{"id":129,"date":"2005-09-06T19:39:42","date_gmt":"2005-09-06T17:39:42","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=129"},"modified":"2025-08-24T20:51:28","modified_gmt":"2025-08-24T18:51:28","slug":"faschismus-und-antifaschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/faschismus-und-antifaschismus\/","title":{"rendered":"Faschismus und Antifaschismus"},"content":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter<\/p>\n<p>Dem jungen Hans \u201eHaschu\u201c Schumacher gewidmet.<\/p>\n<p>Es gibt antagonistische Gegens\u00e4tze wie Licht und Finsternis oder m\u00e4nnlich und weiblich. Hier sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert, weil sich Gegens\u00e4tze eben doch absto\u00dfen und anziehen, immer wieder in Streit geraten und sich doch gegenseitig brauchen, um zu existieren.<\/p>\n<p>Die meisten in den letzten Jahrzehnten diskutierten antagonistischen Gegens\u00e4tze sind aber eigentlich Auseinandersetzungen im (begrenzten) Meinungspool. So negiert der Streit Europa gegen Afrika, vulgo Wei\u00df gegen Schwarz, die Existenz anderer Kontinente und Hautfarben. Die Streitigkeiten zwischen Christen und Moslems, oft zum Kampf zur Erhaltung des christlichen Abendlandes hochstilisiert, ignorieren nicht nur die l\u00e4ngst zumindest in Deutschland eingezogene multikulturelle Gesellschaft fern der reinen Heilslehre der gro\u00dfen christlichen Kirchen, sie bieten auch ein Bild der \u201eBastion Europa\u201c, das nach au\u00dfen kommuniziert uns in den mentalen Schutzwall dunkler Zeitalter zur\u00fcckfallen l\u00e4sst. Und nicht erst die Ringparabel hat bewiesen, dass Christentum und Islam aus \u00e4hnlichen Wurzeln sprossen, sodass hier der antagonistische Gegensatz eher dem Zwist zwischen Br\u00fcdern (oder seien wir ehrlich: Cousins) denn ein Streit um grunds\u00e4tzliche Unterschiede ist.<\/p>\n<p>Auch die europ\u00e4ische Auseinandersetzung zwischen Faschisten und Kommunisten \u2013 zu Unrecht von Rechten hochstilisiert zu dem Konflikt des 20. Jahrhunderts \u2013 bietet hier nicht viel Grundlage, weil beide System in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg \u00e4hnlich undemokratisch, starr und menschenfeindlich waren, von daher die Zahl der Gemeinsamkeiten h\u00f6her war als die Zahl der zu verteidigenden Differenzen.<\/p>\n<p>Diese Streitigkeiten wirken oft wie tektonische Risse in den kontinentalen Platten der gemeinsamen Ideologie. Sie sind keine echten Streits, nur aufgesetzte Debatten, die von den echten Problemen ablenken sollen, indem ein neues \u201eWir\u201c und ein neues \u201eDie anderen\u201c definiert wird. Wieder einmal werden Stacheldrahtz\u00e4une um den eigenen Hof gezogen und wehe, wenn die Kuh des Nachbarn sich her\u00fcberbeugt, um von den gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern der eigenen Wiese zu zupfen.<\/p>\n<p>Wir alle sind doch durch ein B\u00fcndel von unterschiedlichen Zugeh\u00f6rigkeiten gezeichnet. Ein m\u00e4nnlicher, homosexueller, wei\u00dfer, kommunistischer Heide lebt mit vielen Bruchzonen, die sich durch seine Biographie ziehen. Er k\u00f6nnte gar nicht bei allen Streitigkeiten eine Barrikade bemannen, weil er daf\u00fcr zu wenige Leben gleichzeitig f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Jeder Mensch ist ein Teil verschiedener Gruppen, die sich nicht ausschlie\u00dfen, da sie nicht gegens\u00e4tzlich sind oder verschiedene Meinungspools betreffen. Deswegen ist es meine These, dass es heidnische Faschisten gibt, geben muss. Faschismus und Heidentum sind keine Gegens\u00e4tze, da sie verschiedenen Meinungspools zugeh\u00f6rig sind.