{"id":123,"date":"2008-12-01T19:34:08","date_gmt":"2008-12-01T18:34:08","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/?p=123"},"modified":"2025-08-24T20:49:07","modified_gmt":"2025-08-24T18:49:07","slug":"zaubern-ohne-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/zaubern-ohne-gott\/","title":{"rendered":"Zaubern ohne Gott"},"content":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/h2>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas einzige, was der wahre Mensch aber wirklich besitzen kann, ist sein eigenes Ich. Alles andere ist das Nichts, in das wir eines Tages zur\u00fcckkehren.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Text wie dieser kann keinen allgemeinen Zuspruch erwarten. Das Fragezeichen im Titel impliziert, dass ich eine Frage stelle, die ich \u2013 soweit m\u00f6glich \u2013 beantworte. Das hei\u00dft aber nicht, dass jeder Mensch, der sich mit dieser Frage besch\u00e4ftigt, zu den selben Antworten kommen muss wie ich. Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Vielfalt, aus der wir Nutzen ziehen sollten, nicht unsere Einf\u00f6rmigkeit.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch einleitend darauf hinweisen, dass ich \u201eGott\u201c im Titel und im Text gerne durch \u201eG\u00f6ttin\u201c oder \u201eG\u00f6ttliches\u201c ersetzen kann \u2013 ich finde \u201eGott\u201c als Begriff hier lesbarer und f\u00fcr mich nachvollziehbarer. Man m\u00f6ge Nachsicht mit mir \u00fcben.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Zur Magie<\/strong><\/h2>\n<p>Zwei Verschiebungen von Begrifflichkeiten sind im Rahmen der Industrialisierung erfolgt \u2013 die Verschiebung von weltlichen und die Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten. Hierbei verstehe ich die Industrialisierung als den \u00dcbergang von einer eher naturnahen Gesellschaft hin zu unserer Industriegesellschaft. Der zeitliche Rahmen dieser Ver\u00e4nderung ist die Zeit zwischen 1650 und 1950, der von mir besprochene r\u00e4umliche Rahmen umfasst Westeuropa sowie Nordamerika.<\/p>\n<p>Diese Verschiebung von Begrifflichkeiten erfolgte in der Weltsicht des Heiden bzw. magisch T\u00e4tigen. Und diese Verschiebungen haben R\u00fcckwirkungen auf die Arbeit bzw. den Glauben (wobei ich beide Begriffe von den Verflechtungen her f\u00fcr nicht trennbar halte). Daher will ich auf diese beiden Verschiebungen l\u00e4nger eingehen.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>a. Verschiebung von weltlichen Begrifflichkeiten<\/strong><\/h3>\n<p>Die Bedeutung von Schrift und Geschriebenem hat sich in den letzten 500 Jahren in unserer Kultur grundlegend ver\u00e4ndert. Angefangen bei den f\u00fcr magische Handlungen benutzten Bildern und Piktogrammen \u00fcber die Silbenschrift und die Runen bis hin zu unserer Schrift hat sich die gesamte damit verbundene Kultur gewandelt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher waren es nur wenige, die in der Lage waren, die geschriebenen Zeichen zu entziffern. Ihnen war auch Macht gegeben, da sie als Geschichtenerz\u00e4hler, Barden und Priester ben\u00f6tigt wurden. Im Mittelalter war es so, dass die Kl\u00f6ster die Horte der Schreibkultur waren; die wichtigsten (und sch\u00f6nsten) mittelalterlichen Texte sind religi\u00f6ser Natur.<\/p>\n<p>Auf einer anderen Ebene hat sich auch das Erz\u00e4hlte vom Inhalt her ver\u00e4ndert. Statt Sagas und Gedichten, die m\u00fcndlich \u00fcberliefert wurden, gab es sp\u00e4ter die festgef\u00fcgten M\u00e4rchen, die in einer bestimmten, unver\u00e4nderlichen Form in einem Buch festgeschrieben worden waren.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Seit der Entwicklung des Fernsehens wird nicht nur die Sprache festgelegt, sondern auch die optische Information (die vorher von der Vorstellungskraft des Zuh\u00f6renden erg\u00e4nzt worden ist) ist festgelegt und damit unver\u00e4nderbar.<\/p>\n<p>Wenn wir heute Geschichten aus einer Epoche betrachten, in der weite Teile der Bev\u00f6lkerung Analphabeten waren, dann bedenken wir dieses nicht. In unseren K\u00f6pfen ist Analphabetismus die Ausnahme, die Mangelerscheinung. Wir k\u00f6nnen alle lesen; B\u00fccher und Zeitschriften sind Allgemeingut geworden. Doch wir d\u00fcrfen nicht den Fehler machen, \u00e4hnliche Bilder auf unsere Vorfahren\/Vorg\u00e4nger anzuwenden. Schrift hatte fr\u00fcher einen wesentlich h\u00f6heren Stellenwert und magische Symbole (wie Siegel etc.) hatten eine wesentlich umfassendere Bedeutung \u2013 und sei es nur, weil sie von einer schreibunkundigen Bev\u00f6lkerung nicht zu reproduzieren waren.<\/p>\n<p>Ein anderer Begriff, der sich \u2013 wie der Begriff der Schrift \u2013 in den letzten Jahrhunderten in seiner Bedeutung stark ver\u00e4ndert hat, ist der des Blutes. W\u00e4hrend in mythischen Texten immer noch von Dingen wie Blutsverwandtschaft (\u201eBlut ist dicker als Wasser\u201c), Blutschwur<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>und Blutsbr\u00fcderschaft die Rede ist, so hat heute die Wahlverwandtschaft die Bedeutung der Blutlinie v\u00f6llig verdr\u00e4ngt. Und statt der matrilinearen Vererbung (\u00fcber die Mutter) wird heute der Name (und auch die Familie) patrilinear (\u00fcber den Vater) vererbt.<\/p>\n<p>Seit der Verbreitung von AIDS ist auch unsere Hemmschwelle gegen Blutschw\u00fcre h\u00f6her geworden \u2013 es ist nicht nur der ungesch\u00fctzte Geschlechtsverkehr, der einen infizieren k\u00f6nnte, sondern auch der Austausch von Blut im Rahmen von Ritualen.<\/p>\n<p>Und letztendlich ist es auch die Kommerzialisierung des Blutes und der Blutspende durch die Vermarktung von Blutplasma, das diesen Begriff seiner mythologischen Bedeutung fast entbunden hat. Wer heute ein \u201eklassisches\u201c Ritual mit Blut oder Blutsbanden liest, wird es sicherlich v\u00f6llig anders verstehen, als ein Heide\/Magier aus dem 13. oder 16. Jahrhundert. Und unsere Hemmschwelle gegen den Einsatz von Blut, immerhin dem \u201eSaft des Lebens\u201c, in Ritualen ist deutlich angestiegen.