In dem Buch zur Ausstellung wird sogar vermutet, es k\u00f6nnte sich um Pferdchen handeln, weil auch Pferde-Fibeln gefunden worden sind. Doch denen sieht man wirklich an, dass es Pferde sein sollen. Der Hals ist gebogen, der Schweif lang, manche haben sogar Zaumzeug und keines der Pferdchen hat Kopfschmuck oder ein anderes Pferd gegen\u00fcber. Also eindeutig: Diese Fibel stellt keine Pferde dar.<\/p>\n<p>Ich will eigentlich nicht dar\u00fcber nachdenken, ob Thor einen Wagen hatte, der von B\u00f6cken oder Hirschen oder Pferden gezogen worden ist. Mich besch\u00e4ftigt vielmehr die Frage: Ist der Donnergott \u00fcberall im heidnischen Nordeuropa gleich? Ist Donar auch mit einem Wagen gefahren? Wie ist die Vorstellung in den Alpen? Wir kennen nur die EDDA. Also f\u00e4hrt Thor mit Ziegen. Aber wirklich \u00fcberall? Und warum Ziegen? H\u00e4ngt das mit dem schwedischen Brauch zusammen, einen Julbock in den Rauhn\u00e4chten aufzustellen? Also denke ich doch dar\u00fcber nach.<\/p>\n<p>Die Fauna des hochmittelalterlichen Islands ist mir nicht vertraut. Ich vermute, Land-S\u00e4ugetiere, die nicht von Menschen dort hingebracht worden sind, gab es nicht. Also muss Thor eigentlich Zugtiere haben, die in Norwegen vorhanden sind bzw. zur EDDA-Zeit verwendet wurden.<\/p>\n<p>Ach ja, die beiden Huftiere, \u00fcber die ich nachdenke, sind in D\u00e4nemark gefunden worden. Also: Welche Hirsche k\u00f6nnen Thor in D\u00e4nemark zugeordnet werden? Rothirsche und Rehe. M\u00f6glicherweise sind auch schwedische, norwegische und finnische Hirsche bekannt gewesen. Dann k\u00e4men Elche und Rentiere dazu. Ich will jetzt keinen Haken schlagen zu Rentierschlitten und Weihnachtsmann \u2013 oder doch?<\/p>\n<p>Aber diese spezielle Fibel zeigt f\u00fcr mich eindeutig zwei k\u00e4mpfende, m\u00e4nnliche Rentiere. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen die Besucher und Handwerker der Stadt mit Ritualhaus am See Tiss\u00f8 auch aus Norwegen oder Schweden oder Finnland gekommen sein. Bleiben also die Fragen: Sind das g\u00f6ttliche Tiere? Sind das Zugtiere? Wessen Zugtiere?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es schwierig, \u00fcber Vorstellungen nachzudenken, wenn ich den dazugeh\u00f6rigen Ort nicht kenne. Nehmen wir beispielsweise die Fortbewegungsart Odins. Er reitet auf Pferden. Macht er das \u00fcberall? Benutzt er vielleicht zur Jagd in den Rauhn\u00e4chten Rentiere? In Finnlands Norden w\u00fcrde er. Da gibt es nichts anderes. Oh verflixt, da ist wieder der Weihnachtsmann\u2026<\/p>\n<p>Thor hat B\u00f6cke. Die meisten denken an Ziegenb\u00f6cke. Er lenkt einen Kampfwagen. Er futtert seine Ziegen auch auf. Er wei\u00df, dass sie wieder fleischlich werden \u2013 meistens. Doch tut er das \u00fcberall? W\u00e4re ein Rentierwagen im Norden Norwegens nicht sinnvoller? Bei m\u00e4nnlichen Rehen wird \u00fcbrigens auch von B\u00f6cken gesprochen \u2013 also kleine Hirschart gleich Bock, Ziege gleich Bock. Hat Thor einen kleinen Wagen? Warum?