{"id":127,"date":"2006-12-01T19:37:41","date_gmt":"2006-12-01T18:37:41","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=127"},"modified":"2025-08-24T20:50:50","modified_gmt":"2025-08-24T18:50:50","slug":"probleme-und-chancen-religioeser-erziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/probleme-und-chancen-religioeser-erziehung\/","title":{"rendered":"Probleme und Chancen religi\u00f6ser Erziehung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nur zu verst\u00e4ndlich, wenn verantwortungsbewusste Eltern die eigenen Wertma\u00dfst\u00e4be und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen an ihre Kinder weiterreichen wollen. Jeden von uns d\u00fcrfte die Aussicht mit Befriedigung erf\u00fcllen, dass unsere Kinder in ungebrochener Tradition die Fackel des Glaubens nicht nur bereitwillig annehmen, sondern sie auch ihrerseits weitergeben. Frischgebackene Eltern und solche, die es noch werden wollen, sind in dieser Frage allerdings meistens von einem noch unged\u00e4mpften Idealismus und Optimismus erf\u00fcllt. Erfahrenere Vertreter der Gattung dagegen kennen jenen t\u00fcckischen Abgrund, der sich stets zwischen p\u00e4dagogischer Theorie und der Praxis des Alltags auftut. Deshalb muss man sich nicht nur der Frage stellen, wie man reagieren sollte, wenn die eigenen religi\u00f6sen Sozialisierungsversuche gr\u00fcndlich misslingen, sondern auch der, was man realistischerweise dabei \u00fcberhaupt von Kindern erwarten kann und darf.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Erziehung ist in unserer heutigen Gesellschaft immer ein Drahtseilakt mit v\u00f6llig ungewissem Ausgang, und wenn \u00fcberhaupt eine eigene Erfahrung daraus zu gewinnen ist, dann im Nachhinein (wenn es zu sp\u00e4t ist) wahrscheinlich die, wie man alles h\u00e4tte besser machen k\u00f6nnen. In jedem Fall werden entsprechende Konflikte unvermeidlich sein, und sei es nur deshalb, weil die Nachgeborenen in bestimmten Altersphasen schon aus Prinzip grunds\u00e4tzlich alles anders machen wollen, als ihre Eltern es f\u00fcr gut bef\u00e4nden. Und das muss auch so sein, weil es notwendiger Bestandteil des jugendlichen Reifungs- und Abnabelungsprozesses vom Elternhaus ist. Man muss aber darauf vorbereitet sein, dass sich das auch \u2013 oder sogar gerade \u2013 im religi\u00f6sen Bereich \u00e4u\u00dfern wird, und sollte dann dar\u00fcber nicht sonderlich schockiert sein, denn eben das ist dabei meistens eines der sehns\u00fcchtig erhofften Ziele des Nachwuchses.<\/p>\n<p>Zum besseren Verst\u00e4ndnis des Problems sollten wir einmal kurz unsere Sichtweise wechseln und uns daran erinnern, dass auch wir alle Kinder von Eltern sind, und auch wir in unserem gegenw\u00e4rtigen Glauben und unserer Lebensweise in den weitaus meisten F\u00e4llen nicht den Erwartungen unserer Eltern entsprechen, sondern unseren eigenen Weg gegangen sind. Hier d\u00fcrfte jeder von uns seine ganz individuelle Geschichte haben, wie sich dieser Trennungsprozess gestaltet hat, und vor allem, wie die eigenen Eltern damit umgegangen sind bzw. es immer noch tun. In vielen F\u00e4llen d\u00fcrfte das Elternhaus nur nominell christlich sein und sich das eigentliche Befremden unserer Eltern nicht so sehr an der Abkehr ihrer Kinder vom Christentum entz\u00fcnden, sondern einfach daran, dass man Religion \u00fcberhaupt ernst nimmt. In solchen F\u00e4llen ist recht einfach zu argumentieren, da es doch fast immer gerade die eigenen Eltern waren, die einen erstmals in die Kirche getrieben, dem schulischen Religionsunterricht preisgegeben und \u00fcberhaupt mit dem Thema vertraut gemacht haben. Sich nun zu wundern, dass die Therapie auch angeschlagen hat, entbehrt dann nicht einer gewissen Komik. Schwerwiegender sind die F\u00e4lle, in denen die Eltern tats\u00e4chlich \u00fcberzeugte Christen sind oder man in l\u00e4ndlicher Gegend mit entsprechend sozialem Druck lebt, dessen m\u00f6gliche Konsequenzen man nicht untersch\u00e4tzen sollte. Da gilt es dann, sehr behutsam zu agieren, und in solchen F\u00e4llen kann es tats\u00e4chlich weiser sein, sich \u00fcberhaupt nicht zu outen. Die in so manchen heidnischen \u00c4u\u00dferungen zu Tage tretende Bekenntnissucht ist jedenfalls vom Wesen her sehr viel christlicher gepr\u00e4gt, als es deren Bef\u00fcrwortern meistens bewusst ist.