<\/p>\n<p>Ein paar andere Begriffe m\u00f6chte ich nur kurz anrei\u00dfen. Die Bedeutung des Windes f\u00fcr unsere Kultur hat sich in den letzten Jahrhunderten ver\u00e4ndert. Es werden keine H\u00e4user mehr vom Sturm abgedeckt, die \u201ewilde Jagd\u201c zwischen den Jahren ist nicht mehr zu h\u00f6ren, der Fischfang samt K\u00fcstenschifffahrt ist unbedeutend geworden (und damit sinkt auch die Gefahr von im Meer ertrinkenden Familienmitgliedern), wir haben sogar den Wind f\u00fcr die Erzeugung von Strom \u201egez\u00e4hmt\u201c und k\u00f6nnen St\u00fcrme mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen. Schon deutsche Gedichte der Romantik, die von den Naturgewalten sprechen, sind f\u00fcr uns heute in ihrer beschworenen Bedrohlichkeit kaum verst\u00e4ndlich oder nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Auch unser Verh\u00e4ltnis zu Wasserstra\u00dfen und Stra\u00dfen allgemein hat sich v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Wir sind es gew\u00f6hnt, beim Reisen auch an den Luftverkehr und die Eisenbahn zu denken; die Autobahn stellt eine v\u00f6llig andere Art der Vorstellung von Transportwegen dar als die Stra\u00dfen des Mittelalters. Die heutige Streckenplanung kann sich auf stabile Br\u00fccken, F\u00e4hren und regelm\u00e4\u00dfige Ozean\u00fcberquerungen verlassen \u2013 alles Dinge, die noch vor 100 Jahren eine Ausnahme waren.<\/p>\n<p>Auch unsere r\u00e4umliche Vorstellung von der Welt (die \u201eLandkarte\u201c, die wir in unserem Kopf mit uns herumtragen) hat sich deutlich ver\u00e4ndert. Orte entlang ausgebauter Verkehrswege sind wesentlich leichter zu erreichen als Orte in entlegenen Gebieten. Der Mensch im Mittelalter dachte eher in konzentrischen Kreisen um seinen Wohnort herum, da seine Fortbewegungsgeschwindigkeit kaum zu steigern war, wenn er bestimmte Routen anderen vorgezogen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Deutlich wird diese Verschiebung auch an der Ver\u00e4nderung der mythologischen Bedeutung von Stra\u00dfen. So ist der Wandel von Wegen wie den mittelalterlichen Pilgerwegen oder der \u201eSeidenstra\u00dfe\u201c hin zu Strecken wie der \u201eRoute 66\u201c oder dem \u201eOrient Express\u201c neben der Ver\u00e4nderung in der Geschwindigkeit auch ein Wandel im gew\u00e4hlten Verkehrsmittel.<\/p>\n<p>Der Schatz als \u00f6konomische Herausforderung hat in den letzten Jahrhunderten seinen mythischen Charakter verloren (man denke nur an den Kessel voller Gold \u201eam Ende des Regenbogens\u201c). Die wenigen noch mythischen Sch\u00e4tze (Bernsteinzimmer etc.) sind mit eher negativen Erfahrungen verkn\u00fcpft.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>b. Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten<\/strong><\/h3>\n<p>Auch bei den magischen Begrifflichkeiten hat sich in den letzten Jahrhunderten einiges am Bedeutungsinhalt verschoben. So hat sich z.B. das \u201eK\u00f6nigsheil\u201c von K\u00f6nigen\/Priestern weg zu \u201e\u00f6ffentlichen Personen\u201c (Elvis etc.) hin verschoben. Wo fr\u00fcher noch der K\u00f6nig f\u00fcr das Land stand (wie bei den Artus-Sagen), so ist es heute h\u00f6chstens ein Pr\u00e4sident, der sein Leben f\u00fcr die Unschuld des Landes lassen muss (ich denke hier an Pr\u00e4sident Kennedy, dessen Regierungszentrale nicht umsonst \u201eCamelot\u201c genannt wurde!).<\/p>\n<p>Auch der Ort der Seele ist im Lauf der Jahrhunderte immer wieder im K\u00f6rper verlegt worden, ohne dass die Seele irgendwo im K\u00f6rper wirklich h\u00e4tte festgelegt werden k\u00f6nnen. Scheinbar wandert der Ort der Seele \u2013 wie der Ort der Utopie \u2013 immer \u201ehinter den Horizont\u201c des gerade Erkennbaren und verbleibt immer genau hinter unserem Horizont.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Und heute hat sich die Suche nach der Seele hinter den Nahtoderfahrungen etc. versteckt. Die wissenschaftliche Grenze hat sich verschoben, f\u00fcr das \u201eOrgan Seele\u201c bleibt im K\u00f6rper kein Platz mehr. Aber die Sinnsuche, die sich hinter der Suche nach der Seele verbirgt, braucht weiterhin Raum in unserem Leben.<\/p>\n<p>Auch die Zwerge und Elfen sind nur auf den ersten Blick aus unserer Mythologie verschwunden. Fr\u00fcher stahlen die H\u00fcgelv\u00f6lker oder die Feen Kinder und entf\u00fchrten sie, in ihren Heimen lief die Zeit anders ab als in der realen Welt, und wer f\u00fcr sie arbeitete und ihre Geheimnisse wahrte, der wurde reich belohnt (diese Motive tauchen interessanterweise auch in den M\u00e4rchen auf, in denen sich jemand f\u00fcr den Teufel verdingt \u2013 hier gibt es offensichtlich eine Gleichschaltung Feen\/H\u00fcgelvolk \u2013 Teufel in der christlichen Mythologie). Heute sind es Au\u00dferirdische mit schmalen H\u00e4nden und gro\u00dfen Augen, die unsere Kinder entf\u00fchren, unsere Frauen schw\u00e4ngern, deren Zeit anders verl\u00e4uft als unsere und die jene reich belohnen, die mit ihnen zusammenarbeiten. Die Parallelen sind un\u00fcbersehbar. Aber da wir alle H\u00fcgel aufgegraben, alle W\u00e4lder abgeholzt haben, musste sich der Mythos halt in kleine Flugscheiben<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>zur\u00fcckziehen, die entweder aus dem Inneren der Erde, von der R\u00fcckseite des Mondes oder aus anderen Dimensionen kommen. Eine \u00e4hnliche Entwicklung hat nebenbei auch der Hausgeist hinter sich, wobei es einen eigenen Vortrag wert w\u00e4re, die Analogien zwischen Sch\u00fcsseln Milch und Blumen f\u00fcr Hausgeister und Zuwendungen und Eigennamen f\u00fcr Computer herauszuarbeiten \u2026<\/p>\n<p>Eine offensichtliche Ver\u00e4nderung verursachte auch die Entmythologisierung der Drachen nach der Entdeckung der Dinosaurier-Skelette im letzten Jahrhundert. Unsere Drachenm\u00e4rchen wurden auf einmal als Erinnerungen an eine gemeinsame Koexistenz von Drachen und Menschen gedeutet, viele Darstellungen von Dinosauriern wurden \u201everdracht\u201c usw. Ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr diese Entwicklung sind M\u00e4rchenb\u00fccher \u00e0 la \u201eDinotopia\u201c oder \u201eDie vergessene Welt\u201c von Arthur Conan Doyle \u2013 beides B\u00fccher, in denen die genannte Koexistenz beschrieben wird.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen im Weltbild der Astrologie folgen auch wissenschaftlichen Entdeckungen. \u201eDie letzten drei Planeten [des Sonnensystems, HR] wurden erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, lange nach der Entwicklung der traditionellen Analogien der ersten sieben Planeten: Uranus 1781, Neptun 1846 und Pluto 1930. Jedesmal erfanden die Astrologen empirische \u201aDeutungen\u2018, die schlie\u00dflich als verbindlich akzeptiert wurden.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Die Festlegung einer \u201eDefinition\u201c f\u00fcr den Einfluss der Planeten bzw. f\u00fcr ihr Rolle in der Astrologie dauerte unterschiedlich lange. Beim Uranus waren es noch 33 Jahre, beim Neptun sogar 44 Jahre und beim Pluto nur noch 2 (!) Jahre.