<\/p>\n<p>Also gut, mit Tier und Gr\u00f6\u00dfe komme ich nicht weiter. G\u00f6tter, die mit Kampf und Krach zu tun haben, m\u00fcssten in meiner Vorstellung auch riesig und gewaltig sein. Doch scheint es weder bei Ziegen noch bei Rentieren um Gr\u00f6\u00dfe und Kraft zu gehen. Es wird wohl nur um das Ger\u00e4usch oder das Symbol aufeinanderprallender Geweihe bzw. H\u00f6rner gehen. Ist die Fibel mit zwei geweihtragenden Huftieren ausreichend um ein Attribut f\u00fcr einen bestimmten Gott zu sein?<\/p>\n<p>Es geht vermutlich um Donner. Gewitter mit Blitzen und Donner sind die Befruchter der Erde. Das Wachstum der Pflanzen wird nach Gewittern, besonders mit anschlie\u00dfenden Regeng\u00fcssen, beschleunigt. Kein Wunder, dass Donnergrollen mit himmlischem Segen und Fruchtbarkeit verbunden wurde. Entsprechend sehen wir in Thor bzw. Donar bzw. dem Donnerer den urspr\u00fcnglichen Wetter- und Fruchtbarkeitsgott.<\/p>\n<p>Die Tiere, die den Krach, besser das Ger\u00e4usch des fernen Donnergrollens machen, sind m\u00e4nnliche Kopfschmucktr\u00e4ger unterschiedlicher Arten. Es k\u00f6nnen Ziegen, Schafe und Rinder b\u00e4uerlicher Haushalte sein, Rentiere in der N\u00e4he des n\u00f6rdlichen Polarkreises, Steinb\u00f6cke der alpinen Hochgebirge, Moschusochsen in Gr\u00f6nland, Hirsche, Wisente und Widder in ganz Europa. Wilde Horn- oder Geweihtr\u00e4ger gibt (oder gab) es fast \u00fcberall auf der Erde. Vielen von ihnen ist die Stirn-gegen-Stirn-Methode zum Einl\u00e4uten der Fortpflanzungszeit ein Zwang. Wer ist der St\u00e4rkste, wer darf die Weibchen begl\u00fccken, wer muss den Platz r\u00e4umen? \u00dcberlebt der Verlierer, versucht er es im n\u00e4chsten Jahr noch einmal.<\/p>\n<p>Wie stellt sich nun ein Landwirt oder Viehz\u00fcchter die Verbindung zwischen Donnergrollen und Fruchtbarkeit vor? M\u00fcssen wir eventuell zwischen Landwirten und Viehz\u00fcchtern unterscheiden? Der Landwirt kennt den Zusammenhang zwischen Gewitter und gutem Wachstum. Der Viehz\u00fcchter wei\u00df, da\u00df sich pr\u00fcgelnde B\u00f6cke gute Zuchterfolge bringen. Also ist die Schlussfolgerung von beiden, wenn es donnert wird alles gut?<\/p>\n<p>M\u00f6glich w\u00e4re es. Auf jeden Fall will ich mir nicht ausmalen, wie die damalige Vorstellung der Befruchtung zwischen Donnergott und Erdg\u00f6ttin ausgesehen haben mag. Wissenschaftlich belegt ist tats\u00e4chlich eine Art Kommunikation zwischen der Erde und der Atmosph\u00e4re, die durch wechselseitige Blitze \u2013 also in beide Richtungen \u2013 erfolgt. Ich glaube fest daran, dass dadurch die Fruchtbarkeit der Natur gef\u00f6rdert und unser Leben besch\u00fctzt wird. Nat\u00fcrlich sollten sich menschliche Wesen w\u00e4hrenddessen unter einem Dach mit Blitzableiter befinden. Und Eichenb\u00e4ume meiden! Diese scheinen die bevorzugte Zwischen-Ablage f\u00fcr Gespr\u00e4chsnotizen zu sein. Doch wenn es vorbei ist, wird alles auf wunderbare Weise klarer, reiner und frischer. Die Nebenkatastrophen wie \u00dcberflutungen und Erdrutsche sind \u00fcbrigens von Menschen gemacht \u2013 also keine Absicht der Erdg\u00f6ttin und des Donnergottes.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Stadtbewohner ist der echte Bezug zur Landwirtschaft jedoch eher diffus. Geschichten um Feinde und Kriege sind interessanter als die \u00fcber den Kampf um die Ernte oder den Viehbestand. Der n\u00e4chste Supermarkt hat immer Brot und Fleisch.