<\/p>\n<p>Die Reflexion \u00fcber das diesbez\u00fcgliche Verh\u00e4ltnis zu unseren Eltern sollte denn auch immer Richtschnur unserer Erziehungsbem\u00fchungen bei den eigenen Kindern sein. Damit meine ich, dass das, was wir den eigenen Eltern oft vorzuwerfen haben, n\u00e4mlich mangelnde Toleranz und Verst\u00e4ndnisbereitschaft, allzu schnell zu einer Falle werden kann, in die man selbst hineintappt. Deshalb sollten gerade wir uns aus der eigenen Erfahrung heraus davor h\u00fcten, von unseren Kindern wie selbstverst\u00e4ndlich zu erwarten, dass sie auch unser religi\u00f6ses Weltbild \u00fcbernehmen. So menschlich verst\u00e4ndlich und w\u00fcnschenswert das auch scheinen mag, ger\u00e4t man hier doch leicht in gef\u00e4hrliche N\u00e4he jener oft anzutreffenden heidnischen Bigotterie, die sich einerseits selbstbewusst auf die Religionsfreiheit und den Pluralismus unserer Gesellschaft beruft (und davon auch unendlich profitiert), andererseits aber im geheimen wieder von einer r\u00fcckw\u00e4rts gewandten Stammesgesellschaft mit einheitlich heidnischem Glauben tr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, ob wir es unseren Kindern \u00fcberhaupt w\u00fcnschen sollten, den Glauben der Eltern unreflektiert so zu \u00fcbernehmen, wie es fr\u00fcher in unserer christlichen Gesellschaft die Regel war. Berauben wir sie damit nicht gerade eines f\u00fcr sie wichtigen Selbstfindungsprozesses? Steht dahinter nicht der egoistische Wunsch, die Kinder zu Ebenbildern unser selbst formen zu wollen? Das konsequente Durchdenken dieser Frage f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu folgender Erkenntnis:<\/p>\n<p>Wenn wir unseren Kindern in religi\u00f6ser Hinsicht wirklich etwas mitgeben k\u00f6nnen, kann das nur im Wesen der Spiritualit\u00e4t selbst bestehen, nicht aber in deren spezifischen Inhalten. Und wenn das in einer von schnelllebigem Konsum und materialistischer Oberfl\u00e4chlichkeit gepr\u00e4gten Welt \u00fcberhaupt gelingt, ist das schon sehr viel. Auch hier mag ein abermaliger Blick auf die eigene Biographie hilfreich sein: Wir alle d\u00fcrften erst nach l\u00e4ngerer Suche zu unserem gegenw\u00e4rtigen Glauben gelangt sein, einer Suche, bei der man zahlreiche Irrwege, Umwege und Sackgassen durchwandert hat. Aber genau das ist das Wesen einer jeden Suche, wobei einen der Weg selbst immer sehr viel nachhaltiger formt, als ein vermeintlich erreichtes Ziel. Menschen, die von der Kindheit bis zum Grab unbeirrt einer begrenzten religi\u00f6sen Sichtweise anh\u00e4ngen, offenbaren dadurch oftmals nur eine Unf\u00e4higkeit zu pers\u00f6nlichem Wachstum. Und gerade diejenigen unter uns, die in noch vergleichsweise jungem Lebensalter stehen, sich aber als \u201estark im Glauben\u201c betrachten, sollten darauf gefasst sein, dass ihr religi\u00f6ses Weltbild durch zunehmende Lebenserfahrung und unerwartete Schicksale noch so manchem Wandel und Bruch unterworfen sein wird. Gl\u00fccklicherweise l\u00e4sst das Heidentum aber einen sehr gro\u00dfen Raum f\u00fcr die individuelle Weiterentwicklung eigener Spiritualit\u00e4t zu. Wenn wir also unsere eigenen Lebensgeschichten und unser Verh\u00e4ltnis zu den Eltern als Ma\u00dfstab nehmen, d\u00fcrfen wir gerade deshalb unseren Kindern eben diese Suche nach ihrer eigenen religi\u00f6sen Selbstbestimmung nicht verwehren. Wir m\u00fcssen sie sogar ausdr\u00fccklich dazu ermutigen, auch wenn sich diese Suche inhaltlich von unseren eigenen Glaubensvorstellungen entfernen mag. Denn bereits der Aufbruch zu dieser Suche an sich ist das beste Ergebnis, auf das man erziehungstechnisch \u00fcberhaupt hoffen kann, und gerade sie tr\u00e4gt mehr als alles andere den fruchtbaren Keim fortschreitender eigener Reifung und der F\u00e4higkeit zur Selbsterziehung in sich, die wir unseren Kindern doch von tiefstem Herzen w\u00fcnschen. Und der Ansto\u00df zu dieser eigenen Suche ist der einzige Samen, den wir wirklich pflanzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit soll auf keinen Fall einem<span>\u00a0<\/span><em>laissez-faire<\/em><span>\u00a0<\/span>oder gar einer Ignoranz das Wort geredet werden, wobei man Kinder in gutwilliger Absicht \u00fcberhaupt nicht religi\u00f6s erzieht, damit sie zu gegebener Zeit ihre Wahl \u201ev\u00f6llig frei\u201c treffen k\u00f6nnen. Denn solchen Kindern geht dadurch