{"id":125,"date":"2007-12-01T19:35:57","date_gmt":"2007-12-01T18:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=125"},"modified":"2025-08-24T20:50:01","modified_gmt":"2025-08-24T18:50:01","slug":"das-primat-des-goettlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/das-primat-des-goettlichen\/","title":{"rendered":"Das Primat des G\u00f6ttlichen"},"content":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter<\/p>\n<p>Der Mensch wird mit der Geburt in die Sch\u00f6pfung hineingeworfen. Er beginnt sein Leben ohne Anleitung und ohne Regeln zum Umgang mit den Kr\u00e4ften, welche die Welt bestimmen. Im Laufe seines Lebens eignet sich der Mensch die Regeln an, die er zur Bew\u00e4ltigung seiner Existenz braucht.<\/p>\n<p>Zwei Quellen sind es, aus der wir Regeln sch\u00f6pfen: die eigene Erfahrung und Dinge, die wir lernen. Beide Quellen stehen in Verbindung, doch begreifen wir ihr Wirken oft als getrennt.<\/p>\n<p>Weiter teilen wir diese Regeln in einen materiellen und einen immateriellen Bereich. Der materielle Bereich wird z.B. durch die Naturwissenschaft repr\u00e4sentiert, der immaterielle Bereich z.B. durch Religion und Magie, aber auch Philosophie und Geschichtswissenschaft.<\/p>\n<table class=\"wp-block-table\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Erfahrungen im materiellen Bereich<\/td>\n<td>Gelerntes im materiellen Bereich<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erfahrungen im immateriellen Bereich<\/td>\n<td>Gelerntes im immateriellen Bereich<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Noch einmal: Wir beginnen unser Leben ohne die \u00dcbergabe eines Regelwerks durch eine h\u00f6here Instanz. Auch der Beginn der menschlichen Zivilisation muss ohne eine Erstverk\u00fcndung durch irgendwelche h\u00f6heren Wesen auskommen. Stattdessen \u00fcbernimmt es die Kultur, in der wir aufwachsen, uns Regeln zu vermitteln. Wir \u00fcbernehmen die Verifizierung dieser Regeln am eigenen Erleben. (So ist die Schwerkraft eine Regel, die wir immer wieder ohne Probleme \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen \u2026)<\/p>\n<p>Die Regeln, denen wir folgen, sind also eine Kombination, eine Mixtur aus kulturellen Vorgaben und eigenem Erleben. Keines von beiden ruht auf objektiven Grundlagen, keines von beiden wird erkennbar aus einer g\u00f6ttlichen Ebene oder \u00e4hnlicher Instanz gespeist.<\/p>\n<p>Die Folgerung, die man daraus ziehen sollte, ist einfach: Es darf keine unumst\u00f6\u00dflichen oder undiskutierbaren Regeln geben, weil es keine objektiven, allgemein vermittelten Regeln gibt.<\/p>\n<p>Trotzdem verf\u00fcgen wir \u00fcber Regeln, die unser Leben leiten. Doch was sind das f\u00fcr Regeln? Regeln sind \u2013 gerade im Bereich der Naturwissenschaften \u2013 Vereinbarungen aufgrund des Versuchs, Effekte, Ereignisse etc. auf einfache Regeln zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Erkl\u00e4rung der Ph\u00e4nomene (die Bewegung der Planeten, die Schwerkraft) folgt \u201eOckham\u2019s Razor\u201c \u2013 das \u201eRasiermesser\u201c fordert m\u00f6glichst einfache Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p>Diese im materiellen Bereich wirksame Technik wird im immateriellen Bereich genauso angewandt. Bei der Betrachtung dieser immateriellen Seite m\u00fcssen wir jedoch bedenken, dass das Immaterielle mehr als die klassisch vom Heidentum abgedeckten Bereiche Religion und Magie umfasst. Ich will mich trotzdem auf jene beiden Bereiche beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Es gibt nur zwei M\u00f6glichkeiten, Regeln vermittelt zu bekommen: aktiv und passiv. Ich will \u2013 unabh\u00e4ngig von m\u00f6glichen Mischformen \u2013 Beispiele f\u00fcr diese aktive und passive Vermittlung aufzeigen.