<\/p>\n<p>Erschwerend kommt nat\u00fcrlich hinzu, dass beide Begriffe schrecklich unscharf sind. Wie definiert man Heiden? Nicht nur, dass die Begrifflichkeit schon im Heidentum unscharf ist (was sind \u201eHeathen\u201c und \u201ePagans\u201c?), auch die urspr\u00fcngliche Bedeutung als Nichtchristen ist heute nicht mehr griffig. Wenn wir die sogenannten Buchreligionen (welche im Besitz eines oder mehrerer Werke sind, die als Grundlagen der Religion gelten) als Gruppe nehmen, dann bleiben genug Buch-lose Weltreligionen \u00fcbrig, die wir nicht als Heiden verstehen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es mit Faschisten und Nazis. Sind alle Faschisten Nazis und alle Nazis Faschisten? Hat der italienische Faschismus die selben Wurzeln wie der spanische und wie der deutsche? Wie bezeichnet man das japanische Reich des 2. Weltkriegs \u2013 auch als faschistisch, weil es mit Hitlers Deutschland verb\u00fcndet war? Das war die Sowjetunion auch (wenn auch nur zeitweise), und da w\u00e4re der Begriff faschistisch wohl eher untragbar.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde einen Definitionsversuch f\u00fcr das Heidentum versuchen, der mit den eben genannten Einschr\u00e4nkungen zu lesen ist. Dann w\u00e4ren Heiden europ\u00e4ische, nicht abrahamitische religi\u00f6se Menschen, die aus einer Verbindung von antiken und Renaissance-Einfl\u00fcssen mit \u00f6kologischen Elementen (ich verweise nur auf die Naturn\u00e4he und Begriffe wie Gaia) entstanden sind, wobei auf die Wurzeln der Romantik zur\u00fcckgegriffen wird.<\/p>\n<p>Faschismus w\u00e4re dann eine m\u00e4nnerb\u00fcndische, fremdenfeindliche Weltanschauung, die auf einer erfundenen R\u00fcckbesinnung auf Scholle und einer historischen Hochzeit in einer mythischem Mittelalter mit weisen Herrschen, weiten Grenzen und mythischen, zeitlosen Orten beruht. Freundschaft und Mut stehen neben Barbarei und atavistischer Unmoral. Hier treffen sich die Ph\u00e4nomene des 20. Jahrhunderts: Technikangst und Technikbegeisterung, Massenmord, Schw\u00fcre und goldbetresste Uniformen in einem eigenartigen Anschauungspool.<\/p>\n<p>Schon dieser Umriss d\u00fcrfte zeigen, dass beide Begriffe auf unterschiedliche Quellen Bezug nehmen, die sich \u00e4hneln oder deckungsgleich sind. Ohne eine umfassende Analyse liefern zu wollen, sei der Verweis auf die Bedeutung von mythischen Zeitaltern, weiser Herrschaft und Natur in beiden Weltanschauungen erlaubt.<\/p>\n<p>Im momentan mal wieder im Heidentum an die Oberfl\u00e4che dr\u00e4ngenden vordergr\u00fcndigen Antifaschismus bek\u00e4mpft sich im Fremden oft das Selbst. Mit selten erreichter Heuchelei werden heidnische Versuche totgetreten, die den Ruch des Faschismus tragen.<\/p>\n<p>Doch: Jener dunkle Ort, an dem Blut Sinn, Freundschaft und Verbindung stiftet, wo mythische Bilder, Fackeln, Trommeln und romantische Sprache Sinn und Bedeutung zu stiften trachten, wo hinter dem Rauschen der W\u00e4lder ein mythisches Raunen liegt, n\u00e4hrt zwei Quellen, die zum faschistischen und zum heidnischen Fluss werden.