nicht nur die n\u00f6tige religi\u00f6se Grundsozialisation, sondern auch jede Immunisierung gegen offensichtlichen religi\u00f6sen Schwachsinn ab. Und gerade diese Kinder sind deshalb sp\u00e4ter oftmals die einfachsten und willigsten Opfer ber\u00fcchtigter evangelikaler Freikirchen und notorischer Psychosekten. Selbstverst\u00e4ndlich darf und soll man Kinder in der eigenen Religion erziehen, aber nicht, ohne ihnen zu gegebener Zeit zu er\u00f6ffnen, dass es auch andere Religionen und damit unterschiedliche Sichtweisen gibt, denen man ihre grunds\u00e4tzliche Berechtigung nicht absprechen sollte. Man kann das nur nach bestem Verm\u00f6gen und Gewissen leisten und kann selbst dann nur auf das Beste hoffen. Wenn dann noch eine gelebte Vorbildfunktion dazukommt (und zwar auch in Sachen Toleranz), stehen die Chancen aber nicht schlecht.<\/p>\n<p>Ein Problem besteht auch darin, dass unsere Kinder noch kaum die M\u00f6glichkeit haben, innerhalb heidnischer Gemeinden aufzuwachsen. Sie \u2013 wie auch wir \u2013 werden auf unabsehbare Zeit Einzelg\u00e4nger inmitten Andersgl\u00e4ubiger sein. Dar\u00fcber sollte man sich keinen unrealistischen Tr\u00e4umen hingeben. Das Problem versch\u00e4rft oder vermindert sich zwar je nach Wohnort \u2013 so d\u00fcrfte das im l\u00e4ndlichen Bayern gravierender sein als in einer Gro\u00dfstadt Norddeutschlands oder in den Neuen Bundesl\u00e4ndern. In jedem Fall aber gilt es, alle Entscheidungen zu Fragen religi\u00f6ser Erziehung auch deshalb sehr behutsam abzuw\u00e4gen, weil man einem Kind nur wenig Schlimmeres antun kann, als es der elterlichen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen wegen zum sozialen Au\u00dfenseiter unter seinesgleichen zu machen. Zu dieser Frage aber gibt es keine Patentrezepte oder allgemeing\u00fcltigen Ratschl\u00e4ge, da hier immer sehr individuelle Faktoren eine Rolle spielen. Das ist nicht nur vom sozialen Umfeld, sondern mindestens ebenso von der Pers\u00f6nlichkeit des Kindes selbst abh\u00e4ngig. Ein starkes Kind, das m\u00f6glicherweise sogar eine f\u00fchrende Rolle unter seinesgleichen einnimmt, kann aus der Besonderheit seiner Religion Stolz und Selbstbewusstein beziehen. F\u00fcr ein schwaches Kind, das auch so schon Anschlussprobleme hat, kann seine zus\u00e4tzliche religi\u00f6se Isolation eine psychologische Katastrophe bedeuten.<\/p>\n<p>Was aber nun, wenn bei den eigenen Kindern wirklich das eintritt, was viele von uns als \u201egr\u00f6\u00dften anzunehmenden Unfall\u201c betrachten m\u00f6gen? So schmerzlich es uns auch ankommen mag, wenn unsere Kinder im Extremfall als \u00fcberzeugte Christen enden, so sollten gerade wir in dem Fall auch zu jener Toleranz f\u00e4hig sein, die wir f\u00fcr unsere Religion von Andersgl\u00e4ubigen immer so vehement einfordern. Religion soll Kraft und St\u00e4rke f\u00fcr das eigene Leben verleihen, nicht umgekehrt. Und diesen Aspekt aktiver Lebenshilfe hat man tunlichst auch anderen Religionen zuzubilligen, wobei spitzfindige theologische Diskussionen in der Praxis wenig hilfreich sind. Vor allem aber sollte man die Weisheit verinnerlichen, die Religion niemals \u00fcber den Menschen selbst zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2006 in Herdfeuer 13<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nur zu verst\u00e4ndlich, wenn verantwortungsbewusste Eltern die eigenen Wertma\u00dfst\u00e4be und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen an ihre Kinder weiterreichen wollen. Jeden von uns d\u00fcrfte die Aussicht mit Befriedigung erf\u00fcllen, dass unsere Kinder in ungebrochener Tradition die Fackel des Glaubens nicht nur bereitwillig annehmen, sondern sie auch ihrerseits weitergeben. Frischgebackene Eltern und solche, die es noch werden&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/probleme-und-chancen-religioeser-erziehung\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[34,28,35,36],"class_list":["post-127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-asatru-heute","tag-christentum","tag-heidentum","tag-kinder","tag-religioese-erziehung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=127"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":361,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions\/361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}