<\/p>\n<p>Wir wollen Spiele und brauchen Helden. Also ist es Kult, dass Thor einen Kriegswagen f\u00e4hrt und weibliche und m\u00e4nnliche Riesen mit einem Hammer erschl\u00e4gt. Klingt nach roher Gewalt und viel Spa\u00df. Aus Sicht der Naturgewalten entspricht das dem Text \u201e\u2026 und macht euch die Erde untertan \u2026\u201c. Doch m\u00fcssen wir wirklich ausschlie\u00dflich mit diesen isl\u00e4ndischen Macho-Phantasien leben? Wer will eine geb\u00e4ndigte Erde? Wer will die Kinder der Erde in Ketten und als Leichen? Haben wir schon Ragnar\u00f6k? Nur weil meine Vorfahren die Naturgewalten als b\u00f6sartige Riesen gesehen haben, mu\u00df ich das nicht auch tun. Ich finde eine Vorstellung angenehmer, in der ein Landwirt wei\u00df, dass ein Gewitter gut f\u00fcr die Saat ist, aber seinem Kind erkl\u00e4rt, dass es vor dem Donner keine Angst haben muss, weil nur unser Wettergott gerade einen reinigenden Ehekrach hat. Jeder streitet mal.<\/p>\n<p>Ich will keine ununterbrochenen Kriegsgeschichten h\u00f6ren \u00fcber einen Gott, der eigentlich f\u00fcr das Aufgehen der Saat sorgt. Die Riesen sind immer noch lebendig. Sie sind Teil dieser Welt und bewegen sie. Ich will nicht, dass sie st\u00e4ndig erschlagen werden. In meiner Vorstellung erschl\u00e4gt Donar keine Riesen. M\u00f6glicherweise k\u00e4mpft er mit ihnen \u2013 sportlich \u2013 zum Spa\u00df. M\u00f6glich ist auch ein Wettstreit um die st\u00e4rkste Puste oder den am weitesten gespuckten Kirschkern. Bl\u00f6d f\u00fcr uns Menschen, wenn sich der Kirschkern als Meteorit entpuppt, der beim Eintritt in Donars Reich nicht vergl\u00fcht. Ein Upps-Moment in h\u00f6heren Dimensionen. Nennen wir es Schicksal und hoffen auf Ver\u00e4nderung und nicht Untergang.<\/p>\n<p>Geschichten \u00fcber Donar gibt es scheinbar keine. Dazu waren erst die R\u00f6mer und anschlie\u00dfend die Kirche vor allem entlang des Rheins zu gr\u00fcndlich. Seit Grimm und Konsorten wird Donar mit Thor gleichgesetzt, und die Geschichten \u00fcber Thor werden auf Donar \u00fcbertragen. Doch ist der isl\u00e4ndische Thor wirklich der Gleiche wie der kontinental-germanische Donar? Auf Island sind die Erdkr\u00e4fte sichtbar und unabl\u00e4ssig am hochkochen. Aktive Vulkane, Geysire, Erdspalten, Gletscher, Wetterph\u00e4nomene, skurrile Felsgebilde, sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernde Gesteinsformationen, alles das habe ich nicht vor meiner Haust\u00fcr. Auch eine Tagesreise zu Fu\u00df entfernt werde ich nicht mit solchen \u201eGewaltausbr\u00fcchen\u201c konfrontiert. In den hiesigen H\u00fcgeln leben Hirsche und Rehe. Gewitter sind selten und schnell vor\u00fcber. Donar ist hier ein sanfter, fr\u00f6hlicher, beinahe etwas beh\u00e4biger Gott, wohlgen\u00e4hrt und \u00fcber Weinbergen zu Hause.<\/p>\n<p>In den Alpen k\u00f6nnte ich mir einen anderen Donnergott vorstellen. Hier sind es Steinb\u00f6cke, die an seine Macht erinnern. Ein kleines Gewitter wird schnell zu einem tosenden Alptraum. Doch auch hier haben Riesinnen und Riesen ihren Platz und wollen nicht um ihr Leben f\u00fcrchten. Auch hier wollen die Menschen einen Besch\u00fctzer, der nicht zerst\u00f6rt. Und wenn eine Lawine runtergeht, sind dann die Riesen schuld? Wohl eher wieder der Mensch selbst. Brauchen wir noch mehr Skipisten?