<\/p>\n<p>Die aktive Vermittlung w\u00e4re die Schulausbildung, in der Fakten und Regeln zusammen vermittelt werden. Ein Beispiel f\u00fcr die passive Vermittlung ist die gesellschaftliche Weitergabe von Tabus. Tabus erzeugen Regeln, ohne sie zu erkl\u00e4ren. Auch das klassische \u201eSo etwas tut man nicht!\u201c ist eine Art Tabu, weil hier eine Regel vorgef\u00fchrt, aber nicht erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Unser Problem als Heiden ist jedoch nicht die passive Vermittlung. In ihr schwingen \u2013 wenn auch oft mystisch verbl\u00fcmt \u2013 Erinnerungen an eine heidnisch-mystische Weltsicht mit (Beispiele sind z.B. der Kult um die \u201eheiligen drei K\u00f6nige\u201c, das Hufeisen als Gl\u00fccksbringer, das \u201etoi-toi-toi\u201c, die R\u00e4ucherung von heiligen St\u00e4tten mit Weihrauch etc.).<\/p>\n<p>Die Schwierigkeiten tauchen in dem Bereich der aktiven Vermittlung von Regeln auf (z.B. beim Schulfach Religion). Hier sollte unser Wunsch nach Ver\u00e4nderung dahingehend wirken, dass die \u201eunumst\u00f6\u00dflichen\u201c oder \u201eundiskutierbaren\u201c Regeln, welche von den diesen Bereich dominierenden gesellschaftlichen Gruppen stammen, durch Alternativen flankiert werden. Wahlfreiheit und Zensur schlie\u00dfen sich gegenseitig aus!<\/p>\n<p>Aber es macht keinen Sinn, jetzt den Versuch zu unternehmen, dies auf allen Ebenen zugleich zu wiederholen. Durch das Anrennen gegen bestimmte Gruppen von Regeln \u2013 jenen Bereich n\u00e4mlich, welcher das streift, was wir \u201eheilig\u201c oder \u201emystisch\u201c nennen \u2013 kommt es dort zu obskuren B\u00fcndnissen im Esoterik-Bereich. Freunde freier Energien, UFO-Kontaktler, Revisionisten, Atlanter, Magier und Heiden treffen sich in einem Topf wieder, in den zumindest die Heiden so wei\u00df Gott nicht wollen.<\/p>\n<p>Unter anderem deswegen sollte man sich auf Bereiche konzentrieren, in denen man als Heide bessere Alternativen anbieten kann. Dieser Bereich umfasst meiner Ansicht nach Religion (Kult) und Magie. Die Erstellung daraus folgender Regeln resultiert in den beiden Hauptaufgaben dieser Themen: Der Vermittlung (und Suche) nach Sinn und der Vermittlung (und Suche) nach Beziehungen zwischen den Dingen.<\/p>\n<p>Sinnstiftung geschieht durch Religion. Die Verantwortung der heidnischen Religion steht hier in Konkurrenz zur staatlichen (mit-)organisierten Sinnvermittlung der christlichen Kirche. Heiden m\u00fcssen Sinn stiften und Alternativen bieten. Dabei muss man sich \u2013 die geringen gesellschaftlichen Kr\u00e4fte des Heidentums in Deutschland eingedenk \u2013 auf Bereiche konzentrieren, in denen ein Engagement n\u00f6tig (!) ist.<\/p>\n<p>Sinnvermittlung, ja Sinnstiftung ist n\u00f6tig zu heiligen Terminen (Geburt, Vollj\u00e4hrigkeit [\u201eGeschlechtsreife\u201c, \u201eMannbarkeit\u201c], Ehe, Tod; zur Priesterweihe und zu den Festterminen im Jahreslauf), aber auch zu existentiellen Fragen (Tod und Krankheit, aber auch Familienplanung und Beruf) und kultischen Fragen (\u201eLeben im Mythos\u201c).