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Auch das Bild von \u00c4ther und Sph\u00e4ren\/Sph\u00e4renkl\u00e4nge sowie unser Verst\u00e4ndnis der Sternbilder hat sich deutlich gewandelt. Wo fr\u00fcher die Sternbilder noch exakt standen und wir in den \u201erichtigen H\u00e4usern\u201c geboren wurden, so hat die Verschiebung der Sternbilder inzwischen daf\u00fcr gesorgt, dass niemand mehr in \u201eseinem Haus\u201c geboren wird. Und der \u2013 mehrmals physikalisch \u201ebewiesene\u201c \u00c4ther \u2013 musste genauso (wie die Sph\u00e4ren der Planeten) \u201eFedern lassen\u201c und darf jetzt nur noch als esoterische Analogie sein Leben fristen.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>c. Verschiebung von weltlich\/magischen Begrifflichkeiten<\/strong><\/h3>\n<p>Mythos und Wissenschaft befruchten sich gegenseitig. Eine Weiterentwicklung des einen ist ohne eine Weiterentwicklung des anderen nicht m\u00f6glich. Unser Suchen nach Erkenntnis wird von unseren Tr\u00e4umen gespeist, und unsere Tr\u00e4ume beziehen ihre realistischen Grundlagen aus unseren Erkenntnissen.<\/p>\n<p>Es ist daher nicht verwunderlich, dass mythologische Begriffe, welche die Jahrhunderte \u00fcberstanden haben, immer wieder von Mythos und (!) Wissenschaft weiterentwickelt werden. Das klassische Beispiel hierf\u00fcr ist der Atlantis-Mythos mit seinen starken Ver\u00e4nderungen im Laufe der Jahrhunderte. Man betrachte nur, welche geographischen Ver\u00e4nderungen Atlantis durchgemacht hat. Vom Mittelmeer \u00fcber den Atlantik hin zu Gr\u00f6nland und England im Norden, S\u00fcdamerika im Westen und Westafrika im S\u00fcden. Und der Kreis schlie\u00dft sich, wenn die moderne Forschung Atlantis nach Troja oder Santorin und damit zur\u00fcck ins Mittelmeer verlegen will.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr Mythen, die \u2013 im Gegensatz zum Atlantis-Mythos \u2013 in den letzten Jahrzehnten untergegangen sind bzw. massiv an Bedeutung verloren haben, aber vorher einen wilden Wechsel von Bedeutung und Inhalt hinter sich gebracht haben. Das Einhorn w\u00e4re ein Beispiel,<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>ebenso der Vampir.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Faszinierend ist auch die Geschichte des roten Planeten Mars und seiner angeblichen Bewohner. Von Kan\u00e4len k\u00f6nnte man da sprechen, und von dreibeinigen Todesmaschinen, von Pyramiden und Marsgesichtern \u2026<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>d. Probleme, die daraus entstehen<\/strong><\/h3>\n<p>Wir k\u00e4mpfen mit dem Ph\u00e4nomen, dass \u00e4ltere Texte und Rituale f\u00fcr uns unverst\u00e4ndlich werden, weil uns der kulturelle Hintergrund\/Gef\u00fchlszusammenhang zu ihrem Verst\u00e4ndnis fehlt. Das Weltbild \u00e4ndert sich, ohne dass der an ein Weltbild gebundene Kult die \u00c4nderungen nachvollzieht.<\/p>\n<p>Oftmals haben wir zwar das Gef\u00fchl, den Text eines klassischen Rituals begriffen zu haben, aber das Verstehen geschieht auf einer sprachlichen und nicht auf einer inhaltlichen Ebene (wir verstehen die Worte, nicht den Sinn). Die oben genannten Erkl\u00e4rungen sollten ausreichen, um diese Behauptung zu untermauern.<\/p>\n<p>Ich will jetzt kurz ein paar Beispiele weltlicher und magischer Natur f\u00fcr die Bindung von einzelnen Begriffen an Religionen\/Kulte oder magische Handlungen anf\u00fchren. Und ich will zeigen, dass wir diese Begriffe zwar weiterhin verwenden (k\u00f6nnen), aber ohne die urspr\u00fcngliche Bindung zwischen Begriff und Bedeutung rekonstruieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Weltliche Beispiele<\/strong><\/h4>\n<p>Hierzu geh\u00f6ren die Bedeutung des Feuers bei den Parsen (Feuer spielt f\u00fcr uns schon lange nicht mehr die Rolle als W\u00e4rmespender und Waffe, die es fr\u00fcher gespielt hat), die magische Rolle von einzelnen Schriftzeichen (man denke nur an die Runen; durch die faktische Beseitigung des Analphabetismus in der Bev\u00f6lkerung hat die Schrift \u00fcberhaupt ihren magischen Charakter verloren) und Piktogrammen (ich meine nicht die \u201eNotausgang\u201c-Zeichen in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, sondern steinzeitliche Jagdzauber an H\u00f6hlenw\u00e4nden), der Verlust des \u201efaszinierenden Gef\u00fchls\u201c f\u00fcr fremde Sprachen in Ritualen (die lateinische Messe hat ihre Ausstrahlung verloren, ebenso aber auch Texte in \u201eunverst\u00e4ndlichen Sprachen\u201c oder der Effekt des \u201eZungenredens\u201c), die Naturgewalten verlieren an Bedrohlichkeit (die Wind- und Sturmg\u00f6tter wie die \u201eWilde Jagd\u201c verschwinden aus unserem Bewusstsein, weil die Naturgewalten f\u00fcr unsere H\u00e4user nicht mehr bedrohlich sind und daher nicht mehr beschworen und bes\u00e4nftigt werden m\u00fcssen), bestimmte Arbeiten verschwinden aus unserem Lebenszusammenhang (der Meergott der Fischer verschwindet aus unserem Kulturzusammenhang, da der \u201eN\u00e4hrstand\u201c \u2013 und damit auch Fischer und Bauern \u2013 in unserem Leben nicht mehr direkt vorkommt; Pferdesegen und Schmiedezauber bleiben unverst\u00e4ndlich, weil die entsprechenden Berufe aus unserem kulturellen Umfeld verschwunden sind), halbmenschliche\/tierische G\u00f6tter verlieren an Bedeutung, weil das sie inspirierende Wesen aus unserem Leben verschwunden ist (so der geh\u00f6rnte Gott\/Hirsch, die Katze,<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Wolf\/Hund etc.) und die Priester\/Magier sind nicht l\u00e4nger W\u00e4chter des Kalenders (daher verschwinden auch die Gro\u00dfkalender wie die Megalithbauten aus den Erfordernissen unserer Kultur \u2013 niemand baut mehr selbst Zeitmessger\u00e4te und niemand wird mit religi\u00f6ser Verehrung bedacht, weil er Jahreszeiten oder Mondfinsternisse vorhersagen kann!).<\/p>\n<p>Der Begriff ist weiterhin da, und er steht auch weiterhin in unseren Ritualen und Texten. Aber wir verwenden ihn in anderer Bedeutung als der, in der er urspr\u00fcnglich verwendet worden ist. Und daher sind wir nicht in der Lage, das urspr\u00fcngliche Ritual mit den selben Worten zu wiederholen, weil die Worte sich in ihrem Inhalt ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Magische Beispiele<\/strong><\/h4>\n<p>Mit \u201emagisch\u201c meine ich in diesem Zusammenhang Begriffe, die eher nicht der physischen Welt unterworfen sind. Ein typischer Begriff w\u00e4re der Begriff der Seele. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat die Seele ihren Platz im K\u00f6rper verloren. Unsere wissenschaftliche Sichtweise des K\u00f6rpers l\u00e4sst keinen Platz mehr f\u00fcr ein unerkl\u00e4rtes Organ, die Seele kann also nicht im K\u00f6rper materiell existieren. Da wir Menschen aber weiterhin wissen wollen, was hinter der \u201eletzten Grenze\u201c kommt, verlagern wir unsere Suche nach dem Jenseits in den Bereich der Nahtoderfahrung und verwandeln dadurch die Seele in ein \u201eimmaterielles Organ\u201c.