<\/p>\n<p>Doch wieder zur\u00fcck zu der Fibel mit den beiden kleinen Rentieren aus D\u00e4nemark. Sie stehen sich gegen\u00fcber. Sie sind nicht nebeneinander eingespannt in irgendein Gef\u00e4hrt. Es sind freilebende, m\u00e4nnliche, brunftige \u201eB\u00f6cke\u201c, die in der Bl\u00fcte ihrer Kraft f\u00fcr Nachwuchs sorgen wollen. Keine menschliche Figur in ihrer N\u00e4he hat Besitzanspr\u00fcche oder wirkt in irgendeiner Weise auf die beiden ein. Es geht also nur um Biologie, Behauptung und die ausgewogene Eleganz eines Schauspiels. Diese Brosche feiert die Sch\u00f6nheit und Kraft der Natur \u2013 und die m\u00e4nnliche Fruchtbarkeit.<\/p>\n<p>Wenn eine Frau diese Fibel an einem Ritualplatz niedergelegt hat, w\u00fcnschte sie sich vielleicht einen Partner, der um oder f\u00fcr sie k\u00e4mpft. Wenn ein Mann diese Fibel geopfert hat, k\u00f6nnte er sich Kraft gew\u00fcnscht haben f\u00fcr den Kampf gegen einen Rivalen. Oder er w\u00fcnschte sich die Potenz seiner Jugend zur\u00fcck, als er noch ein buhlender Hei\u00dfsporn war, der sich mit jedem \u201ePlatzhirschen\u201c angelegt hat. Oder ganz schlicht: Ein Rentierherdenbesitzer wollte Schutz und viele K\u00e4lber f\u00fcr seine Herde erbitten.<\/p>\n<p>In Skandinavien und dem Baltikum war der Julbock der Geschenkebringer vor dem Weihnachtsmann. In den Jahrhunderten bevor es Geschenke in den Rauhn\u00e4chten gab, war der freche Ziegenbock allerdings ein d\u00e4monischer Wald- und Berggeist, der mit Opfergaben bes\u00e4nftigt werden musste, weil er sonst in den Juln\u00e4chten Unheil ins Dorf gebracht h\u00e4tte. Doch mit jeder Menge Futter und einem symbolischen T\u00f6tungsakt des Ziegenbocks ist das alte Jahr zu Ende gegangen, und mit einem magischen Lied oder Zauberspruch ist das Huftier wieder neu zum Leben erweckt worden. So oder so \u00e4hnlich steht es im Netz. Die klassische Opferung und Wiederauferstehung zur Wintersonnenwende.<\/p>\n<p>Wenn ich das richtig gelesen habe, wurde Thor selbst vor Urzeiten als Ziegenbock gesehen. Also fuhr Thor nicht mit einem Wagen, der von B\u00f6cken gezogen wurde durch die Wolken. Er selbst war der vor Fruchtbarkeit strotzende Donnersch\u00e4del! Christlich gesehen der geh\u00f6rnte Teufel. Was mich wieder daran erinnert, dass das russische Wort f\u00fcr Gott Bog ist. Klinkt Bog nicht \u00e4hnlich wie Bock? Ihr fragt, wieso russisch? Die Rus-Wikinger haben jenem Land den Namen gegeben, mit Sicherheit auch Teile ihrer Sprache. Und so lebt Thor als Bog in der russischen Sprache fort. Ich finde es g\u00f6ttlich! \u00dcbrigens f\u00e4hrt der russische \u201eWeihnachtsmann\u201c einen Pferdeschlitten. Damit ist dann wohl eher Odin der Besucher zur Wintersonnenwende. Das Wort Odin gibt es auch im Russischen. \u00dcbersetzt hei\u00dft es \u201eeins\u201c oder \u201ealleine\u201c. Allerdings reist Odin als V\u00e4terchen Frost in Begleitung seiner Schneebringerin und ist somit weder der Einzige noch der All-Einige. Die Russen haben, so scheint es mir, Odin und Frau Holle verbunden. Aber das ist Neuzeit und nicht meine geographische Verortung.