<\/p>\n<p>Aber Vorsicht: Im Gegensatz zum Kultischen, das bei den christlichen Kirchen sehr ausgearbeitet ist, steht bei Heiden meiner Ansicht nach das Primat des G\u00f6ttlichen im Vordergrund. Die (Wieder-)Belebung heidnischer Religionen muss zuerst das Wesen der Gottheiten, ihren anderen \u201eCharakter\u201c klar machen. Der \u201eBoom\u201c des Heidentums im 20. Jahrhundert begann nicht in einem vom Christentum unterschiedenen Kultus, sondern in der Erarbeitung bzw. Wiederbelebung anderer religi\u00f6ser Grundlagen, die wiederum ein anderes Menschen- und Naturverst\u00e4ndnis als die christlichen Kirchen propagierten. Der Aufbau dieser neuen Religion erfolgte von oben, nicht von unten her \u2013 obwohl in diesem Fall das Fundament des Glaubens jener Teil ist, der eigentlich am h\u00f6chsten angesiedelt ist (im \u201einnersten Bezirk\u201c der Heiligkeit \u2026).<\/p>\n<p>Magie steht f\u00fcr die Erfassung und Nutzung der (Ver-)Bindungen zwischen den Dingen. Die Kr\u00e4fte, welche alles verbinden, will der Magier nutzen. Um sie zu nutzen, muss er zwischen sich als Wirkendem und dem zu bezaubernden Wesen oder Ding eine Verbindung schaffen. Verbindung verlangt Bindung, Bindung bedingt Verbindung. Bindungen schaffen auch Muster und stiften Sinn.<\/p>\n<p>Das Weben, das Kn\u00fcpfen sind klassische Bilder der Magie \u2013 nicht nur das Schicksal wird gewoben, bildet einen Teppich, sondern der Zaubernde verkn\u00fcpft unterschiedliche F\u00e4den zu einem Bild, das vorher nur in seiner Phantasie existiert hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die heidnische Religion mit den christlichen Kirchen um Gel\u00e4nde k\u00e4mpft, streitet sich die Magie meist mit den Sozial- und Geisteswissenschaften um das selbe Terrain.<\/p>\n<p>Aus der Situation als \u201eunterlegene Richtung\u201c kann das Heidentum Fehler der gro\u00dfen Religionen aufzeigen, selbst vermeiden und Alternativen anbieten. Doch auch hier gilt, dass Macht korrumpiert \u2013 wenn das Heidentum die gesellschaftlich bestimmende Religion w\u00e4re, dann w\u00e4ren die Rollen in Bezug auf die \u201eblinden Flecken\u201c wahrscheinlich anders verteilt. Die Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, welche sich aus \u201eSinn\u201c und \u201eGlauben\u201c ergeben, m\u00fcssen durch unsere M\u00f6glichkeiten (Zeit, Personal, Ressourcen) auf das M\u00f6gliche und Gew\u00fcnschte eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<p>Zwei Fragen sind es, die kl\u00e4ren helfen sollen, welche Gestaltungsm\u00f6glichkeiten man ergreift.<\/p>\n<p>1. Man sollte Themen gestalten, die einem als Heide wichtig sind.<\/p>\n<p>2. Man sollte Themen gestalten, in denen nach dem Abwiegen der eigenen Ressourcen und der zu erwartenden Widerstandes eine Alternative Sinn macht.<\/p>\n<p>Nur wenn beide Fragen mit \u201eja\u201c beantwortet werden, macht es Sinn, Energie einzusetzen.<\/p>\n<p>Zu 1. Was ist wichtig? Das entscheidende Element ist f\u00fcr mich erneut die Frage nach dem Mythos (unter Ber\u00fccksichtigung der Grundannahme eines \u201ePrimats des G\u00f6ttlichen\u201c). Ich muss mir \u00fcberlegen, was ich glaube, muss den Dingen im Himmel und unter der Erde Namen und Titel geben, um mit ihnen kommunizieren zu k\u00f6nnen (der h\u00e4nderingende Ruf an die namenlosen G\u00f6tter ist uns Menschen weniger nahe als das Gebet an den namenstragenden Gott).