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das \u201ekleine Volk\u201c wird von uns entr\u00fcckt und unserem Lebenszusammenhang entrissen. Wir glauben nicht mehr daran, dass Kobolde in unserem Haus wohnen, Feen in den B\u00fcschen nisten oder Zwerge in unseren H\u00fcgeln hausen. Die nichtmenschlichen V\u00f6lker, seit Jahrhunderten mythologische Partner und Freunde der Menschen, werden uns fremd.<\/p>\n<p>Ebenso verschwinden die \u201eHalbmenschen\u201c (Werwolf, Vampir, Satyr, Kentaur usw.) \u2013 entweder werden sie wissenschaftlich gedeutet und damit \u201eentmystifiziert\u201c,<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>\u201eentlarvt\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>oder aber l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n<p>Und letztendlich bleibt die Frage, was mit jenen magischen Wesen geschah, die wir fast komplett aus unserem Bewusstsein verdr\u00e4ngt haben. Es sind \u00fcberraschenderweise die alchemistischen Figuren, die unser wissenschaftliches 20. Jahrhundert \u201eausgemerzt\u201c hat. Wo verbergen sich Ph\u00f6nix, Basilisk, Greif, Einhorn und Salamander vor unseren Blicken?<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>e. Alternativen f\u00fcr die Zukunft<\/strong><\/h3>\n<p>Wenn wir einen Verlust der Bindung von alten Bildern an magische Energie postulieren oder einfach behaupten, dass eine Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Umst\u00e4nde auch in einer Ver\u00e4nderung der f\u00fcr Religion und Kult benutzten Bilder resultieren muss, so ist es unumg\u00e4nglich, dass wir uns \u00fcberlegen, welche Alternativen sich im Umgang mit dieser Situation bieten. Es gibt drei unterschiedliche Alternativen, die ich kurz vorstellen will.<\/p>\n<p>1. Wir bleiben stur bei den alten Bildern, obwohl sie an Macht verlieren werden. Ich w\u00fcrde dies die \u201eVogel-Strau\u00df-Politik\u201c nennen, weil sie die Ver\u00e4nderung der Umst\u00e4nde einfach ignoriert und die R\u00fcckkehr in ein goldenes, mythisches Zeitalter zu postulieren scheint, in dem alles gut war und Magie immer funktioniert hat.<\/p>\n<p>Leider ist es so, dass die hier verwendeten Bilder weiterhin an Macht verlieren werden. Die Bindung zwischen Bild und Bedeutung wird schw\u00e4cher, das Band zwischen mentaler, magischer Assoziation und weltlicher Bedeutung wird immer d\u00fcnner werden, bis es eines Tages zerrei\u00dft. Und umso mehr B\u00e4nder zerrei\u00dfen, umso d\u00fcnner und schw\u00e4cher wird der Strang, der Mythos und Kult, der Glauben und Religionsaus\u00fcbung, Theorie und Praxis miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Die Ausbildung von neuen Funktionstr\u00e4gern ist in dieser Alternative sehr schwierig, da die verwendeten Bilder schw\u00e4cher sind als \u201eauf der Hand liegende\u201c Alternativen aus der Gegenwart. Potentielle Sch\u00fcler werden sich \u2013 au\u00dfer sie sind unheilbar romantisch \u2026 \u2013 eher f\u00fcr eine der anderen Alternativen entscheiden.<\/p>\n<p>Die Zukunft f\u00fcr diese Alternative ist sehr fraglich, da sie immer in der Gefahr leben wird, konservativ statt konservierend zu arbeiten und in die volkst\u00fcmelnde (faschistische?) Ecke abzurutschen.<\/p>\n<p>2. Wir suchen uns v\u00f6llig neue Bilder. Ich nenne dies die \u201ecoole L\u00f6sung\u201c, weil sie immer versucht, einem magischen Zeitgeist hinterherzuhecheln, der genau einen Schritt vor uns herl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Doch die hier benutzten Bilder haben eventuell nur kurzzeitig Macht; sie gelten zwar f\u00fcr unsere Zeit, aber nicht f\u00fcr die vorgehergehende Epoche und wahrscheinlich auch nicht f\u00fcr die folgende Epoche.<\/p>\n<p>Die Ausbildung von Nachwuchs ist schwierig, da nicht garantiert werden kann, dass die Bilder noch in 50 oder gar 100 Jahren Macht besitzen. Und sicherlich kommt irgendwann im Laufe einer Ausbildung auch die Frage, wie man die Sicherheit solcher Bilder \u00fcberhaupt garantieren will. Da es neue Bilder sind, deren Bedeutung erst in dieser Generation so signifikant geworden ist, dass sie f\u00fcr Magie eingesetzt werden k\u00f6nnen, kann man nicht aus ihrer Herkunft auf eine glorreiche Zukunft schlie\u00dfen. Die vom Sch\u00fcler erw\u00fcnschte \u201emagische Sicherheit\u201c ist nicht herzustellen. \u00dcberhaupt ist hier die Mystifizierung schwierig. Man vergleiche nur den Mythos hinter klassischen\/modernen Alternativen wie Strom und Stecker mit Licht und Fackel, oder Pistole und Macht mit Messer und Macht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Richtung sehr \u201ehip\u201c, aber es erinnert mich immer ein wenig an moderne Freizeit-Rollenspieler a la \u201eShadowrun\u201c oder Film-Freaks, die auch brav \u201eMatrix\u201c und \u201eHighlander\u201c sehen, bis sie die Dialoge mitsprechen k\u00f6nnen.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Zukunft dieser Alternative ist nicht vorhanden, da sie keine Vergangenheit hat und haben will. Doch der, der au\u00dferhalb der Zeit rein im Moment leben will, wird die Vergangenheit verlieren und die Zukunft nie kennenlernen.<\/p>\n<p>3. Wir \u201eentschlacken\u201c die alten Bilder und versuchen herauszubekommen, was wirklich hinter den Bildern steht. Dieses gefundene \u201ewahre Ding\u201c transferieren wir dann in die Gegenwart und suchen uns ein zeitgerechtes Bild. Passend zu Platons H\u00f6hlengleichnis und seiner \u201ewahren Welt\u201c k\u00f6nnte man dies \u201ePlatons L\u00f6sung\u201c nennen.<\/p>\n<p>Ich halte dies von den drei vorgeschlagenen L\u00f6sungen f\u00fcr die sinnvollste L\u00f6sung. Sie verlangt Interesse an Vergangenheit und (!) Zukunft, eine Einbindung in Traditionen und einen Ausblick in die Zukunft.<\/p>\n<p>Diese L\u00f6sung macht Ausbildung m\u00f6glich, obwohl hier gefundene Bilder im Einzelfall schw\u00e4cher sein k\u00f6nnen als neue Bilder (siehe Alternative #2) oder alte Bilder (siehe Alternative #1). Aber im gesamten \u00dcberblick wiegen die Vorteile dieser L\u00f6sung die Nachteile gegen\u00fcber den beiden anderen Alternativen bei Weitem wieder auf.