<\/p>\n<p>Ob Pan in Griechenland, Thor\/Donar in Germanien oder Cernunnos bei den Kelten \u2013 die m\u00e4nnliche Potenz hat in Europa Geweih oder H\u00f6rner auf dem Kopf. Daher verstehe ich das Bild des \u201egeh\u00f6rnten Ehemannes\u201c nicht. Wieso setzt die Frau dem Ehemann H\u00f6rner auf wenn sie doch den Nebenbuhler zum Bock macht? Und wieso darf man den Bock nicht zum G\u00e4rtner machen? Er steht doch f\u00fcr Fruchtbarkeit!? Ach nein, ein Gedankenfehler! Der Bock ist ja der Vielfra\u00df, der mit Leckerli vom Garten abgelenkt werden muss. Und der Hahnrei (geh\u00f6rnter Ehemann bzw. kastrierter Gockel) hat mehr mit dem Pferdesport als mit einem Geweihtr\u00e4ger zu tun. Die Sporen wurden dem kastrierten Hahn abgeschnitten und in den Kamm gesteckt. Sie wuchsen an und zeigten so den Unterschied zu einem nicht kastrierten Gockel.<\/p>\n<p>Mir scheint bei Fruchtbarkeitssymbolen und g\u00f6ttlichen Zuordnungen geht es gar nicht um die Landwirtschaft. Es geht und ging schon immer nur um Sex. Und zwar nicht den Bl\u00fcmchen-und-Bienen-Kram sondern um den animalischen und lustvollen Geschlechtsakt. Nat\u00fcrlich hat man geglaubt, je besser es in der zwischentierischen und zwischenmenschlichen Beziehung klappt, umso besser w\u00e4chst auch die Saat. Die Walpurgisnacht ist so ein Brauchtumsecho. Doch die Kirche hat im Verlauf des Mittelalters den lustvollen Br\u00e4uchen den Kampf angesagt. Zum Schluss wurde aus dem Bock der Teufel und aus der Erdg\u00f6ttin die Hexe. Die Bilder, auf denen Hexen auf Ziegenb\u00f6cken zum Blocksberg reiten und sich in der Nacht zum 1. Mai mit dem Geh\u00f6rnten paaren, sind allgemein bekannt. Mich verwundert, dass der Stier (Jupiter\/Zeus) der G\u00f6ttin Europa nicht auch zum animalischen Antihelden geworden ist. Doch die griechischen Klassiker waren der Kirche wohl zu \u201eheilig\u201c. Schlie\u00dflich war ein Rind sogar bei der Geburt Jesu zugegen. Ein Ziegenbock leider nicht.<\/p>\n<p>Schon vor der Kirche haben die Adeligen und Herren das gemeine Volk erziehen und leiten wollen. Das unkontrollierbare Animalische sollte aus den K\u00f6pfen verschwinden. Die \u201eRiesenkr\u00e4fte\u201c der Menschen sollten gez\u00fcgelt und gebremst werden. Sogar der Bock wurde zu einem Gott gemacht, der den Naturkr\u00e4ften Einhalt gebieten sollte. Und so wurde aus dem Tier ein Mann, der das Tier am Z\u00fcgel h\u00e4lt. Ihm wurde eine Vaterfigur \u00fcbergeordnet, der ihn wiederum in Schach halten sollte. Odin war genau der Richtige daf\u00fcr: kopfgesteuert, klug bzw. verschlagen, gelehrt und spirituell. Der richtige Gott f\u00fcr die sich erhebenden Feudalherren. Der Bauer mit seiner landwirtschaftlichen Denke musste begreifen, dass ein h\u00f6herer Herr, der \u00fcber ihn entscheidet, eben der Kl\u00fcgere und Bessere ist. So ungef\u00e4hr stelle ich mir die Entwicklung zwischen der Antike und den Anf\u00e4ngen der Christianisierung vor. Immerhin geht es dabei um mehr als 1.000 Jahre. Eine lange Zeit, um sich Geschichten f\u00fcr die Edda auszudenken und zurechtzubiegen. An den H\u00f6fen der Herren waren die Wettstreite um die besten Geschichten und Lieder ber\u00fchmt. Von Konstantinopel bis zu den Nordleuten gab es nicht nur wirtschaftliche Verbindungen. Und im gesch\u00fctzten Tross der H\u00f6flinge waren oft irische oder r\u00f6mische Missionare dabei.