<\/p>\n<p>Handelt es sich um ein bekanntes Pantheon (z.B. den nordischen oder griechischen G\u00f6tterhimmel)? Ist es der Mythos von G\u00f6ttin und Gott im Jahreslauf? Gibt es eine Vorhersage f\u00fcr die Zukunft, einen Zeithorizont (z.B. den Untergang der Welt in einem Ragnar\u00f6k oder ein kommendes Zeitalter?). Welche Punkte des Mythos sind wichtig, welche sind weniger wichtig? Wie korrespondieren Punkte des Mythos mit m\u00f6glichen Festen und Festterminen?<\/p>\n<p>Ein Mythos muss kein zusammenh\u00e4ngendes Relikt sein, er kann auch aus einem Sagen- und M\u00e4rchen-Konvulat bestehen (als Quellen sind hier z.B. Tolkien, Andersen, die Gebr\u00fcder Grimm, aber auch Hauff denkbar \u2013 wobei man sich die Frage stellen k\u00f6nnte, ob sich manche modernen Hexentraditionen nicht sowieso aus einem Fantasy-Phantastik-Mix \u201en\u00e4hren\u201c).<\/p>\n<p>Die im Heidnischen geschilderte G\u00f6ttlichkeit ist von den monotheistischen Religionen geschieden. Es gibt im Heidentum keine einzelne (Erst-)Vermittlung von Religion durch Einzelne (Religionsstifter), keinen Alleinvertretungsanspruch, daf\u00fcr eine Koppelung des Mythos an einen lebendigen und beeinflussbaren Kult(us). Der ver\u00e4nderliche Kultus als \u201eInneres\u201c der Religion muss aber auch durch eine flexible Gestaltung des \u201e\u00c4u\u00dferen\u201c flankiert werden. Um es etwas plump auszudr\u00fccken: Wenn ich den Mythos ver\u00e4ndere, muss ich auch die Feste ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Zu 2. Man sollte Alternativen nicht mit kleinen Entw\u00fcrfen zeichnen, sondern mit gro\u00dfen, kraftvollen Strichen einen Rahmen vorgeben, in dem die Ver\u00e4nderung stattfinden soll. Es macht nichts, wenn dieses Bild unfertig erscheint \u2013 weil das ist es ja auch. Aber es ist einfacher, erst mit groben Strichen Glauben und Mythos zu skizzieren, bevor man an die Ausarbeitung der Details geht. Es macht wenig Sinn, erst die Farbe der Zotteln am Mantel der Priester zu definieren, bevor man sich \u00fcber Charakter, Namen und Hintergrund der verehrten Gottheit einig ist. Wir wachsen als Heiden nicht in einer heidnischen Gesellschaft auf, sondern wir w\u00e4hlen als Erwachsene. Wir sollten diese Wahlfreiheit auch nutzen, um mit Verstand zu w\u00e4hlen und zu entscheiden.<\/p>\n<p>Ich glaube weiterhin, dass die richtige Kombination der Entwurf des G\u00f6ttlichen samt einer Ankn\u00fcpfung an die heiligen Termine, existentiellen und kultischen Fragen ist. Bei diesen Punkten d\u00fcrfte klar sein, dass sie von eigener, pers\u00f6nlicher Bedeutung sind. Ich hoffe darauf, dass durch das Anbieten von Alternativen in lebenswichtigen Fragen die ver\u00e4ndernden, heilsamen Kr\u00e4fte des Heidentums, der Magie am ehesten zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Und noch etwas: Auch wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um alles zu gestalten \u2013 B\u00fcndnisse machen nicht immer Sinn. Der Heide sollte aufh\u00f6ren, um jeden Preis B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen und sich auf das konzentrieren, was realistisch zu erreichen ist. Das Unm\u00f6gliche zu fordern bleibt weiterhin Programm, aber das Unm\u00f6gliche beginnt mit dem ersten Schritt.<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2007 in\u00a0 Herdfeuer 18<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter Der Mensch wird mit der Geburt in die Sch\u00f6pfung hineingeworfen. 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