<\/p>\n<p>Ich habe eben bei der Beschreibung der daf\u00fcr n\u00f6tigen Technik den Begriff \u201etransferieren\u201c gebraucht. Ich halte diesen Transfer f\u00fcr einen der wichtigsten Begriffe bei der Diskussion des Zusammenhangs zwischen Magie und Religion. Wir brauchen den Transfer von Bedeutungen und Begrifflichkeiten in die Gegenwart. Aber dieser Transfer wird bei magischen Gegenst\u00e4nden\/Gebr\u00e4uchen schwierig. Er kann eigentlich nur bei Religionen funktionieren, weil hier die \u00dcberlieferungslage besser ist und der Glauben einfacher zu erlangen ist als magische Ergebnisse (hier geht es um den Widerspruch zwischen subjektiver und objektiver Erkenntnis). Mit anderen Worten: Ich brauche einen Transfer von Bedeutungen in reale Gegenst\u00e4nde, um f\u00fcr ein Ritual \u2013 nein: f\u00fcr Magie allgemein \u2013 eine der Gegenwart entsprechende Darstellungsform zu finden. Dieser Transfer f\u00e4llt mir einfacher, wenn ich einer religi\u00f6sen Umgebung entstammte, weil Religion und Glauben sowieso den Transfer von Inhalten beinhalten. Wir m\u00fcssen jetzt \u201enur noch\u201c diese Transferleistung auf die Magie \u00fcbertragen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Zur Religion<\/strong><\/h2>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>a. Das Christentum<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist auch unter Heiden inzwischen unkritisch: Das Christentum ist die pr\u00e4gende Religion des Abendlandes, ist der Kulturtr\u00e4ger der letzten zweitausend Jahre f\u00fcr Mitteleuropa. Was man auch immer \u00fcber die Untaten des Christentums oder die eigenen theologischen Probleme mit dem Gotte-hochgenagelt<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>haben mag, ohne das Christentum g\u00e4be es unsere abendl\u00e4ndische Musik nicht, unsere lateinische Schrift nicht, keine Kathedralen und keine Territorialstaaten.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>Das Christentum erkl\u00e4rt unsere Erziehung, f\u00e4rbt viele der Bilder vor, die wir f\u00fcr Magie und Religion benutzen und wieder f\u00fcr uns mit Beschlag belegen wollen. Schon allein aus diesem Grunde ist die Auseinandersetzung mit dem Christentum f\u00fcr unseren Glauben von Bedeutung. Viele unserer Bilder sind zwar heidnischen Ursprungs, doch christlich verbr\u00e4mt. Wenn wir nicht in der Lage sind, den christlichen Anteil zu definieren, dann k\u00f6nnen wir ihn auch nicht aus den Bildern subtrahieren. Und unsere Bilder behalten dadurch einen christlichen Anteil, weil wir es eigentlich ablehnen, uns mit dem Christentum zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Das unsere Auseinandersetzung beim Gottbild (und nicht beim Kultus!) anfangen muss, d\u00fcrfte klar sein. Der Kultus ist nur umgebendes Werk, ist nur Verzierung. Mit unserem Versuch, Bilder zu transzendieren, sollte nachvollziehbar sein, dass wir das hinter dem Kultus liegende Bild zu erfassen trachten. Und da landen wir beim Christentum schnell beim Gottesbild.<\/p>\n<p>Die christliche Religion ist \u2013 obwohl monotheistisch \u2013 nicht monolithisch angelegt. Es gibt nicht das einzige Gottbild, sondern verschiedene, sich oft widersprechende Gottbilder. Ein Beispiel m\u00f6chte ich kurz ausf\u00fchren: \u201eDa\u00df Gott nur der All-Liebende sein kann, folgt einfach aus der Tatsache seines Sch\u00f6pfertums. Wer schafft, will Leben und wer Leben will, liebt, und wenn sich das Gesch\u00f6pf die Liebe des Sch\u00f6pfers bewahrt, indem es sie erwidert, bleibt ihm auch der Wille und die Macht, neues Leben hervorzubringen. Die sch\u00f6pferische Kausalit\u00e4t ist somit die Kausalit\u00e4t des Lebens und der Liebe.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>W\u00e4re dieses Bild eines entr\u00fcckten Sch\u00f6pfergottes f\u00fcr Heiden akzeptabel? Wahrscheinlich schon. Da es jedoch ein christliches Bild ist, lehnen wir es \u201einstinktiv\u201c ab.<\/p>\n<p>Wir verbinden viel zu oft Religion und Religionsaus\u00fcbung, Idee und Ausf\u00fchrung miteinander. Da wir als Heiden aber selten bis nie \u00fcber eigene funktionierende Religionsgemeinschaften verf\u00fcgen, sind wir auch schlecht auf Grund der allzu verst\u00e4ndlichen Fehler der Gl\u00e4ubigen zu kritisieren (und wehe man erinnert einen Asatru ob der christlichen Zerst\u00f6rungen in S\u00fcdamerika an die Beutez\u00fcge der Wikinger!). Unsere diesbez\u00fcgliche Kritik am Christentum greift also nicht, weil wir als Heiden selbst keine vergleichbaren Angriffsfl\u00e4chen aufzuweisen haben (obwohl wir sie dringend n\u00f6tig h\u00e4tten).<\/p>\n<p>Das zweite Thema f\u00fcr die Auseinandersetzung mit dem Christentum ist die Magiekritik des Christentums. Das Christentum setzt die vom Christentum propagierte Menschwerdung Gottes gegen die von der Magie gelehrte Gottwerdung des Menschen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Grundhaltung des magischen Denkens ist: \u201a<em>Mein<span>\u00a0<\/span><\/em>Wille geschehe\u2018, die Grundhaltung des religi\u00f6sen Menschen aber ist: \u201a<em>Dein<span>\u00a0<\/span><\/em>Wille, Herr, geschehe!\u2018 Es ist, als werde das Crowleysche \u201aTu, was du willst\u2018, das ja letztlich nur das \u201aEritis sicut Deus\u2018 (Ihr werdet sein wie Gott) der Schlange im Paradies rekapituliert, immer mehr zum eigentlichen Losungswort der sich vom Christentum l\u00f6senden Zeitstr\u00f6mungen.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Leider ist dies f\u00fcr viele (neu-)heidnische Gruppierungen wahr. Begriffe wie \u201eDemut\u201c und \u201eGlaube\u201c werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur pervertiert wahrgenommen und benutzt. Das es eine dienende Demut geben kann, hei\u00dft nicht, dass sie zur einzigen M\u00f6glichkeit der Demut werden muss. Wer dem\u00fctig ist, der ist nicht immer unterw\u00fcrfig. Und wer dem\u00fctig ist, der ist nicht auch automatisch schwach. Unsere Magie macht sich oft einmal an der St\u00e4rke fest, die wir zu erlangen trachten, und nicht an den Gaben, die wir als Geschenk erhalten haben oder erhalten k\u00f6nnen. Magie ist ein Geschenk, genauso wie unser Leben, die Natur, der Kosmos \u00fcberhaupt. Wir m\u00fcssen uns dies ab und an ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckrufen, wenn wir leichtfertig mit dem umgehen, was uns eigentlich nur geschenkt oder geliehen worden ist!<\/p>\n<p>Auch das Menschenbild des Heiden ist kritikw\u00fcrdig. Unsere G\u00f6tter tragen menschliche, oftmals gar allzu menschliche Z\u00fcge. Sie trinken, sie lieben, sie k\u00e4mpfen, sie sterben. Nat\u00fcrlich ist es gerade diese Menschlichkeit im Vergleich mit dem entr\u00fcckten Gottessohn des Christentums, welche die heidnischen G\u00f6tter interessant macht. Aber es ist nicht so, dass die G\u00f6tter zu uns \u201eherunterzogen\u201c werden. Oftmals erscheint es mir, dass durch diesen Kunstgriff eher die Menschen verg\u00f6ttert werden sollen. \u201eMenschen, G\u00f6ttern gleich!