<\/p>\n<p>Ob am See Tiss\u00f8 das Ritualhaus schon christlich belastet war oder noch rein heidnisch, wer wei\u00df das schon. Die G\u00f6tterstatuen sind vergangen und ob das Geschreibsel von Adam von Bremen \u00fcber einen anderen Ort hier wirklich anzuwenden ist, bleibt fraglich. Ich werde in den m\u00f6glichen Pfahlg\u00f6ttern auf keinen Fall, so wie es in dem Museumsbuch steht, Odin und Thor sehen. Ich werde mir immer eine G\u00f6ttin und einen Gott in so einem Haus vorstellen. Welche G\u00f6tter auch immer, sie wurden von einfachen Leuten verehrt. Den Reichtum aus so einem Ritualplatz sch\u00f6pften allerdings die Herren ab und die waren zu dieser Zeit meistens schon christianisiert. Sie nutzten die starke religi\u00f6se Verbundenheit der Bev\u00f6lkerung zu ihren G\u00f6ttern genauso wie es die Kirchen noch heute tun. Allerdings war es damals am See Tiss\u00f8 scheinbar \u00fcblich den g\u00f6ttlichen Segen sowohl durch echte als auch durch symbolische Tieropfer zu erbitten.<\/p>\n<p>Dass die vier Hirsche, die den Lebensbaum Yggdrasil laut EDDA anknabbern, mit dieser Fibel gemeint sind, glaube ich nicht. Die Fibel zeigt zwei k\u00e4mpfende und keine am Baum \u00e4senden Hirsche. Die Vorstellung des EDDA-Lebensbaums wird sich auch erst \u00fcber Jahrhundert und durch Beeinflussung weitgereister und gebildeter Menschen entwickelt haben.<\/p>\n<p>Ich kann mit Gewissheit nur sagen, dass am See Tiss\u00f8 eine Fibel aus dem 8. Jahrhundert in Form zweier kleiner Hirsche gefunden wurde. Meine dazu gemachten gedanklichen Ausw\u00fcchse sollen die Komplexit\u00e4t von Bildern und ihren Interpretationen veranschaulichen. Ihr m\u00fcsst mir nicht zustimmen. Aber denkt Euch Eure eigenen Geschichten und erz\u00e4hlt sie!<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2018 in Herdfeuer 48<\/strong><strong><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Nelly Dirks (Ausstellung im Arch\u00e4ologischen Museum Frankfurt \u2013 Februar bis Juni 2017) Gedanken \u00fcber einen Gl\u00fccksbringer (mit Nachzeichnung der B\u00f6cke von Tiss\u00f8) Ein kleiner Fund aus dem Grabungsschatz am d\u00e4nischen See Tiss\u00f8 l\u00e4sst mich gedanklich nicht mehr los. Es geht um Thors B\u00f6cke. An dem Ritualort hat vor ca. 1.300 Jahren jemand einen kleinen&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/thors-boecke-oder-was\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[20,39,15,28,48],"class_list":["post-293","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-goetter-und-andere","tag-asatru","tag-germanen","tag-goetter","tag-heidentum","tag-symbole"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=293"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/293\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":349,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/293\/revisions\/349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}