{"id":131,"date":"2003-06-01T19:41:58","date_gmt":"2003-06-01T17:41:58","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=131"},"modified":"2025-08-24T21:00:02","modified_gmt":"2025-08-24T19:00:02","slug":"sind-wir-folkish","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/sind-wir-folkish\/","title":{"rendered":"Sind wir \u201efolkish\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>von Tim Peters<\/p>\n<p>Man begegnet im Zusammenhang mit Asatru gelegentlich dem Adjektiv \u201efolkish\u201c oder seiner \u2013 wohl etwas heiklen \u2013 deutschen \u00dcbersetzung \u201ev\u00f6lkisch\u201c. Etwas seltener h\u00f6rt oder liest man auch das als Gegenbegriff gemeinte \u201euniversalist(isch)\u201c. Der Eldaring macht sich diese Begrifflichkeiten nicht zu eigen. Da sie aber immer wieder auftauchen und regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Diskussionsstoff und in nicht unerheblichen Ma\u00dfe f\u00fcr Irritation sorgen, sei hier einmal kurz auf sie eingegangen \u2013 allerdings weniger auf ihre Bedeutung sondern vielmehr auf die Gr\u00fcnde, warum wir sie eben nicht f\u00fcr sinnvoll erachten und deshalb nicht verwenden wollen.<\/p>\n<p>\u201eFolkish\u201c ist eine Selbstbezeichnung einzelner Heiden und heidnischer Gruppierungen (urspr\u00fcnglich vor allem im englischsprachigen Raum), die damit eine Lesart ihrer Religion kennzeichnen m\u00f6chten, die besonderen Wert auf die ethnische Komponente der Tradition legt. Das Spektrum reicht dabei von durchaus gem\u00e4\u00dfigten, toleranten Personen bis hin zu ausgesprochenen Rassisten.<\/p>\n<p>Ist nun der Begriff des \u201efolkish\u201c schon problematisch genug, so erweist sich das \u201euniversalist\u201c bei n\u00e4herer Betrachtung als Schim\u00e4re, die in der Konsequenz auch das \u201efolkish\u201c in einem \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdigen Licht erscheinen l\u00e4\u00dft. Die radikaleren Vertreter der \u201efolkish\u201c-Richtung haben den Begriff \u201euniversalist\u201c gepr\u00e4gt, um einen Gegenbegriff zu ihrem \u201efolkish\u201c zu haben \u2013 offenbar gefangen in einem Dualismus-Bed\u00fcrfnis, dem unsere \u201ewestliche\u201c Kultur seit Etablierung des Christentums so verhaftet scheint, das aber ganz und gar nicht heidnischer Weltsicht entspricht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte man aber vergeblich nach einem Heiden suchen, der sich selbst als \u201euniversalistisch\u201c bezeichnen w\u00fcrde. Der Begriff ist auch schon deshalb unsinnig, weil er eine Allgemeing\u00fcltigkeit behauptet, die so niemand im Heidentum vertritt. Eine \u201euniversalistische\u201c Religion begegnet uns zum Beispiel im missionsbeflissenen Christentum. Kein noch so eifriger Heide w\u00fcrde aber von seiner Religion behaupten, sie sei die allein seligmachende Lehre f\u00fcr alle Menschen dieser Erde. Ganz im Gegenteil \u2013 Heiden kennen und respektieren eine Vielzahl verschiedenster religi\u00f6ser Traditionen mit jeweils ganz eigenen Mythen und Gottheiten.<\/p>\n<p>Es gibt faktisch kein \u201euniversalist Asatru\u201c. Das ist vielmehr ein rein hypothetisches Konstrukt, das auf einer gedachten \u201eAsatru-Skala\u201c an demjenigen Ende zu finden w\u00e4re, das der rassistischen Form des \u201efolkish\u201c gegen\u00fcber l\u00e4ge. Man k\u00f6nnte dagegen vielleicht davon sprechen, da\u00df es eine exklusive und eine tolerante Auffassung von Heidentum gibt. Die exklusive Richtung beschr\u00e4nkt normativ (d.h. vorschreibend) die M\u00f6glichkeit der Teilhabe an der Religion auf eine bestimmte Gruppe (die verschieden definiert sein mag). Die tolerante Richtung akzeptiert prinzipiell jeden als legitimes \u201eMitglied\u201c dieser Religion. Allerdings werden auch die Vertreter der letzteren Richtung, zu der wohl auch der Eldaring zu rechnen w\u00e4re, in individuell verschiedenem Grade einen ethnischen Fokus anerkennen. Denn dass einzelne heidnische Religionen jeweils Produkte bestimmter Kulturen und V\u00f6lker sind, wird niemand leugnen k\u00f6nnen oder wollen.