\u201c k\u00f6nnte das Schlagwort dieser Bewegung innerhalb des Heidentums sein. Wenn die G\u00f6ttlichkeit so einfach zu erreichen ist \u2013 warum soll man sich dann noch nach ihr strecken? Oder \u2013 als Gegenbewegung zur eben angedeuteten Lethargie \u2013 man versucht, selbst zum Gott zu werden und die eigene Menschlichkeit zu \u00fcberwinden. Und wenn wir wirklich \u201eso sein k\u00f6nnen wie Gott\u201c, nehmen wir dann nicht Gott oder den G\u00f6ttern seinen\/ihren Raum in der Sch\u00f6pfung und ersetzen ihn\/sie durch einen \u00dcber-Menschen, der quasi halbg\u00f6ttliche Rechte erh\u00e4lt? Nehmen wir nicht Gott oder den G\u00f6ttern sein\/ihre Sonderrolle, wenn wir sie nur zu \u201eMenschen mit besonderen Gaben\u201c machen?<\/p>\n<p>Der christliche Gott ist zu entr\u00fcckt, doch sind uns die heidnischen G\u00f6tter nicht vielleicht manchmal zu nahe?<\/p>\n<p>Uns Heiden treibt manchmal eine schon als manisch zu bezeichnende ablehnende Haltung gegen\u00fcber dem Christentum. Meinem Argument von vorher folgend ist es wichtig, die Grundstrukturen des Christentums (oder besser und richtiger: der vom Christentum gepr\u00e4gten Kultur des Abendlandes) zu verstehen. Und sei es nur, um mit Hilfe der Erfassung der Grundstruktur konsequent die christlichen Anteile aus dem heidnischen Glauben zu entfernen. Ob dies m\u00f6glich ist, ohne dass wir damit auch grunds\u00e4tzliche Aspekte unseres Glaubens verlieren, sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Es muss doch m\u00f6glich sein, viele der Dinge, die wir als urs\u00e4chlich christlich betrachten, als angenehm und\/oder sch\u00f6n zu akzeptieren, ohne damit gleich die Hexenverfolgung, den Papst in Rom und die Eroberung S\u00fcdamerikas samt gewaltsamer Missionierung der Indios zu akzeptieren. Positive Elemente des Christentums w\u00e4ren (ohne dass diese Auflistung irgendeinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit erhebt oder mehr sein kann als eine Liste meiner pers\u00f6nlichen Vorlieben) die Kathedralen, die christlichen (Blei-)Glasbilder, Chor\u00e4le, Kerzen im Gottesdienst, Weihnachtskekse, der Einsatz von Weihrauch zur Reinigung\/Weihung von Geb\u00e4uden und die Verwendung von Glocken zur Vertreibung der b\u00f6sen Geister bzw. zur Einladung zum Gottesdienst.<\/p>\n<p>Ein ganz wichtiges Element des Christentums, das wir unreflektiert \u00fcbernommen haben, ist die Priestersukzession. Ausgehend von der Idee, dass sich alle Priesterweihen auf die Weihe der Apostel durch Jesus zur\u00fcckverfolgen lassen, h\u00e4lt das Christentum die Illusion (?) aufrecht, dass alle Priesterweihen in einer ungebrochenen Reihe bis auf den Sohn Gottes selbst zur\u00fcckgehen. Bei der Weihe eines neuen Priesters wird diese \u201eOriginal-Salbung\u201c also direkt von Gott und seinem Sohn an einen neuen Priester weitergegeben.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Dieser Ansatz ist aber nur in Religionen \u201einteressant\u201c, in der es einen Religionsstifter gibt, der die Religion \u201egeoffenbart\u201c hat \u2013 daher der Begriff Offenbarungsreligionen f\u00fcr Christentum und Islam. Wir sind dieses Element der Legitimation von Priesteramt in unserer Kultur so sehr gewohnt, dass wir es (bewusst oder unbewusst) in viele heidnische Str\u00f6mungen integriert haben \u2013 und das, obwohl wir uns von den Offenbarungsreligionen zu distanzieren suchen. Es scheint manchmal wichtiger zu sein, belegen zu k\u00f6nnen, welcher obskure irische Druide, welcher legend\u00e4re isl\u00e4ndische Gode, welcher friesische Schamane oder von Gardners Stiefcousin initiierter Wiccapriester achten Grades (mit Schulterpolstern und bunten Sternen am dreifach geflochtenen Band) einen selbst initiiert und legitimiert hat, als durch Handlungen und Taten zu beweisen, dass man die Bef\u00e4higung zu Priestertum, Ausbildung und\/oder Heilung besitzt.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>b. \u201eHeidnische\u201c Adaptionen<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist bekannt, dass sich das Christentum u.a. heidnische, germanische Elemente zu nutze gemacht hat, um seine Verankerung in der Bev\u00f6lkerung Deutschlands m\u00f6glich zu machen. Nat\u00fcrlich sind weder unser Osterfest noch Weihnachten (samt Nikolaus) von der Ausgestaltung her christliche Feste. Es sind heidnische Feste, die mit christlichen Themen verkn\u00fcpft worden sind.<\/p>\n<p>Jedoch ist dieser Prozess keine Entwicklung, die nur f\u00fcr das Christentum typisch w\u00e4re. Auch im Heidentum wurden (und werden) G\u00f6tter auf die Bed\u00fcrfnisse der Kultur adaptiert:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Kampf zwischen Wanen und Asen ist die Erinnerung an einen uralten, besonders in Schweden ausgefochtenen Kulturkrieg zwischen dem \u00e4lteren Freysdienste und dem j\u00fcngeren, von Deutschland \u00fcber D\u00e4nemark eindringenden Odinskult. Der Wanenkult ist \u00fcberwiegend eine Naturreligion; die erzeugenden und dem Menschen wohlt\u00e4tigen Kr\u00e4fte der Natur werden personifiziert und verehrt. Der Odinsdienst und Asenkult ist dagegen eine mehr anthromorphische Religion; die menschlichen Kr\u00e4fte, die als die h\u00f6chsten galten, d.h. die imstande waren, Macht zu erwerben, Weltherrschaft, werden hypostatisiert und verehrt.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ebenso adaptieren wir Heiden Naturreligionen wie z.B. den Glauben der Indianer oder das Weltbild (und die Musikinstrumente \u2026) der Aboriginees auf unsere Bed\u00fcrfnisse. Um diese Religionen und ihr Weltbild f\u00fcr unsere Kultur anwenden zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir sie adaptieren, obwohl diese Religionen von ihrem Selbstverst\u00e4ndnis lokal und v\u00f6lkisch<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>f\u00fcr einen begrenzten Rahmen \u2013 eben den Lebensraum der entsprechenden Kultur \u2013 gedacht sind. Meiner Ansicht nach w\u00fcrden wir es als zumindest befremdlich empfinden, wenn Indianer oder australische Ureinwohner Asatru oder Keltoi werden wollten, isl\u00e4ndische und irische Lieder singen, Met herstellen und nach einem mythischen Land im westlichen Meer suchen. Doch wenn diese Adaption in die Gegenrichtung stattfindet, und wir uns fremde Kulturen einverleiben, dann ist das alles schon in Ordnung. Mir scheint es so, als wollten wir Europ\u00e4er uns f\u00fcr Jahrhunderte politischer Hegemonie daf\u00fcr entschuldigen, dass wir die einst unterdr\u00fcckten Kulturen \u201eimportieren\u201c und damit psychologische sowie religi\u00f6se Wiedergutmachung leisten.<\/p>\n<p>Neben der Adaption von irdischen Mythen fremder Kulturen gibt es noch eine andere M\u00f6glichkeit, um zu versuchen, die verlorenen heidnischen Mythen zu ersetzen. Diese M\u00f6glichkeit ist die Neuschaffung von Mythen. Neben Einzel-Ph\u00e4nomen wie \u201eStar Wars\u201c oder \u201eStar Trek\u201c d\u00fcrfte hier der Boom der Fantasy-Literatur<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote23sym\"><sup>23<\/sup><\/a><span>\u00a0<\/span>in den letzten zwanzig Jahren gelten (immerhin ist die Zahl von Fantasy-Welten, die durch Romane erschaffen und beschrieben worden sind, inzwischen Legion), aber auch der \u201eSiegeszug\u201c der Brett- und Live-Rollenspiele.