<\/p>\n<p>Den Faschismus zu bek\u00e4mpfen muss Ziel jedes freiheitlich denkenden Menschen sein. Wenn dieser freiheitlich denkende Mensch auch Heide ist, so bek\u00e4mpft er sicherlich auch den Faschismus \u2013 einen grundliegenden Antagonismus Heidentum und Faschismus kann ich nicht sehen, weil beide Begriffe \u201ein unterschiedlichen Kategorien boxen\u201c, um es etwas salopp zu formulieren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind sich beide Richtungen (trotz der verschiedenen Meinungspools) \u00e4hnlich, weil sie aus identischen (oder benachbarten) Quellen gespeist werden. Ein Streit zwischen ihnen ist in ihrer Struktur nicht angelegt, weil sie verschiedene Meinungsfelder beackern. Der Streit zwischen ihnen entsteht meiner Ansicht nach daraus, dass viele Heiden auch freiheitlich denkende Menschen sind und daher sich gegen den Faschismus aussprechen. Als politische Menschen, nicht als Heiden. Leider vergessen das viele Heiden.<\/p>\n<p>Woher kommt dann der Konflikt, der immer wieder durch antifaschistische Ausf\u00e4lle (anders kann ich es nicht nennen) von Heidenseite gesch\u00fcrt wird?<\/p>\n<p>Der Antifaschismus ist ein gesellschaftlich gest\u00fctztes Ph\u00e4nomen, welches aus verschiedenen Gr\u00fcnden gewollt wird \u2013 und sei es nur, um durch Diskussionen \u00fcber Faschismus und Antifaschismus von den Schw\u00e4chen der kapitalistischen Gesellschaft und der Verarmung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung abzulenken. Wer Antifaschisten kritisiert, der wird sofort als Faschist kritisiert, denn wer Antifaschisten nicht in ihrem Tun unterst\u00fctzt, der unterst\u00fctzt \u2013 so folgert man vorschnell und falsch \u2013 damit die Nazis.<\/p>\n<p>Sich zum Antifaschisten zu erkl\u00e4ren, sich als Nazi-Gegner zu \u201eouten\u201c bringt nicht nur positive Resonanz, nein, man macht sich auch unangreifbar, weil Kritik am Antifaschisten gleich Unterst\u00fctzung f\u00fcr den (in diesem Streit \u00fcberhaupt nicht pr\u00e4senten) Faschisten ist. Niemand spricht direkt in diesem Streit mit Faschisten, man spricht nur \u00fcber Menschen, die angeblich Faschisten sein sollen. Und wer sich nicht gleich auf den Boden wirft und ruft \u201eEs tut mir leid! Es tut mir leid!\u201c, der ist eben ein versteckter und geheimer Nazi, weil er weiterhin leugnet, was doch dem Antifaschisten l\u00e4ngst offenbar geworden ist.<\/p>\n<p>Auswege? Zwei kann ich bieten.<\/p>\n<p>Erstens: Wer jetzt die selbsterkl\u00e4rten wei\u00dfen Ritter auf dem Schimmel sieht, ausgezogen, den Faschismus zu bek\u00e4mpfen, der sollte sich fragen: Wer ist dieser Mann? Warum sagt er, dass er in meinem Namen k\u00e4mpft? Wer \u00fcberpr\u00fcft ob alle, die vor seiner Lanze enden, wirklich Faschisten sind?<\/p>\n<p>Zweitens: In einer demokratischen Gesellschaft haben auch Faschisten Rechte. So weh dieser Satz tut \u2013 er ist wahr. Und ein Beschuldigter bleibt unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Das gilt auch f\u00fcr Faschisten. \u201eFreiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!\u201c<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2006 in Herdfeuer 9<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter Dem jungen Hans \u201eHaschu\u201c Schumacher gewidmet. Es gibt antagonistische Gegens\u00e4tze wie Licht und Finsternis oder m\u00e4nnlich und weiblich. 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