<\/p>\n<p>Wie und warum aber sollte sich aus der Tatsache, dass heidnische Religionen ethnischen Ursprungs sind, eine ethnische \u201eZulassungsbeschr\u00e4nkung\u201c ableiten lassen? Gegen wen wollte man sich denn damit abgrenzen und vor allem, zu welchem Zweck? Kultur ist keine Frage der Hautpigmentierung, Religion ist nicht in den Genen kodiert. Ein Mensch, der in einer von der unseren g\u00e4nzlich verschiedenen Kultur geboren und aufgewachsen ist, wird kaum den brennenden Wunsch versp\u00fcren, sich ausgerechnet uns anzuschlie\u00dfen. Wenn doch, so w\u00fcrde uns das zwar wahrscheinlich wundern \u2013 aber wenn jemand sich von den Asen gerufen f\u00fchlt, soll uns das Grund genug sein, ihn aufzunehmen. Wer auch immer sich zu uns gesellt, wird daf\u00fcr seine ganz pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnde haben. Solange die betreffende Person unsere Grunds\u00e4tze und Ziele teilt und respektiert, ist sie herzlich willkommen.<\/p>\n<p>Dass von all dem abgesehen, die eigene \u201eEthnizit\u00e4t\u201c in genetischer Hinsicht gerade f\u00fcr einen modernen Mitteleurop\u00e4er nahezu unm\u00f6glich festzustellen oder auch nur klar zu definieren ist, bedarf eigentlich kaum noch der Erw\u00e4hnung. Genausowenig wie die Tatsache, dass unsere Vorfahren in solchen Kategorien \u00fcberhaupt nicht gedacht haben.<\/p>\n<p>Der Eldaring vermeidet den Begriff \u201efolkish\u201c, selbst in seiner gem\u00e4\u00dfigten Auffassung. Nicht nur, weil seine w\u00f6rtliche deutsche \u00dcbersetzung ihn in die N\u00e4he unguter Verwendungen in der j\u00fcngeren deutschen Vergangenheit r\u00fcckt. Zwar ist \u201ev\u00f6lkisch\u201c nat\u00fcrlich kein \u201eNazi-Wort\u201c per se. Aber es w\u00e4re nur schwer vermittelbar, dass man \u201ev\u00f6lkisch\u201c nicht in dieser Bedeutung gebraucht, da dieses Adjektiv ansonsten in unserer Sprache kaum je Verwendung findet. Viel wichtiger: Der Begriff \u201efolkish\u201c ist vollkommen \u00fcberfl\u00fcssig. In seiner gem\u00e4\u00dfigten, nicht-rassistischen Form bedeutet er nichts anderes, als dass Asatru eine ethnische Religion ist. Aber das ist Asatru<span>\u00a0<\/span><em>per definitionem<\/em>. Warum also daf\u00fcr einen eigenen Begriff pr\u00e4gen? Und vor allem: Macht es Sinn, selbst wenn man zu dieser gem\u00e4\u00dfigten Richtung neigt, sich in eine Schublade zu begeben, die unter anderem auch Rassisten enth\u00e4lt? Das f\u00fchrt lediglich zu Erkl\u00e4rungsn\u00f6ten, schlimmstenfalls zu eigentlich v\u00f6llig unn\u00f6tigen Auseinandersetzungen und Anfeindungen.<\/p>\n<p>Neue begriffliche Unterscheidungen oder Kategorien einzuf\u00fchren macht ganz allgemein nur dann Sinn, wenn sie helfen Klarheit zu schaffen. Das Gegenteil aber ist hier der Fall \u2013 es wird nicht nur mehr Verwirrung erzeugt, es werden auch Grenzen geschaffen, wo keine sein m\u00fcssten; Missverst\u00e4ndnisse und Feindseligkeiten sind vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Der Eldaring spricht niemandem das Recht ab, sich als \u201efolkish\u201c, \u201euniversalistisch\u201c oder wie auch immer zu betiteln. Auch wollen wir niemanden in die \u201erechte\u201c oder sonst eine Ecke stellen, blo\u00df weil er diese oder jene Bezeichnung f\u00fcr sich verwendet. Niemand ist gleich ein Neonazi, nur weil er sich \u201efolkish\u201c nennt. Aber die ganze \u201efolkish\/universalist\u201c-Debatte ist im Sinne unserer Sache nur kontraproduktiv. Wir brauchen sie nicht!<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2003 in Herdfeuer 1<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Tim Peters Man begegnet im Zusammenhang mit Asatru gelegentlich dem Adjektiv \u201efolkish\u201c oder seiner \u2013 wohl etwas heiklen \u2013 deutschen \u00dcbersetzung \u201ev\u00f6lkisch\u201c. Etwas seltener h\u00f6rt oder liest man auch das als Gegenbegriff gemeinte \u201euniversalist(isch)\u201c. Der Eldaring macht sich diese Begrifflichkeiten nicht zu eigen. 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