<\/p>\n<p>Ein Teil der literarischen Kunstmythen samt der Erschaffung neuer Welten ist als religi\u00f6ser Ansatz gedacht. So findet man z.B. bei den Inklings, besonders bei Tolkien und Lewis, immer wieder starke christliche Motive. Lewis schrieb seine \u201eNarnia\u201c-Serie unter der klaren Pr\u00e4misse, christliche Ideale in Fantasy-Motive zu verpacken. Cleverer \u2013 im Bezug auf die Verk\u00e4uflichkeit \u2013 sind da die Religions- und Kultgr\u00fcndungen, wie der Shaver-Mythos und Scientology\/Dianetics.<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote24sym\"><sup>24<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Gerade in der Heidenszene spielen moderne Kunstmythen eine gro\u00dfe Rolle. Genannt werden k\u00f6nnten \u201eHighlander\u201c, \u201eStar Wars\u201c, der \u201eHerr der Ringe\u201c und \u201eStar Trek\u201c. Die Verkaufszahlen von Fantasy und Science Fiction d\u00fcrften belegen, dass ein gro\u00dfes Interesse an Mythen in der Bev\u00f6lkerung vorhanden ist. Und auch in unserer Gesellschaft, die so viele ihrer \u201eeigenen\u201c Mythen verloren hat, ist es augenf\u00e4llig, dass der Wunsch der Menschen nach eben diesen Mythen durch erfundene Mythen substituiert wird.<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>c. Folgerungen<\/strong><\/h3>\n<p>Im Rahmen der Aufkl\u00e4rung, der \u201eEntzauberung der Welt\u201c, ist die Verbindung zwischen Mensch und Gott zerrissen bzw. zerschnitten worden. Um so mehr Lebensumst\u00e4nde wir uns mit wissenschaftlichen Regeln erkl\u00e4ren konnten, desto weniger brauchten wir Gott als erkl\u00e4renden Umstand. Und das Verst\u00e4ndnis der Regeln der Sch\u00f6pfung d\u00e4mpfte unser Interesse an dem Sinn der Sch\u00f6pfung. Zu sp\u00e4t haben wir erkannt, dass wir zwar die Grundlagen der menschlichen Entwicklung wissenschaftlich erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, doch nicht den Sinn der Erschaffung von intelligenten Wesen in unserem Sonnensystem. Es ist eben doch noch Raum f\u00fcr den Sch\u00f6pfer in der wissenschaftlichen Gleichung.<\/p>\n<p>Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten viel gelernt. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo das Lernen alleine uns nicht mehr gl\u00fccklich macht und das F\u00fchlen seinen Platz zur\u00fcckerhalten muss. Stirn und Hand, das ist das Motto unserer Zeit. Doch das Herz, das ach so schmerzhaft nach Antworten auf uralte Fragen st\u00f6hnt, muss auch befriedet werden.<\/p>\n<p>Die Bedeutung von Kult, Gebet, Gottesdienst und Opfer ist verloren. Diese Begriffe sind aus unserem t\u00e4glichen Leben verschwunden. Aber der Bedarf danach ist noch vorhanden. Wir brauchen Mythen, weil wir zus\u00e4tzlich zur rationalen Erkl\u00e4rung der Welt einer irrationalen Erkl\u00e4rung bed\u00fcrfen! Die Magie erf\u00fcllt diesen Wunsch nach Irrationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich habe aufzuzeigen versucht, dass es die Transzendenz ist, welche uns die Magie erm\u00f6glicht, die uns auch wieder an die Religion bindet. Doch das Erkennen dieser Transzendenz ist eine reine Geistesleistung, kein Ergebnis eines religi\u00f6sen F\u00fchlens und Sehnens, das uns nach Gott verlangen l\u00e4sst. Doch nicht nur unser Geist bindet uns an Gott \u2013 ebenso sind wir mit Gott \u00fcber Herz und Seele verbunden. Die Wissenschaft beantwortet die Fragen unseres Verstandes, doch bei der Beantwortung der Fragen unserer Seele hat sie kl\u00e4glich versagt. Wir Heiden sind auch alle Kinder der wissenschaftlichen Aufkl\u00e4rung, doch wir haben uns jenen Zauber erhalten, der uns immer wieder fragen l\u00e4sst, warum die Sterne am Himmel leuchten und warum uns Gott mit Gef\u00fchlen versehen hat. Wir sind Kinder der Wissenschaft, aber Enkel der Magie. Und alles stammt von Gott.<\/p>\n<p>Beenden will ich diesen Text mit den Aussagen \u00fcber Religion von jemanden, der dies wesentlich sch\u00f6ner formuliert hat, als ich es werde je formulieren k\u00f6nnen: Thomas Morus.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eVon den religi\u00f6sen Anschauungen der Utopier. Die religi\u00f6sen Anschauungen sind nicht nur \u00fcber die ganze Insel hin, sondern auch in den einzelnen St\u00e4dten verschieden, indem die einen die Sonne, andere den Mond, die einen diesen, die anderen jenen Planeten als Gottheit verehren. Es gibt Gl\u00e4ubige, denen irgendein Mensch, der in der Vorzeit durch Tugend oder Ruhm gegl\u00e4nzt hat, nicht nur als ein Gott, sondern sogar als die h\u00f6chste Gottheit gilt. Aber der gr\u00f6\u00dfte und weitaus vern\u00fcnftigste Teil des Volkes glaubt an nichts von alledem, sondern nur an einziges, unbekanntes, ewiges, unendliches, unbegreifliches g\u00f6ttliches Wesen, das die Fassungskraft des menschlichen Geistes \u00fcbersteigt und durch dieses gesamte Weltall ergossen ist, als wirkende Kraft, nicht als materielle Masse; ihn nennen sie Vater. Ihm allein, sagen sie, dient Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ausgang aller Dinge zum Wohlgefallen, und keinem anderen au\u00dfer ihm erwiesen sie g\u00f6ttliche Ehren.\u201c<a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote25sym\"><sup>25<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verwendete Literatur<\/strong><\/h2>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Abret, Helga &amp; Lucian Boia \u201eDas Jahrhundert der Marsianer\u201c, M\u00fcnchen (Heyne), 1984<\/li>\n<li>Ash, Brian \u201eFringe Cults\u201c in ders. (Hrsg.) \u201eThe Visual Encyclopedia of Science Fiction\u201c, London (Harmony Books), 1977<\/li>\n<li>Beer, R\u00fcdiger Robert \u201eEinhorn. Fabelwelt und Wirklichkeit\u201c, M\u00fcnchen (Verlag Georg D. W. Callwey), 1972<\/li>\n<li>Borrmann, Norbert \u201eVampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit\u201c, M\u00fcnchen (Eugen Diederichs Verlag), 1998<\/li>\n<li>Derlon, Pierre \u201eDie G\u00e4rten der Einweihung\u201c, M\u00fcnchen (Heyne) 1997<\/li>\n<li>Fritsche, Herbert \u201eDer gro\u00dfe Holunderbaum\u201c, G\u00f6ttingen (Burgdorf), 1982<\/li>\n<li>Haubold, Dietrich \u201ePhantasie zwischen Schein und Wirklichkeit \u2013 aufgezeigt in Bildern aus Religion und Mythologie\u201c in Gaisbauer, Gustav (Hrsg.) \u201eDer Zweite Kongre\u00df der Phantasie\u201c, Passau (Erster Deutscher Fantasy Club e.V.), 1989<\/li>\n<li>Hermann, Paul \u201eNordische Mythologie\u201c, Berlin (Aufbau Taschenbuch Verlag), 1992<\/li>\n<li>Howe, Ellic \u201eUranias Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich\u201c, Weinheim (Beltz Athen\u00e4um Verlag), 1995<\/li>\n<li>Morus, Thomas \u201eUtopia\u201c, Stuttgart (Reclam), 1964<\/li>\n<li>Reisner, Erwin \u201eDer D\u00e4mon und sein Bild\u201c, Berlin (Suhrkamp), 1947<\/li>\n<li>Ruppert, Hans-J\u00fcrgen \u201eDie Hexen kommen\u201c, Wiesbaden (coprint Verlag), 1987<\/li>\n<li>Thuja, Aleke \u201eDem Einhorn auf der Spur\u201c, M\u00fcnchen (Knaur), 1988<\/li>\n<li>Wendorff, Rudolf \u201eZeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewu\u00dftseins in Europa\u201c, Opladen (Westdeutscher Verlag), 1985<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Endnoten<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote1anc\">1<\/a><span>\u00a0<\/span>Derlon, S. 148<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote2anc\">2<\/a><span>\u00a0<\/span>Ein gutes Beispiel sind die M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote3anc\">3<\/a><span>\u00a0<\/span>Der Blutschwur (samt Blutdolch) der SS hat diesen Begriff f\u00fcr die n\u00e4chsten zweihundert Jahre in unserer Arbeit unbenutzbar gemacht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote4anc\">4<\/a><span>\u00a0<\/span>Eine These, die u.a. von Wendorff in Bezug auf die Utopie vehement vertreten wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote5anc\">5<\/a><span>\u00a0<\/span>Die \u201efliegenden Untertassen\u201c verweisen doch sehr sch\u00f6n auf die Untertassen voller Milch, die man fr\u00fcher den Kobolden hinausstellte, oder?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote6anc\">6<\/a><span>\u00a0<\/span>Howe, S. 29<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote7anc\">7<\/a><span>\u00a0<\/span>ebenda<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote8anc\">8<\/a><span>\u00a0<\/span>Ich verweise auf \u201eDem Einhorn auf der Spur\u201c von Thuja mit dem sch\u00f6nen Untertitel \u201eZur Kulturgeschichte eines Mythos\u201c und auf \u201eEinhorn\u201c von Beer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote9anc\">9<\/a><span>\u00a0<\/span>Vgl. \u201eVampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit\u201c von Borrmann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote10anc\">10<\/a><span>\u00a0<\/span>Vgl. \u201eDas Jahrhundert der Marsianer\u201c von Abret &amp; Boia, eine literaturgeschichtliche Betrachtung der unterschiedlichen Beschreibungen des Mars und seiner m\u00f6glichen Bewohner.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote11anc\">11<\/a><span>\u00a0<\/span>Die Katze hat in der Verbindung mit Wicca und\/oder der \u00e4gyptischen Gottheit Bast noch in mystischen \u201eR\u00fcckzugsgebieten\u201c \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote12anc\">12<\/a><span>\u00a0<\/span>Und es sind wieder die Mediziner, die uns auf der Suche nach der Seele Antworten geben sollen, nicht die Mystiker \u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote13anc\">13<\/a><span>\u00a0<\/span>Man denke nur an die Suche nach dem Yeti.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote14anc\">14<\/a><span>\u00a0<\/span>Der Vampir-Mythos wurde inzwischen so oft \u201eerkl\u00e4rt\u201c, dass eine Aufz\u00e4hlung m\u00fc\u00dfig ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote15anc\">15<\/a><span>\u00a0<\/span>Ja, ich gebe zu, dass ich das \u00fcberspitzt formuliert habe, um eine Diskussion zu erzwingen, die ich f\u00fcr notwendig halte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote16anc\">16<\/a><span>\u00a0<\/span>Ich meine Jesus und nicht Odin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote17anc\">17<\/a><span>\u00a0<\/span>Ich verkneife mir hier den Hinweis auf R\u00f6mer und Israel, der sich einem \u2013 nach dem Studium vieler humoristischer Filme \u2013 aufzudr\u00e4ngen scheint.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote18anc\">18<\/a><span>\u00a0<\/span>Reisner, S. 94 f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote19anc\">19<\/a><span>\u00a0<\/span>Ruppert \u201eDie Hexen kommen\u201c, S. 71. Identisch in der Argumentation auch Fritsche, S. 41: \u201eNicht eindringlich genug kann dem Erwachenden gesagt werden, da\u00df er Gesch\u00f6pf ist. Jeder Gedanke des Gott-Gleichseins stammt vom F\u00fcrsten der Finsternis.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote20anc\">20<\/a><span>\u00a0<\/span>Wer einmal eine christliche Priesterweihe miterlebt hat, der wei\u00df, welche Emotionen diese Verbindung im Moment der Weihe bei Teilnehmern und Zuschauern hervorrufen kann!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote21anc\">21<\/a><span>\u00a0<\/span>Hermann, S. 169<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote22anc\">22<\/a><span>\u00a0<\/span>Nein, ich meine das nicht faschistisch!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote23anc\">23<\/a><span>\u00a0<\/span>Haubold, S. 77spricht sogar von Fantasy als \u201eprotoreligi\u00f6ser Literatur\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote24anc\">24<\/a><span>\u00a0<\/span>Siehe Ash \u201eFringe Cults\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eldaring.de\/2008\/12\/01\/zaubern-ohne-gott\/#sdfootnote25anc\">25<\/a><span>\u00a0<\/span>Morus, S. 133.<\/p>\n<p><strong>Erschienen 2008 in Herdfeuer 22<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hermann Ritter Vorbemerkung \u201eDas einzige, was der wahre Mensch aber wirklich besitzen kann, ist sein eigenes Ich. Alles andere ist das Nichts, in das wir eines Tages zur\u00fcckkehren.\u201c1 Ein Text wie dieser kann keinen allgemeinen Zuspruch erwarten. Das Fragezeichen im Titel impliziert, dass ich eine Frage stelle, die ich \u2013 soweit m\u00f6glich \u2013 beantworte.&hellip; <br \/> <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/zaubern-ohne-gott\/\">Read more<\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[20,28,26,31,32],"class_list":["post-123","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-asatru-heute","tag-asatru","tag-heidentum","tag-magie","tag-mythen","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=123"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":358,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123\/revisions\/358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=123"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=123"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.dwa-server.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=123"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}